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Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Verdrängung und Erinnerung

Erinnerung

Die 1950er-Jahre gelten als eine Zeit des Schweigens über die nationalsozialistische Vergangenheit. Auch wenn es stimmt, dass in vielen Familien über den Nationalsozialismus und die Beteiligung der Eltern, Großeltern und anderer Verwandter nicht gesprochen wurde, so war der Zweite Weltkrieg keineswegs tabu – es wurde jedoch nur auf spezielle Weise über ihn gesprochen.

Große Auflagen bis zu 500 000 Exemplare monatlich erreichten zum Beispiel die "Landser“-Hefte, in denen der Kriegsalltag der einfachen Soldaten verklärt und die ungebrochene Tapferkeit und Kameradschaft deutscher Soldaten beschworen wurden. Die Verbrechen der Wehrmacht, der Mord an den Juden in den besetzten Gebieten kamen in den "Landser“-Heften nicht zur Sprache. Ebenso unkritisch schilderte der Bestsellerautor Heinz G. Konsalik in weit über 100 Romanen, die insgesamt eine Millionenauflage erfuhren, den Soldatenalltag im Zweiten Weltkrieg.

Etliche Spielfilme behandelten den Weltkrieg. In "Des Teufels General“ (1955), nach dem Theaterstück von Carl Zuckmayer, unter der Regie von Helmut Käutner und in der Hauptrolle Curd Jürgens, erkennt der legendäre Fliegergeneral Harras, der sich über die Nazis lustig macht, zu spät, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, und begeht Selbstmord. 1959 kam "Hunde, wollt ihr ewig leben“ in die deutschen Kinos, der in realistischer Weise den katastrophalen Kampf um Stalingrad 1942/43 darstellte. In dem Antikriegsfilm "Die Brücke“ von Bernhard Wicki (1959) verteidigen 16-jährige Soldaten im April 1945 eine Brücke gegen die herannahende amerikanische Armee, weil sie glauben, der "deutschen Ehre“ verpflichtet zu sein und nicht "feige“ sein zu dürfen. Bis auf einen Jugendlichen kommen alle in diesem völlig sinnlosen Kampf um. Ebenso wurden in Ostdeutschland Filme produziert, die sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzten. Der wohl berühmteste ist "Die Mörder sind unter uns“ (1946) von Wolfgang Staudte, unter anderen mit Hildegard Knef. Der ehemalige Militärarzt Mertens trifft in Berlin seinen einstigen Vorgesetzten wieder, der an der Ostfront Zivilisten erschießen ließ und nun als geachteter Bürger lebt. Zunächst will Mertens ihn töten, besinnt sich jedoch und übergibt ihn dem Gericht. In Konrad Wolfs Film "Sterne“ (1959) entschließt sich ein deutscher Unteroffizier in einem besetzten bulgarischen Dorf nach langem Zögern, verfolgten Juden zu helfen und die Partisanen zu unterstützen.

Schriftsteller wie Heinrich Böll, Alfred Andersch und Günter Grass sowie andere, die sich in der "Gruppe 47“ zusammenfanden, behandelten in ihren Büchern die Kriegs- und Nachkriegszeit. "Wir schrieben“, notierte Heinrich Böll 1952, "also vom Krieg, von der Heimkehr und dem, was wir im Krieg gesehen hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von Trümmern“. In einem der wichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur, "Die Blechtrommel“ (1958), schildert Günter Grass aus der Perspektive von Oskar Matzerath, der seit seinem dritten Lebensjahr nicht mehr wächst, deutsche Geschichte in den 1920er- und 1930er-Jahren. Auch in der DDR entstanden bedeutende Romane wie Bruno Apitz’ "Nackt unter Wölfen“ (1958), der im Konzentrationslager Buchenwald spielt, "Kindheitsmuster“ (1976) von Christa Wolf oder Hermann Kants "Der Aufenthalt“ (1977), die sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzten.

Im Dezember 1959 wurde die westdeutsche Öffentlichkeit aufgeschreckt durch Hakenkreuz-Schmierereien an Synagogen und Schändungen von jüdischen Friedhöfen. Plötzlich stand die Gefahr des Antisemitismus in Deutschland wieder auf der Tagesordnung, nachdem man viele Jahre darüber gänzlich hinweggesehen hatte. Nun jedoch beschlossen die Kultusminister der Länder neue "Richtlinien über die Behandlung der jüngsten Vergangenheit im Geschichts- und gemeinschaftskundlichen Unterricht in den Schulen“ und forderten, die politische Aufklärung über den Nationalsozialismus zu verbessern. Die 16-teilige Fernsehserie "Das Dritte Reich“ erreichte 1960/61, allerdings bei einer noch geringen Verbreitung privater TV-Geräte, Einschaltquoten von etwa 60 Prozent.

