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Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

Krisen und Niedergang der europäischen Imperien

Kolonialrevisionismus und "Lebensraum"-Politik

Der Erste Weltkrieg endete 1918 mit der Niederlage der Deutschen und ihrer Verbündeten. Mit dem verlorenen Krieg ging auch die Monarchie unter. Der Kaiser dankte ab und schon die Waffenstillstandsvereinbarung und den darauf folgenden Friedensvertrag von Versailles 1919 mussten die Vertreter des neuen Staates, der Weimarer Republik, unterzeichnen. Der Vertrag verpflichtete Deutschland zu hohen Reparationsleistungen, zu Gebietsabtretungen im Osten und Westen des Reiches, zu weitgehender Demilitarisierung und zur Aufgabe seiner Kolonien. All dies wurde der Republik von ihren Kritikern angelastet, was umso schwerer wog, als die alten militärischen Eliten und die rechtskonservativen bzw. rechtsextremen Politiker die Legende in Umlauf brachten, "im Felde" sei "Deutschland unbesiegt" geblieben, aber oppositionelle Kräfte im Inland hätten das Heer durch ihr Handeln hinterrücks "erdolcht" ("Dolchstoßlegende").

Quellentext

Ende des deutschen Kolonialreiches

[…] In Togo […] ist der Weltkrieg nach drei Wochen zu Ende – so schnell wie nirgends sonst.
[Die Kolonie zwängt sich förmlich durch "Feindesland": im Osten die britische Goldküste, das heutige Ghana, im Westen das französische Dahomey, heute ein Teil Benins. Zwar hat Doering etwa 1000 einheimische Söldner unter Befehl, doch taugen sie nicht zum Kriegseinsatz – wie kaum eine der deutschen Schutztruppen, deren alleiniger Zweck es ist, die "Ordnung im Inneren" zu sichern.] Am 26. August kapituliert Hans Georg von Doering und übergibt den Alliierten 320.000 Schuss Munition, was alle spätere Propaganda Lügen straft, man habe sich aus Munitionsmangel […] nicht zur Wehr setzen können. Tags zuvor hat er die Funkstation von Kamina demolieren und die neun gewaltigen Masten kappen lassen, damit sie nicht in die Hände der Briten und Franzosen geraten. Die deutschen Kolonien sind damit bis auf Weiteres offline. Der erste Dominostein des deutschen Kolonialreichs ist gefallen.

[…] Ende August besetzen die Neuseeländer Samoa. Am 21. September ergibt sich die Schutztruppe von Neuguinea den Australiern. Im Oktober und November nehmen japanische Streitkräfte die Marschallinseln, die Karolinen und die Marianen in Besitz. Am 7. November strecken die Verteidiger von Tsingtao im deutschen Pachtgebiet Kiautschou in China vor der japanischen Übermacht die Waffen. Noch vor Ablauf des ersten Kriegsjahres sind sämtliche Besitzungen in Ozeanien und Ostasien verloren.

Als Nächstes fällt Südwestafrika […]. In der einzigen Siedlungskolonie des Reichs leben am Vorabend des Weltkriegs rund 12.000 Deutsche […]. […] Anders als in den übrigen Kolonien besteht die 3000 Mann zählende Schutztruppe hier vorrangig aus Deutschen. […] Zum Verhängnis […] wird den Siedlern der Ehrgeiz des britischen Dominions Südafrika. In Absprache mit London beschließt dessen Premier Louis Botha, in die Nachbarkolonie einzurücken […]. Im Juli 1915 geben die Verteidiger in Deutsch-Südwest auf.

In Kamerun, mehr als 3000 Kilometer nördlich, wo die meisten deutschen Plantagen liegen, zögert man die Niederlage noch ein wenig hinaus. Die letzten Kämpfer harren bis Mitte Februar 1916 in einer Bergfeste aus, dann rollen auch sie die Fahne mit dem Kaiseradler ein […]. […]

Fast alle Kolonien sind zu diesem Zeitpunkt besetzt. Nur einer kämpft noch: Paul von Lettow-Vorbeck – in Ostafrika. […] Als er 1914 zum Kommandeur der ostafrikanischen Schutztruppe ernannt wird, ist Lettow-Vorbeck ein Liebling des Kaisers. Mit größter Verachtung begegnet er seinem Vorgesetzten, Gouverneur Heinrich Schnee. […] Als Schnee befiehlt, den Besitz der Kolonie nicht durch aussichtslose Kämpfe zu riskieren, ganz wie es die offizielle Linie ist, denkt er daher nicht daran, Folge zu leisten. Eigenmächtig lässt er im August 1914 britische Nachschublinien attackieren und im November die Hafenstadt Tanga ohne Abstimmung gegen eine britische Invasion verteidigen […]. […]

Er kommt damit durch, weil er Erfolg hat. Ohnehin kann sich, seit der Funkverkehr über Togoland zusammengebrochen ist, keine höhere Stelle mehr in den Zwist zwischen Gouverneur und Kommandeur einschalten. Und so stürzt sich Lettow-Vorbeck in einen persönlichen Guerillakrieg gegen Großbritanniens Kolonialarmee, an seiner Seite weiße Offiziere und schwarze Askari, die man mit solidem Lohn und sozialen Privilegien lockt.

