Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Gero Erdmann
Stefan Mair

Südliches Afrika: Wirtschaftspotenziale und soziale Herausforderungen

Angola

Von Stefan Mair

Angola ist eines jener afrikanischen Länder, dessen geringe öffentliche Wahrnehmung in Deutschland seiner Bedeutung für den afrikanischen Kontinent nicht gerecht wird. In der Medienberichterstattung, aber auch in den einschlägigen wissenschaftlichen Disziplinen spielt Angola nur eine sehr untergeordnete Rolle. Der Hauptgrund hierfür mag relativ banaler Natur sein: In Angola wird portugiesisch gesprochen, eine Sprache also, die als Fremdsprache in Deutschland wenig verbreitet ist. Darüber hinaus hat der jahrzehntelange Bürgerkrieg die Berichterstattung aus und Forschung in dem Land außerordentlich erschwert. Dennoch lohnt sich die Beschäftigung mit Angola - nicht nur, weil es politisch und wirtschaftlich für Afrika wichtig ist. Am Beispiel Angolas lassen sich drei für den Gesamtkontinent zentrale Faktoren herausarbeiten: die Bedeutung des Ost-West-Konflikts für die Entwicklung afrikanischer Staaten, die Rolle des Ressourcenreichtums und ein relativ sorgloser Umgang mit Machtprojektion.

Die Küste Angolas war eine der ersten Afrikas, an der sich dauerhaft europäische Siedler niederließen. Schon 1483 kam es zur Gründung erster portugiesischer Forts an der Mündung des Flusses Kongo. Sie dienten anfänglich vor allem der Versorgung portugiesischer Handelsschiffe, die um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien, China und Südostasien segelten. Später wurden sie zu zentralen Umschlagplätzen des Sklavenhandels. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen die Portugiesen, systematischer in das Landesinnere Angolas vorzudringen. Die Gewinnung von Kaffee und anderen landwirtschaftlichen Exportprodukten sowie von Diamanten wurde zum primären Ausbeutungsinteresse. Mit der Berliner Konferenz 1884/85, auf der die europäischen Mächte, das Osmanische Reich und die USA ihre Interessen in Afrika berieten, wurde Angola portugiesische Kolonie. Während sich Frankreich und Großbritannien im Verlauf der 1960er Jahre weitgehend aus ihren Kolonialgebieten in Afrika zurückzogen, hielt das autoritäre Regime Portugals bis 1975 an seinen afrikanischen Besitzungen fest. Es forcierte die Auswanderung in diese Kolonien sogar noch in den 1970er Jahren. Gleichzeitig war das Interesse, aber auch die Fähigkeit der im europäischen Vergleich relativ armen Kolonialmacht, in die Infrastruktur und das Bildungs- und Gesundheitswesen Angolas zu investieren, sehr begrenzt. Die geringe Entwicklungsorientierung und das große Beharrungsvermögen des Kolonialregimes waren sicherlich Hauptgründe dafür, dass die angolanischen Befreiungsbewegungen 1961 den bewaffneten Kampf aufnahmen. Er forderte zahlreiche Opfer und endete erst, als in Portugal das autoritäre Regime durch die Nelkenrevolution im Jahr 1974 gestürzt wurde und die neue Regierung Angola in die Unabhängigkeit entließ.

