Umweltpolitik

6.5.2008 | Von:
Steffen Bauer

Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung

Dimensionen und Bedeutung

Dem Konzept der Nachhaltigkeit werden in der Regel drei unterschiedliche Problemdimensionen zugeschrieben, die es bei der Verfolgung des Politikziels der nachhaltigen Entwicklung zu berücksichtigen gilt. Es sind dies die ökonomische, ökologische und soziale Dimension von Nachhaltigkeit. Die wissenschaftliche und politische Diskussion um die inhaltliche Ausgestaltung sowie die praktische Umsetzung nachhaltiger Entwicklung kreisen dabei ganz wesentlich um die unterschiedliche Gewichtung dieser drei Dimensionen:
  • Die ökonomische Dimension von Nachhaltigkeit konzentriert sich im Sinne der Kapitalerhaltung auf die langfristigen Erträge, die aus der Nutzung vorhandener Ressourcen erwachsen. Sie grenzt sich dadurch von einer auf kurzfristige Gewinne setzenden Logik stetigen Wirtschaftswachstums ab, deren Unabdingbarkeit in der internationalen Handels- und Wirtschaftspolitik immer wieder als grundlegende Entwicklungsvoraussetzung beschworen wird. Gleichwohl bleibt quantitatives Wachstum erforderlich, um der chronischen Unterversorgung in den ärmeren Ländern im Sinne einer aufholenden Entwicklung entgegenzuwirken.
  • Die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit betont demgegenüber den mit materiellen Maßstäben schwer fassbaren Wert der Natur an sich sowie die nachweisbare Endlichkeit der natürlichen Ressourcen. Daraus leitet sich nicht nur die wirtschaftliche Notwendigkeit ab, bestehendes Naturkapital weitestgehend zu erhalten, sondern allgemein die ökologischen Bedingungen des menschlichen Überlebens zu sichern. Im Sinne eines qualitativen Verständnisses wirtschaftlicher Entwicklung sind demnach die ökologischen Kosten von Produktion und Konsum in den Bilanzen der Weltwirtschaft zu berücksichtigen.
  • Die soziale Dimension von Nachhaltigkeit stellt die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit in den Mittelpunkt. Diese bezieht sich auf den Zugang zu Chancen und Ressourcen sowohl innerhalb einzelner Länder und Gesellschaften als auch im globalen Verteilungskonflikt zwischen den reichen Industrieländern im Norden und den armen und hochverschuldeten Schwellen- und Entwicklungsländern im Süden. Neben dem Ziel der Grundbedürfnisbefriedigung für heutige und zukünftige Generationen berührt die soziale Dimension dabei ausdrücklich auch Fragen der Geschlechterverhältnisse im Sinne der Schaffung gerechterer Lebenswelten für Frauen und Männer.


Dimensionen und Strategien der NachhaltigkeitDimensionen und Strategien der Nachhaltigkeit
Dass diese drei Dimensionen miteinander zusammenhängen und sich wechselseitig verstärken können, ist weltweit zu beobachten. Besonders deutlich treten die Zusammenhänge in den ärmsten Weltregionen zu Tage. In der afrikanischen Sahelzone zum Beispiel treffen sozioökonomische Faktoren wieArmut, Unterernährung, unzureichende Bildungsmöglichkeiten, hohes Bevölkerungswachstum und eine in der Regel geringfügige öffentliche Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen mit ungünstigen geografischen Bedingungen und fortschreitender Umweltzerstörung zusammen. Diese ökologisch schwierige Situation verschärft sich zusätzlich in Folge des globalen Klimawandels, für den vor allem der CO2-Ausstoß in den wohlhabenden Weltregionen (und zunehmend auch in den bevölkerungsreichen und wirtschaftlich rasant wachsenden Schwellenländern China und Indien) verantwortlich ist.

Politische Umsetzung

Während eine große Zahl von Fachleuten aus Wissenschaft und Politik von der grundsätzlichen Gleichberechtigung der unterschiedlichen Nachhaltigkeitsdimensionen ausgeht, sind jeweils auch Stimmen zu vernehmen, die einer Dimension eine ausdrücklich übergeordnete Bedeutung beimessen. So haben die soziale Dimension und die mit ihr verbundene Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit in jüngerer Vergangenheit viel Zuspruch erlebt. Die Armutsbekämpfung ist zu einem zentralen Politikziel geworden, das unter anderem in der Millenniums-Deklaration der UN-Sondergeneralversammlung von 2000 und der Abschlusserklärung des Johannesburger Weltgipfels für Nachhaltige Entwicklung (2002) eine hervorgehobene Rolle spielt. Die ökologische Dimension ist dadurch etwas in den Hintergrund gerückt. In gewisser Weise erlebt so das 1972 auf der Stockholmer UN-Konferenz über die menschliche Umwelt von der damaligen indischen Präsidentin Indira Gandhi geprägte Zitat eine Renaissance, wonach Armut der größte Umweltverschmutzer sei.

