Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1650-1815: Territorialstaat und Schutzjudentum

Kontroversen und Verunsicherungen

War das deutsche Judentum in seiner Gemeinde- und Verwaltungsstruktur gefestigt, so fehlte es doch nicht an inneren Verunsicherungen, in denen alte Ängste auflebten und in messianische Erwartungen umschlugen. Viele Juden in Deutschland - sogar die Sefarden in Hamburg - sahen in dem 1665 in der Türkei auftretenden Sabbatai Zwi den Messias. Ihre Hoffnungen schlugen allerdings in Enttäuschung um, als Sabbatai zum Islam übertrat. Dennoch bildete sich eine kleine jüdische Sekte, die weiterhin an ihn als Messias glaubte, aber nur als Geheimsekte agieren konnte. Zum Konflikt wegen Sabbatai Zwi und zu einer neuen Krise des Judentums in Deutschland kam es jedoch erst 100 Jahre nach seinem Auftreten im so genannten Hamburger Amulettenstreit. Dem im aschkenasischen Judentum hochangesehenen Oberrabbiner der Dreigemeinde Altona-Hamburg-Wandsbek Jonathan Eibeschütz warf in den 1750er Jahren der in Altona lebende Talmudist und Druckereibesitzer Jakob Emden vor, im Geheimen die Irrlehren des Pseudomessias Sabbatai Zwi zu verbreiten. Eibeschütz hatte angeblich an Schwangere Amulette mit Sabbataiischen Symbolen verteilt. Dies führte zu einer mehrjährigen Kontroverse, in die zahlreiche aschkenasische Rabbiner in Deutschland und Polen auf der einen oder anderen Seite verstrickt waren. Die Folge war eine Spaltung des traditionellen Judentums und ein Ansehensverlust des Rabbinerstandes. Dieser war bereits in der Frühaufklärung in die Kritik geraten, da viele Rabbiner, vor allem diejenigen aus Osteuropa, das Judentum als geschlossenes kulturelles System vermittelten, das sich gegen die europäische Kultur abschottete. Diese Rabbiner ließen nur das durch Talmud, Tora und die Responsen tradierte Wissen gelten und sperrten sich gegen die europäische Aufklärung, die im 18. Jahrhundert zu einem enormen Aufschwung der Naturwissenschaften und der Philosophie führte. Im Gegensatz zum sefardischen Judentum stand das traditionelle aschkenasische Judentum dieser Entwicklung distanziert gegenüber.

Antijudaismus im 18. Jahrhundert

Allerdings war auch die deutsche bzw. europäische christliche Gesellschaft bei aller Begeisterung für die Aufklärung dem Judentum gegenüber nicht toleranter geworden. In allen drei christlichen Konfessionen, im Katholizismus, Luthertum und Calvinismus, herrschte eine latente Judenfeindschaft, die sich sowohl im gelehrten Schrifttum wie in gelegentlichen antijüdischen Aktionen zeigte. Im katholischen Volk glaubte man nach wie vor an die Blutschuldlüge sowie an den von Juden angeblich begangenen Hostienfrevel und pilgerte zu den entsprechenden Wallfahrtsorten, wie ins bayerische Deggendorf sowie ins niederösterreichische Pulkau; die Kirche sprach die angeblich von Juden ermordeten Kinder selig. Die protestantischen Christen wiederum warfen den Juden vor, das Christentum zu verspotten, indem diese die Dreifaltigkeit Gottes als Vielgötterei ansahen und auf die uneheliche Geburt Jesu hinwiesen. Noch im 18. Jahrhundert kam es in protestantischen Gemeinden zu lokalen Verfolgungen von Juden, wie beispielsweise im westfälischen Iserlohn. Dort wurden die Juden zum Opfer der Auseinandersetzungen zwischen Lutheranern und Calvinisten, in denen die Lutheraner den Calvinisten vorwarfen, diese teilten den Zweifel der Juden an der Auferstehung Jesu. Dass ein solches Einverständnis nicht gegeben war, belegt jedoch das 1711 auf Veranlassung eines calvinistischen Landesherrn gedruckte Werk "Entdecktes Judenthum". Dessen Autor, der calvinistische Heidelberger Orientalist Johann Andreas Eisenmenger, lieferte auch künftigen Generationen durch seine aus dem Zusammenhang gerissenen Talmud-Zitate pseudowissenschaftliche Argumente gegen das Judentum. Selbst der Vorwurf der Brunnenvergiftung und des Ritualmords wurde hier nach wie vor vertreten.


Publikationen zum Thema

Die Geschichte der Juden in Deutschland

Die Geschichte der Juden in Deutschland

Die Erinnerung an den Holocaust muss wachgehalten werden. Doch sollte dahinter nicht der Reichtum de...

Juden in Europa

Juden in Europa

Nach dem Zivilisationsbruch des Holocaust schien eine Zukunft des Judentums in Europa unvorstellbar....

Antisemitismus

Antisemitismus

Antisemitismus zählt zu den ältesten und beharrlichsten Vorurteils-
komplexen und hat viele Fac...

Zum Shop

Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.

Mehr lesen

Cover_antisemi
Themenblätter im Unterricht (Nr. 56)

Stichwort Antisemitismus

Offenem Antisemitismus begegnet man in Deutschland heute eher selten. Gleichzeitig tauchen alte Formen der Judenfeindschaft im neuen Gewand auf. Das Themenblatt beschäftigt sich mit diesen versteckten Formen des antijüdischen Vorurteils.

Mehr lesen