Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen

18.9.2009 | Von:
Steffen Angenendt
Matthias Basedau
Bettina Conrad
Andreas Eckert
Gero Erdmann
Dominic Johnson
Tobias von Lossow
Stefan Mair
Laurence Marfaing
Dalila Nadi

Herausforderungen und Chancen für die Politik

Die Rolle der Diasporas

Bis vor kurzem bezeichnete der Begriff "afrikanische Diaspora" (vom griechischen diaspeírein = zerstreuen, verbreiten) fast ausschließlich jene Bevölkerungsgruppen in Nord- und Südamerika, der Karibik, dem Mittleren Osten und auch in Europa, deren Vorfahren einst aus Afrika verschleppt und als Sklaven zwangsweise dort angesiedelt worden waren. In Abgrenzung zu dieser "alten" Diaspora wurde in den 1990er Jahren der Begriff der "neuen afrikanischen Diaspora" geprägt, deren Mitglieder erst kurze Zeit als Zuwanderer oder Flüchtlinge in Nordamerika oder Europa leben und die mit der alten "Black Diaspora" außer ihrer Hautfarbe nicht viel gemein haben. Aber auch die neue afrikanische Diaspora ist alles andere als eine homogene, in sich geschlossene Gemeinschaft, weshalb hier im Folgenden die Pluralform Diasporas verwendet wird.

Das Migration and Remittance Factbook der Weltbank geht davon aus, dass rund 16 Millionen Afrikaner aus Ländern südlich der Sahara außerhalb ihres Geburtslandes leben. Von diesen wiederum haben sich laut der International Organisation for Migration (IOM) mehr als 3,6 Millionen vorwiegend in Nordamerika und Europa angesiedelt. Etwa 1,4 Millionen leben in den USA, eine weitere Million in der EU. Diese Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da die meisten Statistiken undokumentierte Einwanderer, aber auch solche, die mittlerweile die Staatsbürgerschaft des Einwanderungslandes besitzen, nicht erfassen.

Wie Einwanderer aus anderen Regionen der Welt sind auch afrikanische Diasporas sowohl weltweit vernetzt als auch intern fragmentiert. Sie bestehen aus Personen, die zu verschiedenen Zeiten, unter unterschiedlichen Voraussetzungen ihr Land verlassen haben und ebenso unterschiedliche Bedingungen in ihrer neuen Heimat vorfanden. Gemeinsam ist jedoch den meisten das Bemühen, Kontakt zum Herkunftsland zu halten. Neue und günstige Kommunikationsmittel wie das Internet helfen, die Verbindung zu den Daheimgebliebenen, aber auch zu Verwandten und Freunden in anderen Teilen der Welt zu pflegen.

Wirtschaftliches Potenzial

Die mögliche wirtschaftliche Bedeutung afrikanischer Diasporas rückte erst in den letzten Jahren in den Blickpunkt. Aufmerksam wurde dabei zunächst registriert, dass Rücküberweisungen ("remittances") aus der Diaspora in den vergangenen Jahren rapide gestiegen sind. 2007 belief sich die Summe der dokumentierten Transfers in die Länder südlich der Sahara auf über zwölf Milliarden US-Dollar. Der tatsächliche Betrag dürfte nach Einschätzung von Experten um ein Vielfaches höher sein und übertrifft - zumindest in einigen Ländern - die Entwicklungshilfegelder.

Auch wenn Transferleistungen aus der Diaspora hauptsächlich privaten Haushalten zu Gute kommen, sind sie eine wichtige und zuverlässige Devisenquelle für den Staat - und tragen oft erheblich zum Bruttonationaleinkommen bei. Wie genau die Gelder verwendet werden, ist unklar. Vieles deutet darauf hin, dass sie hauptsächlich in Konsumartikel, aber auch in Bildung oder kleine unternehmerische Projekte investiert werden. In jedem Fall profitieren die lokalen Märkte. Einige Wissenschaftler weisen aber auch auf Negativeffekte hin: So fördern remittances das Entstehen einer "Versorgungsmentalität", verstärken soziale Ungleichheit und schaffen ein falsches Bild vom "guten Leben" in der Diaspora.

