Kaukasus-Region

15.1.2004 | Von:

Südkaukasien - Staaten mit Territorialkonflikten

Republik Aserbaidschan

Daten und Fakten: AserbaidschanDaten und Fakten: Aserbaidschan
Aserbaidschan gehört zu jenen Nachfolgestaaten der UdSSR, welche mit ihren erkundeten und vermuteten Vorkommen an Erdöl und Erdgas von erheblichem weltwirtschaftlichem und damit auch geopolitischem Interesse sind. Mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung fühlt sich das Land sowohl Kaukasien und der Kaspischen Region als auch Europa zugehörig. Muslimische, kaukasische und europäische Identitäten stehen dabei keineswegs im Widerspruch, sondern werden als Realitäten und Chancen erkannt, die den Prozess der Integration des säkularen, demokratischen und marktwirtschaftlich orientierten Staates in Richtung Europa begünstigen können. Zugleich warnen im Zusammenhang mit dem Erdölreichtum des Landes nationale wie internationale Beobachter vor Korruption und Ausverkauf der Naturressourcen.

In diesem Zusammenhang bewegte die Frage nach der Nachfolge für den schwerkranken Präsidenten Gaidar Aliew und der damit verknüpften Stabilität im Lande die internationale und nationale Öffentlichkeit. Die Einsetzung seines Sohnes, Ilham Aliew, am 4. August 2003 als Ministerpräsident und dessen Sieg mit 76,84 Prozent der abgegebenen Stimmen bei den von den OSZE-Wahlbeobachtern als manipuliert gewerteten Präsidentschaftswahlen am 15. Oktober 2003 verdeutlichten, dass der Machtanspruch des Familienclans und seiner Klientel aufrecht erhalten wird.

Entstehen der Nationalbewegung

Im Unterschied zu Russland, dem Baltikum, Armenien oder Georgien gab es in Aserbaidschan kaum Dissidentengruppen im Vorfeld einer nationalen Volksfrontbewegung vor 1988. Nationale Emanzipation in Aserbaidschan ging vor allem von der neuen Bildungselite aus, die in den siebziger Jahren verstärkt an Universitäten und Hochschulen innerhalb und außerhalb der Republik ausgebildet wurde und darauf drängte, Führungspositionen in Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik einzunehmen. Neben der bildungspolitischen Emanzipation wuchsen zugleich jene Kräfte, die vor dem Hintergrund der zunehmend desolaten Wirtschaft über den Schwarzmarkt agierten und nach günstigeren - offiziellen - Verwertungs- bzw. Konsumbedingungen für angestautes Kapital verlangten. Zu diesen beiden Triebkräften des Transformationsprozesses gesellten sich Amtsträger der Partei- und Staatsbürokratie ("Nomenklatura"), die seit der Reformpolitik Gorbatschows in der Eingliederung marktwirtschaftlicher Elemente die Chance der Systemerhaltung oder eines Karriereschubs sahen.

Allen diesen Kräften war gemeinsam, dass sie als "Kinder" des Sowjetsystems in der Sowjetunion aufgewachsen waren, russische bzw. sowjetische Ausbildungseinrichtungen durchlaufen hatten, in den russisch-sowjetischen (Schwarz-)Markt integriert und durch die Strukturen der zentralen Wirtschafts-, Partei- oder Staatsorgane geformt waren.

In Analogie zu Georgien und Armenien wurden Fragen der nationalen Identität - vor allem definiert über Sprache-Geschichte-Territorium - verstärkt seit Ende der siebziger Jahre öffentlich diskutiert. Insbesondere die Teilung aserbaidschanischen Siedlungsgebietes in einen russischen Nord- und einen iranischen Südteil, der mehrmalige Wechsel des Alphabets (arabische, lateinische, kyrillische Schriftzeichen), die territoriale Aufteilung Südkaukasiens, Deportationen und Zwangsumsiedlungen sowie das absolute Entscheidungsrecht der sowjetischen Zentrale über die Ausbeutung der Rohstoffe (vor allem Erdöl) zu Sowjetzeiten waren Kritikpunkte.

