Lateinamerika

14.11.2008 | Von:
Wolfgang Hein
Sebastian Huhn

Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert

Soziale und politische Konflikte

Aufgrund der wirtschaftliche Probleme verloren die populistischen Bündnisse langsam ihre Basis, und es begann eine lange Phase sozialer und politischer Auseinandersetzungen, die charakteristisch für die Geschichte Lateinamerikas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden sollten. Die 1960er bis 1980er wurden zu Jahrzehnten der Militärputsche und Diktaturen. In Zentralamerika waren diese Jahrzehnte außerdem durch Guerillabewegungen und interne Kriege gekennzeichnet.

Mit dem Verweis auf Kuba und dem Argument, den Kommunismus aus Lateinamerika fernhalten zu müssen, übernahm oder stabilisierte das Militär in den 1960er und 1970er Jahren in den meisten lateinamerikanischen Ländern seine Macht und etablierte Diktaturen oder andere Formen autoritärer Herrschaft. Als Folge sich verschärfender sozialer Konflikte und wiederum inspiriert durch die Kubanische Revolution und ihre charismatischen Anführer Fidel Castro und Ernesto "Che" Guevara, entstanden in vielen Ländern Lateinamerikas gleichzeitig soziale Protestbewegungen, aus denen in einigen Fällen Guerillabewegungen entstanden. US-Präsident John F. Kennedy verkündete im März 1961 - als Reaktion auf die kubanische Revolution - das Entwicklungshilfeprogramm "Allianz für den Fortschritt". Das Programm sollte die Armut in Lateinamerika durch Reformen abbauen und gleichzeitig die Ausbreitung kommunistischer Tendenzen stoppen, da auch die USA einen von Kuba ausgehenden Domino-Effekt befürchteten. So unterstützten die Vereinigten Staaten in den folgenden Jahrzehnten einerseits demokratische Reformregierungen wie die von Eduardo Frei zwischen 1964 und 1970 in Chile oder die Regierung Venezuelas, gleichzeitig aber auch autoritäre Regime, die sie für das "kleinere Übel" hielten.

Quellentext

Die Kubanische Revolution

1956 begann ein kleiner Trupp von Revolutionären in den unwegsamen Bergen der Sierra Maestra einen Guerilla-Krieg gegen die Diktatur des kubanischen Generals Fulgenico Batista. Streiks, Studentenproteste und Mordanschläge erschütterten die Hauptstadt Havanna. Batista war unfähig, die Situation unter Kontrolle zu bringen und ergriff schließlich die Flucht. Am Neujahrstag des Jahres 1959 zogen die bärtigen Rebellen unter ihrem Anführer Fidel Castro in Havanna ein.

