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Dossierbild Jüdisches Leben in Deutschland

5.8.2010 | Von:
Prof. em. Dr. Arno Herzig

1815-1933: Emanzipation und Akkulturation

Der Antisemitismus der Kaiserzeit

Neben den Linksliberalen waren die Sozialdemokraten die einzigen, die den Antisemitismus bekämpften, der sich nach der liberalen Phase und erfolgten Emanzipation der 1860er Jahre seit den 1870er Jahren in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen ausbreitete. Im politischen Katholizismus, der sich in Reaktion auf die staatliche Kulturkampfpolitik zu einem großen geschlossenen Lager formierte, wirkten die judenfeindlichen Traditionen der katholischen Kirche nach. Verstärkt wurden die Ressentiments durch den ökonomischen Neid der ländlich-katholischen Bevölkerungsgruppe, die sich im Prozess der Hochindustrialisierung sozial an den Rand gedrängt sah. Schuld an dieser Entwicklung war nach der in der katholischen Parteipresse veröffentlichten Meinung der Liberalismus, der von den katholischen Propagandisten mit dem Judentum gleichgesetzt wurde. Dass in den späten 1880er und 1890er Jahren der Antisemitismus im politischen Katholizismus - verkörpert durch die Zentrumspartei - wenn auch nicht überwunden, so doch tabuisiert wurde, ist das Verdienst des Zentrumsführers Ludwig Windthorst, der von dieser Absage seinen Verbleib in der Partei abhängig gemacht hatte.

Doch der Antisemitismus war nicht nur im politischen Katholizismus virulent, sondern breitete sich auch im protestantischen Bürgertum aus. Durch die Thesen des bekannten Historikers Heinrich von Treitschke im so genannten Berliner Antisemitismusstreit von 1878 erfasste er auch die akademische Jugend. Treitschkes griffige Formel "Die Juden sind unser Unglück" rief zwar den Protest vieler seiner Kollegen hervor, wurde aber von den Studenten aufgegriffen und machte somit den Antisemitismus in akademischen Kreisen salonfähig. Er wurde zum "kulturellen Code" (Shulamit Volkov) des deutschen Bildungsbürgertums.

Quellentext

Heinrich von Treitschke: Unsere Aussichten

Wenn Engländer und Franzosen mit einiger Geringschätzung von dem Vorurtheil der Deutschen gegen die Juden reden, so müssen wir antworten: Ihr kennt uns nicht; Ihr lebt in glücklicheren Verhältnissen, welche das Auskommen solcher "Vorurtheile" unmöglich machen. Die Zahl der Juden in Westeuropa ist so gering, daß sie einen fühlbaren Einfluß auf die nationale Gesittung nicht ausüben können; über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen; die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können. Die Israeliten des Westens und Südens gehören zumeist dem spanischen Judenstamme an, der auf eine vergleichsweise stolze Geschichte zurückblickt und sich der abendländischen Weise immer leicht eingefügt hat. [...] Wir Deutschen aber haben mit jenem polnischen Judenstamme zu thun, dem die Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei sehr tief eingeprägt sind; er steht erfahrungsgemäß dem europäischen und namentlich dem germanischen Wesen ungleich fremder gegenüber. Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen - unbeschadet ihres Glaubens [...], denn wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge. [...] unbestreitbar hat das Semitenthum an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Antheil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken droht; in tausenden deutschen Dörfern sitzt der Jude, der seine Nachbarn wuchernd auskauft. Unter den führenden Männern der Kunst und Wissenschaft ist die Zahl der Juden nicht sehr groß; um so stärker die betriebsame Schaar der semitischen Talente dritten Ranges. [...] Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!

in: Preußische Jahrbücher, 44 (1879), H. 5, S. 559 - 576 (Auszug)

Zit. nach: Der "Beliner Antisemitismusstreit" 1879 - 1881. Kommentierte Quellenedition. Im Auftrage des Zentrums für Antisemitismusforschung bearbeitet von Karsten Krieger, 2 Bde., München 2003, Teil 1, S. 6 - 19

Andreas Reinke: Geschichte der Juden in Deutschland 1781 - 1933, Darmstadt 2007, S. 93

Quellentext

Antisemitismus als "kultureller Code"

In der unmittelbaren Nachkriegszeit hat Hannah Arendt vor der Vorstellung gewarnt, der moderne Antisemitismus sei eine weitere Bekundung des in der christlichen Welt seit unvordenklichen Zeiten herrschenden "ewigen Hasses" auf die Juden oder ein direkter Erbe der judenfeindlichen Vorurteile, Diskriminierungen und Unterdrückungen des Mittelalters. Vielmehr sei es ganz wesentlich die Anlehnung an die Vergangenheit, die für die Verkennung der späteren, wirklichen Gefahr verantwortlich gewesen sei. [...] Der moderne Antisemitismus ist ihr zufolge mit dem modernen Nationalstaat entstanden und war die Reaktion der Gesellschaft auf die einzigartige Rolle der Juden in ihm. [...]

