Entzünden des Chanukka-Leuchters 2016 auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

8.10.2021

Editorial

Seit mindestens 1700 Jahren – urkundlich belegt seit dem Jahr 321 unserer Zeitrechnung – gibt es jüdisches Leben in Deutschland. In diesen Jahrhunderten trugen Jüdinnen und Juden erheblich zur geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland bei, blieben aber dennoch stets unter Druck und immer wieder unter zeitweiliger Existenzgefährdung durch die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft.

Einen besonders tiefen Einschnitt bildete die Zeit der NS-Herrschaft, in der Rassismus, Antisemitismus und Vernichtungswille als Regierungspolitik unter Duldung und aktiver Beteiligung breiter Bevölkerungskreise zu Diskriminierung, Ausgrenzung, Verfolgung, Misshandlung und Ermordung der jüdischen Bürgerinnen und Bürger führten. Jüdisches Leben sollte in Gänze ausgelöscht werden.

Dass nach 1945 jüdisches Leben in Deutschland wieder heimisch wurde, ist ein großes Glück und stellt die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft in eine besondere Verantwortung. Für Jüdinnen und Juden war es nicht selten eine schwere Entscheidung, gefolgt von einem mühevollen, durchaus von Anfechtungen und Rückschlägen begleiteten Entwicklungsprozess. Es galt und gilt, Verletzungen zu überwinden sowie Misstrauen abzubauen, und das trotz traumatischer Erinnerungen und fortdauernder Vorurteile und Anfeindungen, denen Jüdinnen und Juden in ihrem Alltag bis heute immer wieder ausgesetzt sind.

Wie lassen sich Vorurteile, Stereotype und mangelndes Wissen abbauen? Unter anderem durch Sichtbarkeit, Nahbarkeit sowie emotionale Aufgeschlossenheit und gegenseitiges Interesse. Die jüdische Gemeinschaft hat dazu gerade in jüngerer Zeit viele Initiativen gestartet, beispielsweise Begegnungen unter dem Motto Meet a Jew, oder jüdische Kulturtage, die die Vielfalt jüdischen Lebens vor Augen führen.

Diese Themenausgabe versteht sich als Angebot, das Wissen über jüdisches Leben in Deutschland zu vertiefen. Sie beschreibt den schwierigen Neuanfang in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Entwicklungen in der Zeit der Zweistaatlichkeit sowie die neuen Impulse, Auf- und Abschwünge in den drei Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung, aber auch den weiterhin existierenden Antisemitismus.

Damit knüpft sie an die Vorgängerausgabe 307 "Jüdisches Leben in Deutschland" von 2010 an, die sich stärker auf die Zeit vor 1945 konzentrierte. Spezielle Beiträge widmen sich dem besonderen Verhältnis der Juden in Deutschland zum Staat Israel sowie dem kulturellen jüdischen Schaffen und seiner Rezeption mit Schwerpunkten in Literatur, Theater, Film und Fernsehen. Abgerundet wird dies durch eine Einführung in die Besonderheiten und vielfältigen Strömungen der jüdischen Religion, die nicht nur für die deutschen Jüdinnen und Juden große Bedeutung haben.

Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sowie persönliche Erfahrungsberichte machen nachvollziehbar, was es bedeutet, Teil einer immer wieder angefochtenen Minderheit zu sein. Deutlich wird aber auch, welch wertvollen, selbstverständlichen Beitrag Jüdinnen und Juden zur deutschen Gesellschaft leisten.

Christine Hesse