izpb USA

20.3.2014 | Von:
Jörg Nagler

Gesellschaftsstruktur der USA

Religionszugehörigkeiten

Die USA sind das religiöseste Land der westlichen Industriestaaten. Das bestätigen der Prozentsatz an Kirchenmitgliedschaften, die Anzahl der Gottesdienstbesucher sowie Umfrageergebnisse zum Verhältnis zur Religion. Befragungen zufolge räumt die Mehrheit der Bevölkerung der Religion einen wichtigen Stellenwert in ihrem Leben ein. Die in der Bill of Rights garantierte Religionsfreiheit praktizieren die US-Amerikanerinnen und -Amerikaner in mehr als 250 vorwiegend protestantischen oder katholischen Kirchen, aber auch vielen anderen Glaubensgemeinschaften unterschiedlichster Herkunft. Jene Freiheit war ein Motiv für viele religiös verfolgte Gruppen, in die USA auszuwandern. Ebenso wie die Parteien sind die Glaubensgemeinschaften dezentrale, regionale und wenig hierarchisierte Einrichtungen, die fast ausschließlich von ihren Mitgliedern finanziert werden. Eine wie in Deutschland staatlich eingezogene Kirchensteuer ist in den USA wegen der historisch gewachsenen strikten Trennung zwischen Staat und Kirche undenkbar. Die meisten Kirchen engagieren sich in sozialen Aufgaben der jeweiligen Gemeinden, kümmern sich um die Notleidenden in ihrem Umfeld und bemühen sich um die Verbesserung der Lebensbedingungen von Minderheiten.

In der Religionsgeschichte der Vereinigten Staaten kam es immer wieder zu Erweckungs- und Erneuerungsbewe-gungen, hauptsächlich innerhalb des anglo-amerikanischen Protestantismus. Dieses seit dem 18. Jahrhundert wiederkehrende Phänomen war Ausdruck konservativer Gegenströmungen zu den Kräften der Modernisierung. Verbunden mit einer Wiederbelebung des individuellen Gotteserlebnisses waren diese Bewegungen gleichzeitig ein Protest gegen eingefahrene kirchliche Praktiken und Hierarchien. Oft wurden sie von Laienpredigern ausgelöst, die schnell an Popularität und Zulauf gewannen.

Im 20. Jahrhundert setzten dann Prediger wie der Baptist Billy Graham erstmalig die modernen Medien zur Verbreitung ihres Glaubens und genereller Evangelisation ein. Seit den 1980er-Jahren existiert auch das Phänomen der electronic church mit den sogenannten Fernsehevangelisten, die eigene Sender betreiben und in bestimmten Regionen, insbesondere den Südstaaten, erheblichen politischen Einfluss besitzen.

Die letzte Untersuchung zur "religiösen Landschaft" in den USA, durchgeführt vom Pew Research Center 2008, belegt die Vielzahl von Religionsgemeinschaften, zeigt aber auch eine extreme Fluktuation. 78,4 Prozent der Befragten gaben an, dem christlichen Glauben anzugehören. 28 Prozent der Erwachsenen haben die Glaubenszugehörigkeit ihrer Kindheit verlassen, sich einer anderen zugewandt oder sich keiner mehr angeschlossen. Die Untersuchung bestätigt den Trend der letzten Jahre, nach dem die USA bald keine mehrheitlich protestantisch ausgerichtete Nation mehr sein werden. Nur noch knapp mehr als die Hälfte der Befragten fühlt sich den protestantisch orientierten Religionsgruppen zugehörig, deren unzählige Richtungen man in drei Hauptgruppen einteilen kann: evangelikale (26,3 Prozent), dem mainstream zuzuordnende (18,1 Prozent) sowie schwarze Kirchen (6,9 Prozent). Einen erheblichen "Nettoverlust" musste der Katholizismus hinnehmen: Während 31 Prozent aller US-amerikanischen Christen ursprünglich katholisch erzogen wurden, bezeichnen sich heute nur 24 Prozent der erwachsenen Christen als Katholiken. Diese Verluste wären wahrscheinlich ohne Einwanderer aus katholischen Regionen, vor allem Lateinamerika, noch höher; bei den neuen Immigrantengruppen liegt das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten inzwischen etwa bei zwei zu eins.
Zum jüdischen Glauben zählen sich 1,7 Prozent der Bevölkerung, zum buddhistischen 0,7 Prozent und zum muslimischen 0,6 Prozent. 16,1 Prozent der Bevölkerung stehen keiner bestimmten Konfession nahe; innerhalb dieser Gruppe überwiegen diejenigen mit keinerlei religiöser Bindung; 5,8 Prozent dieser Gruppe ist Religion in ihrem Leben gleichwohl wichtig.