[…] Über Monate und Jahre betreibt er ein kräftezehrendes Katz-und-Maus-Spiel, im anmaßenden Irrglauben, dadurch feindliche Streitkräfte in großer Zahl zu binden und von den europäischen Schlachtfeldern fernzuhalten. […] Den Preis zahlt einmal mehr die Zivilbevölkerung. […] Bald liegen die Felder brach, so viele Männer verschlingt der Krieg. Die Truppen plündern die Vorräte der Bauern. Hunger und Seuchen grassieren. […]. In den Dörfern vergewaltigen die Askari Frauen, die oft mit dem marodierenden Tross weiterziehen müssen.

[…] Bald nehmen feindliche Truppen die Verfolgung auf, und so mündet das Ausweichen in den Süden in einen ziellosen Gewaltmarsch, kreuz und quer durch kaum kartiertes Terrain, bis zu 30 Kilometer Tag für Tag, 2600 insgesamt. […] Dann, am 12. November 1918, das letzte Gefecht mit den Briten. Erst am Morgen danach erfährt der unentwegte Ostafrika-Krieger […], dass in Europa bereits die Waffen ruhen. Es ist vorbei. Am 25. November ergibt sich Lettow-Vorbeck als letzter deutscher Weltkriegsgeneral – ganz und gar "ritterlich", wie die Briten loben. […]

Am 2. März 1919 zieht Paul von Lettow-Vorbeck umjubelt durchs Brandenburger Tor. Der Krieg ist verloren, aber hier kehrt ein Sieger heim. […] Lettow-Vorbeck wird nun zum Gärtner seines kolonialen Nachruhms, nachdem er wegen Teilnahme am rechten Kapp-Lüttwitz-Putsch von 1920 aus der Armee entlassen worden ist. In den Dreißigern betätigt er sich als williger Askari der Nazis und ihrer neokolonialen Kampagnen, einträchtig neben seinem einstigen Gegenspieler, Gouverneur Heinrich Schnee.

Dem 1933 gegründeten Reichskolonialbund bescheren sie Mitglieder in Massen. Zwei Millionen sind es 1940. "Auch hier liegt unser Lebensraum!", behauptet damals forsch ein Plakat der NS-Organisation, darauf eine Hakenkreuzfahne vor Palmwedeln über einer farbenfrohen Karte der früheren "Schutzgebiete". Doch schon lange vor dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 richten sich die "Lebensraum"-Planungen der Nationalsozialisten nicht gen Süden, sondern gen Osten. 1943 verschwinden die Afrikapläne endgültig in der Schublade.

Vielleicht hat auch diese letztlich folgenlos gebliebene Kolonial-Agitation dazu beigetragen, dass sich nach 1945 der Eindruck durchsetzen konnte, der deutsche Kolonialismus sei eine Art Karl-May-Fantasie gewesen, mehr romantische Schwelgerei als reale Herrschaftspraxis.

[…] Paul von Lettow-Vorbeck [verbringt] […] seine letzten Jahre als geachteter Bürger der Bundesrepublik. 1953 besucht er, bezahlt von der Deutschen Illustrierten, noch einmal die Stätten seiner afrikanischen "Großtaten". Vor der Kamera gibt er alten Askari-Kriegern die Hand. Noch einmal ist er auf Safari. So wirkt sein Mythos fort, zäh wie sein Schöpfer. Seine Nazi-Vergangenheit hat ihm nie geschadet […].

Christian Staas, "Der Untergang", in: DIE ZEIT Nr. 40 vom 27. September 2018

Die Forderung an Deutschland, seinen Kolonialbesitz aufzugeben, begründeten die Siegermächte damit, dass sie Deutschland schlicht die Fähigkeit absprachen, kolonisatorisch im Sinne der europäischen "Zivilisierungsmission" tätig zu sein. Besonderen Zorn erregte in der deutschen Öffentlichkeit ein britisches Blaubuch, das die deutsche Kolonialmacht als extrem gewalttätig darstellte und dies mit bedrückenden Schilderungen aus dem Krieg gegen die Herero und die Nama untermauerte.

Aufrechterhaltung deutscher Kolonialforderungen (Kolonialrevisionismus)
In der Folge formierte sich in Deutschland Widerstand nicht nur gegen den Versailler Vertrag im Allgemeinen, sondern auch gegen seine kolonialen Bestimmungen im Besonderen. Die Vorwürfe der Siegermächte wurden als "Kolonialschuldlüge" zurückgewiesen. Die im Kaiserreich gegründeten Kolonialverbände schlossen sich 1922 zur Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft zusammen, die das Land mit Propaganda überzog. Ihr Ziel war es, den Friedensvertrag zu revidieren und die Kolonien zurückzuerhalten (Kolonialrevisionismus) oder wenigstens Völkerbundmandate über die ehemaligen deutschen Kolonien zu übernehmen. Die Deutsche Kolonialgesellschaft stellte Bilderschauen für den Schulunterricht zur Verfügung, die Reichsregierung unterstützte Veröffentlichungen kolonialrevisionistischer Literatur.