Darauf war das Land schlecht vorbereitet. Die Kolonialherren hatten es unterlassen, rechtzeitig vor der Unabhängigkeit Übergangsinstitutionen aufzubauen oder gar die Angolaner schrittweise an der Macht zu beteiligen. Zudem fehlten dem Land erfahrene Verwaltungsfachleute, Lehrer und Ärzte. Hinzu kamen starke gesellschaftliche Gegensätze. Da sich die geringen Investitionen der Portugiesen vor allem auf den nördlichen Küstenstreifen um die Hauptstadt Luanda konzentriert hatten, waren deren Bewohner auch deutlich besser gestellt als die Bevölkerung im Landesinneren und im Südwesten. Diese soziale Differenz wurde durch eine ethnische verschärft: der zwischen den beiden zahlenmäßig dominierenden Volksgruppen der Ovimbundu und Kimbundu. Letztere siedelten vor allem im Einzugsgebiet Luandas, erstere im zentralen Hochland des Landes. Auch die beiden dominierenden Befreiungsbewegungen des Landes, die MPLA (Volksbewegung zur Befreiung Angolas) und die UNITA (Union für die völlige Unabhängigkeit Angolas), hatten sich entlang ethnischer und geographischer Trennlinien formiert. Gegen Ende des Befreiungskrieges kam eine politisch-ideologische Trennlinie hinzu, die die bestehenden Gegensätze verschärfte: Die MPLA bekannte sich zum Sozialismus und wurde entsprechend von der Sowjetunion und deren Verbündeten unterstützt. Die UNITA galt einigen als Gründung der Kolonialherren, um die MPLA zu schwächen. Im Gegensatz zur MPLA gab sie sich pro-westlich, wodurch es ihr auch schon in der Endphase des Kolonialregimes gelang, Unterstützung aus den USA und Südafrika zu mobilisieren.

Dieser Gegensatz zwischen MPLA und UNITA führte zu einem offenen Bürgerkrieg zwischen beiden Befreiungsbewegungen, der faktisch kurz nach der Unabhängigkeit 1975 begann. Die um die Hauptstadt operierende MPLA hatte nach dem Rückzug der Portugiesen formal die Macht übernommen und keinerlei Bereitschaft signalisiert, sie mit der UNITA zu teilen. Die Staaten des Sowjetblocks forcierten im Sinne der Expansionsstrategie die Unterstützung für das neue Regime. Für die Sowjetunion war Angola ein zentraler Baustein in der globalen Auseinandersetzung mit dem Westen um Einflusszonen. Die Armee des Landes wurde sehr gut ausgerüstet, zahlreiche sowjetische Militärberater entsandt; in den 1980er Jahren kämpften zeitweilig bis zu 60 000 kubanische Soldaten auf Seiten der MPLA. In der Logik des Ost-West-Konflikts und der Eindämmungsstrategie sowjetischer Expansion ergriffen westliche Mächte massiv Partei zugunsten der UNITA. Sie erhielt Waffenlieferungen, aber auch unmittelbare militärische Unterstützung, die vor allem durch die südafrikanische Armee geleistet wurde. Das Interesse des international isolierten Apartheid-Südafrika war es, sich zum einen in Angola als nützlicher Verbündeter des Westens zu zeigen. Zum anderen ging es ihm um die Bekämpfung der namibischen Rebellen - Namibia bzw. Südwestafrika stand damals unter südafrikanischer Verwaltung -, deren zentrales Rückzugsgebiet im Süden Angolas lag.

Die Interpretation des angolanischen Bürgerkriegs als Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West wurde so dominant, dass die meisten Beobachter nach dem Ende des Ost-West-Konflikts davon ausgingen, dass der Bürgerkrieg nunmehr ein schnelles Ende finden würde. Um so größer war die Überraschung, dass die Friedensbemühungen der Vereinten Nationen, deren zentrales Element freie Wahlen waren, 1992 scheiterten, als der Führer der UNITA, Jonas Savimbi, seine Wahlniederlage nicht akzeptieren wollte. Unmittelbar nach Verkündung des Wahlergebnisses nahm die UNITA unter seiner Führung den Kampf gegen die MPLA wieder auf. Damit zeigte sich, dass die Reduzierung des Konflikts zwischen MPLA und UNITA auf den Stellvertreteraspekt weitere zentrale Differenzen ausgeblendet hatte: die Gegensätze zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen ethnischen Gruppen und zwischen zwei um die Macht im Staate konkurrierenden Parteien. Nachdem Savimbi sich durch die Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes bei seinen ehemaligen Unterstützern diskreditiert hatte, wurde die wichtigste Finanzquelle für die militärische Aufrüstung der UNITA der illegale Diamantenexport. In der Folge degenerierte die UNITA immer mehr zur Soldateska eines Kriegsherren, bei dem nicht mehr erkennbar war, ob er Diamanten exportierte, um einen Krieg zu führen, oder Krieg führte, um Diamanten zu exportieren. Die Eindämmung des illegalen Diamantenhandels seit Ende der 1990er Jahre schwächte die UNITA entscheidend. Kurz nach der Tötung Savimbis im Jahr 2002 fand der nunmehr 27 Jahre dauernde Bürgerkrieg sein Ende. Die UNITA gliederte sich wieder in den politischen Prozess ein.

