Dossierbild Afrika – Länder und Regionen

27.5.2009 | Von:
Gero Erdmann
Stefan Mair

Südliches Afrika: Wirtschaftspotenziale und soziale Herausforderungen

Sambia

Von Gero Erdmann

Sambia galt einige Zeit als Modellfall der Demokratisierung, die es als erstes Land im englischsprachigen Afrika im Oktober 1991 vollzogen hatte. Der Regimewechsel war weitgehend friedlich verlaufen: Kenneth Kaunda, Präsident des alten Einparteienregimes, hatte die Wahlniederlage eingeräumt und der Opposition nach einem überwältigenden Wahlsieg die Macht überlassen. Der Gewerkschaftsführer Frederik Chiluba war als Kandidat der Oppositionsbewegung Movement for Multiparty Democracy (MMD) mit 76 Prozent der Wählerstimmen zum neuen Präsidenten gewählt worden, im Parlament hatte die MMD mit 125 der 150 Sitze eine komfortable Zweidrittelmehrheit. Die alte Staatspartei United National Independence Party (UNIP), die das Land seit der Unabhängigkeit beherrscht hatte, war auf eine kleine Regionalpartei im Osten des Landes mit nur noch 25 Mandaten geschrumpft.

Interne Auseinandersetzungen in der MMD um weitere Demokratisierungsschritte und Korruptionsfälle in der Regierung provozierten 1993/4 heftige Auseinandersetzungen innerhalb der neuen Regierungspartei. Zugleich fühlte sich die Regierung von der alten Staatspartei bedroht, in deren Führungsgremien ein Strategiepapier zur Destabilisierung der neuen Regierung kursierte. Darauf reagierte die Chiluba-Regierung 1993 mit dem Ausnahmezustand und mit wachsender Repression gegenüber der kritischen Presse. Die autoritären Tendenzen gipfelten schließlich in einer hastig verabschiedeten neuen Verfassung, die allein zum Ziel hatte, die Wiederwahl von Präsident Chiluba 1996 zu sichern: Die teilweise boykottierten Wahlen 1996, die von Chiluba und der MMD erneut mit absoluter Mehrheit gewonnen wurden, gelten nicht als frei und fair.

Trotz des autoritären Klimas im Lande konnte 1998 als weitere Partei die United Party for National Development (UPND) gegründet werden, die sich rasch als stärkste Kraft der Opposition etablierte. Entscheidend für den Niedergang der MMD war schließlich der Versuch Präsident Chilubas, durch eine Verfassungsänderung eine "dritte Amtszeit" zu erreichen. Anders als in benachbarten Ländern verhinderte eine breite zivilgesellschaftliche Protestbewegung die geplante Verfassungsänderung. Dem Widerstand hatten sich auch zahlreiche Minister angeschlossen, die selbst für die Präsidentschaft kandidieren wollten, deshalb aus der Regierung und der MMD ausgeschlossen worden waren und mehrere eigene Kleinparteien gründeten. Der von Chiluba als Präsidentschaftskandidat ausgesuchte Levy Mwanawasa wurde mit nur 28,7 Prozent der Stimmen gewählt - der UPND-Kandidat kam auf 26,8 Prozent, die MMD erreichte kaum die Hälfte der Parlamentssitze. Mwanawasa konnte sich jedoch mit einer geschickten Kooptationspolitik und durch Nachwahlen rasch wieder die absolute Parlamentsmehrheit sichern. Die Wahlen 2006, die allgemein wieder als frei und fair beurteilt wurden, konnte Mwanawasa mit einem deutlich besseren Ergebnis für sich entscheiden. Einmalig in Afrika: Er forcierte im Zuge seiner Antikorruptionspolitik die Anklageerhebung gegen Expräsident Chiluba wegen Korruption im Amt, bevor er im August 2008 verstarb. Sein Nachfolger ist Rupiah Banda, der am 30. Oktober 2008 zum Präsidenten gewählt wurde.

Möglich wurden die Demokratisierung und die anschließende wechselhafte Entwicklung vor allem durch eine vergleichsweise starke Zivilgesellschaft, die von den Gewerkschaften und der katholischen Kirche getragen waren. Beide waren bereits unter dem autoritären Einparteienregime von der Regierung nicht effektiv zu kontrollieren. Sie trugen schließlich dazu bei, dass es keinen neuen Regimewechsel gab, sondern nur eine "schleichende" Rückkehr autoritärer Herrschaftselemente. Maßgeblich verhinderten sie die Verfassungsänderung zur "dritten Amtszeit" und trugen danach zur langsamen "Re-Demokratisierung" bei.

Quellentext

Afrika in der Weltwirtschaftskrise

[...] Bis vor kurzem hofften die Afrikaner von der Finanzkrise verschont zu bleiben, weil die Länder eine Außenseiterrolle auf den internationalen Kapitalmärkten spielen. [...] Während Finanzinstitute in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr hohe Verluste verbuchten, wiesen die vier größten südafrikanischen Banken Gewinne aus, die Absa-Bank sogar einen Gewinnanstieg.

