izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern

Politik



Frauenanteile an ParteimitgliedernFrauenanteile an Parteimitgliedern (© Datenquelle: Oskar Niedermayer, Parteimitglieder in Deutschland. Version 2013, Berlin 2013, S. 16)
Nach und nach fassen die Frauen auch im politischen Bereich Fuß. Dennoch sind die Folgen der jahrhundertelangen Ausgrenzung der Frauen von der Politik auch heute noch deutlich spürbar. So bekundeten 47 Prozent der westdeutschen Männer im Jahr 2010 sehr starkes oder starkes Interesse für Politik, aber nur 19 Prozent der Frauen (Hanf u. a. 2011). Entsprechend schlechter ist dann auch der politische Informationsstand der Frauen.
In den Parteien sind die Frauen bis heute mehr oder weniger starke Minderheiten geblieben, ihr parteipolitisches Engagement haben sie seit 1997 kaum gesteigert. Ende 2012 stellten sie bei der CSU nur 19,5 Prozent der Mitglieder, bei der FDP 23 Prozent, bei der CDU 25,6 Prozent und bei der SPD 31,5 Prozent. Die höchsten Frauenanteile finden sich bei den Grünen (37,8 Prozent) und den Linken (37,7 Prozent). 2010 waren nur 2 Prozent (West) bzw. 1 Prozent (Ost) der Frauen Mitglieder einer politischen Partei im Vergleich zu 5 Prozent (West) bzw. 3 Prozent (Ost) der Männer.

Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Parlamentarierinnen in den vergangenen drei Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen hat. Ihr Anteil an den Bundestagsabgeordneten stieg von knapp 9 Prozent im Jahr 1980 über 21 Prozent im Jahr 1990 auf 36 Prozent im 2013 gewählten 18. Deutschen Bundestag. Die Werbung der Parteien um die Gunst der Wählerinnen, aber auch die Quotendiskussion dürften diese Entwicklung begünstigt haben.

Auch in politischen Spitzenämtern tauchen Frauen inzwischen häufiger auf. Seit Konrad Adenauer 1961 mit Elisabeth Schwarzhaupt (CDU) die erste Frau in sein Kabinett holte, regierten bis 1987 auf Bundesebene stets ein bis zwei Frauen mit; sie waren allerdings stets für "frauentypische" Bereiche wie Gesundheit, Familie, Jugend oder später auch Bildung zuständig – bis auf Marie Schlei, von 1976 bis 1978 Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit. 1988 berief Helmut Kohl erstmals eine dritte Frau vorübergehend in seine Regierungsmannschaft, und 1992 eroberte mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) erstmals eine Politikerin ein sogenanntes klassisches Ressort, das Justizministerium. In der Regierungszeit von Gerhard Schröder (1998-2005) wurden zunächst ein Drittel, später dann sechs von dreizehn Ministerien von Frauen geleitet, und auch von den 26 parlamentarischen Staatssekretären waren 2005 elf weiblichen Geschlechts. Im November 2005 gelang es schließlich Angela Merkel als erster Frau, ins Zentrum des Herrschaftssystems einzurücken und Bundeskanzlerin zu werden. Ihr Kabinett startete mit zehn Männern und fünf Frauen in die Amtszeit – ein Proporz, mit dem die Kanzlerin auch in ihrer zweiten Amtsperiode im Jahr 2013 regierte und seitdem in der Großen Koalition weiterhin regiert – unter anderem mit Ursula von der Leyen als erster deutscher Verteidigungsministerin.

Auf Landesebene gelang es den Frauen leichter, in die bisherige Männerdomäne der Kabinette einzudringen. 1996 hatten sie immerhin 46 von 172 Regierungsämtern (27 Prozent) inne. Allerdings dauerte es bis 1993, ehe mit Heide Simonis (SPD) in Schleswig-Holstein die erste Frau zur Ministerpräsidentin (bis 2005) gewählt wurde. Und es gingen wieder über eineinhalb Jahrzehnte ins Land, ehe ihr in Thüringen Christine Lieberknecht (CDU; 2009-2014), In Nordrhein-Westfalen Hannelore Kraft (SPD; ab 2010), im Saarland Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU; ab 2011) sowie in Rheinland-Pfalz Marie Luise Dreyer (SPD; ab 2013) folgten. Die Frauenanteile in den Landesregierungen waren zudem nach 1996 leicht rückläufig: 2005 war nur noch ein Fünftel der Regierungsämter von Frauen besetzt.

Auch zwei weitere der vier höchsten Staatsämter wurden bereits von Frauen erobert – das Bundestagspräsidium schon relativ früh von Annemarie Renger (SPD; 1972-1976) und später nochmals von Rita Süssmuth (CDU; 1988-1998) sowie das Präsidium des Bundesverfassungsgerichts von Jutta Limbach (SPD; 1994-2002). Lediglich das höchste Staatsamt wartet noch auf die Besetzung durch eine Bundespräsidentin.

Im europäischen Vergleich sind die Chancen der deutschen Frauen, in einflussreiche politische Ämter aufzusteigen, gut. Im Jahr 2003 lag Deutschland beim Frauenanteil in den nationalen Regierungen und Parlamenten der 15 EU-Länder auf den Rängen 3 bzw. 6.