Der Antisemitismus nahm zwar unter den Nazis neue Formen an und war von beispielloser Intensität, aber er erwuchs aus der institutionellen Struktur, die die Wilhelminische Gesellschaft vorgegeben hatte. [...]
Was ist denn eigentlich so einmalig oder modern an dieser elementaren Antipathie der westlichen Gesellschaft gegen die Juden? [...] Gibt es eigentlich einen erkennbaren "modernen" Antisemitismus, der in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts beginnt? [...]
[...] Die einmalige deutsche Kultur, die sich in den neunziger Jahren herausbildete, kam in der "deutschen Ideologie" zum Ausdruck; in einer radikal antimodernen Mentalität, die von Liberalismus, Kapitalismus und Sozialismus nichts wissen wollte; in dem sehnsüchtigen Verlangen nach einer längst entschwundenen Welt. Zu ihr gehörte eine Reihe politischer Auffassungen, darunter die Ablehnung der Demokratie und der Ruf nach Wiederherstellung einer völkischen Gemeinschaft in Harmonie und Gerechtigkeit. Sie verband sich mit extremem Nationalismus, kolonialen und imperialen Bestrebungen, Begeisterung für den Krieg und mit dem Eintreten für einen vorindustriellen Sittenkodex [...]. In der einen oder anderen Weise ging diese Ideologie stets mit dem Antisemitismus Hand in Hand. [...]
Zum Antisemitismus assoziierte man aber nicht nur eine nationalistische Außenpolitik, protektionistische Wirtschaftspläne oder die Forderung nach ständischen Sozialreformen. Der Antisemitismus war auch Bestandteil eines ganzen Ethos, Element einer moralischen Perspektive. Ein gutes Beispiel sind die Ansichten der Antisemiten über Frauen und ihre Rechte. Das Deutschtum war ein Kult der Männlichkeit [...].
Den Frauen, so hieß es, fehlten wie den Juden das erforderliche ethische Bewusstsein und der moralische Ernst, die beide den deutschen Mann auszeichneten. Antisemitismus und Antifeminismus gingen im deutschen Kaiserreich fast zwangsläufig Hand in Hand. Beide waren integrierender Bestandteil jener anti-emanzipatorischen Kultur, die bei der Mehrheit der Deutschen in der Vorkriegszeit verbreitet war.
Die Wilhelminische Gesellschaft machte einen Prozess der kulturellen Polarisierung durch. [Es] entstanden zwei hauptsächliche Ideengruppen, zwei konzeptionelle Lager, zwei Systeme von Werten und Normen, kurzum: zwei Kulturen. Zu ihrer [...] Bezeichnung dienten oft zwei Begriffe: Antisemitismus und Emanzipation. [...]
Da [der Antisemitismus] im wesentlichen verbal blieb und für die Entscheidung der wichtigeren Tagesfragen wenig praktische Bedeutung hatte, war er umso besser geeignet, symbolischen Wert anzunehmen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war er zum "kulturellen Code" geworden. Das Bekenntnis zum Antisemitismus wurde zu einem Signum [Erkennungszeichen, Red.] kultureller Identität, der Zugehörigkeit zu einem spezifischen kulturellen Lager. Man drückte dadurch [...] die Präferenz [Vorliebe, Red.] für spezifische soziale, politische und moralische Normen aus. Die im deutschen Kaiserreich lebenden Zeitgenossen lernten, diese Botschaft zu entschlüsseln. Sie wurde Bestandteil ihrer Sprache, ein vertrautes und handliches Symbol.
Wie kam es, dass der Antisemitismus in der Kultur des deutschen Kaiserreichs eine so zentrale Rolle spielte? Durch welchen Vorgang verwandelte er sich in ein Symbol, ein Kürzel für ein ganzes System von Ideen und Einstellungen, die mit der direkten Schätzung oder Nicht-Schätzung von Juden wenig bis gar nichts zu tun hatten? [...]
Die Juden, so [der Historiker Heinrich] Treitschke, bildeten eine Gefahr für das "neue deutsche Leben" [...]. Sie waren das Gegenteil alles Deutschen, und schon ihre Präsenz war eine Gefahr für die deutsche Kultur. Die Juden standen für "Lug und Trug" und für Materialismus, im Gegensatz zur "Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes". Die gesamte geistige Gemeinschaft in Deutschland, erklärte er, sei zu dem unausweichlichen Schluss gelangt: "Die Juden sind unser Unglück."
Treitschke leistete nicht nur jene "assoziative Verschmelzung", die notwendig war, um das Bindeglied zwischen dem Antisemitismus und seiner besonderen Art von Nationalismus herzustellen; er verwendete auch die vertraute Propagandatechnik der "falschen Metapher". Die Judenfrage war nicht ein Problem neben anderen, sondern der Kern allen Übels. Mit einem Federstrich wurde ein Einzelproblem zum Inbegriff aller anderen gemacht. Die Juden wurden mit jedem negativen Aspekt des deutschen Lebens gleichgesetzt [...].
Um die Mitte der neunziger Jahre war das Bündel von Ideen, Werten und Normen, das im ersten Jahrzehnt des Reichs entstanden war, von einer dafür prädisponierten [empfänglichen, Red.] Gesellschaft absorbiert worden und wurde zu einer einzigartigen, weitverbreiteten Kultur. [...]
Die Fronten des Konflikts waren klar, und man musste entweder die Emanzipation in toto oder den Antisemitismus in toto akzeptieren. Für die meisten Deutschen war das selbstverständlich. Ein besonderes Problem schuf es nur für die patriotischen, nationalistischen Juden sowie für eine kleine Minderheit von Antisemiten im emanzipatorischen Lager.

