Internationale Finanz- und Wirtschaftsbeziehungen

10.11.2017 | Von:
Heribert Dieter

Die internationale Finanzordnung

Chancen und Risiken unbeschränkten Kapitalverkehrs

Der Idealfall: langfristige Kredite und ausländische Direktinvestitionen

Die Befürworter eines unbeschränkten, liberalen Kapitalverkehrs betonen vor allem den hohen Nutzen von Kapitalimporten. Länder mit niedriger Ersparnis könnten durch Kreditaufnahme im Ausland Ausgaben finanzieren, die ansonsten unterbleiben würden. Ein Entwicklungsland kann also durch die Kreditaufnahme im Ausland etwa den Bau einer Eisenbahnlinie finanzieren, die aus einheimischer Ersparnis nicht aufzubringen wäre.

Bei näherer Betrachtung offenbart der Kapitalverkehr jedoch auch problematische Aspekte. So finanziert eine Kreditaufnahme im Ausland oft nicht Investitionen, sondern Konsum. Gekauft werden keine Investitionsgüter wie Maschinen, sondern Konsumgüter wie Autos oder Kleidung. Wird im Ausland aufgenommenes Geld nicht oder nicht gewinnbringend investiert, sondern konsumiert, kann die Bedienung solcher Kredite Probleme aufwerfen.

Bei der Bewertung von Kapitalströmen ist also zunächst zu fragen, welche Form die Kapitalzuflüsse haben. Als weniger problematisch gelten ausländische Direktinvestitionen, etwa der Bau einer Fabrik durch ein ausländisches Unternehmen. Dabei fließt ausländisches Kapital ins Land, das dort langfristig gebunden und nicht kurzfristig abgezogen wird.

Im Idealfall produziert die Fabrik mit Gewinn, und aus diesen Gewinnen werden Jahr für Jahr Dividenden an den ausländischen Investor gezahlt, die bei guter Ertragslage im Zielland reinvestiert werden. Nennenswerte Risiken für das Zielland der Investition gibt es dann in der Regel nicht. Ähnlich unproblematisch sind Kredite, die mit langer Laufzeit vergeben werden.

Der Problemfall: kurzfristige Kapitalströme und Wechselkursrisiken

Sehr viel größere Schwierigkeiten bereiten kurzfristige Kapitalströme, im Englischen gerne als "hot money" bezeichnet. Sie sind zudem starken Schwankungen unterworfen und besonders in Entwicklungsländern anzutreffen. Auf Phasen starken Zuflusses folgen oft Perioden deutlichen Abflusses von Kapital, und beide Entwicklungen bereiten den betroffenen Volkswirtschaften Schwierigkeiten.

Ein Beispiel verdeutlicht dies. Thailand galt zu Beginn der 1990er-Jahre als mustergültige, dynamische Ökonomie. Die Weltbank sprach 1993 vom "ostasiatischen Wunder" und pries die kluge Wirtschaftspolitik Thailands und anderer asiatischer Länder. Ausländische Investoren sahen gute Gelegenheiten für hohe Gewinne und investierten in Thailand. Inländische Firmen nahmen auf Dollar lautende Kredite auf, weil die billiger als Kredite in einheimischer Währung waren und weil sie der Wechselkursbindung vertrauten. Dies beflügelte eine ohnehin überhitzte Wirtschaft weiter und sorgte für Übertreibungen. Die Immobilienpreise stiegen rasant, und die thailändische Politik wollte und konnte die Euphorie nicht bremsen. Sie hielt am festen Wechselkurs der thailändischen Währung zum Dollar fest.

1997 aber drehte der Wind. Das selbe Land, das zuvor noch märchenhafte Gewinne versprach, galt plötzlich als Risikokandidat. Die Kapitalströme drehten sich plötzlich und ohne Vorwarnung. Die genauen Ursachen für diesen Stimmungswandel auf den Finanzmärkten sind bis heute unklar. Auch deshalb sind Finanzkrisen so schwer zu prognostizieren.

Einmal in Schwung geraten, ließ sich die Abwärtsspirale kaum mehr bremsen. Unternehmen konnten im Ausland aufgenommene, auf Dollar lautende Kredite kaum noch bedienen, weil der Wechselkurs der thailändischen Währung gegenüber dem Dollar deutlich gesunken war.

Dieses Muster ist immer wieder zu beobachten und führt im Ergebnis zu einer großen Skepsis gegenüber Kreditaufnahmen im Ausland. Staaten genauso wie Unternehmen müssen vor allem das Wechselkursrisiko bedenken. Ein indonesisches Unternehmen etwa, das sich im Ausland in US-Dollar verschuldet, seine Gewinne aber in indonesischer Währung erwirtschaftet, geht damit ein Währungsrisiko ein: Wenn der Wechselkurs der indonesischen Währung Rupiah gegenüber dem Dollar fällt, steigen die Kosten des Schuldendienstes in der Landeswährung deutlich an.

