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Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1815-1933: Emanzipation und Akkulturation

Die Juden im Kaiserreich

Die Zeit des Kaiserreichs war - trotz immer noch vorhandener Vorbehalte und des seit den 1870er Jahren aufkommenden Antisemitismus - für die Juden ein "goldenes Zeitalter", vor allem was ihren Aufstieg aus der sozialen Marginalität in das Klein-, Mittel- oder Großbürgertum betraf. Wenn es auch kaum noch jüdische Arme gab, so war doch durchaus auch weiterhin eine unterbürgerliche Schicht im Judentum vorhanden, die sich aus jüdischen Kleinstunternehmern am Rande des Existenzminimums oder aus Zuwanderern aus dem Osten zusammensetzte. Doch gab es unter den Arbeitern kaum ein jüdisches Proletariat. In den Städten dominierte, verglichen mit anderen Konfessionsgruppen, überproportional die jüdische Oberschicht. In Breslau stellten sie zum Beispiel nach der Klassifizierung des preußischen Dreiklassenwahlrechts etwa 35 Prozent der Wähler in der ersten Klasse. Das sicherte dem reichen jüdischen Bürgertum auch erheblichen politischen Einfluss und verschaffte seinen Mitgliedern, wenn sie es wünschten, den Zugang zu allen gesellschaftlichen Zirkeln; zur Hofgesellschaft allerdings nur in Einzelfällen. Das Wohlwollen Kaiser Wilhelms II. genossen der Berliner Bankier Carl Fürstenberg, ferner der Gründer der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft (AEG) Emil Rathenau sowie der Hamburger Reeder Albert Ballin. Dieser machte als Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie die HAPAG zur wichtigsten transatlantischen Schifffahrtslinie.

Jüdisches Kulturleben

Eindrucksvoll ist im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert der Beitrag jüdischer Literaten und Künstler zur deutschen Kultur, wobei antisemitische Strömungen allerdings gleichzeitig um Ausgrenzung bemüht waren. So wandte sich Richard Wagner in seinem 1850 zunächst unter Pseudonym, 1869 aber unter richtigem Namen erschienenen Buch "Das Judentum in der Musik" mit rassistischen Argumenten gegen einen der großen Komponisten seiner Zeit, Felix Mendelssohn Bartholdy, obgleich dieser als Kind christlich getauft worden war. Doch jüdische Künstler und Autoren haben sich nicht als jüdisch verstanden, auch wenn sie - besonders in der Literatur - in ihren Werken Fragen jüdischer Tradition oder Existenz behandelten, wie Heinrich Heine in seinem "Rabbi von Bacharach". Obgleich Heine nach seinem Studium konvertiert war, bekannte er sich vor allem in seinen Spätschriften zum Judentum. Die Verhinderungsstrategien der Allgemeingesellschaft gegen die jüdische Emanzipation geißelte er mit ironischer Schärfe. Allerdings gab es auch so etwas wie eine jüdische Romantik, die in der so genannten Ghettoliteratur zum Ausdruck kam. In ihr wurde das Leben in jüdischen Gemeinden folkloristisch dargestellt. Doch handelte es sich bei diesen Gemeinden nicht um Orte in Deutschland, sondern um das osteuropäische Schtetl. Den jüdischen Gesellschaftsroman, der den charakteristischen jüdischen Konflikt des 19. Jahrhunderts problematisiert, publizierte mit "Jettchen Gebert" 1906 der jüdische Dichter Georg Hermann: In seinem Buch thematisiert er die Judenemanzipation in einer nicht-jüdischen Gesellschaft zum einen und die innerjüdische Auseinandersetzung zwischen den alteingesessenen westjüdischen Familien Deutschlands und den hinzuziehenden "Ostjuden" zum anderen. Erst der Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, mit seiner Variante des Kulturzionismus, plädierte um die Jahrhundertwende für eine "jüdische Literatur". Dort, wo jüdische Künstler bzw. Architekten wie der im Kaiserreich sehr erfolgreiche jüdische Architekt Edwin Oppler eine jüdische Kultur herausstellten, betonten sie damit den Anteil der jüdischen Bauweise im Rahmen der europäischen Kultur. Maurische und arabische Elemente, die im 19. Jahrhundert als typisch jüdisch in der Baukunst galten, lehnte Oppler ab und baute Synagogen, die den rheinischen Kaiserdomen sehr ähnlich sahen, wie beispielsweise die 1938 zerstörte Synagoge in der Calenberger Neustadt in Hannover.