Zur Zielscheibe dieser Propaganda wurden auch die aus Afrika stammenden Besatzungssoldaten, die Frankreich zeitweilig im Rheinland stationierte. Die Kampagne gegen die "schwarze Schmach am Rhein" mobilisierte Zuspruch weit über die Region hinaus. Auch im Reichstag waren die Kolonialrevisionisten vertreten, wobei Heinrich Schnee, der letzte Gouverneur von Deutsch-Ostafrika und maßgebliche Stichwortgeber der "Kolonialschuldlüge", die zentrale Rolle spielte. Er saß für die rechtsliberale Deutsche Volkspartei von 1924 bis 1932 im Reichstag, ab 1933 für die NSDAP.

Eine weitere Leitfigur der Kolonialrevisionisten war Paul von Lettow-Vorbeck, der vor allem die Jugend in seinen Bann zog. Er hatte während des Krieges das Kommando über die deutsche "Schutztruppe" in Ostafrika innegehabt und dort gemeinsam mit einheimischen Soldaten (vor allem "Askari") den Krieg über den Abschluss des Waffenstillstands im November 1918 hinaus fortgesetzt. Anfang Januar 1919 wurde er mit Teilen seiner Truppen, darunter auch einigen afrikanischen Soldaten, am Brandenburger Tor wie ein Kriegsheld empfangen. Als unermüdlicher Redner und Buchautor sowie in seiner Eigenschaft als Reichstagsabgeordneter der rechten Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) von 1928 bis 1930 befeuerte von Lettow-Vorbeck die Kolonialpropaganda in der Weimarer Republik. Besonders sein Jugendbuch "Heia Safari", das die deutsche Gewaltherrschaft in Ostafrika verherrlichte, verkaufte sich in 281.000 Exemplaren und erschien in mehreren Auflagen – die neunte und letzte 1952.

Auf ihn geht auch maßgeblich der Mythos der "treuen Askari" zurück, der zumeist aus der Region des heutigen Sudan rekrutierten Krieger, die angeblich besonders kampfbereit gewesen und selbst bei Bedrohung des eigenen Lebens nicht von der Seite ihrer Weißen, deutschen Kolonialherren gewichen seien. Bis weit in die NS-Zeit hinein wurde dieser Mythos anlässlich von Kolonialausstellungen und anderen propagandistischen Aktivitäten wach gehalten, auch wenn gelegentlich in Ermangelung "echter Askari" deutsche Darsteller mit schwarzer Schminke im Gesicht Afrikaner darstellten.

"Lebensraum im Osten"
Zu einem Verkaufsschlager und mehr noch zu einem Stichwortgeber für die Politik wurde der ebenfalls vor kolonialem Hintergrund spielende Roman: "Volk ohne Raum", den der bis dahin wenig bekannte Schriftsteller Hans Grimm 1926 veröffentlichte. Die junge NSDAP machte sich den Titel des Buches rasch zu eigen und leitete daraus ein Programm ab, das allerdings weniger auf den Rückerwerb der überseeischen Kolonien zielte als auf die "Eroberung von Lebensraum im Osten".

Tatsächlich hat die jüngere historische Forschung mit guten Gründen darauf hingewiesen, dass der Kolonialrevisionismus der Weimarer Republik sich weit weniger darauf gerichtet habe, ein überseeisches Kolonialreich wieder zu erlangen, sondern vielmehr ein kontinentales Imperium im Osten Europas angestrebt habe. Schon während des Ersten Weltkriegs hatte im Besatzungsgebiet des Oberbefehlshabers Ost ("Ober Ost") unter Paul von Hindenburg dazu eine Art Probelauf stattgefunden: In einem Gebiet, das sich 1917 vom heutigen Lettland über Litauen bis in die westlichen Gebiete Polens bzw. Weißrusslands erstreckte, wurden massenhafte Umsiedlungen der ansässigen Bevölkerung und deutsche Ansiedlungen geplant, Zwangsarbeiter rekrutiert und "Kulturarbeit" zur "Zivilisierung" der dortigen Bevölkerung geleistet.

Als die NSDAP 1933 an die Macht gelangte, hatte die Gewinnung von "Lebensraum im Osten" für sie klare politische Priorität, der Erwerb überseeischer Kolonien war demgegenüber nachrangig. Zunächst aber gingen die Nationalsozialisten ab 1933 systematisch daran, die Bestimmungen des Versailler Vertrages zu unterhöhlen. Zur geplanten Revision des ihnen so verhassten Vertrages gehörte es auch, das Erbe der aus Afrika stammenden französischen Besatzungssoldaten zu beseitigen: So wurden die Kinder, die in den frühen 1920er-Jahren aus Beziehungen zwischen diesen Soldaten und deutschen Frauen hervorgegangen waren, ab 1935 als "Rheinlandbastarde" systematisch zwangssterilisiert.


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