Quellentext

Zwillinge – Religion und Freiheit in den USA

[…] Die Rolle von Glaube und Religion in der heutigen Gesellschaft ist jenes Merkmal, an dem sich die unterschiedlichen Entwicklungen in Amerika und Europa am klarsten manifestieren: Amerika glaubt – noch immer, Europa glaubt nicht – schon lange nicht mehr. Anders als die meisten Länder Europas haben die Vereinigten Staaten gewissermaßen ihren "Kinderglauben" behalten: Amerika verstößt gegen das religionssoziologische Grundgesetz, wonach der Prozess der Modernisierung einer Gesellschaft mit einem Prozess der Säkularisierung einhergeht. Der Befund, dass Amerika unter den wohlhabenden und entwickelten Nationen über ein einzigartig vitales religiöses Leben verfügt, ist durch zahlreiche empirische Studien und Umfragen belegt. In den meisten europäischen Staaten sind die Kirchen an Sonntagen nur spärlich besetzt, die Gottesdienstbesucher weisen einen relativ hohen Altersdurchschnitt auf.

Ganz anders in Amerika. Wer an Sonntagen vormittags über das Land oder durch die Vorstädte fährt, sieht vor fast jeder Kirche überfüllte Parkplätze (und an Samstagen vor den Synagogen sowie an Freitagen vor den Moscheen). Es gibt rund 200 christliche Fernsehstationen und gut 1 300 christliche Rundfunksender. Die Wochenzeitung "US News & World Report" hat ermittelt, dass es in den Vereinigten Staaten mehr Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel pro Einwohner gibt als in jedem anderen Land der Welt: Durchschnittlich kommt ein Gotteshaus auf 865 Einwohner.

Das öffentliche Anrufen Gottes und der Dank an den Allmächtigen ist in Amerika für den Präsidenten wie für Profisportler und Popstars ein herkömmliches Ritual, an dem niemand Anstoß nimmt. Schließlich wird schon in der Unabhängigkeitserklärung ausdrücklich "der Schöpfer" als Ursprung der unveräußerlichen Rechte auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück genannt. Als die puritanischen Pilgerväter mit ihren Schiffen an der Küste Neuenglands landeten, erhofften sie sich Freiheit der Religion in der Neuen Welt nicht im Sinne von Freiheit von der Religion, sondern im Gegenteil als Freiheit für die Religion, nämlich für ihre eigene.

[…] Schon dem moralischen Utopismus der Siedler lag ein Verständnis von Religion zugrunde, das bis heute das religiöse Leben Amerikas prägt – so wie die religionskritische Tradition Europas des 18. und 19. Jahrhunderts das religiöse Leben im Europa von heute prägt. Religion und Freiheit sind in Amerika seit je Zwillingsgeschwister. Denn anders als in der Alten Welt gab und gibt es in der Neuen Welt keine Staatskirchen. Nicht umsonst verbietet der Erste Verfassungszusatz dem Kongress nicht nur, die freie Ausübung der Religion zu untersagen, sondern auch, eine Religion (als die des Staates) zu gründen. […]
Der erste Verfassungskongress von 1774 begann mit der Verlesung eines Psalms durch einen Pfarrer der Episkopalkirche. Die Unabhängigkeitserklärung nimmt an vier Stellen auf Gott Bezug – als Schöpfer, als Oberster Richter, als Gesetzgeber und als Herr über die Vorsehung. Selbst Thomas Jefferson, der am stärksten weltlich orientierte Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, der später eine "Mauer der Trennung zwischen Kirche und Staat" forderte, war der Überzeugung, dass "keine Nation jemals ohne Religion existiert hat oder regiert wurde – noch dass dies einmal der Fall sein wird". […]

Zumal in Zeiten von Krise und Krieg haben amerikanische Präsidenten die Beförderung der Demokratie als Amerikas vornehmste Aufgabe in der Welt beschrieben – und zugleich als Mission im Einklang mit dem Willen Gottes. Der amerikanische Historiker Walter Russell Mead hat daher vom "nationalen Messias-Komplex" gesprochen: Generationen von Amerikanern und ihre Präsidenten waren und sind der festen Überzeugung, dass die amerikanische Gesellschaftsform, die auf dem Gottesgeschenk der Freiheit beruht, die bestmögliche überhaupt ist und dass die Welt im Ganzen ein besserer Ort wäre, wenn sie amerikanischer würde. Bis heute ist die Ideologie wirkmächtig, wonach die Expansion der amerikanischen Macht in den "Wilden Westen" und später in der ganzen Welt keine Eroberung gewesen sei, sondern vielmehr die territoriale Ausdehnung einer Heilsmission. […]

Matthias Rüb, "Gottes Hand in Gettysburg", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 7. Juli 2013