Quellentext

Felix Mendelssohn Bartholdy

Im Gegensatz zu Giacomo Meyerbeer (1791 - 1864), der stark in der französischen Kultur verankert war, blieb Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 - 1847) in seinem kurzen Leben ganz der deutschen Musikgeschichte verhaftet. Er war ein Enkel Moses Mendelssohns, des bedeutenden Philosophen der Aufklärung, der den Weg zur Emanzipation der Juden in Deutschland bereitet hat. Der von ihm und anderen Denkern wie etwa Lessing vertretene Toleranzgedanke machte es möglich, dass auch in der musikalischen Hochkunst jüdische Komponisten wie Meyerbeer und Mendelssohn aufkommen konnten. Mendelssohn gilt in der Musikgeschichte (neben Robert Schumann) als wichtigster Vertreter der deutschen Romantik und des Historismus.

Die Ouvertüre zu Shakespeares "Sommernachtstraum" von 1826, der 1843 die komplette Schauspielmusik zu der Komödie folgte, wurde schon von Schumann in ihrer Neuheit und Leichtigkeit gerühmt: Die Musik sei "fein und geistreich genug, gleich vom ersten Auftreten Drolls und der Elfe an; das ist ein Necken und Scherzen in den Instrumenten, als spielten sie die Elfen selbst; ganz neue Töne hört man da." Auch die Sinfonien, Klavierlieder und "Lieder ohne Worte" lassen Mendelssohn als Romantiker erscheinen. Seine Oratorien "Paulus" und "Elias" knüpfen dagegen an Händel und Bach an. Sie gehören zu den Hauptwerken der Oratorienkomposition im gesamten 19. Jahrhundert. Für Mendelssohns historische Haltung ist auch die von ihm initiierte und geleitete erstmalige Wiederaufführung von Johann Sebastian Bachs "Matthäuspassion" am 11. März 1829 in Berlin kennzeichnend.
Mendelssohns Vater Abraham ließ seine vier Kinder 1816 in der "Jerusalem und Neuen Kirche" zu Berlin evangelisch-reformiert taufen und fügte den Namen Bartholdy hinzu. Viel später, in einem Brief an seinen Sohn, der sich 1829 gerade in London aufhielt, erläuterte er seine Motive: "Du kannst und darfst nicht Felix Mendelssohn heißen du mußt dich also Felix Bartholdy nennen weil der Name ein Kleid ist, und dieses der Zeit, dem Bedürfniß, dem Stande angemessen seyn muß, wenn es nicht hinderlich oder lächerlich werden soll. Heißt du Mendelssohn so bist du eo ipso ein Jude, und das taugt dir nichts, schon weil es nicht wahr ist. Beherzige dies, mein lieber Felix und richte dich danach."
Doch weder Felix noch seine Schwester Fanny richteten sich danach, sie wollten nicht auf den Namen "ihrer Väter" verzichten und führten ihn neben den christlich klingenden Namen Bartholdy und Hensel (Ehename Fannys ab 1829).

Peter Petersen, Juden in der Musik Deutschlands, in: Arno Herzig /Cay Radermacher (Hg.), Geschichte der Juden in Deutschland, Hamburg 2007, S. 304 f.

Wenngleich die zahlreich gegründeten jüdischen Kultur- und Sozialvereine eine neue, säkulare Form jüdischer Identität dokumentierten, lässt sich kaum von einer jüdischen Subkultur sprechen. Obwohl sie das jüdische Vereinswesen förderten und - allerdings nur an den hohen Festen - am jüdischen Gemeindeleben teilnahmen, integrierten sich die jüdischen Bürger vollständig in das bürgerliche Gesellschaftsleben - zum Beispiel in die damals populären Freimaurerlogen, die sich im 19. Jahrhundert auch für jüdische Mitglieder öffneten. In den bürgerlichen Vereinen und Gesellschaften unterstützten jüdische Bürger rege die bürgerliche Festkultur, wie vor allem bei den Schillerfeiern 1859 deutlich wird. Ein sichtbarer Beweis für die erfolgreiche Integration in die ländliche bzw. kleinstädtische Gesellschaft war die Mitgliedschaft in den Schützengesellschaften, in denen Juden nun auch Schützenkönige werden konnten - was Anfang des 19. Jahrhunderts noch auf erhebliche Ablehnung gestoßen war. Jüdische Identität und bürgerliche Identität schlossen sich für die meisten Juden nicht mehr aus, sondern ergänzten sich. Es war ein "Leben aus zwei Quellen", wie 1914 der jüdische Schriftsteller Jakob Loewenberg die Situation in einem autobiographischen Roman schildert. Wie aus zahlreichen Autobiographien hervorgeht, waren in jüdischen Familien die bürgerlichen Tugenden Fleiß, Ordnungsliebe, Pflichterfüllung hoch angesehen.