Zum Katalysator politischer Aktionen wurden jedoch die Ereignisse um das Autonome Gebiet Berg-Karabach. Das Anschlussbegehren der Karabach-Armenier an Armenien führte 1988 zur Umwandlung der Bürgerbewegung - deren Anliegen zunächst nur die Verteidigung der territorialen Integrität des Landes sowie der Ausbau der Souveränitätsrechte innerhalb der Union war - in eine "Nationale Volksfront Aserbaidschans" (NFA). Unter ihrer Führung wurde durch den Druck anhaltender Protestdemonstrationen in Baku bereits am 23. September 1989 die erste Souveränitätserklärung Aserbaidschans verkündet. Auslöser des Umbruchs von einer Bürgerbewegung zur Unabhängigkeitbewegung war schließlich der Schock der Ereignisse vom 19./20. Januar 1990: Als Teile der Bürgerbewegung radikalere Forderungen zur Lösung des Karabach-Problems erhoben und Übergriffe zwischen der armenieschen und aserbaidschanischen Volksgruppe sich häuften, marschierten sowjetische Truppen mit der Begründung ein, einen Bürgerkrieg verhindern zu wollen. Unter den Panzern starben 131 Menschen, über 700 wurden schwer verletzt.

Der Zwischenfall führte zu einem Umdenken im Verhältnis zur Moskauer Zentralregierung, das in Forderungen nach Abbruch der Beziehungen um jeden Preis mündete. Während sich in der Folgezeit die Sammelbewegung der Volksfront spaltete und führende Bürgerrechtler nach ihrer Haftentlassung politische Organisationen gründeten, ging die Initiative allmählich von der Intelligenz auf reformbereite Vertreter der Nomenklatur über.

Quellentext

Konflikt um Berg-Karabach

Konfliktparteien: Berg-Karabach ist ein mehrheitlich von Armenierinnen und Armeniern bewohntes Gebiet innerhalb von Aserbaidschan. Bei dem Konflikt um das Gebiet stehen sich die armenische Bevölkerung in Berg-Karabach und die Republik Armenien auf der einen sowie die aserbaidschanische Regierung und aserbaidschanische Flüchtlinge aus Armenien, armenisch besetzten Gebieten und Karabach auf der anderen Seite gegenüber.

Hintergründe: Seit der Jahrhundertwende kam es immer wieder zu blutigen Zusammenstößen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern. 1918 erhoben die bürgerlichen Regierungen Armeniens und Aserbaidschans gleichermaßen Anspruch auf ethnische Mischgebiete. Im russisch-türkischen Friedensvertrag von 1921 erhielt Nachitschewan einen autonomen Status unter aserbaidschanischer Oberhoheit, Arzach (Karabach) blieb bei Aserbaidschan bis zur endgültigen Klärung in einer Volksabstimmung. Armenien erhielt das Gebiet Sangesur. Die armenische Bevölkerung in Karabach und Armenien fand sich mit dieser Lösung nie ab und bat in Memoranden an die Sowjetführung um Anschluss des Gebietes an Armenien. Von aserbaidschanischer Seite wurde dem entgegengesetzt, dass für über 160000 aserbaidschanische Landsleute in Armenien keinerlei Autonomie bestehe.

Der Konflikt um Berg-Karabach brach 1988/89 aus, als die armenische Bevölkerung von Berg-Karabach von Moskau erneut den Anschluss ihres Gebietes an Armenien forderte, Vertreibungen und blutige Übergriffe auf beiden Seiten einsetzten. Berg-Karabach erklärte sich am 2. September 1991 für unabhängig, am 26. November desselben Jahres hob Aserbaidschan den Autonomiestatus auf. Es kam zum Krieg, in dessen Verlauf die Armenier mit russischer Waffenhilfe einen Korridor zum Mutterland Armenien und einen breiten Gürtel angrenzender aserbaidschanischer Gebiete um Berg-Karabach herum eroberten und nun ihrerseits zigtausend Aserbaidschaner aus den Dörfern vertrieben. Am 24. Mai 1994 kam es zwar zu einem Waffenstillstand, doch der politische Konflikt schwelt bis heute. Die Grenze Armeniens zu Aserbaidschan ist seit jener Zeit geschlossen.

Ziele: Die armenische Bevölkerung in Berg-Karabach will die Unabhängigkeit (Vereinigung mit der Republik Armenien), Aserbaidschan strebt die Wiederherstellung der territorialen Integrität an.

Bisherige Folgen: Die Zahl der Toten wird zwischen 20000 und 50000 angegeben. Die besetzten Territorien umfassen rund 14000 Quadratkilometer (Autonomes Gebiet Berg-Karabach sowie acht Nachbarbezirke). Im Januar 2003 gab es rund 785600 Flüchtlinge und Vertriebene, davon kamen 576200 aus Aserbaidschan (Karabach und besetzte Gebiete), 190400 aus Armenien und 16400 aus Usbekistan.