In der Asienkrise 1997/98 fiel die Rupiah gegenüber dem Dollar um fast 70 Prozent, von 2500 Rupiah pro Dollar auf 17.000 Rupiah. Aus einem Schuldendienst von 10 Millionen Rupiah wurde über Nacht ein Schuldendienst von 68 Millionen Rupiah. Abwertungen dieser Größenordnungen sind die Ausnahme, aber auch weniger dramatische Veränderungen des Wechselkurses können Unternehmen schwer belasten und zur Zahlungsunfähigkeit führen.

Vermieden werden kann dieses Wechselkursrisiko zum einen dadurch, dass das Unternehmen im Dollarraum Gewinne erwirtschaftet. Zum anderen durch den Kauf einer Versicherung gegen Schwankungen des Wechselkurses. Doch solche Geschäfte, die von Banken angeboten werden, kosten natürlich Geld. Je größer das von den Finanzmärkten unterstellte Wechselkursrisiko, desto höher ist die Prämie für die Absicherung gegen Kursschwankungen.

Notwendigkeit von Krediten

Damit stellt sich die Frage, warum Unternehmen und Staaten sich überhaupt im Ausland verschulden. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen sind Kredite auf dem nationalen Finanzmarkt oft schlicht nicht verfügbar. Gerade in Entwicklungsländern fehlt in der Regel ein ausgereiftes Finanzsystem. Bürgerinnen und Bürger sind oft zu arm, um überhaupt Ersparnisse zu bilden. Die wohlhabenden Oberschichten könnten dies zwar, ihre Mitglieder bevorzugen es aber sehr häufig, Ersparnisse ins Ausland zu transferieren. Die Vermeidung von Steuerzahlungen spielt dabei eine wichtige Rolle.

Zum anderen ist das Zinsniveau in Entwicklungs- und Schwellenländern in aller Regel höher als in Industrieländern, denn Kapital ist in Entwicklungsländern knapp und damit teuer. Kreditgeber haben bei der Vergabe von Krediten ans Ausland außerdem zusätzliche Kosten, für die sie einen Zinsaufschlag erwarten. Ein Kredit, sofern er denn verfügbar ist, kostet im Inland also mehr als im Ausland. Insbesondere Unternehmen, aber auch staatliche Akteure sehen darin einen Anreiz, den günstigeren Kredit im Ausland in Anspruch zu nehmen.

Allerdings begeben sie sich damit in Abhängigkeit zur Einschätzung, die der ausländische Geldgeber von der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung der Kreditnehmer hegt. Schlägt dessen Optimismus in Pessimismus um, werden Kreditverträge häufig nicht verlängert und Kreditnehmer zu abrupten Anpassungsmaßnahmen gezwungen.
Kapitalströme in den EntwicklungsländernKapitalströme in den Entwicklungsländern

Von 2000 bis 2014 haben sich private Kredite und Wertpapierkäufe in Entwicklungsländer fast vervierzehnfacht.

Heimatüberweisungen

Zu den Kapitalströmen, die in Entwicklungsländer fließen, zählen allerdings nicht nur Kredite. So machten Heimatüberweisungen im Ausland lebender Staatsbürger seit 2000 einen stetig wachsenden Anteil aus. Zugleich stiegen die Direktinvestitionen in Entwicklungsländern von 2000 bis 2014 auf das Fünffache des Ausgangswertes. Auf sie entfiel 2014 der höchste Anteil unter den Kapitalzuströmen in Entwicklungsländer.

Quellentext

Afrikas Finanzquellen

Zwischen 2012 und 2015 ist Afrikas Bevölkerung um 14 Prozent gewachsen. Im gleichen Zeitraum sind die finanziellen Ressourcen für den Kontinent um 22 Prozent gesunken. Diese Entwicklung lässt zwei Szenarien zu: eines, in dem Afrika in nur 17 Jahren über mehr Arbeitskräfte als China oder Indien verfügt und die treibende Kraft der Weltwirtschaft sein wird.

Und eines, wo Millionen junger Menschen auf dem afrikanischen Kontinent keine Beschäftigung haben oder ihnen die Fähigkeiten fehlen, um eine zu finden – wo sie frustriert sind und wegwollen oder, schlimmer, anfällig werden für extremistische Ideologien. Wer dies als afrikanisches Problem versteht, hat nichts verstanden.

Wie kann es gelingen, das positive Szenario zu realisieren? Dazu muss man sich vor Augen führen, aus welchen Finanzquellen sich die Entwicklung Afrikas speist: Eigenmittel, Auslandsinvestitionen und Entwicklungshilfe. Die Eigeneinnahmen der afrikanischen Länder sind die bei weitem größte und wichtigste Finanzquelle. Vor einigen Jahren lag das Volumen der Eigenmittel auf einem Hoch bei 568 Milliarden US-Dollar, ermöglicht unter anderem durch den Boom der Rohstoffpreise. Doch seitdem sind die Einnahmen um fast ein Viertel eingebrochen.