Wie schwer sich die deutsche Gesellschaft mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit tat, zeigte die Wanderausstellung "Ungesühnte Nazi-Justiz“, die 1959/60 von der SPD-Studentenorganisation SDS organisiert worden war. In der Ausstellung wurden unter anderem auch Namen von Richtern genannt, deren verbrecherische Todesurteile im Zweiten Weltkrieg ungeahndet geblieben waren. Der Hauptverantwortliche für die Ausstellung, Reinhard Strecker, wurde daraufhin aus der SPD ausgeschlossen, die Mitgliedschaft im SDS im November 1961 endgültig als unvereinbar mit der SPD-Mitgliedschaft erklärt.

Der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem, der im Mai des Vorjahres von einem israelischen Kommando aus Buenos Aires, wohin er sich nach dem Krieg mit seiner Familie geflüchtet hatte, entführt worden war, rückte den Mord an den europäischen Juden wieder in das öffentliche Bewusstsein. Denn der Holocaust bildete den Mittelpunkt des Verfahrens gegen den Hauptverantwortlichen des RSHA für die Deportationen von Juden aus allen besetzten europäischen Ländern in die Vernichtungsstätten im Osten. Der Prozess gegen Eichmann wurde weltweit im Fernsehen übertragen, und Hannah Arendts erfolgreiches wie umstrittenes Buch "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“, das 1963 in den USA und ein Jahr später auf deutsch erschien, prägte das Bild dieses NS-Täters.

Wenige Jahre später standen im Frankfurter Auschwitz-Prozess 24 Angeklagte vor Gericht. Sie hatten ebenso wie Eichmann nichts Dämonisches an sich, sondern hatten wie andere "normale“ Deutsche jahrelang nach dem Krieg unerkannt gelebt, obwohl sie unter anderem als Adjutant des Lagerkommandanten, als SS-Führer oder Lagerapotheker ganz entscheidenden Anteil am Massenmord gehabt hatten. Durch die umfangreichen Ermittlungen, rund 1300 gesammelte Zeugenaussagen, durch die Berichte von 359 Zeugen aus 19 Nationen vor dem Frankfurter Gericht und nicht zuletzt durch ausführliche Gutachten von Historikern des Instituts für Zeitgeschichte in München entstand in diesem Prozess erstmals ein umfassendes Bild vom Vernichtungslager Auschwitz, das durch Radio und Fernsehen auch in die Wohnzimmer der deutschen Gesellschaft übertragen wurde.

Während in der DDR mit einem monumentalen Ausbau der Gedenkstätte Buchenwald in erster Linie der kommunistischen Häftlinge gedacht wurde, die in den Konzentrationslagern gefoltert und ermordet worden waren, gelang es den jüdischen Gemeinden in Westdeutschland, das Gedenken an die Verfolgung der Juden aufrechtzuerhalten. Anfang der 1960er-Jahre fanden wieder Veranstaltungen am 9. November statt, die an den Pogrom 1938 erinnerten. Zum 40. Jahrestag 1978 gab es zahlreiche, vor allem lokale Initiativen, die an die verbrannten Synagogen, zerstörten Geschäfte, die vertriebenen und ermordeten Juden mit Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen und Broschüren erinnerten.

Im Januar 1979 wurde – wenn auch zunächst nur in den dritten Programmen – im deutschen Fernsehen die vierteilige US-amerikanische Serie "Holocaust“ ausgestrahlt, die eine enorme Resonanz fand. Gerade durch die Form des Spielfilms, in dem die Geschichte der deutsch-jüdischen Familie Weiss, der nicht-jüdischen Familie Helms und derjenigen eines Täters, des SS-Angehörigen Dorf, miteinander verwoben wurden, erreichte die Fernsehserie ein Millionenpublikum. Die vier Teile zur besten Sendezeit nach der "Tagesschau“ erzielten heutzutage unerreichbare Einschaltquoten zwischen 31 und 40 Prozent, und selbst die anschließenden Diskussionsrunden mit Historikern, Publizisten und Psychologen schauten sich noch elf bis 18 Prozent der Fernsehzuschauer an.