Lösungsvorschläge: Aserbaidschan fordert die Wiederherstellung seiner territorialen Integrität, Einrichtung eines Sonderverwaltungsstatus unter internationaler Beobachtung, Rückkehrrechte für Flüchtlinge und Vertriebene sowie Wiedergutmachung für Kriegsschäden. Die armenische Bevölkerung in Berg-Karabach will Anerkennung der Unabhängigkeit, territoriale Anbindung an die Republik Armenien, internationale Schutzgarantien.

Als internationale Vermittlerin arbeitet die OSZE seit März 1992 im Rahmen der so genannten Minsker Gruppe an einer Lösung des Konflikts und setzt zur Entschärfung der Krise vor allem auf wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Armenien und Aserbaidschan - bisher jedoch mit wenig Erfolg.

Unabhängigkeit und Reformversuche

Der im September 1991 erste gewählte Präsident der neuen Republik, Ajaz Mutalibow, der bereits seit dem 24. Januar 1990 Vorsitzender des Obersten Sowjets war, leitete entscheidende Maßnahmen zur wirtschaftlichen Transformation ein. Sein Programm - Machtstabilisierung, kontrollierter Übergang zur Marktwirtschaft, territoriale Integrität der Republik, das heißt gegen eine Ausgliederung Karabachs - war Grundlage für Reformgesetze, die mit Realitätssinn für wirtschaftliche Zwänge auch die Mitarbeit in der GUS vorsahen. Flankiert von einer Sozialgesetzgebung ging seine Regierung an die Schaffung der wichtigsten juristischen Grundlagen marktwirtschaftlicher Strukturen. Bereits im Januar 1992 machte sie mit einem Investitionsschutzgesetz und entsprechenden Bank- sowie Gewerbegesetzen den Weg zu einer Öffnung des Landes gegenüber ausländischen Investitionen frei. Noch im selben Monat erfolgte als entscheidender Schritt die Übernahme aller bis dahin dem Unionsministerium unterstellten Erdölbetriebe einschließlich des transkaukasischen Leitungssystems und des bedeutsamen Erdölanlagenbaus durch das Kombinat "Aserineft". Gleichzeitig wurden Verhandlungen mit ausländischen Partnern und Russland zur gemeinsamen Erschließung der Offshore-Erdölfelder im Kaspischen Meer aufgenommen. Fast zwei Monate später wurde der Präsident jedoch durch das Parlament zum Rücktritt gezwungen. Die Ursachen seines Scheiterns verdeutlichen die Probleme des Transformationsprozesses:
  • Innerhalb von Ministerien, Kombinaten und Betrieben sowie in den einzelnen Gebietsverwaltungen verbreitete sich die Erkenntnis, dass es (auf lokaler und nationaler Ebene) Macht und damit Einfluss und Reichtum (oder zumindest Wohlstand) zu verteilen gab. Der über Jahrhunderte geprägte Erfahrungsschatz besagte jedoch, dass ertragreiche Posten an Loyalitäten (gegenüber dem Patron, dem Clan, der Partei) gebunden waren und zeitlich sehr begrenzt sein konnten. In der Konsequenz bedeutete dies, dass viele Reformideen dem reinen Macht- und Gewinnstreben zum Opfer fielen.
  • Der Zerfall der Unionsstrukturen (einschließlich Armee und Sicherheitsapparat), die sozialen Krisen sowie Flüchtlingsströme führten zur Radikalisierung von Machtkämpfen, die auch den Einsatz bewaffneter Gewalt einschlossen, während die Regierung demgegenüber noch kein nationales Gewaltmonopol beherrschte.
  • Es gelang nicht, die verschiedenen politischen Kräfte an der Machtausübung zu beteiligen und sie damit in die Verantwortung zu nehmen. Das Reaktivierungspotenzial traditioneller, sowjetisch geprägter Gefolgschaftsprinzipien wurde unterschätzt, während der Aufbau einer Bürgergesellschaft vernachlässigt wurde.
  • Hinzu kam, dass alle Reformansätze der Eigendynamik des Karabach-Problems unterworfen waren, über das die Regierung mit dem Vordringen armenischer Verbände in Berg-Karabach die Kontrolle verloren hatte.
Unter Vorsitz des NFA-Aktivisten und Wiederbegründers der erstmals 1911 gegründeten Musawat-Partei (Regierungspartei der ersten bürgerlich-demokratischen Republik 1918-1920), Isa Gambar, wurden Neuwahlen vorbereitet. Am 7. Juni 1992 siegte mit 59 Prozent der abgegebenen Stimmen Abulfaz Eltschibey (1938-2000), der Vorsitzende der NFA, als der stärksten Oppositionsbewegung.