Nahezu zeitgleich mit der Beendigung des Bürgerkriegs sorgte der internationale Ölboom zu einem exorbitanten Anstieg des Ölpreises. Angola ist inzwischen vor Nigeria der wichtigste Ölexporteur Afrikas. Schon während des Bürgerkriegs hatte die angolanische Regierung, die sich nunmehr als sozialdemokratisch bezeichnet, glänzende Geschäfte mit dem Ölexport gemacht, wobei es die formal sozialistische Regierung genauso wenig wie die Staaten des westlichen Blocks störte, dass die Lizenzen zur Ausbeutung der Erdölvorkommen an amerikanische und europäische Erdölfirmen vergeben wurden. Die Verwendung der Erdöleinnahmen durch die Regierung gilt im Falle Angolas als noch weitaus weniger transparent als in anderen Erdölstaaten. Zu Zeiten des Bürgerkriegs dienten sie sicherlich zum Großteil der Kriegsfinanzierung, aber auch nicht unwesentlich der Bereicherung der politischen Eliten. Die Hoffnungen, nach dem Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen würden die Öleinnahmen insbesondere für massive Investitionen in die zerstörte Infrastruktur des Landes verwendet, wurden bisher weitgehend enttäuscht. Sie bereicherten stattdessen vor allem eine kleine Gruppe von Politikern und Unternehmern. Ein beachtlicher Anstieg des Konsums und ein Bauboom in Luanda sind dafür Zeugnis. 2008 war Luanda eine der Städte mit den höchsten Lebenshaltungskosten weltweit.

Die Erdöleinnahmen werden nach wie vor in die angolanische Armee investiert. Sie gilt nicht nur als eine der kampferprobtesten des afrikanischen Kontinents, sondern auch als eine der am besten ausgerüsteten und damit schlagkräftigsten. Diese militärischen Fähigkeiten paaren sich mit der Bereitschaft der Regierung, sie nicht nur im Inneren, sondern auch außerhalb der Grenzen Angolas einzusetzen. Schon 1997 intervenierte die angolanische Armee in der Republik Kongo auf Seiten der Opposition, nachdem der Ausgang der Wahlen dort von beiden Seiten umstritten war und in einen militärischen Konflikt überging. Noch dramatischer war jedoch das Eingreifen Angolas im Bürgerkrieg in der benachbarten DR Kongo. Als eine von Ruanda und Uganda unterstützte Rebellenbewegung 1998 versuchte, durch eine Luftlandeoperation die Macht in Kinshasa an sich zu reißen, intervenierte Angola zusammen mit Simbabwe und Namibia auf Seiten der Regierung, angolanische Truppen operierten tief im Territorium der DR Kongo. Das Motiv Angolas war dabei sicherlich nicht nur, Solidarität mit einem befreundeten Regime zu zeigen oder die Destabilisierung der eigenen Grenzregion durch einen Bürgerkrieg im Nachbarland zu verhindern. Vielmehr kann das Eingreifen Angolas in der DR Kongo als Ausdruck regionalen Vormachtstrebens gedeutet werden. Noch fünf Jahre nach der offiziellen Beendigung des Bürgerkriegs im Jahre 2003 üben angolanische Berater und Militärs großen Einfluss auf die Regierung in Kinshasa aus. Die angolanische Regierung sieht sich als eine der Kräfte, die die Zukunft Afrikas entscheidend prägen werden, und blendet dabei aus, dass sie bisher kaum Fortschritte dabei erzielt hat, die strukturellen Konfliktursachen im eigenen Land zu beheben.


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