IzpB Europäische Union 

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30.3.2015 | Von:
Rainer Kohlhaas
Ingo Kreußer

Thema im Unterricht

"Europa" in Bildungs- und Lehrplänen

Die Allgegenwart in gesellschaftlichem Alltag und politischer Öffentlichkeit legitimiert auch das Gewicht, das dem Thema Europa in der Schule (siehe Glossar) eingeräumt wird. Die Curricula der Kernfächer der politischen Bildung in den 16 Bundesländern spiegeln Stellenwert und Zielrichtung wider, die die Bildungspolitik dem Thema zuweist (genauer unter: Europäische Akademie Berlin (Hg.): Die Europäische Dimension in den Lehrplänen der deutschen Bundesländer, Berlin 2007).
Vor allem die Lehrpläne der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer für die Sekundarstufen I und II an allgemeinbildenden Schulen enthalten explizit europäische Themen:
  • Im Fach Geschichte werden Entwicklungen wie die Kreuzzüge, die Hanse, die Reformation, der Kolonialismus, die Aufklärung und die Industrielle Revolution allgemein aus europäischer Perspektive betrachtet.
  • "Europa als Wirtschaftsraum" ist in allen Geografie-Lehrplänen vertreten, wobei Agrar-, Regional- und Entwicklungspolitik sowie zunehmend auch Infrastrukturpolitik (z. B. Verkehrs- und Energienetze) in der Regel eigens ausgewiesen werden.
  • In den Lehrplänen der Sozial- und Gemeinschaftskunde, der Gesellschaftslehre oder des Faches Politik und Wirtschaft ist Europa ein eigenständiges Thema, welches meist als Teil der Internationalen Politik ausgewiesen wird. Neben den üblichen Politikfeldern werden insbesondere aktuelle Legitimationsprobleme der EU behandelt. Auch die Bereiche der Außenpolitik sowie der inneren und äußeren Sicherheit werden zunehmend mit dem Thema Europa verbunden.
Kompetenzen und Lernziele

Welche Bedeutung Europa im Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler haben wird, unterliegt nur begrenzt dem Gestaltungswillen von Lehrplan und Lehrkräften. Das Ausprägen einer spezifischen europäischen Identität sollte also nicht das oberste Lernziel sein. Das analytische Niveau, mit dem Europa begriffen wird, die Zusammenhänge, in denen Europa verankert wird, sowie die Bereitschaft, Europa in die eigene Lebensplanung einzubeziehen und Europa aktiv mitzugestalten, können jedoch von der Schule wirksam gefördert werden. Erreichbar ist dies durch die Vermittlung solider Kenntnisse und die Förderung einer zustimmenden Grundhaltung, die auf rationalen Argumenten beruht.

Traditioneller Schwerpunkt schulischer Bildung ist die Weitergabe des europäischen Kulturerbes. Staatliche Institutionen und Rechtsnormen repräsentieren europäische Vergangenheit und helfen die Gegenwart zu verstehen. Inspiriert durch die Aufklärung entwickelten sich trotz aller Rückschläge in Europa pluralistische Gesellschaften, die auf einem von Toleranz und Humanismus geprägten Menschenbild gründen. Die Diskussionen um eine Europäische Verfassung und die Charta der Grundrechte der Europäischen Union haben die beschriebenen Traditionen erkennbar aufgenommen.

Trotz der sprachlichen Differenzierung bildet die Literatur – ebenso wie die Musik, die Kunst und die Architektur – mit ihren Kunstformen und Stilrichtungen, aber auch der Sport, ein gemeinsames Band zwischen den Völkern Europas. Die Vermittlung dieses gemeinsamen Erbes ist vorrangige Aufgabe der Schule und wird vor allem im Sprach- und Literatur-, Politik- und Geschichtsunterricht sowie in den künstlerischen Fächern geleistet.
Die primäre und langfristig wirksamste Vermittlung "europäischer Kompetenz" erfolgt im modernen Fremdsprachenunterricht. Hier findet neben der Kulturbegegnung der Erwerb von Sprachkompetenz statt. Die Förderung des bilingualen Unterrichts sowie die Einführung von fremdsprachlichen Elementen in Grundschulen und im Vorschulbereich unterstützen diese Ziele nachdrücklich und helfen beim Aufbau "interkultureller Kompetenz".