In der öffentlichen Wahrnehmung war seine einjährige Präsidentschaft ein "Experiment der Opposition". Es war vor allem gekennzeichnet durch die akute Verschlechterung der sozialen Lage, Parteienklüngelei und eine überstürzte Sprachenreform (Einführung der Lateinschrift anstelle des modifizierten kyrillischen Alphabets) verbunden mit einer protürkischen Ausrichtung. Hinzu kam der Verlust Karabach benachbarter Provinzen im Ergebnis der Frühjahrsoffensive armenischer Verbände 1993.

Als die Regierung allein den Militärs die Schuld an den Verlusten zuschrieb, forderten am 6. Juni 1993 paramilitärische Verbände im Bündnis mit Regierungstruppen in einem "Marsch auf Baku" den Rücktritt des Präsidenten. In dieser prekären Lage gelang es dem Parlamentspräsidenten Nachitschewans Gaidar Aliew als dem von der Verfassung vorgesehen Vermittler ein Blutbad zu verhindern und Kompromisse auszuhandeln. In der Nacht vom 17. zum 18. Juni verließ Eltschibey die Hauptstadt in Richtung Nachitschewan und machte den Weg frei für die Ablösung der Volksfront.

Neuanfang mit alten Kadern

Am 3. Oktober 1993 wurde der ehemalige KGB-Chef und KP-Sekretär Aliew, nachdem er das Amt zuvor kommissarisch innehatte, zum Präsidenten der Republik gewählt. Er nahm systematisch Kurs auf Stabilisierungsmaßnahmen der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande und strebte die Festigung seiner persönlichen Macht an. Seine Politik zeichnete sich aus durch
  • die Abrechnung mit politischen Gegnern und den Aufbau eines von ihm kontrollierten Machtapparates. So legalisierte er das direkte Regieren über Erlasse und Direktiven, baute einen Präsidentenapparat auf, der parallel zum Parlament und zum Ministerkabinett arbeitete, führte die Neuregistrierungspflicht für alle Parteien im Vorfeld von Parlamentswahlen ein und scheute nicht davor zurück, Separationsbewegungen militärisch niederzuschlagen.
  • die Fortführung wirtschaftlicher Reformen. Dazu gehörten Abschlüsse von Verträgen mit internationalen Erdölkonsortien über die Erschließung von Offshore-Lagerstätten, Einwerbung von Auslandskapital, Normalisierung des Finanzmarktes, Verbesserung des Investitionsschutzes, Privatisierung von klein- und mittelständischen Betrieben, Erschließung neuer Einnahmequellen für den Staatshaushalt, Stabilisierung der Geldpolitik mit Hilfe von IWF und Weltbank sowie den Einnahmen aus dem Erdölsektor. In den vergangenen zehn Jahren sind Auslandsinvestitionen von circa 11,5 Milliarden US-Dollar überwiegend im Erdölsektor getätigt worden.
  • eine ausgewogene Außenpolitik. So kam es zum Waffenstillstand im Konflikt um Berg-Karabach seit Mai 1994 und es gelang, die relative außenpolitische Isolation des Landes zu durchbrechen sowie die Entwicklung der NATO-Partnerschaft und die Aufnahme in den Europarat. Schließlich konnte Aliew das Land aus anderen regionalen Konflikten (Tschetschenien, Abchasien) heraushalten und den Ausbruch neuer Konfliktherde verhindern.
Mit den Wahlen eines neuen 125-köpfigen Parlaments (mehrheitlich Mitglieder der Partei "Neues Aserbaidschan") und der Annahme einer neuen Verfassung am 12. November 1995 war der Prozess der Stabilisierung der Präsidialgewalt weitgehend abgeschlossen. In der Folgezeit machten sich in breiten Bevölkerungsschichten zunehmend Resignation und Politikmüdigkeit breit, der Kampf um das tägliche soziale Auskommen trat in den Vordergrund. Gewöhnt an den orientalischen und bolschewistischen Despotismus waren Teile der Bürgerinnen und Bürger bereit, den Personenkult um den Präsidenten, der seinerseits ein Netzwerk seiner Klientel fördert, zu akzeptieren.

