IzpB 337/2018: China Cover

7.9.2018 | Von:
Max J. Zenglein
Jost Wübbeke
Björn Conrad

Von der "Werkbank der Welt" zur Innovationswirtschaft

Wie steht es um Chinas Umwelt?

Björn Conrad

Jahrzehnte des hohen Wirtschaftswachstums, angetrieben von rasanter Industrialisierung und billiger Kohlekraft, haben in China große ökologische Opfer gefordert. Die Metropolen des Landes liegen unter dichtem Smog, der Großteil der Flussläufe ist hochbelastet, Teile der Böden sind verseucht. Umweltverschmutzung und Raubbau an natürlichen Ressourcen war in der Volksrepublik lange der akzeptierte Preis für ungehemmte wirtschaftliche Entwicklung.

Quellentext

Smog

Was ist Smog und was ist daran so gefährlich? Smog ist eine Mischung aus Ruß, Feinstaubpartikeln und Nebel. Feinstaubpartikel (Particulate Matter, PM) mit einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrometern (PM10) sind besonders gefährlich für die menschliche Gesundheit. Partikel mit weniger als 2,5 Mikrometern (PM 2,5) können aufgrund ihrer geringen Größe bis tief in den Atemtrakt und sogar in die Lungenbläschen gelangen.

Ist ganz China vom Smog betroffen? In allen Teilen des Landes sind Städte vom Smog betroffen. Allerdings sind drei Regionen besonders intensiv beeinträchtigt: die nordostchinesische Region Peking-Tianjin-Hebei, das Yangtse-Delta und das Perlfluss-Delta. Am stärksten leidet die Region Peking-Tianjin-Hebei. Peking wird an bis zu 60 Prozent des Jahres von Smog umhüllt, Shanghai, das geographisch günstiger gelegen ist, hingegen nur zu 30 bis 50 Prozent. In der Region Peking-Tianjin-Hebei ist die Schwerindustrie besonders stark vertreten und geografische Faktoren kommen erschwerend hinzu.

Welche Ursachen sind für den Smog verantwortlich? Es besteht weitgehende Übereinstimmung, dass Kohleverbrennung, Industrieproduktion und Autoabgase die hauptsächlichen Ursachen des Smogs in China sind. Uneinigkeit besteht allerdings darüber, wie hoch der jeweilige Anteil der unterschiedlichen Quellen an der Smogbildung ist. Wissenschaftler der Universität Minnesota weisen Kohlekraftwerken und Autos 70 Prozent der Verantwortung zu. Ein Bericht der Chinesischen Akademie für Wissenschaften sieht hingegen die zentralen Quellen für den Smog bei Rußgasen und der Industrieproduktion (50 Prozent). Das steht im deutlichen Gegensatz zu Ergebnissen des Pekinger Umweltbüros. Dieses misst Autos 22 Prozent, Kohle aber nur 17 Prozent zu. Die fortbestehende Unklarheit über die relative Bedeutung der einzelnen Verursacher führt zu großer Verunsicherung über die tatsächliche Effektivität der zu ergreifenden Gegenmaßnahmen.

Welche Ziele setzt sich China in der Smogbekämpfung? Das Umweltministerium beschloss Ende 2012 erste moderate Ziele für die leichte Reduzierung der PM 2,5-Konzentration um fünf Prozent bis 2015. Die anhaltende Unzufriedenheit der Bevölkerung bewegte den Staatsrat jedoch dazu, zusätzlich einen deutlich ambitionierteren Zehn-Punkte-Aktionsplan mit ehrgeizigen Zielen gegen den Smog zu verabschieden. Viele der Ziele wurden seither erreicht. So lag die durchschnittliche Konzentration von PM5 im Jahr 2017 in 74 chinesischen Großstädten bei 48 μg/m3, was einem Rückgang von über 30 Prozent im Vergleich zu den Werten von 2013 entspricht. Auch bei den PM 2,5 Werten geht der Aktionsplan des Staatsrates für einige Regionen deutlich weiter als der Plan des Umweltministeriums. In den drei Kernregionen Peking-Tianjin-Hebei, Yangtse-Delta und Perlfluss-Delta sollte demzufolge die PM 2,5-Konzentration um jeweils 25, 20 und 15 Prozent sinken. Die Stadt Peking erfüllte ihre Zielvorgaben im vergangenen Jahr: Die durchschnittliche PM 2,5-Konzentration lag 2017 bei 58 μg/m3, was einer Reduktion von über 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.