Über den Rückgang der Rohstoffexporte trifft die internationale Wirtschaftskrise den Kontinent jetzt jedoch mit voller Wucht. [...] Zuvor stark nachgefragte Bodenschätze wie Kupfer, Eisenerz, Platin oder Nickel verbilligten sich im vergangenen Jahr innerhalb von nur sechs Monaten um bis zu 70 Prozent. Auch die Preise für Diamanten sanken - zum ersten Mal seit zehn Jahren. Da sich die kostenintensive Förderung der Bodenschätze bei diesen Preisen kaum noch lohnt, werden Bergwerke geschlossen, Investitionspläne auf Eis gelegt und ganze Belegschaften entlassen. Arbeitsplatzabbau ist in Afrika besonders schwerwiegend, weil von einem Lohn durchschnittlich zehn Menschen ernährt werden.
[...] Fünf Jahre lang profitierte der Kontinent von einem selten zuvor gesehenen Rohstoffboom, während dessen sich die Preise für einige Rohstoffe verdreifachten. Das Edelmetall Rhodium etwa verteuerte sich seit den neunziger Jahren um 3000 Prozent. Die Nachfrage nach Bodenschätzen vor allem in China und Indien schien unersättlich. Das bescherte Afrika in den vergangenen drei Jahren ein Wirtschaftswachstum von knapp 6 Prozent im Jahr.
[...] Botswana beispielsweise [...] bestreitet ein Drittel seines Bruttoinlandsprodukts aus dem Verkauf von Diamanten. [...] Entsprechend ist es für Botswana ein harter Schlag gewesen, als der mit weitem Abstand führende Diamantenkonzern De Beers im Februar mitteilte, die gesamte Förderung mindestens bis Mitte April einzustellen und eine Mine sogar bis Ende des Jahres zu schließen. Im vergangenen Jahr noch investierte De Beers umgerechnet etwa 60 Millionen Euro in die "Diamond Trading Company Botswana", um in dem afrikanischen Staat die größte Diamantenpolier- und -sortierstätte der Welt zu schaffen. Statt Rohdiamanten zum Schleifen nach Antwerpen oder Indien zu verschiffen, sollte Botswana von der Weiterverarbeitung profitieren. Mindestens 3000 neue Arbeitsplätze kündigte De Beers bis Ende dieses Jahres an. Heute ist davon keine Rede mehr. Ähnliches gilt für Namibia, das ebenfalls von seinen Diamantenexporten lebt, und für Moçambique mit seinen immensen Bauxitvorkommen.
[...] Angola ist inzwischen noch vor Nigeria der größte Ölproduzent des Kontinents. Der staatliche Ölkonzern Sonangol verschob seine geplante Notierung an den Börsen von Johannesburg und New York und damit geplante Investitionen in neue Raffinerien. Daneben bringt der zweite Devisen bringer des Landes, Diamanten, ebenfalls kaum noch Einnahmen. Angola ist der fünfgrößte Produzent der Edelsteine in aller Welt. Der russische Konzern Alrosa kündigte an, seine angolanischen Minen schließen zu wollen, weil die Betriebskosten die Erträge längst übertreffen. Angesichts der ohnehin schon großen Arbeitslosigkeit prüft die Regierung derzeit, die Produktion in den Minen mit kurzfristigen Krediten für die Minenbetreiber zu garantieren.
In Sambia, das wie Botswana von einem einzigen Rohstoff - in diesem Fall Kupfer - abhängt, [...] befinden sich zurzeit 20 Explorationen in einem mehr oder weniger fortgeschrittenen Stadium, doch selbst Bergbauminister Kalombo Mwansa glaubt kaum noch daran, dass sich diese Explorationen in neue Minen verwandeln. Dabei bestreitet Sambia 85 Prozent seiner Exporterlöse mit Kupfer und Kobalt. Die Bergwerke stellen jeden zehnten Arbeitsplatz im Land. Die meisten Minen arbeiten aber angesichts des dramatischen Preisverfalls für das rote Metall inzwischen an der Verlustgrenze. Der Preis für Kupfer ist von mehr als 9000 Dollar je Tonne auf rund 3000 Dollar gefallen und macht den Betrieb vor allem von Untertageminen unrentabel. [...]
Auch die stärkste Volkswirtschaft Afrikas, Südafrika, kann sich dem Abschwung nicht entziehen. [...] Im vierten Quartal vergangenen Jahres schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt bereits um 1,8 Prozent. Es war der erste Rückgang seit zehn Jahren. Unter den südafrikanischen Rohstoffunternehmen haben vor allem die Platinproduzenten zu kämpfen. Die Hälfte des silbrigen Metalls wird in der Autoindustrie für Katalysatoren eingesetzt. Marktführer Anglo Platinum will allein 10 000 Arbeitsplätze streichen, der drittgrößte Platinproduzent Lonmin kürzt in Südafrika 5500 Stellen. Insgesamt rechnen die Gewerkschaften mit dem Abbau von bis zu 50 000 Arbeitsplätzen. In Südafrika liegt die offizielle Arbeitslosenquote bereits jetzt bei 23 Prozent. Auch das Verarbeitende Gewerbe - Südafrika ist der einzige Staat in Afrika mit einer nennenswerten Industrie - kann diese Verluste nicht wettmachen. Die Produktionszahlen in diesem Wirtschaftszweig fielen jüngst sogar noch schlechter aus als im Bergbau [...]
Wie viele Länder versucht Südafrika sich mit höheren Staatsausgaben gegen den Abschwung zu stellen. [...] Auf lokaler Ebene mühen sich die Provinzregierungen unterdessen verzweifelt, schnell Alternativen zum Rohstoffsektor ausfindig zu machen. [...]

Claudia Bröll, Thomas Scheen, "Der afrikanische Traum ist zu Ende", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. März 2009



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Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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