Das Palais de la Porte dorée in Paris wurde anlässlich der Kolonialausstellung von 1931 errichtet und beherbergt heute ein Einwanderermuseum. Im Vordergrund eine Plastik des senegalesischen Künstlers Diadji Diop von 2009 mit dem Titel "Dans le bonheur"

20.11.2018 | Von:
Prof. Dr. Gabriele Metzler

"Wir" und die "Anderen": europäische Selbstverständigungen

Weiße Helden? Kulturelle Vermittlungsformen

Auch in der europäischen Kultur waren die Kolonien immer präsent. In Literatur, bildender Kunst, bald auch im Kino boten koloniale Räume die exotische Bühne, auf der über Identitäten und Zugehörigkeiten verhandelt wurde. Gerade die auf ein Massenpublikum zielenden Produktionen verbreiteten und verfestigten orientalistische Stereotype und führten damit in gewissem Sinne die Völkerschauen mit modernen cineastischen Mitteln fort. Populäre Spielfilme, aber auch Massenliteratur setzten immer wieder das Bild Weißer männlicher Helden in Szene, die sich in kolonialen Auseinandersetzungen zu behaupten wussten.

Die Übergänge vom Unterhaltungsfilm zur Kolonialpropaganda waren in den westeuropäischen Kinoproduktionen der 1920er- und 1930er-Jahre fließend. Filme wie "Ich hatt einen Kameraden" (Regie: Conrad Wiene, D 1926) und "Die Reiter von Deutsch-Ostafrika" (Regie: Herbert Selpin, D 1934) stehen dafür ebenso wie "Le Bled", eine Auftragsarbeit von Jean Renoir für das französische Generalgouvernement in Algerien (F 1929), oder "Sanders of the River" (Regie: Zoltan Korda, GB 1935). Stereotype vom "primitiven" Afrikaner hielten sich bis weit in die zweite Nachkriegszeit hinein; "Liane – Das Mädchen aus dem Urwald", ein Kinoerfolg von 1956 (Regie: Eduard von Borsody) oder "Sammy Going South", der im Kontext der Suez-Krise spielt (Regie: Alexander Mackendrick, GB 1963), sind hierfür exemplarisch. Auch Tierfilme wie die in der Nachkriegszeit überaus erfolgreichen Produktionen des Tierfilmers und Frankfurter Zoodirektors Heinz Grzimek zeigen bemerkenswerte Kontinuitäten in der Repräsentation des "Anderen", "Wilden" und "Ungezähmten" und trugen so zur Fortdauer alter Stereotype in der bundesdeutschen Gesellschaft bei.

Wachsende Distanz zum Kolonialismus
Es wäre aber zu einfach, die kulturellen Repräsentationen Außereuropas allein als Ausdruck eines stabilen europäischen Blicks zu deuten. Schon früh sind Brüche im europäischen Selbstbild erkennbar, besonders in der Literatur. Vom zivilisatorischen Triumphgebaren offizieller Kolonialpropaganda oder der Literatur beispielsweise eines Rudyard Kipling war schon Joseph Conrads Erzählung "Das Herz der Finsternis", erschienen 1898, denkbar weit entfernt.

In der europäischen Literatur der Zwischenkriegszeit nahm die Distanz zum Kolonialismus als europäischem Projekt noch einmal deutlich zu und ungebrochene Fortschrittserzählungen verloren an Substanz, wie die literarischen Werke etwa Virginia Woolfs, Leonard Woolfs oder T. S. Eliots belegen. Hier kamen viele Einflüsse zusammen, wie die Erfahrung des Ersten Weltkriegs und der Aufstieg der Freudschen Psychoanalyse. Die Krise des Kolonialismus trug aber ebenso dazu bei, dass Autoren und Autorinnen anders über die Figuren ihrer literarischen Werke schrieben und sie als Subjekte thematisierten.

Greifbar wird dies in der bildenden Kunst. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich mit dem Primitivismus eine Kunstrichtung herausgebildet, die eine Verbindung zu afrikanischen Kunstformen suchte. In Werken von Pablo Picasso wie "Les Demoiselles d’Avignon" von 1907 und in Henri Matisses "Blue Nude" von 1907 zeigt sich die Inspiration durch das Vorbild afrikanischer Masken und Figuren. Sind hier noch orientalistische Muster erkennbar, so gelangten die Surrealisten in den 1920er-Jahren von ihrer Auseinandersetzung mit außereuropäischer Kunst zu klaren antikolonialen Positionen. Unter jenen, die gegen die Pariser Kolonialausstellung 1931 öffentlich protestierten, fanden sich auch die Schriftsteller André Breton und Louis Aragon sowie der Maler Yves Tanguy. Auf der Gegenausstellung "Die Wahrheit über die Kolonien" ("La Verité sur les colonies"), von Aragon und André Thirion unter der Ägide der Kommunistischen Partei Frankreichs organisiert, wurden – neben prosowjetischer Propaganda – auch Werke von Künstlern aus den Kolonien gezeigt.

Die Gleichberechtigung des "Anderen" als Elitenprojekt
Dass "Negerplastik", so der Titel einer vielbeachteten Studie des Kunsthistorikers und Schriftstellers Carl Einstein von 1915, als eigenständige afrikanische, der europäischen Kunst vollkommen gleichrangige Kunstform anerkannt wurde, zeugt von einer intensivierten Rezeption. Es deutet vor allem aber darauf hin, dass europäische Kunstschaffende auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen nicht mehr allein auf die europäische Kunst und ihre historischen Vorläufer sahen. In der künstlerisch wie intellektuell vibrierenden Atmosphäre der 1920er- und 1930er-Jahre ließ sich die Grenze zwischen einem "Wir" und "den Anderen" nicht mehr so scharf ziehen, wie dies zuvor suggeriert worden war.

Eine breitere Öffentlichkeit erreichte dies vor allem im kommerzialisierten Rahmen der Jazzkultur, ein Massenpublikum ließ sich damit jedoch ebenso wenig ansprechen wie mit modernistischer Literatur. Aber die intellektuellen und künstlerischen Debatten der Zwischenkriegszeit weisen doch darauf hin, dass nach der starren Trennung von Kolonisierern und Kolonisierten etwas Neues im Entstehen begriffen war und eine postkoloniale Welt aufschien. Doch war dies kein linearer Prozess, Verzögerungen und Gegenläufigkeiten sind nicht zu übersehen. Breite gesellschaftliche Schichten blieben rassistisch fundierten Überzeugungen europäischer, Weißer Überlegenheit treu. Und die Nationalsozialisten diffamierten schließlich außereuropäische oder außereuropäisch beeinflusste Werke pauschal als "Negerkunst".