Gleichwohl hat das Land große Probleme. Die Verarmung breiter Bevölkerungskreise, die Lage der Flüchtlinge, das Karabach-Problem, unzureichende Demokratisierung und Machtmonopolisierung durch den Präsidenten erzeugen Spannungen. Proteste gegen diese Missstände wurden seit 1998 deutlich und fanden ihren Höhepunkt bei Massendemonstrationen und militanten Übergriffen im Präsidentschaftswahlkampf 2003. Zugleich offenbarte sich die Schwäche der Opposition. Fehlende Kompromissbereitschaft, persönliche Ambitionen oder Antipathien verhinderten immer wieder dauerhafte und arbeitsfähige Bündnisse aus Oppositionsparteien und auch die Einigung auf einen gemeinsamen Gegenkandidaten bei den Präsidentschaftswahlen. Nur drei der acht Gegenkandidaten kamen auf über ein Prozent der Wählerstimmen (13,97 Prozent Isa Gambar, Musawat-Partei, 3,62 Lala Schowket, Liberale Partei, 2,92 Echtibar Mamedow, Nationale Unabhängigkeitspartei).

Quellentext

Vage Hoffnungen in dem Erdölland

[...] Das alte, legendäre Baku, die Stadt der Ölbarone des neunzehnten Jahrhunderts, ist von der wechselhaften Geschichte fast vollständig verschüttet worden und man findet es nur noch in den renovierten Residenzen, die heute die Büros der Mächtigen beherbergen, oder im Historischen Museum. [...] Die orientalische Seite Bakus, die ebenso wie das Öl untrennbar mit der Stadt verbunden ist, wird im Taza Basar sichtbar. Hier werden bunte, duftende Gewürze, Trockenfrüchte, Obst und Fisch, Fleisch und eingelegtes Gemüse in solchem Überfluss angeboten, dass man an allgemeinen Mangel nicht glauben kann. [...]

Doch nichts hat die Stadt stärker geprägt als die jahrzehntelange Bevormundung durch die Sowjetunion. Selbst die Metro mit ihren steilen Rolltreppen erinnert an die Untergrundbahn in Moskau. [...] Der Stempel sowjetischer Prägung hat nicht nur im Untergrund und im Straßenbild mit seinen monströsen Repräsentationsbauten Spuren hinterlassen, sondern auch in den Köpfen der Menschen, die sich noch immer eher auf den Staat als auf die eigene Initiative zu verlassen scheinen.

Oft fehlt die Kraft und auch das Geld, um das zu bewahren, was sich zu bewahren lohnte - die schönen hölzernen Balkone zum Beispiel, die so typisch sind für das alte Baku. [...] Heute leben in den Hinterhofwohnungen viele desillusionierte Menschen wie die beiden Brüder, Rentner mit Nebenbeschäftigung, die auf einem Gasherd das Teewasser erhitzen und viel von der Vergangenheit reden. [...] "Die Kinder putzen Schuhe oder verkaufen Sonnenblumenkerne. Was soll aus ihnen werden? Und Buchläden gibt es keine mehr, wer kauft denn noch Bücher!" [...]

Dass solche Klagen nicht nur die Frucht der Verbitterung alter Menschen sind, die in den neuen Zeiten nichts zu gewinnen haben, kann auch der flüchtige Besucher feststellen. [...] Etwa wenn er die Heerscharen von Kindern sieht, die zu einer Zeit, zu der sie eigentlich in der Schule sein müssten, an der Azadlyg Avenue, einer der Arterien Bakus, die neuesten Modelle aus der deutschen Autoproduktion blank wienern. [...]

In [die] türkischen Bäder [...] kommen die Leute aus der Nachbarschaft, deren Wohnungen kein Bad haben. Unter einem moscheenartigen Kuppeldach plätschert ein Wasserbecken. [...] Die Gespräche drehen sich immer wieder um die Schwierigkeiten und Sehnsüchte des Landes, um die Verarmung großer Bevölkerungsteile und die Bereicherung weniger Privilegierter oder um den Wunsch nach einem Großaserbaidschan, das man gemeinsam mit den in Iran lebenden Landsleuten errichten will. Und oft bricht der Hass auf den Nachbarn Armenien und die ehemaligen russischen Machthaber durch. [...]