Shulamit Volkov, Antisemitismus als kultureller Code, München 2000, S. 13-36

Eine eklatant antijüdische Haltung vertrat beispielsweise der "philosemitische Antisemit" (Wolfgang Paulsen) Theodor Fontane. 1879 schreibt er in einem allerdings nicht veröffentlichten Essay: Im jüdischen Bürgertum Berlins finde man "alles das Beste, was wir haben". Selbst in der "dominierenden Gesellschaft" entfalteten sie "eine Überlegenheit". Im Gegensatz zum preußischen Adel hätten die jüdischen Bürger das Enge und Provinzielle abgestreift. Andererseits mokiert sich Fontane 1882 in einem Brief aus Norderney an seine Frau: "Fatal waren die Juden; ihre frechen, unschönen Gaunergesichter (denn in Gaunerei liegt ihre ganze Größe) drängen sich einem überall auf. Wer [...] ein Jahr lang Menschen betrogen hat, hat keinen Grund darauf, sich in Norderney unter Prinzessinnen und Comtessen mit herumzuzieren [...] hat kein Recht [...] sich an einen Grafentisch zu setzen." Fontane durfte nicht an Grafentischen sitzen, was seinen Neid hervorrief, der dann in ein antijüdisches Ressentiment umschlug. Wie hier bei Fontane wird im antisemitischen Diskurs der Zeit vielfach eine Art Minderwertigkeitskomplex deutlich, indem vermeintlich jüdische Fähigkeiten bewundert, zugleich aber negativ interpretiert werden.

Fontane ist nur ein Beispiel für judenfeindliche Klischees. Auch bei anderen Autoren des 19. Jahrhunderts, so bei Fritz Reuter, Wilhelm Raabe oder Wilhelm Busch, finden sie sich. Am deutlichsten tritt dies in einem der meist gelesenen Romane des 19. Jahrhunderts, in Gustav Freytags "Soll und Haben" von 1855, hervor, der bis 1922 114 Auflagen erzielte. Der Roman sollte als liberale Programmschrift die Kraft des deutschen Bürgertums und eines leistungsfähigen Bauernstandes demonstrieren. Alle jüdischen Personen, die hier auftreten, sind äußerst negativ gezeichnet; dennoch erfreute sich dieser Roman auch unter jüdischen Lesern großer Beliebtheit.

Der Übergang der antisemitischen Strömungen von der Gesellschaft in die Politik war fließend. Der Hofprediger Adolf Stoecker, der den Antisemitismus im protestantischen Milieu heimisch machte, versuchte, ihn auch politisch im Kampf gegen die Sozialdemokratie zu nutzen und gründete die "Christlich-Soziale Arbeiterpartei" mit judenfeindlicher und populistischer Stoßrichtung. Im Arbeitermilieu fand er zwar nicht viel Anklang, umso mehr dagegen im Kleinbürgertum. Von dieser politischen Bewegung profitierten auch andere Antisemiten in Deutschland und im angrenzenden Ausland. In Wien, wo der Bevölkerungsanteil der Juden circa zehn Prozent betrug, errang die Antisemitismuspartei im Stadtparlament eine starke Position und stellte mit Karl Lueger den Bürgermeister.