Nach wie vor schaffen es die afrikanischen Staaten zwar, rund zehnmal mehr inländische Mittel zu mobilisieren, als sie an Entwicklungshilfe erhalten – aber die Eigeneinnahmen sind auf einem viel zu niedrigen Niveau und können Entwicklung nur bedingt fördern. […]

Gute Regierungsführung ist auch entscheidend, um Auslandsinvestitionen anzukurbeln. Mit der Bevölkerungsentwicklung Afrikas bis 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen gehen 22,5 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte pro Jahr einher, die auf den afrikanischen Arbeitsmarkt strömen. Diesen jungen Menschen müssen Perspektiven geboten werden, und dazu sind verstärkte heimische und ausländische Investitionen nötig.

Der Trend der vergangenen Jahre ist allerdings besorgniserregend: 2016 erreichten von jedem global investierten Dollar nur drei Cent den afrikanischen Kontinent. Manche Staaten wie Äthiopien haben ihre Ökonomien diversifiziert und können Erfolge vorweisen: 2015 haben sich dort die Auslandsinvestitionen im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Die Regierung hatte unter anderem aktiv in die Energie- und Straßeninfrastruktur investiert, um das wirtschaftliche Umfeld zu verbessern, und große Industrieparks geschaffen.

Die letzte Finanzquelle Afrikas ist die klassische Entwicklungshilfe: Auf den ersten Blick sieht es hier aktuell gut aus. 2016 wurde mit 140,1 Milliarden US-Dollar ein Hoch an globaler Entwicklungshilfe erreicht.

Auf den zweiten Blick wird jedoch klar, dass gerade die ärmsten Länder von diesem Geld immer weniger profitieren – obwohl gerade hier angesetzt werden müsste. […]

Stephan Exo-Kreischer ist Deutschland-Direktor der entwicklungspolitischen Kampagnenorganisation One.

Stephan Exo-Kreischer, "Mehr in Afrika investieren", in: Frankfurter Rundschau vom 12. September 2017

Zwar geht die Masse der Kapitalströme, insbesondere der Ausländischen Direktinvestitionen (ADI), bislang in andere OECD-Länder, und ADI konzentrieren sich tendenziell stark auf wenige Entwicklungsländer. Doch immer mehr Unternehmen investieren in Entwicklungsländern, schaffen dort Wirtschaftswachstum sowie Beschäftigung und tragen damit zum Abbau der globalen Armut bei.

Hauptempfängerländer von HeimatüberweisungenHauptempfängerländer von Heimatüberweisungen (© Weltbank, Migration and Remittances Factbook 2016)
Die staatliche Entwicklungshilfe mag demgegenüber aus Sicht einiger Experten an Bedeutung verloren haben, hat aber für sehr arme Entwicklungsländer dennoch deutliche Berechtigung, weil sie gezielter für ärmere und schwächere Länder bzw. Bevölkerungsgruppen tätig werden kann.

Auffällig ist, dass auch Deutschland relativ hohe Heimatüberweisungen erhält. Offenbar wirken sich hier die Tätigkeiten von Hochqualifizierten, etwa von deutschen Ärzten in der Schweiz oder Norwegen, aus. Ganz anders ist das Bild, wenn man die Heimatüberweisungen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt betrachtet.

Bei den betrachteten Staaten handelt es sich ausnahmslos um kleine, arme Länder, bei denen die Heimatüberweisungen zwischen einem Fünftel und einem Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung ausmachen. Ohne diese Heimatüberweisungen, die die Exporteinnahmen der Herkunftsländer teilweise deutlich übersteigen, wären die Länder noch deutlich ärmer, als sie es ohnehin sind.
Anteil der Heimatüberweisungen am BruttoinlandsproduktAnteil der Heimatüberweisungen am Bruttoinlandsprodukt (© Weltbank, Migration and Remittances Factbook 2016)


Die Kosten für eine Überweisung aus einem G20-Land – der Gruppe der 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer sowie der EU – betrugen im dritten Quartal 2016 laut Weltbank durchschnittlich 7,6 Prozent der zu überweisenden Summe. Bei einer Überweisung von 500 Euro kommen demnach nur 462 Euro beim Empfänger an.

Dabei variieren die Kosten erheblich. Nach Angaben der Weltbank kostete 2016 eine Überweisung aus Russland durchschnittlich 1,7 Prozent, aus Deutschland 8,6 Prozent, aus Japan 11,3 Prozent und aus Südafrika, wo relativ viele Arbeitsmigranten aus anderen afrikanischen Ländern leben, volle 17,0 Prozent.

Die Gruppe der 20 wichtigsten Volkswirtschaften, aus denen 80 Prozent aller Heimatüberweisungen getätigt werden, will diese Kosten senken und hat sich das Ziel gesetzt, sie auf fünf Prozent der Überweisungssumme zu reduzieren.

Bei jährlichen Überweisungen von rund 450 Milliarden US-Dollar würden dann immerhin gut 11 Milliarden zusätzlich in Entwicklungsländern ankommen.
Geldsendungen / Herkunft der MigrantenGeldsendungen / Herkunft der Migranten