Ob die Zukunft den Menschen in Aserbaidschan Trost und Wohlstand bringen wird, ist trotz des Erdöls keineswegs sicher. Zwar ist erst kürzlich zwischen der Regierung und achtzehn internationalen Konzernen ein als Jahrhundertvertrag bewertetes Abkommen über die Förderung von sechshundertdreißig Millionen Tonnen Erdöl und siebzig Milliarden Kubikmeter Gas geschlossen worden. Doch schon ein Besuch auf den Feldern vor der Stadt zeigt drastisch, dass hier nicht nur Reichtum, sondern auch eine Hypothek für die Zukunft an die Oberfläche gebracht wird. Denn das Umweltdesaster, das in dem Wald aus Bohrtürmen, brennenden Gasfackeln, Pumpen und Rohrenlabyrinthen angerichtet wird, ist ohne Beispiel. Und es wird Milliarden Dollar kosten, die Verwüstungen zu beheben. [...]

Horst H. Schulz, "Das Öl schillert, doch schafft es keinen Glanz", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Dezember 2001.

Politischer und wirtschaftlicher Reformdruck

Seit der Aufnahme Aserbaidschans in den Europarat 2001 steht die Umsetzung der Demokratisierung, was etwa demokratische Wahlen, Versammlungs- und Pressefreiheit sowie die Lage politischer Gefangener betrifft, verstärkt unter internationaler Kontrolle. Konkrete Auflagen werden durch Ständige Kommissionen geprüft. Zugleich verstärkte sich der Druck auf den wirtschaftlichen Reformprozess. Durch WB, IWF sowie in- und ausländische Unternehmer werden kritisiert:
  • staatlicher Dirigismus und Monopolisierung unterschiedlichster gesellschaftlicher Bereiche bei anwachsender Korruption;
  • grundlegende Schwächen des Steuersystems: Steuerhöhe und Vielzahl der Steuern, absolute Eingriffsrechte der Steuerinspektoren in betriebswirtschaftliche Angelegenheiten, Bestechlichkeiten und ausgeprägte Steuerverweigerung;
  • fehlende Investitionsmittel vor allem für klein- und mittelständische Unternehmen bei florierender Schattenwirtschaft und Kapitalflucht;
  • Unzulänglichkeiten im juristischen System: Obwohl die gesetzlichen Grundlagen für wirtschaftliche Aktivitäten ständig vervollständigt werden, sind Einklag- und damit Durchsetzbarkeit von Recht nur begrenzt möglich.
Zwar konnte statistisch gesehen der wirtschaftliche Niedergang seit 1996/97 aufgehalten werden, und in Einzelbereichen waren sogar Zuwachsraten zu verzeichnen. Die Bilanz kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese relative wirtschaftliche Stabilisierung nicht zu einer Anhebung des Lebensstandards der zum Großteil verarmten Bevölkerung führte. Vielmehr hat sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet. Der Drogenkonsum einschließlich der Kriminalität ist um das Zehnfache angewachsen. Nach Einschätzung der Weltbank sind 60 Prozent aller Haushalte als arm einzustufen. Das dünne soziale Versorgungsnetz greift lediglich bei der Zahlung äußerst geringer Renten (durchschnittlich 19,2 US-Dollar) und bei den Beihilfen für Flüchtlinge. Die Negativeffekte des Strukturwandels zeigen sich in einem offiziellen monatlichen Durchschnittslohn von 35 US-Dollar (Minimallohn 18 US-Dollar), dem Versorgungsnotstand von rund 800000 Flüchtlingen und einer Arbeitslosigkeit von circa 40 Prozent (unter Einbeziehung verdeckter Arbeitslosigkeit und Saisonarbeit). Diesen Zustand mildern lediglich die traditionellen Familienbeziehungen, Überweisungen von Arbeitsmigranten, die Anwesenheit internationaler Unternehmen und Organisationen sowie die Schattenwirtschaft (40 bis 60 Prozent des BIP).

Zweifellos hat Aserbaidschan in den vergangenen zehn Jahren mehr Veränderungen erlebt als in vielen Jahrzehnten seiner früheren Geschichte. Sicher waren und sind viele dieser Neuerungen schmerzhaft für die Betroffenen. Doch es wächst bereits eine Generation heran, welche selbstbewusst ihr Erbe hinterfragt, die Chancen der Marktwirtschaft schätzen gelernt hat und zugleich den Wert demokratischer Freiheiten kennt. Zwar ist die junge postsowjetische Generation bisher kaum politisch organisiert und eine zunehmende Zahl junger Menschen sucht nach Verwirklichung ihrer Träume im Ausland. Aber es deutet sich auch ein Generationswechsel an, bei dem in einer künftigen Regierung Ilham Aliews frühere Aktivisten des Komsomol (Jugendorganisation der UdSSR) und heutige Technokraten aus den Reihen der 40-50-Jährigen die Geschicke Aserbaidschans übernehmen könnten.