Im Gegensatz zum Judenhass früherer Jahre, der stark religiös geprägt war, basierte der Antisemitismus der Kaiserzeit auf einer rassistischen Anschauung und gab sich als neuartige, säkulare Ideologie, die angeblich wissenschaftlich begründet war. Als einer der Ersten vertrat Wilhelm Marr, der sich in Hamburg als politischer Journalist betätigte und auch den Begriff Antisemitismus prägte, 1879 die These, dass es sich bei der "Judenfrage" um eine "Rassenfrage" handele und der Unterschied der "Rassen" im "Blut" liege. Doch hat auch der rassistische Antisemitismus eine längere Vorgeschichte. Ausgrenzungen der Juden aufgrund ihres angeblich "anderen Blutes" und der dadurch vermeintlich bedingten jüdischen Eigenschaften, die sowohl positiv wie negativ gedeutet wurden, hatte es seit dem beginnenden 19. Jahrhundert gegeben. Eine der prägnantesten deutschen Persönlichkeiten vor der Revolution von 1848, der Dichter, Theologe und Schriftsteller Ernst Moritz Arndt, hatte eine "Blutvermischung" mit den Juden abgelehnt, weil er von ihr eine "Bastardisierung" des deutschen Volkes befürchtete. Immerhin hielt er - wie zahlreiche Konservative, darunter auch der Hofprediger Adolf Stoecker - eine Überwindung der negativen "jüdischen Eigenschaften" durch die Taufe im Lauf der Zeit für möglich. Doch finden sich schon bei den konservativen Volkstumsideologen fatale Metaphern, die die Juden mit Ungeziefer gleichsetzen und damit Vernichtungsvorstellungen nahelegen.

Einen Schritt weiter gingen die rassistischen Antisemiten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Theorien entwickelten. Sie fußten auf den Ausführungen des französischen Diplomaten Joseph Arthur Comte de Gobineau, der in seinem "Essai sur l'inégalité des races humaines" um 1850 die Menschheit in drei Rassen: Weiße, Schwarze, Gelbe unterteilte und nur den Weißen, den "Ariern", kulturschöpferische Fähigkeiten zusprach. Er warnte deshalb vor Vermischung der "Arier" mit anderen Rassen. Zur Begründung seiner Theorie behauptete er eine historische Gesetzmäßigkeit. Außer auf Gobineau bezogen sich die rassistischen Antisemiten auf Charles Darwins Theorie vom "Überleben der Tüchtigsten" - wenngleich Darwin selbst keine rassistischen oder antisemitischen Motive hegte. Was bei E.M. Arndt in Ansätzen anklang, führte der deutsch-österreichische Schriftsteller Johannes Nordmann unter dem Pseudonym D.H. Naudh 1861 in seiner Broschüre "Die Juden und der Deutsche Staat" weiter aus. Der jüdische Volkscharakter ergebe sich aus der Reinheit des jüdischen Blutes. Das Judentum sei deshalb nicht als Religion, sondern als "Raceneigentümlichkeit" aufzufassen. Ein Religionswechsel habe somit keine bessernden Konsequenzen. Ähnlich argumentierte 1881 der Berliner Privatdozent für Philosophie und Nationalökonomie Eugen Düring, der eine scharfe Trennung von christlichen Deutschen und Juden "auf demselben Boden" forderte. Er konnte sich auch vorstellen, an Landesverrat beteiligte "Judengruppen wegzuschaffen". Deutsch-völkische Ansichten wie bei Arndt vermischten sich mit rassistischen Vorstellungen von der Reinheit des Blutes und sozialdarwinistischen Ideen eines Kampfes zwischen höher- und minderwertigen "Rassen" zu einer antisemitischen "Weltanschauung", die das Judentum als "Weltproblem" identifizierte.