Die Fernsehserie "Holocaust“ bildete zweifellos eine Zäsur im gesellschaftlichen Bewusstsein des Holocaust und darf in ihrer Wirkung nicht unterschätzt werden. Gleich im Anschluss veröffentlichte der "SPIEGEL“ einen Bericht des polnischen Häftlings Wiesław Kielar, der fünf Jahre Auschwitz überlebt hatte, und die "ZEIT“ brachte eine Serie über das Warschauer Getto. Die Gedenkstätte Dachau verzeichnete 1979 einen Zuwachs der Besucherzahlen von 22 Prozent. "Holocaust“, so urteilte der Medienhistoriker Frank Bösch, prägte "die mediale Erinnerungskultur der achtziger Jahre“. Nachfolgende Spielfilme wie "Die Geschwister Oppermann“ (1983), "Väter und Söhne“ (1986) und "Die Bertinis“ (1988) orientierten sich an Familiengeschichten. Nach den Tätern erhielten nun auch die jüdischen Opfer Namen und Gesichter.

Mit seinem monumentalen Film "Shoah“ (1986), an dem er über zehn Jahre gearbeitet hatte, setzte der französische Regisseur Claude Lanzmann einen Markstein in der Visualisierung des Holocaust. In über neun Stunden sind es allein Überlebende und wenige Mitläufer und Täter, die über den Massenmord berichten. Kein einziges Dokument wird gezeigt, kein Foto oder Filmausschnitt aus der NS-Zeit – nur die Stimmen der Opfer sollen Zeugnis ablegen. "Dieser Film“, so Lanzmann, "ist nicht aus Erinnerungen gemacht, das habe ich gleich gewusst. Vor Erinnerungen graut mir: Erinnerungen sind kraftlos. Der Film bewirkt die Aufhebung jeglicher Distanz zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, ich habe diese Geschichte in der Gegenwart neu erlebt.“ Ebenso nachhaltig, wenn auch weit publikumswirksamer wirkte ein Jahrzehnt später Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste“ (1993), der wohl wie kein anderer Spielfilm vorher weltweit ein Millionenpublikum erreicht hat.

In den vergangenen drei Jahrzehnten sind zahlreiche Gedenkstätten an Orten nationalsozialistischen Terrors entstanden, oftmals auf Initiative lokaler Bürgergruppen. An ehemalige Gestapogefängnisse wird in deutschen Städten ebenso erinnert wie an Deportationsplätze und Standorte von 1938 niedergebrannten Synagogen. In den KZ-Gedenkstätten sind umfassende, modern gestaltete Ausstellungen zu sehen, Schulklassen werden mit pädagogischen Programmen über die nationalsozialistischen Verbrechen aufgeklärt. Zu den nachhaltigsten Gedenkorten im Alltag gehören die in mehreren deutschen Städten verlegten "Stolpersteine“. Sie werden vor den letzten selbstgewählten Wohnhäusern in den Bürgersteig eingelassen und erinnern namentlich an die einstigen jüdischen und anderen Nachbarn, die Opfer der NS-Zeit wurden.

Der Holocaust gehört seither nicht nur zum Gedächtnis der Deutschen, sondern seiner wird global erinnert. Die Gründung des US Holocaust Memorial Museum in Washington 1993 ist dafür ein sichtbares Zeichen. In Deutschland dauerte es indes bis in das Jahr 2005, als nach jahrelangen Debatten in Berlin das Denkmal für die ermordeten Juden Europas eingeweiht werden konnte. Drei Jahre später wurde unweit vom Stelenfeld ein eigenes Denkmal zur Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung von Homosexuellen aufgestellt, und im Oktober 2012 folgte ein eigenes Denkmal für die Roma und Sinti. Die Unausweichlichkeit, dass bald auch die letzten Überlebenden des Holocaust gestorben sein werden und sie nicht mehr unmittelbar persönlich Zeugnis vom Geschehen ablegen können, hat einen deutlichen Schub in der Dokumentation ihrer Erlebnisse, in der Musealisierung und Medialisierung des Holocaust bewirkt. Die Erinnerung an den Nationalsozialismus ist offenkundig keineswegs abgeschlossen, sondern wird auch weiter die Zukunft bestimmen. (Siehe auch Infoaktuell "27. Januar – Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“.)

Quellentext

„Ein Tag der Befreiung“

Eine Zäsur in der öffentlichen Wahrnehmung, speziell in Deutschland, war die Ansprache des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Plenarsaal des Deutschen Bundestages in der Gedenkstunde zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 8. Mai 1985.


„Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übergang zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen – der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa.
Wir Deutschen begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir es können, ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit.
Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen.
Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar andere Deutsche für den geschenkten neuen Anfang.
Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewissheit erfüllte das Land. Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal lag in der Hand der Feinde. Die Vergangenheit war furchtbar gewesen, zumal auch für viele dieser Feinde. Würden sie uns nun nicht vielfach entgelten lassen, was wir ihnen angetan hatten?
Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient. Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten. Würde man noch eigene Angehörige finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn?
Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse, dunkle Zukunft.
Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.“ [...]

http://www.hdg.de/lemo/html/dokumente/NeueHerausforderungen_redeVollstaendigRichardVonWeizsaecker8Mai1985/ (zuletzt abgerufen: 8.10.12)

Quellentext

Besuch in einer Gedenkstätte

[...] Nun steht ein junger Historiker zwischen den ehemaligen SS-Kasernen und entschuldigt sich bei den Schülern für seine Sonnenbrille. Eine blöde Lichtempfindlichkeit, sagt Roland Cerny-Werner zur Klasse 11 des evangelischen Gymnasiums Erfurt. Tatsächlich lässt die Brille ihn nach Reiseleiter aussehen, und dieses Touristische wirkt ein bisschen beschämend an einem Ort wie diesem. Das sagt Werner natürlich nicht. Denn Scham wäre Einfühlung, und Einfühlung wäre Überwältigung, also fast schon verordneter Antifaschismus, den aber wollen die Erben der größten „Nationalen Mahn- und Gedenkstätte der DDR“ unbedingt überwinden. Bloß keine hohle Pietät! Bloß keine Andachtsbefehle! Höflich bittet Werner zu beachten, dass die Gedenkstätte auch ein Friedhof sei und Angehörige von Toten hierherkämen. „Überlegt mal, ob ihr wirklich ein Handyfoto von den Krematoriumsöfen braucht. Wir haben kein Fotoverbot, nur ein Rauchverbot. Entscheidet selbst.“ Ein paar langhaarige Jungen kramen ihre Telefone hervor und schalten sie aus.