Einige Entwicklungsexperten befürworten daher eine "Entwicklung durch Diaspora", die nachhaltige Hilfsprojekte und Investitionen fördert. Sie argumentieren, dass Helfer oder Partner aus den Diasporas die lokalen Bedürfnisse besser verstehen als externe Entwicklungshelfer. Zudem könnte eine permanente oder zeitweise Rückkehr von Migranten der massiven Abwanderung von afrikanischen Bildungseliten ("brain drain") gegensteuern und einen Wissenstransfer leisten. Skeptiker geben jedoch zu bedenken, dass für eine solche Nutzung des Diasporapotenzials die lokalen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen stimmen müssen. Auch ist die Diaspora zwar eine gern gesehene Geldquelle, Rückkehrer werden aber nicht selten als Konkurrenten um Arbeitsstellen und Ressourcen betrachtet.

Viele Herkunftsländer haben das Potenzial der Diaspora erkannt und versuchen, ihre im Ausland lebenden Staatsbürger auf Dauer an sich zu binden, zum Beispiel durch günstige Investitionsmöglichkeiten, die Zulassung der doppelten Staatsbürgerschaft oder Erteilung des Wahlrechts. Diasporakommissionen, -beauftragte oder -ministerien wurden eingerichtet. Die Afrikanische Union (AU) erklärte die afrikanische Diaspora 2006 offiziell zur ihrer sechsten Region. Auch die Zuwanderungsländer betonen die Notwendigkeit, die afrikanischen Diasporas zu mobilisieren und zu fördern. Hier herrscht jedoch ein deutlicher Widerspruch zu den schweren Bedingungen für afrikanische Flüchtlinge und Migranten, sich in Europa zu etablieren.

Bedeutung für Demokratie und Frieden

Die wirtschaftliche Bedeutung der Diasporas sowie ihre relativ guten Möglichkeiten, internationale Aufmerksamkeit für ihre Belange zu schaffen, geben ihnen auch ein politisches Gewicht. Einige Experten erwarten, dass die Erfahrungen der Diasporas mit demokratischen, liberalen Systemen langfristig positiven Einfluss auf die politische Situation und die Stärkung der Zivilgesellschaft in Afrika haben werden. Diese Hoffnungen werden bestärkt durch eine wachsende Zahl von Diasporagruppen, die sich für Demokratie, Bürger- und Menschenrechte in ihren Herkunftsländern engagieren.

Politische Aktivitäten sind allerdings nicht per se konstruktiv. Kritische Stimmen warnen, dass Diasporas generell zu reaktionären Überzeugungen neigen und keineswegs immer freiheitlich-demokratische Ziele im Hinblick auf ihre Heimatlandpolitik verfolgen. Vor allem in Krisensituationen können exilpolitische Tätigkeiten konfliktverschärfend oder destabilisierend wirken, etwa wenn mit Diasporageldern bestimmte Interessengruppen oder gewaltbereite Organisationen innerhalb eines Landes finanziert werden. Spannungen zwischen verschiedenen politischen, ethnischen oder regionalen Gruppen führen nicht selten sogar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Diaspora.

Besonders in autoritären Staaten wird deutlich, dass Herkunftsstaaten die Versuche politischer Einflussnahme durch ihre Diaspora durchaus lenken können. Letztere kann zwar von außen politischen Druck ausüben, etwa durch Boykott von Zahlungen oder Einflussnahme bei westlichen Geldgebern (Demonstrationen, Petitionen), sie selbst ist aber auch verletzlich. So kann eine angeprangerte Regierung etwa Diasporamitgliedern die Einreise erschweren, ihnen die Ausstellung wichtiger Dokumente verweigern oder gar mit Repressalien gegen zurückgebliebene Familienmitglieder drohen. Welche wirtschaftliche, politische und kulturelle Bedeutung die relativ jungen afrikanischen Diasporas in Zukunft haben werden, hängt von vielen Faktoren ab: Möglichkeiten in den Einwanderungsländern, Bedingungen in den Herkunftsländern sowie den globalen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen.


Dossier - Africome

Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

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