Auf weite Kreise des deutschen Bildungsbürgertums gewann der in Deutschland lebende Engländer Houston Stewart Chamberlain, der Schwiegersohn Richard Wagners, Einfluss, der in seinem zweibändigen Erfolgswerk "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" (1899) die gesamte abendländische Geschichte als ein gigantisches Ringen der "arischen Rasse" mit ihren Feinden interpretierte und vor allem die Gegenwart vom Schicksalskampf des Germanentums gegen das Judentum beherrscht sah. In diesem Kampf spielten Chamberlain zufolge vor allem "Mischehen" eine fatale Rolle, die zu einer "Verunreinigung der arischen Rasse" führten und von den Juden angeblich als Kampfmittel eingesetzt würden. Wenn auch von der Wissenschaft abgelehnt, gewannen Chamberlains Ausführungen doch Einfluss auf die Politik. Kaiser Wilhelm II. ordnete an, dass Chamberlains "Grundlagen" an den preußischen Lehrerseminaren als Pflichtlektüre gelesen werden mussten. Chamberlains manichäische Ideologie - es gab nur ein gutes und ein böses, übertragen: ein germanisches und ein jüdisches Prinzip - begründete alle Konflikte der Gegenwart mit der Existenz der Juden in der deutschen Gesellschaft. Verbunden mit dem ökonomischen Neid, der vor allem in den sich benachteiligt fühlenden Gruppen der Gesellschaft wie Handwerkern oder kaufmännischen Angestellten verbreitet war, erwuchs daraus eine fatale politische Programmatik.

Selbstbewusste Gegenwehr

Gegen den Antisemitismus im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts regte sich jedoch auch Widerstand, der vor allem in Frankreich erfolgreich war. Auch hier gab es eine sehr starke antisemitische Strömung, die 1894 mit der so genannten Dreyfus-Affäre den wohl bedeutendsten antisemitischen Skandal dieser Zeit in Europa auslöste. Der jüdische Offizier Alfred Dreyfus war wegen angeblicher Spionage für Deutschland verdächtigt, aufgrund gefälschter Beweise verurteilt, degradiert und auf die Teufelsinseln verbannt worden. Gegen dieses offenkundige Unrecht protestierte 1898 der Schriftsteller Émile Zola in einem offenen Brief, den er unter dem Titel "J'accuse" in der Zeitung "L'Aurore" veröffentlichte. Dies führte letztlich zur Rehabilitierung von Dreyfus. Eine andere Folge des Prozesses gegen Dreyfus von 1894 war die Schrift des Wiener Journalisten Theodor Herzl "Der Judenstaat" von 1896, die, wie es im Untertitel lautete, den "Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" anbot. Danach sollten sich die Juden als Nation konstituieren und einen eigenen Staat gründen. Der Vorschlag wurde von der Zionistenbewegung begeistert aufgenommen und 1948 mit der Gründung des Staates Israel realisiert.

Unter dem akkulturierten jüdischen Bürgertum in Deutschland fand der Zionismus nur wenige aktive Anhänger. Hier setzte man als Abwehrstrategie gegen den Antisemitismus eher auf die Aktivitäten des 1893 gegründeten "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (CV). Er trug erheblich zu einem jüdischen Gruppenbewusstsein bei. Gegen die antisemitischen Strömungen setzte er eine breite Öffentlichkeitsarbeit, in der die antisemitischen Behauptungen widerlegt wurden. Gegen die antisemitischen Emotionen war allerdings eine rationale Aufklärung ziemlich wirkungslos, zumal die rassistischen Antisemiten mit ihrem geschlossenen Weltbild für gegenteilige Argumente kaum zugänglich waren. Auch Zivilprozesse halfen da wenig. Auf den unfeinen Bäderantisemitismus mancher Kurorte, wie etwa Borkum oder Zinnowitz, reagierten jüdische Zeitungen mit so genannten Warnlisten, in denen etwa 20 bis 30 Erholungsorte und die 80 Hotels aufgeführt wurden, in denen Juden "unerwünscht" waren. Gerade den Bäderantisemitismus empfanden die jüdischen Bürger als sehr kränkend und beantworteten ihn mit dem Boykott dieser Orte. Die Mehrheit der jüdischen Bürger sahen sich in ihrer Akkulturation an die bürgerliche Gesellschaft und in der Verteidigung von deren Werten als gute Patrioten. Vielfach unterschätzten sie deshalb auch die Brisanz des Antisemitismus.

Trotz aller schwierigen akkulturativen Bemühungen und antisemitischen Angriffe zeigte sich das Judentum in Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkriegs als selbstbewusste Gemeinschaft, die sich trotz starker sozialer Differenzierung ihrer Identität und der eigenen Wurzeln bewusst war. Unterstützt wurde es hierin durch geistige Führungspersönlichkeiten wie den Philosophen Hermann Cohen und die Religionswissenschaftler Martin Buber, Franz Rosenzweig und Leo Baeck, die das Beste der deutschen Kultur mit dem Besten der jüdischen Tradition zu verbinden suchten.