Jüdisches Familienleben

Die jüdische Tradition pflegten in erster Linie die Frauen, so in der familiären Gestaltung der Feiertage oder aber in der Vermittlung der Grundanschauungen des Judentums. Die Männer gingen dagegen am Sabbat vielfach ihren Berufsverpflichtungen nach wie auch die Kinder ihrem Schulbesuch. Geschlossen blieben allerdings die Heiratskreise, das heißt Ehepartner wurden fast ausschließlich im jüdischen Milieu gesucht. Dabei spielte die "gute Partie" durchaus eine Rolle, was sich in der Höhe der entsprechenden Mitgift ausdrückte. Trotz dieser konventionellen Verhaltensmuster spielten Jüdinnen in der deutschen Frauenbewegung eine bedeutende Rolle: Gleiche Bildungs- und Berufschancen für Frauen sowie deren politische Gleichberechtigung waren die Ziele des 1904 gegründeten Jüdischen Frauenbundes (JFB), der unter den jüdischen Frauen einen hohen Organisationsgrad erreichte. Geführt wurde er durch die energische Bertha Pappenheim, die sich auch als Schriftstellerin für die Rechte der Frauenbewegung einsetzte. Trotz seiner Forderungen und obwohl es seit dem Mittelalter immer wieder jüdische Frauen mit einem vergleichsweise hohen Grad beruflicher Selbstständigkeit gegeben hatte, orientierte sich auch der JFB am Frauenbild der Kaiserzeit. Die Frau sollte sich primär der Ehe und Familie widmen und den Mann in seinem Beruf unterstützen. Auch auf eine gleichberechtigte Stellung in der Gemeinde und in der Synagoge erhob der JFB bis in die Zeit der Weimarer Republik keinen Anspruch. Zwar hatte bereits 1846 eine Rabbinerkonferenz in Breslau Männer und Frauen in ihren religiösen Rechten und Pflichten für gleichberechtigt erklärt, doch traten selbst die liberalen Gemeinden für eine Trennung von Männern und Frauen in der Sitzordnung im Gottesdienst ein und Frauen wurden nicht zur Toralesung aufgerufen. Erst 1922 führten die Liberalen Gemeinden parallel zur Bar Mizwa, der Konfirmation für Jungen, die Bat Mizwa, die Konfirmation für Mädchen, ein. 1934 wurde dann mit Regina Jonas in Berlin die erste Frau als Rabbinerin ordiniert. Nicht so konservativ wie die christlichen Familien waren die jüdischen in Bezug auf die Bildung von Frauen eingestellt. Sie ermöglichten auch den Mädchen den Besuch von Höheren Schulen und, sobald in Deutschland möglich, der Universitäten. Von den 189 Studentinnen, die es 1910 in Preußen gab, waren 22 jüdisch. Doch blieben ihnen vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland eine akademische Karriere oder die Universitätslaufbahn versagt. Erst 1919 konnte sich die Hamburger Jüdin Agathe Lasch als eine der ersten Frauen überhaupt in Germanistik habilitieren. Den meisten Frauen blieb während der Kaiserzeit nur der Beruf der Lehrerin offen.

Juden im politischen Leben

Mit ihrem Bevölkerungsanteil von ungefähr einem Prozent spielten die Juden im politischen Leben, etwa als Wähler für den Reichstag, kaum eine Rolle. Die Mehrheit von ihnen neigte zum Liberalismus, der ihnen die Möglichkeit bot, am Ausbau der bürgerlichen Freiheiten und des Rechtsstaats mitzuwirken. Im Reichstag gehörten die beiden jüdischen Abgeordneten Eduard Lasker und Ludwig Bamberger zu den profiliertesten Politikern der Bismarck-Ära. Als Bismarck 1878 ein Bündnis mit den Konservativen schloss und auch die Nationalliberalen nach Rechts tendierten, initiierten Lasker und Bamberger die Gründung der linksliberalen Freisinnigen Volkspartei, der die meisten jüdischen Wähler ihre Stimme gaben. Obgleich es unter den jüdischen Bürgern der Kaiserzeit kaum SPD-Wähler gab, spielten in der Sozialdemokratie jüdische Politiker eine wichtige Rolle. Zu den Gründern der Sozialdemokratie 1863 gehörte der aus Breslau stammende jüdische Politiker Ferdinand Lassalle, der unter den deutschen Arbeitern eine fast kultische Verehrung genoss. Unter den SPD-Reichstagsabgeordneten waren durchgängig acht bis zwölf Prozent jüdisch. In den Richtungskämpfen der Partei positionierten sie sich auf unterschiedlichen Flügeln, wobei sich gegen Ende des Kaiserreichs die aus Polen stammende Rosa Luxemburg auf dem marxistischen Flügel hervorhob.


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