Dimensionen einer interkulturellen Europa-Kompetenz:
  • Raumverständnis: Dabei gilt es, die Vielfalt europäischer Räume kennenzulernen und Einblick in die sich wandelnden Strukturen Europas zu erwerben.
  • Geschichtsbewusstsein: Ziel ist es, Dauer und Wandel gemeinsamer europäischer Wertvorstellungen nachzuvollziehen, Krieg als grundlegende Erfahrung sowie Frieden als Gestaltungsaufgabe nachbarlichen Zusammenlebens in Europa zu verstehen.
  • Völkerverständigung: Dies bedeutet, Einblick in die Lebensformen der Menschen in Europa zu gewinnen und die Bereitschaft, sich in Kultur und Mentalität der Nachbarstaaten hineinzuversetzen. Dazu gehört aber auch der Umgang mit dem Spannungsverhältnis zwischen regionalen Eigenheiten und gesamteuropäischen Gemeinsamkeiten.
  • Integrationsbereitschaft: Hier sollen die Schülerinnen und Schüler Einblick in Verlauf und Stand des europäischen Integrationsprozesses gewinnen und sich mit folgenden Fragen beschäftigen: Wie verändern sich Einstellungen und Verhaltensweisen im europäischen Kontext? Welche ökonomischen und sozialen Spannungen wie Chancen existieren in den Beziehungen der Staaten Europas? In welchen Bereichen unseres Lebens sind europäische Bezüge wirksam, und wo werden europäische Entscheidungen verlangt? Welche gemeinsame Verantwortung haben die Europäerinnen und Europäer in der Welt?
  • Individuelle Möglichkeiten: Dabei gilt es, Europa als erweiterte Chance für die eigene Berufswahl und Lebensplanung zu erkennen. Viele ausbildende Unternehmen haben europäische Standorte, und viele Universitäten pflegen europäische Partnerschaften, zum Teil mit verpflichtenden Auslandsaufenthalten.
Umsetzung fächerübergreifender Projekte

Europa bietet Anlässe zu fachübergreifenden, handlungsorientierten Vermittlungsformen. Wegen der Akzeptanz des Themas bei Eltern und außerschulischen Partnern bieten sich auch reale Chancen, diese im Schulalltag umzusetzen.
Dies kann bei guter Absprache auch im Fachunterricht durchgeführt werden. Für methodische Großformen wie Simulationen oder Rollenspiele empfiehlt es sich jedoch, die Schule für einen oder mehrere Tage zu verlassen und eine politische Bildungsstätte oder eine Jugendherberge zu nutzen. Außerschulische Ansprechpartner und Institutionen wie Europa-Union, Europa-Häuser und Politische Akademien stellen organisatorische und fachliche Hilfen bereit. Unterrichtsmaterialien und Recherchemöglichkeiten bieten Schulbuchverlage, die Bundeszentrale sowie die Landeszentralen für politische Bildung, aber auch die europäischen Institutionen an, etwa über den zentralen Informationsdienst Europe Direct.

Europaweite Wettbewerbe geben einzelnen Klassen oder ganzen Schulen Anstöße "europäische Akzente" zu setzen. Erkundungen europäischer Institutionen oder Gespräche mit dem örtlichen Europaabgeordneten bieten sich besonders für den Sozialkundeunterricht an.

Europäische Institutionen unterstützen die Schulen mit speziellen Programmen: So fördert das Bildungsprogramm "Erasmus" den Auslandsaustausch von Studierenden, "Comenius" wendet sich an Schulen sowie an Schülerinnen und Schüler aller Stufen und unterstützt insbesondere multinationale Unterrichtsprojekte, "Leonardo" fördert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der beruflichen Aus- und Weiterbildung und "Das Programm für lebenslanges Lernen" koordiniert alle im Bildungsbereich angesiedelten Programme.
Auch durch die Programme binationaler Organisationen, wie dem Deutsch-Polnischen oder dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, werden zusätzliche Ressourcen für europäische schulische Projekte bereitgestellt.

"Projekttag Europa" und Europawoche

Im Mai jeden Jahres wird in ganz Deutschland die Europawoche begangen. In diesem Rahmen oder auch zu anderen Gelegenheiten bietet es sich an, Europathemen in Form des Projektunterrichts zu behandeln.

Das Planen und Durchführen eines "Projekttags Europa" bietet in der Vorbereitung und Durchführung die Möglichkeit, "europäische Kompetenz" praktisch zu erproben und auch zu präsentieren. So kann zum Beispiel eine Zeitung erstellt werden, die europäische Themen aus allen Jahrhunderten, Regionen und Kulturen aufgreift. Denkbar sind auch Wandausstellungen in Schulfluren bis hin zu Projektwochen zur EU, deren Ergebnisse im Rahmen einer größeren Schulveranstaltung – etwa einem "Europafest" – präsentiert werden können. Nicht selten bietet es sich an, Europaabgeordnete oder Zeitzeugen der Europäischen Entwicklung miteinzubeziehen oder in die Schule einzuladen.

Einige Organisationen helfen auch beim Ausrichten und Durchführen eines halb- bis zweitägigen Planspiels: Dabei wird beispielsweise die Aufnahme eines europäischen Landes in die EU spielerisch diskutiert und letztendlich von den mit Schülerinnen und Schülern in Rollen besetzten Gremien entschieden und nach außen hin vertreten. Stattfinden kann so ein Planspiel auch an einem außerschulischen Lernort – etwa in Kombination mit der Besichtigung einer europäischen Institution oder Sehenswürdigkeit. (Fundstellen für Simulationen über die Forschungsgruppe Jugend und Europa an der Universität München – www.fgje.de).