Versprechen die Maßnahmen baldige Besserung? Selbst bei voller Einhaltung der gesteckten Ziele wird Smog mittelfristig ein großes Problem in chinesischen Städten bleiben. Das Umweltministerium hat 2012 erstmals verbindliche Luftqualitätsstandards (35 µg/m3) für die Feinstaub-Konzentration festgelegt. Selbst wenn Peking jedes Jahr seine Feinstaub-Konzentration um 25 Prozent senken würde, könnten diese nationalen Standards erst im Jahr 2031 erreicht werden. Kurzfristig sind also aller Voraussicht nach lediglich leichte Verbesserungen zu erwarten. Der Smog wird noch für viele Jahre ein großes Problem für Chinas Städte bleiben, den Zorn der Einwohnerschaft erregen und damit auch weiterhin Druck auf die politische Stabilität des Landes ausüben.

Jost Wübbeke und Elena Klorer, Smog-Spezial, MERICS Web-Spezial, 2014


Mit Beginn des Jahrtausends begann die chinesische Regierung jedoch, ihre Umweltpolitik grundlegend zu verändern. Die politische Führung beschwört seither die Vision eines sowohl ökonomisch als auch ökologisch nachhaltigeren Wirtschaftsmodells. Vor allem zwei Aspekte haben den Umweltschutz zu einer politischen Priorität der Regierung gemacht. Zum einen wächst die Unzufriedenheit der Bevölkerung über die Umweltbelastung und den Verlust an Lebensqualität. Die Menschen fordern Lösungen von der chinesischen Regierung und machen Umweltschutz damit zu einem Gradmesser für die Handlungsfähigkeit und Glaubwürdigkeit der politischen Führung.

Infografik: Umweltproteste und Umweltgesetzgebung in ChinaUmweltproteste und Umweltgesetzgebung in China (© bpb)
Tabelle: Energieverbrauch verschiedener Energieträger
2000–2016Energieverbrauch verschiedener Energieträger 2000–2016 (© BP Statistical Review of World Energy 2018)


Zum anderen hat die chinesische Regierung die wirtschaftlichen Chancen erkannt, die sich aus einer aktiven Umweltpolitik ergeben. Das Ziel einer grundlegenden Reform des chinesischen Wirtschaftsmodells, basierend auf höherer Wertschöpfung durch technologische Innovation, führt ökonomische und ökologische Interessen zusammen. Umweltschutz eröffnet Möglichkeiten zur Förderung neuer Technologien auf globalen Wachstumsmärkten. China hat bereits einige Märkte für Umwelttechnologien für sich erobert, von Solarmodulen bis zur Batteriefertigung für Elektrofahrzeuge.

Der Startschuss für den Wandel in Chinas Umweltpolitik fiel mit dem 10. Fünfjahr-Plan (2001–2005) der Regierung, der umfassende Zielvorgaben für die Luft- und Wasserqualität festschrieb. Die folgenden Fünfjahr-Pläne führten diese Entwicklung fort, begleitet von neuer Umweltgesetzgebung. Die Befugnisse des chinesischen Umweltschutzministeriums wurden schrittweise ausgeweitet, die Kapazitäten zur Überwachung und Durchsetzung von Umweltvorgaben kontinuierlich gestärkt. Ein Meilenstein war das umfassend revidierte Umweltschutzgesetz, das 2015 in Kraft trat. Das im Vorfeld umkämpfte Gesetz weitet die Kompetenzen der Umweltbehörden weiter aus und erlaubt nun hohe Strafen gegen Umweltsünder. Auch in der internationalen Umwelt- und Klimapolitik übernimmt China zunehmend Verantwortung. Die nationalen Verpflichtungen im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens von 2014 wird China voraussichtlich bereits vorzeitig erfüllen können.

Die chinesische Regierung unternimmt weitreichende Anstrengungen, um die schwierige Umweltsituation in den Griff zu bekommen. Doch die Wurzeln der chinesischen Umweltprobleme sitzen zu tief, alsdass kurzfristige Lösungen greifen könnten. Bisherige Maßnahmen wirken daher teilweise wie der Tropfen auf den heißen Stein. Besonders deutlich wird dies in Bezug auf die Abhängigkeit des Landes von der Kohlekraft. Seit Jahren investiert die Volksrepublik massiv in den Ausbau alternativer Energiequellen, insbesondere in die Windenergie: 2006 hatte China gerade einmal 2,6 Gigawatt installierte Windkraftkapazität, etwa ein Achtel der installierten Kapazität im damals führenden Deutschland. Ende 2015 lag die installierte Kapazität in China bei 145,1 Gigawatt, mehr als in der gesamten Europäischen Union (141,6 GW).