Mit dem Triumph der Revolution begann in Kuba eine neue politische Zeitrechnung. Binnen kurzer Zeit entmachtete die Regierung Fidel Castros die alten Eliten. Auch US-Firmen waren von Enteignungen und von der umfassenden Agrarreform betroffen, weshalb Washington ein Handelsembargo verhängte. Doch Fidel Castro fand einen mächtigen Verbündeten in der Sowjetunion, die bereit war, über drei Jahrzehnte lang Kuba politisch, wirtschaftlich und militärisch gegen die USA, ihren Hauptwidersacher im Kalten Krieg, zu unterstützen.
1961 verkündete Fidel den "sozialistischen Charakter" der kubanischen Revolution. Militärisch behauptete sie sich gegen eine von den USA unterstützte Landung von Exil-Kubanern ("Invasion in der Schweinebucht"). Seinen Höhepunkt erreichte der Konflikt in der so genannten "Raketenkrise", als 1962 die Sowjetunion Raketen auf der Insel stationierte, die mit atomaren Sprengköpfen bestückbar waren. Nach dramatischen Tagen, in denen die Welt am Rande eines Atomkrieges stand, gab letzten Endes die Regierung in Moskau nach und befahl den Abzug der Raketen. Im Gegenzug sicherten die USA (in einer nie schriftlich fixierten, aber dennoch respektierten Übereinkunft) zu, Kuba nicht militärisch anzugreifen.
In Kubas Wirtschaft wurde der Staat zum allmächtigen Lenker. Nicht nur US-Besitz wurde enteignet, sondern mit Ausnahme des bäuerlichen Kleinbesitzes waren 1970 so gut wie alle Wirtschaftsbereiche in Staatseigentum übergegangen. 1972 trat Kuba auch dem "Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW) bei, dem Wirtschaftsverbund der real-sozialistischen Staaten, und die 1976 verabschiedete neue Verfassung schrieb das Ein-Parteien-System genauso fest wie die unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion.
Gegen politische Gegner ging der Staat mit aller Härte vor. Ein Großteil der alten Ober- und Mittelschicht emigrierte nach Miami. Später folgten Emigranten auch aus anderen Gesellschaftsschichten, darunter zahlreiche Künstler und Intellektuelle.
Für einen Großteil der Bevölkerung aber brachte die Revolution einen unübersehbaren sozialen Aufstieg. Für alle garantierte der Staat ein bescheidenes, aber verlässliches Auskommen, mit beengten, aber billigen Wohnverhältnissen, Arbeit und ausreichende Essensversorgung und im Alter eine staatliche Rente. Vor allem das Gesundheits- und Erziehungssystem wurden zum Stolz der Kubaner. Schon kurz nach dem Sieg über Batista begann die Revolutionsregierung eine große Alphabetisierungskampagne, Hunderte von Schulen wurden gebaut. Kostenlose Bildung und medizinische Versorgung wurden für alle zugänglich.
Wie sehr das "kubanische Modell" jedoch auf der Ausnahmesituation der milliardenschweren Unterstützung durch die Sowjetunion basierte, zeigte sich in aller Deutlichkeit erst, als diese Hilfe nach 1989 ausblieb. Das Land stürzte in eine tiefe Krise. Statt der alten Vorzugspreise galten nun auch für Kuba die harten Bedingungen des Weltmarkts. Die Märkte für die kubanischen Exporte brachen genauso weg wie die bisherigen Zulieferer von Öl und Rohstoffen, Ersatzteilen und Industrieerzeugnissen.
Die Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse auf der Insel waren dramatisch: Unzählige Betriebe standen wegen Energiemangel still, der öffentliche Verkehr kam fast zum Erliegen, es gab täglich stundenlange Stromsperren, an Nahrungsmitteln und Konsumgütern aller Art herrschte Mangel. Und auch wenn seit Ende der 1990er Jahre, vor allem aufgrund der Allianz mit dem ölreichen Venezuela, die Wirtschaftsdaten wieder nach oben zeigen, ist der Alltag für die meisten Kubaner weiterhin prekär.
Als Fidel Castro sich im Sommer 2006 einer Notoperation unterziehen musste, übergab der inzwischen über 80-jährige "Oberkommandierende der kubanischen Revolution" die Macht im Lande seinem jüngeren Bruder Raúl Castro, der fast ein halbes Jahrhundert sein Vize in allen Funktionen gewesen war. Raúl, selbst auch schon 76 Jahre alt, hat die Spielräume für Kritik und Debatte vorsichtig erweitert und Wirtschaftsreformen in Angriff genommen, die materielle Anreize statt moralischer Appelle betonen, um die Produktivität im Lande zu steigern.

Bert Hoffmann

Das erste lateinamerikanische Militärregime wurde nach der Kubanischen Revolution 1964 in Brasilien errichtet. Mit der Begründung, die von Kuba inspirierte Linke könne einen Aufstand planen, stürzte das Militär den demokratischen Präsidenten João Goulart und begründete damit eine lange Epoche militärischer Herrschaft. Das Regime untergrub durch so genannte institutionelle Akte (Verordnungen, die es über die Verfassung stellte) die Rechtsstaatlichkeit. So wurden beispielsweise die Rechte des Parlaments eingeschränkt, wobei es zugunsten des demokratischen Scheins formal bestehen blieb. Die Opposition und politische Parteien wurde nicht verboten, aber in ihrem Handeln eingeschränkt, und regelmäßig wurden Wahlen inszeniert, die allerdings nicht demokratisch waren. Obwohl Folter und Repression zum Machterhalt angewandt wurden, gilt die Zeit der Militärherrschaft in Brasilien im Vergleich zu den autoritären Regimes in den Nachbarländern als weniger gewalttätig.Dieser Umstand und eine sehr erfolgreiche wirtschaftliche Modernisierungspolitik trugen dazu bei, dass sich das Militär bis 1985 an der Macht halten konnte. Erst in den 1980er Jahren begann diese Macht im Zuge der Wirtschaftskrise zu bröckeln. 1982 wurden erstmals seit 1964 wieder Gouverneure und Kongressabgeordnete direkt von der Bevölkerung gewählt. Die Opposition gewann mit einer großen Mehrheit.

Internationales Aufsehen erregte auch die Militärdiktatur in Chile. 1970 gewann Salvador Allende mit seinem sozialistisch orientierten Wahlbündnis Unidad Popular die Präsidentschaftswahlen. Nach seinem Wahlsieg verstaatlichte Allende wichtige Wirtschaftszweige und brachte damit neben den USA auch die mittelständische Opposition in Chile gegen sich auf. Am 11. September 1973 wurde Allende durch einen Militärputsch gestürzt, und General Augusto Pinochet übernahm die Staatsführung. Begründet wurde auch dieser Putsch mit dem Kampf gegen den Kommunismus. Tausende Oppositionelle wurden in den folgenden Jahren inhaftiert, gefoltert und ermordet. Erst 1988 begann sich Chile nach einer Volksabstimmung wieder zu demokratisieren. Das Referendum war von der Regierung ursprünglich mit dem Plan angeordnet worden, Pinochet als einzigen Kandidaten bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu bestätigen und diesem Vorgehen einen demokratischen Anschein zu verleihen. Der Opposition gelang es aber, die Mehrheit der Bevölkerung (54 Prozent) zu einem "Nein" zu bewegen.