Die Ursachen für die Probleme der Frauen, sich angemessen und erfolgreich in die Politik einzubringen, werden von Beate Hoecker (APuZ 24-25 / 2008) treffend skizziert: Die politischen Institutionen, informellen Strukturen und Karrieremuster sind männlich geprägt. Ihre Regeln entsprechen der typischen Lebenswirklichkeit der Männer und kollidieren mit derjenigen der Frauen. Aus ihren beruflichen Erfahrungen und Karrieren bringen Männer das Fachwissen und das Wissen über die Bedeutung sozialer Netzwerke ein. Für die "Ochsentour" zum Aufbau einer Hausmacht stehen ihnen – im Gegensatz zu vielen Frauen – die erforderliche Zeitsouveränität und Abkömmlichkeit zur Verfügung.

Familie



Die Schwierigkeiten bei der Gleichstellung der Frauen in Beruf und Politik hängen insbesondere mit ihrer Rolle in der Familie zusammen. In der bürgerlichen Gesellschaft waren dem Mann die bezahlte Erwerbsarbeit außer Haus sowie die öffentlichen Aktivitäten zugewiesen, der Frau oblagen die unbezahlten privaten Verpflichtungen bei der Haushaltsführung und der Kindererziehung. Übernimmt die Frau zusätzliche Verpflichtungen in Beruf oder Politik, muss man sie in der Familie entlasten, um sie nicht zu überlasten. Die eingefahrene traditionelle Rollentrennung zwischen Männern und Frauen in den Familien erweist sich jedoch als sehr zählebig. "An der traditionellen Zuweisung der Frauen zur Hausarbeit und Kindererziehung hat sich nur wenig geändert" (Huinink u. a. 2004).

Obwohl Frauen immer häufiger einem Beruf nachgehen, nehmen ihnen die Männer nur zögerlich Teile der häuslichen Aufgaben ab. Am ehesten lassen sie sich noch dazu erwärmen, die Vaterrolle zu spielen und sich an der Betreuung der Kinder zu beteiligen. Der harte Kern der traditionellen Hausarbeiten – Waschen, Putzen und Kochen – wird jedoch weiterhin in den meisten Familien von den Frauen erledigt.

Die Starrheit der herkömmlichen Arbeitsteilung in der Familie war und ist das Haupthindernis für die Gleichstellung der Frauen in Arbeitswelt und Politik. Dies lässt sich unter anderem an den folgenden Punkten konkretisieren:
  • Viele Mütter mildern die Kollision von Familien- und Berufspflichten durch den vorübergehenden Ausstieg aus dem Beruf oder durch Teilzeitarbeit. Die Entscheidung für eine dieser Varianten ist gleichbedeutend mit mindestens vorübergehendem Verzicht auf beruflichen Aufstieg, in vielen Fällen bedeutet sie auch beruflichen Abstieg.
  • Spitzenberufe sind meist "Anderthalb-Personen-Berufe". Sie sind auf einen helfenden Partner zugeschnitten, der dem Berufstätigen den Rücken freihält, damit dieser Zeit und Energien möglichst vollständig dem Beruf widmen kann. Die Rolle der Helfenden fällt nach dem traditionellen Rollenverständnis der Frau zu und bedeutet für sie Abstriche an ihren eigenen beruflichen Ambitionen.
  • Weitere wichtige Voraussetzungen für Spitzenkarrieren sind der Einstieg im richtigen Alter und das ständige "Am-Ball-Bleiben". Frauen können diese Bedingung häufig nicht erfüllen, weil wichtige Fundamente für den beruflichen Aufstieg in einer Lebensphase gelegt werden, in der sie durch Kinder besonders stark in Anspruch genommen sind.
  • Frauen sind eher bereit, Konflikte zwischen Beruf und Familie zugunsten der Kinder und des Partners zu lösen und Abstriche an ihren Karrierewünschen vorzunehmen. Auch junge und gut gebildete Paare, in deren Köpfen sich ein gleichberechtigtes, "egalitäres" Rollenverständnis entwickelt hat, geraten als Eltern in eine "Zeit- und Verfügbarkeitszwickmühle" und lösen das Dilemma meist unter Rückgriff auf das herkömmliche Rollenverhalten. So hat auch das 2007 eingeführte Elterngeld mit dem "Lockmittel" der Partnermonate die väterliche Zurückhaltung nur geringfügig aufgelockert. Es wird nicht nur 12, sondern 14 Monate lang bezahlt, wenn sich die Partner die Elternzeit teilen und eine/r von ihnen mindestens zwei Monate übernimmt. Bei den 2010 geborenen Kindern beteiligten sich 25 Prozent der Väter an der Elternzeit, aber drei Viertel davon nur während der beiden Partnermonate, lediglich 6 Prozent verzichteten ein ganzes Jahr lang auf einen Teil ihrer Berufstätigkeit.
Welchen Verzicht im familiären Bereich Frauen leisten müssen, die auf beruflichen Aufstieg setzen, wird aus einer Studie deutlich, die das Sinus-Institut im Auftrag des Familienministeriums durchgeführt hat: Frauen in den Führungspositionen der westdeutschen Privatwirtschaft leben fast doppelt so häufig allein wie Männer (31 Prozent der Frauen, 16 Prozent der Männer), und 60 Prozent von ihnen sind kinderlos geblieben (Männer 25 Prozent).