Doch trotz dieses beispiellosen Ausbaus erneuerbarer Energien macht Kohlekraft weiterhin fast zwei Drittel des chinesischen Energiemixes aus. Fundamentale Wandlungsprozesse wie die Veränderung von Industriestruktur und Energiemix brauchen Zeit. Auf lange Sicht gibt es durchaus Grund zum Optimismus. Kurzfristig jedoch dürfte der Smog auch weiterhin in Peking und andernorts für Beunruhigung in der Bevölkerung sorgen.



Quellentext

Elektrobusse im Kampf gegen den Smog

Eine Bushaltestelle in Peking, direkt an der Chang’an-Magistrale, die Chinas Hauptstadt von West nach Ost durchschneidet: Im Minutentakt halten die großen, kastenförmigen Gelenkbusse, die man aus allen Weltstädten kennt, gefüllt bis auf den letzten Sitzplatz. Es ist laut, es stinkt, wer in der Warteschlange steht, tritt unwillkürlich einen Schritt zurück.

Dann kommt ein Bus der Linie 1, die seit 1950 hier entlangführt, fast genauso lange, wie die Volksrepublik China besteht. Dieser Bus sieht anders aus: Rot-weiß lackiert, vorn und hinten windschnittig abgerundet, wie ein Delfin auf Rädern. Ein lautloser Delfin.

Denn die neuen Busse der Linie 1 werden nicht mehr mit Diesel oder Erdgas angetrieben, sondern mit Strom aus Lithium-Titan-Batterien. Mehr als ein leises Surren ist nicht zu hören, wenn sie anfahren.

Im Herbst 2017 gingen die ersten der neuen Busse auf Linie 1 in Betrieb. Im Jahr 2020 sollen 10.000 von ihnen unterwegs sein, rund ein Drittel des Fuhrparks der 20-Millionen-Stadt wäre dann elektrisch. Gut möglich, dass es schneller geht. Mehr als 4000 Elektro- und Hybridbusse sind schon jetzt unterwegs.

Es ist die schiere Not, die China ins Zeitalter der E-Busse treibt – und auf dem lukrativen Zukunftsmarkt in die Führungsposition manövriert hat. Die städtische Bevölkerung erträgt die Luftverschmutzung nicht mehr, die Regierung will den Smog weghaben. Ein probates Mittel dafür ist die Elektrifizierung der öffentlichen Busse, die bisher bis zu 30-mal mehr Sprit verbrauchen als ein durchschnittlicher Pkw.

Nach Angaben des Branchendienstes Bloomberg New Energy Finance (BNEF) sind weltweit inzwischen rund 385.000 E-Busse unterwegs, gut 99 Prozent davon in China. Fast jeder fünfte Bus in der Volksrepublik fährt heute ohne Verbrennungsmotor. Tendenz: stark steigend.

Die Volksrepublik nimmt damit eine Entwicklung vorweg, die in westlichen Großstädten erst allmählich beginnt.
[...] Shenzhen, Chinas Hightech-Metropole im Süden, hat vor einem halben Jahr Vollzug gemeldet: Dort sind bereits alle Busse auf reinen Elektrobetrieb umgestellt, 16.359 Fahrzeuge insgesamt. 2,85 Millionen Kilometer legen sie täglich zurück.

Der Hersteller BYD verschickt in regelmäßigen Abständen Pressemails, in welche Städte rund um den Globus er gerade wieder E-Busse verkauft. Im Dezember gingen 23 Modelle in die italienischen Städte Novara und Turin. Im Januar schickte BYD zwei E-Busse nach Norwegen.
Schon vor sieben Jahren hatte BYD auf einer Branchenkonferenz in Belgien das Modell eines E-Busses vorgestellt. Damals hielten viele Kritiker dies noch für einen Witz. "Alle lachten uns aus, weil sie dachten, wir hätten ein Spielzeug gebaut", sagte Isbrand Ho, die Europachefin von BYD [...]. Heute habe fast jeder Hersteller einen solchen Bus im Sortiment.

Die chinesischen Firmen haben es deutlich leichter, das große Rad zu drehen, als ihre europäischen Kollegen. Immerhin werden sie von der Regierung massiv subventioniert. In Shenzhen zum Beispiel soll der Staat rund die Hälfte der anfallenden Kosten zur Umstellung der Busflotte übernommen haben.
Die chinesische Großoffensive hat allerdings noch einen weiteren positiven Effekt. Dank sicherer Absatzmärkte lohnt sich der Einstieg in die Massenproduktion. Und das wiederum senkt die Herstellungskosten. [...]

Gleichzeitig zementieren die Chinesen ihre Marktmacht. 2017 wurden rund 90.000 Busse verkauft, fast alle davon wurden von chinesischen Produzenten hergestellt. [...]

Stefan Schultz / Bernhard Zand, "Ohne Volldampf in die Verkehrsrevolution", in: Spiegel online vom 25. Juni 2018

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