Für alle Juden, die auf die deutsche Kultur und deutsche Nation setzten und sich als ein Teil von ihr verstanden, brachte der Erste Weltkrieg eine gewisse Desillusionierung mit sich. Die jüdischen Soldaten erfuhren in den Schützengräben den Antisemitismus ihrer nicht-jüdischen Kameraden. Der Antisemitismus in der Heimat führte 1916 zur so genannten Judenzählung an der Front. Der Vorwurf der Antisemiten, Juden würden sich vor dem Krieg drücken und seien als Soldaten allenfalls in der Etappe, nicht aber an der Front zu finden, wurde durch die Zählung widerlegt. Da die Zahlen dieses antisemitische Vorurteil bloßstellten, wurden sie nicht veröffentlicht. Jüdische Statistiker errechneten nach dem Krieg 12000 jüdische Gefallene. Berücksichtigt man die damalige Überalterung der jüdischen Minderheit, so entsprach der Prozentsatz jüdischer Kriegsopfer mit 12,5 Prozent in etwa dem allgemeinen Durchschnitt von 13,4 Prozent.

Quellentext

Die Judenzählung

Am 11. Oktober 1916, fünf Tage nach Zeichnungsschluss für die fünfte Kriegsanleihe, ordnete das preußische Kriegsministerium eine statistische Erhebung über die Dienstverhältnisse der deutschen Juden während des Krieges an. Kriegsminister Weil von Hohenborn hielt es für angebracht, sich in seinem Erlass direkt auf die "Klagen" aus der Bevölkerung zu beziehen, nach welchen sich "eine unverhältnismäßig große Zahl wehrpflichtiger Angehöriger des israelitischen Glaubens" unter vielerlei Vorwänden dem Herresdienst entziehe. Die Erklärung des Ministeriums, es wolle mit dieser Zählung die jüdischen Soldaten in keiner Weise diskreditieren, sondern Material zur Widerlegung antisemitischer Angriffe sammeln, war kaum glaubwürdig. Bisher war das Kriegsministerium auf Beschwerden der Bevölkerung niemals so beflissen eingegangen. Wie sollten beispielsweise zu anderen Truppeneinheiten versetzte, abkommandierte, verwundete und gefangene jüdische Soldaten registriert werden? Wurde nach Alter, Gesundheitsbefund und Tauglichkeit gefragt? Wie konnte erfasst werden, ob jüdische Soldaten in Schreibstuben oder andere rückwärtige Dienste versetzt oder kommandiert worden waren, etwa weil sie als Spezialisten, Dolmetscher oder aus anderen Gründen dort gebraucht wurden?

Über diese und zahlreiche andere Fragen und Bedenken hat sich das Ministerium hinweggesetzt und es den Kommandobehörden und Truppenstäben überlassen, damit fertig zu werden. Dabei konnte in Berlin niemand daran zweifeln, dass die Mehrheit der Offiziere und Unteroffiziere weder bereit noch in der Lage war, diese Erhebung objektiv und gerecht durchzuführen. Die einzelnen Generalkommandos versandten völlig unzulängliche Fragebogen, so dass die Erhebung schon dadurch zu falschen Ergebnissen führen musste. Dort, wo Antisemiten für die Bearbeitung zuständig waren, wurden ohne Zögern Verwundete, Kriegsbeschädigte und Abkommandierte als Etappensoldaten gezählt. Zuweilen verfielen sie auch noch auf andere Unkorrektheiten, um zu "beweisen", dass die betreffenden Juden nicht an der Front waren.
Wie immer aber der wirkliche Sachverhalt war, diese Judenzählung trug zur entscheidenden Entfremdung zwischen Juden und ihren Kameraden bei. Zudem untergrub das Ministerium auch die Autorität der jüdischen Vorgesetzten, der Offiziere, Truppenärzte und Unteroffiziere, weil bereits in der Begründung für die Maßnahmen der Vorwurf der Drückebergerei und Feigheit anklang.

Werner Jochmann, Die Ausbreitung der Antisemitismus, in: Werner E. Mosse/Arnold Paucker (Hg.), Deutsches Judentum in Krieg und Revolution 1916 - 1923, Tübingen 1971, S. 425 f. Zitiert nach: Deutsch-Jüdische Geschichte. Quellen zur Geschichte und Politik, Stuttgart 2007, S. 76 f.



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