Den Vorrang der sozialen gegenüber der ökologischen Dimension betonen auch die selbstbewusster auftretenden Entwicklungsländer. Angeführt von Regionalmächten wie Brasilien, China, Indien oder Südafrika bringen sie die Sorge vor, die etablierten Industriestaaten wollten mit ökologischen Argumenten Wachstum in den aufstrebenden Schwellenländern verhindern, um ihren eigenen, verschwenderischen Lebensstil zu verteidigen. Die Rio-Deklaration wollte dies verhindern, indem sie das Prinzip der "gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung" (Artikel 7) von Industrie- und Entwicklungsländern formulierte. Die reichen Nationen wurden also ermahnt, mit gutem Beispiel voranzugehen statt die armen Länder zu maßregeln und deren Entwicklungschancen zu blockieren.

Seither stehen Fragen nach der Vereinbarkeit oder Gegensätzlichkeit von Umweltschutz und wirtschaftlicher Entwicklung im Vordergrund der internationalen Diskussion. Dabei stehen sich die beiden grundsätzlichen Positionen gegenüber:
  • wirtschaftliches Wachstum sei eine Voraussetzung für umweltbewusstes Handeln und
  • ein Entwicklungsverständnis, welches die ökologische Dimension gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handelns als nachrangig erachtet, zerstöre mittel- bis langfristig die natürlichen Grundlagen menschlichen Überlebens unwiederbringlich.
Die Kritik an den vorherrschenden wachstumsorientierten Entwicklungsmodellen gewinnt dabei in dem Maße an Überzeugungskraft, in dem sie von den fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnissen über die menschlichen Ursachen globaler Umweltveränderungen und die Endlichkeit natürlicher Ressourcen gestützt wird. Gemessen an den Zielen der Rio-Konferenz und den Erkenntnissen des Weltklimarates (IPCC, siehe S. 27f.) ist zumindest festzustellen, dass eine Fortsetzung der ressourcenintensiven Wachstumspolitik in der Weltwirtschaft langfristig nicht mit dem Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung vereinbar ist.

Die wachstumskritischen Stimmen treffen in den meisten politischen und wirtschaftlichen Entscheidungszentren auf einen unverbrüchlichen Fortschrittsglauben. Ihn ernsthaft in Frage zu stellen, mangelt es in Industrie- und Entwicklungsländern gleichermaßen an politischem Willen. Es wird vielmehr darauf vertraut, dass Ressourcenknappheit und ökologischen Risiken mit technologischen Innovationen und immer weiteren Effizienzsteigerungen wirksam begegnet werden könne. Als Voraussetzung dafür gelten marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie großzügige Investitionen in Forschung und Entwicklung, die wiederum nur in ausreichendem Maße getätigt werden können, wenn die Wirtschaft boomt. Diesem Weltbild zufolge garantieren Marktwirtschaft, Freihandel und technischer Fortschritt auch den Erhalt einer lebenswerten Welt für nachfolgende Generationen. Auf dem Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg konnten sich die Anhänger dieses Entwicklungsbegriffes in weiten Teilen durchsetzen.

Vor diesem Hintergrund scheint eine tiefgreifende Umgestaltung der politischen und wirtschaftlichen Institutionen des internationalen Systems eher unwahrscheinlich. Der in der wirtschaftswissenschaftlichen Ideenlehre diskutierte grundlegende Wandel des menschlichen Selbstverständnisses weg vom rational-egoistischen homo oeconomicus ("wirtschaftender Mensch") hin zum ganzheitlich denkenden und handelnden homo sustinens ("nachhaltiger Mensch") erscheint daher utopisch.


Das Konzept „Nach uns die Sintflut“ ist längst überholt, findet Michael Görtler, Sozialwissenschaftler und Referent für politische Jugend- und Erwachsenenbildung. Welche Rolle kann oder sollte die politische Bildung spielen, um nachhaltiges Handeln als Grundprinzip in der Gesellschaft zu verankern?

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