Zwei Stunden dauert die Führung übers Lagergelände. [...]
Werner hat die Krematoriumsfotos nicht zufällig erwähnt. Auf rechten Websites kursieren immer wieder neue Schnappschüsse von den Öfen und Kommentare im Stil von „Schade, dass es vorbei ist“. Zwar fand hier nie ein Brandanschlag statt wie 1992 im ehemaligen KZ Sachsenhausen, als Neonazis die Baracke mit der Ausstellung über jüdische Häftlinge zerstörten. Dafür stellen Thüringer Jungrechte sich gern in SS-Pose hinter die Genickschussanlage. Sie haben Grundrisse des Lagers kopiert, um es am Modell „zu optimieren“. Sie pinkeln als Mutprobe auf Gedenksteine.
Das Problem in der Aufarbeitungsprovinz sind jedoch nicht nur die Rechtsextremen, sondern auch die Erwartungen gutwilliger Geschichtstouristen. Manche sind enttäuscht, dass es hier keine Gaskammern gibt. Andere staunen, dass es eine komplizierte Infrastruktur der Vernichtung gab, 24 Konzentrationslager und weit über 1000 Außenlager. Offenbar wissen die Deutschen nicht ganz so genau über das „Dritte Reich“ Bescheid, wie die Schlussstrichfraktion behauptet. [...]
Etwa 60 000 Menschen wurden [...][in Buchenwald] ermordet – Politische, Homosexuelle, Kriegsgefangene, Sinti und Roma, Juden. 60 000 klingt wenig im Vergleich zu sechs Millionen.
Deshalb fragt Werner die Klasse: „Wenn Auschwitz ein Vernichtungslager war, war Buchenwald dann keins?“ Ein Augenblick Stille im Schatten der ehemaligen Kommandantur. Ein Junge schlägt vor: „Doch, aber anders.“ Ein Mädchen: „Vernichtung durch Arbeit. Durch Hunger, Kälte, Prügel.“ Sie stehen vor den Hundezwingern des Lagerkommandanten Koch und sprechen über Willkür als System. Zum Beispiel konnten SS-Männer sich „Zusatzurlaub erschießen“, indem sie Fluchttote für die Statistik produzierten, dazu musste man nur die Mütze eines Gefangenen hinter die Postenkette werfen und ihm mit vorgehaltener Waffe befehlen, sie aufzusetzen.
Werner scheint solche brutalen Details ungern zu erzählen. [...] Die neue Historikergeneration will Unrechtsbewusstsein statt Gefühlsausnahmezustand.
Wenn die Schüler sich in den schmalen Arrestbunker drängen, wo damals die Opfer auf ihre nächste Folter warteten, sollen sie sich nicht wohlig gruseln, sondern begreifen: Faschismus war ein Gesellschaftsverbrechen. Ausführlich diskutiert Werner mit ihnen über „Volksschädlinge“ und die völkische Umdefinition des Jüdischseins in ein „Rassemerkmal“.
Der Holocaust selbst spielt bei den einfachen Gedenkstättenführungen keine Hauptrolle, aber kommt im Vorbeigehen immer wieder vor. Während die Schüler das Lagertor passieren, bemerkt einer, dass hier als Motto „Jedem das Seine“ stehe, in Auschwitz hingegen „Arbeit macht frei“. [...] Als ihr betreuender Lehrer gegen ein Uhr mahnt, sie müssten sich nun beeilen, um den Bus nach Hause zu erwischen, erhebt sich lautstarker Protest. Wozu jetzt noch Physikunterricht?
Es ist nicht die Schuld der Schüler, wenn die Geschichte abgespult werden muss wie beliebiger Schulstoff. Über den Appellplatz eilen sie ins Krematorium. Die weißen Fliesen der Pathologie, die sauberen Klinker der Öfen, die welken Blumen im Gedenkraum. Draußen die abschließende Bitte, möglichst nicht zu rennen zur Bushaltestelle. Fotografiert hat heute keiner. [...]
[...] „Erinnerung ist heute so ein heiliges Wort“, sagt [der amtierende westdeutsche Gedenkstättendirektor Volkhard] Knigge, „als hätte sie nie der Verstetigung von Revanche und Rache gedient.“ Die Neonazis kämen auch hierher, um sich zu erinnern, schon deshalb dürfe die Gedenkstätte kein Horror-Disneyland sein. Schaulust dürfe sich nicht entfalten, auch wenn manche Besucher den Verzicht auf Schreckensrequisiten verharmlosend finden. Sorgfältige Forschung sei der einzige Schutz gegen die Oberflächlichkeit des Gedenkens.
[...] Und jetzt? Gedenkauftrag erfüllt? Was könnte noch kommen? Der letzte Bus natürlich, darin sitzen ein paar junge Gedenkstättenhistoriker und fahren in den Feierabend. Weil in Weimar Zwiebelmarkt ist, das Oktoberfest Ostdeutschlands, wollen sie noch eine Bratwurst essen. Werner ist auch dabei. Sein Kollege Roland Hirte erzählt ihm, dass vorm Goethe-Schiller-Denkmal während einer Führung zwei ausländische Schüler zusammengeschlagen wurden. Heute tummeln sich auf dem Theaterplatz massenhaft Feindflug-Tattoos und Reichsarbeitsfront-Kappen. Was tun gegen Neonazis? Darüber entbrennt in einer Kneipe heftiger Historikerstreit. Werner: Ich ignoriere Lonsdale-Pullover bei meinen Führungen. Bloß keine Extraaufmerksamkeit, deswegen laufen die ja so rum. Hirte: Ich spreche die an. Werner: Dann platzt meine ganze Veranstaltung. Hirte: Du kannst doch nicht einfach wegschauen. Ich will wissen, wen ich vor mir habe und ob die Klasse zustimmt. Werner (gereizt): Es geht doch nicht um unsere Bedürfnisse. Die Mehrheit der Klasse soll was lernen. Hirte (zornig): Du hast aber die Pflicht, das anzusprechen. Die müssen den Pullover rumdrehen oder werden rausgeschmissen. Werner (laut): Was bringt das? Soll ich demnächst NPD-Wähler rausschmeißen, obwohl die Partei legal ist? Dann müsst ihr mich auch rausschmeißen!
Von wegen Gedenkroutine. Gedenken mit Routine wäre Geschichte ohne Gegenwart. Dazu müsste man sich schon blind und taub stellen. Die Buchenwaldhistoriker vereinbaren noch in der Kneipe eine Weiterbildung. Streit ist ihre Waffe gegen die Weinerlichkeit. Schade, dass die letzten Überlebenden nicht dabei sind. Die zornige Anteilnahme der Jungen wäre ihnen vielleicht ein Trost.

Evelyn Finger, „Erinnerung ist so ein heiliges Wort“, in: ZEIT Geschichte Nr. 4/2008, S. 78 ff.
http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2008/04/Reportage-Gedenkstaette-Buchenwald (zuletzt abgerufen: 8.11.2012)



Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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