In Argentinien stürzte das Militär 1976 die demokratische Regierung. General Jorge Rafael Videla übernahm die Macht, und eine von ihm angeführte Militärjunta etablierte ein diktatorisches Regime. Die Junta übernahm den gesamten Staatsapparat und schuf ein umfangreiches System der Überwachung aller Institutionen und der Bevölkerung. In den folgenden Jahren wurden etwa 20 000 Menschen durch das Militär und den Geheimdienst ermordet. Etwa eine halbe Million Argentinier musste ins Ausland flüchten. Das Land kehrte 1983 zur Demokratie zurück. Ausschlaggebend dafür war neben der negativen Wirtschaftsentwicklung und wachsendem politischem Druck durch die Opfer des Regimes der Falkland-Krieg. Argentinien und Großbritannien hatten beide Anspruch auf die von Großbritannien besetzten Falkland-Inseln (span. Islas Malvinas) erhoben. Argentinische Truppen griffen 1982 überraschend das britische Militär auf den Inseln an, erlitten dabei jedoch eine herbe militärische Niederlage. Die politische Autorität des Militärs wurde dadurch so geschwächt, dass es sich nicht mehr gegen die Forderungen nach einer Wiederherstellung rechtstaatlicher Verhältnisse wehren konnte.

Auch in Zentralamerika etablierten oder stabilisierten sich im Zuge des Kalten Krieges autoritäre Regime. Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre führten in Guatemala die Präsidenten Juan José Arévalo (1945-1951) und Jacobo Arbenz (1951-1954) umfangreiche Landreformen durch. 1954 stürzte das Militär unter der Führung von Castillo Armas die Regierung Arbenz und unterwarf Guatemala in der Folge bis 1996 einem autoritären Regime. Auch diesen Putsch unterstützten die USA mit Verweis auf die sozialistische Orientierung der Politik von Arbenz. 1960 begann ein Bürgerkrieg zwischen den wechselnden autoritären Regierungen und einer Guerillabewegung. Dieser bewaffnete Konflikt endete nach 36 Jahren erst 1996 durch einen Friedensvertrag zwischen Regierung und Guerilla und kostete vermutlich über 200 000 Menschen das Leben. Vor allem unter General Efraín Ríos Montt wurden 1982 und 1983 Tausende Zivilisten systematisch ermordet, um so die Guerilla zu schwächen.

In Nicaragua hatte 1937 Anastasio Somoza die Macht übernommen. Er und seine beiden Söhne Louis und Anastasio regierten das Land mit wenigen Unterbrechungen bis 1979. Die Familiendiktatur war durch Repression und eine persönliche Bereicherungspolitik gekennzeichnet. 1961 gründete sich vor dem Hintergrund autoritärer Regierungsführung und sozialer Ungleichheit die linke revolutionäre Befreiungsbewegung Frente Sandinista de Liberacion Nacional (FSLN). Nach der Ermordung des liberalen Oppositionsführers Pedro Chamorro im Jahr 1978 kam es schließlich zu einem Volksaufstand unter Führung der FSLN und mit Unterstützung der bürgerlichen Opposition. Die Nationalgarde reagierte mit dem Bombardement mehrerer Städte, woraufhin ein Bürgerkrieg zwischen dem Somoza-Regime und der FSLN ausbrach. Im Juli 1979 gewannen die Sandinisten diesen Krieg und leiteten in den folgenden Jahren weitreichende soziale und wirtschaftliche Reformen ein. Zwischen 1981 und 1990 versuchten anti-sandinistische Truppen die Macht im so genannten Contra-Krieg wiederzuerlangen. Die Contras wurden dabei wiederum von den USA logistisch und finanziell unterstützt. 1990 ging die sozialdemokratisch ausgerichtete Violeta Chamorro, die Frau des 1978 ermordeten Pedro Chamorro, als Präsidentin aus den ersten demokratischen Wahlen seit 1979 hervor. Die Bevölkerung stand nach Jahren des Contra-Krieges und einer durch Misswirtschaft und ein US-Embargo negativen wirtschaftlichen Situation nicht mehr hinter den Sandinisten. Diese wiederum akzeptierten ihre Abwahl.


Dossier

Lateinamerika

Lateinamerika befindet sich mitten im Umbruch. Demokratische Strukturen haben sich etabliert, doch die soziale Anspannung ist geblieben. Das Dossier schildert die jüngsten politischen Entwicklungen in 19 Staaten. Im Mittelpunkt stehen zudem die sozialen Bewegungen, aber auch Themen wie Bildung, Emanzipation und Menschenrechte.

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