Frankreich

10.3.2005 | Von:
Henrik Uterwedde

Unser Nachbar Frankreich

Entwicklungen der Nachkriegszeit

Ein anderer Impuls, der sich aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges ergab, war die Überzeugung nahezu aller politischen Kräfte, dass die demütigende Niederlage 1940 auch eine Folge unzureichender industrieller Entwicklung war. "Modernisierung oder Dekadenz", formulierte Jean Monnet, damals Mitarbeiter der provisorischen Regierung de Gaulles, später Mitbegründer der europä-ischen Einigung, die Zukunftsalternativen. Die Modernisierung wurde zur nationalen Aufgabe der kommenden Jahrzehnte erklärt: eine grundlegende Erneuerung der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts allzu sehr hinter der Entwicklung der großen Nachbarländer wie Deutschland oder Großbritannien zurückgeblieben waren. Dazu zählten unter anderem der Aufbau einer modernen staatlichen Verwaltung, die zum Hauptträger der Modernisierung wurde, die zielstrebige und systematische Industrialisierung des Landes, die Modernisierung der Landwirtschaft und die Schaffung einer umfassenden Sozialversicherung (Sécurité Sociale). So vollzog unser Nachbarstaat in den ersten Nachkriegsjahrzehnten einen wahren "Sprung in die Moderne", der eine ganze Nachkriegsgeneration geprägt hat und einen Schlüssel zum Verständnis des heutigen Frankreich darstellt. "Dreißig glorreiche Jahre" (Trente glorieuses) hat der französische Wirtschaftswissenschaftler Jean Fourastié diese alles in allem erfolgreiche Entwicklung der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte genannt - nicht ohne wehmütige Verklärung, denn mit der ersten Ölkrise 1973, dem Ende des ungebrochenen Wachstums und später der Globalisierung ist auch Frankreich in eine Periode schmerzhafter Veränderungen eingetreten.

Die Nachkriegszeit war also für Frankreich eine Periode rascher Veränderungen und einschneidender Umbrüche, die nicht ohne Konflikte und Krisen abliefen. Dies zeigt sich an der Verfassungsentwicklung. Die - nach einer Übergangsregierung unter Führung von de Gaulle - 1946 begründete IV. Repub-lik vermochte es nicht, stabile, entscheidungsfähige Institutionen herauszubilden. Mit einer Verfassung, die dem Parlament ein starkes Übergewicht sicherte, wollte die IV. Republik an die Tradition der III. Republik (1871-1940) anknüpfen.
Von der Vierten zur Fünften RepublikVon der Vierten zur Fünften Republik
Aber die Zeiten hatten sich verändert und erforderten vor allem handlungsfähige Regierungen. Die - durch die Verhältniswahl begünstigte - Zersplitterung des Parteiensystems führte zu instabilen Mehrheiten im Parlament. Anti-System-Parteien auf der Linken (die Kommunistische Partei kam regelmäßig auf über 25 Prozent der Stimmen) und der Rechten (die Gaullisten errangen 1951 21 Prozent; die von Pierre Poujade angeführte Protestpartei der durch die Modernisierung bedrohten Kleinhändler, Handwerker und Bauern erreichte 1956 zwölf Prozent) erschwerten den Parteien der Mitte zunehmend das Regieren. Die Folge: 21 Regierungen lösten einander in nur zwölf Jahren ab. So war die IV. Republik den drängenden Problemen immer weniger gewachsen und zerbrach schließlich an ihren Krisenherden: vor allem am Kolonialproblem sowie der damit zusammenhängenden langanhaltenden Finanzkrise. Im Zuge des Algerienkrieges unternahmen Teile des Militärs am 13. Mai 1958 einen Putschversuch. Unter diesen bürgerkriegsähnlichen Umständen wurde schließlich Charles de Gaulle an die Spitze der Regierung berufen. Er entwarf noch im gleichen Jahr die anschließend per Volksabstimmung bestätigte Verfassung der V. Republik. Sie versuchte Lehren aus dem Scheitern der IV. Republik zu ziehen, und ihre Eigenarten sind vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Diese V. Republik, in Frankreich zunächst viel diskutiert und angefeindet, hat sich in den vergangenen fast fünf Jahrzehnten gut bewährt. Zusammen mit einer Veränderung des Parteiensystems aufgrund der nun durchgängig angewandten absoluten Mehrheitswahl brachte sie in der Regel stabile Mehrheiten hervor. Außerdem ermöglichte sie nach 23-jähriger Herrschaft des bürgerlichen Lagers - bestehend aus der gaullistischen Partei, die Präsident de Gaulle bis 1969 unterstützte und seither sein politisches Erbe bewahren wollte, und ihren konservativen Verbündeten - 1981 erstmals und seither wiederholt den politischen Machtwechsel und damit ein Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition.

Auch die eigenartige Konstruktion der V. Republik, deren "doppelköpfige" Exekutive - Präsident und Premierminister - aus zwei unterschiedlichen Wahlen hervorgeht (Präsidentschafts- bzw. Parlamentswahl), bestand ihre Bewährungsprobe: Als 1986 dem Präsidenten (damals François Mitterrand) erstmals eine oppositionelle Mehrheit in der Nationalversammlung gegenüberstand, wurden damit die Linke und die Rechte zum "Zusammenleben" (cohabitation) gezwungen. Seitdem erlebte Frankreich bislang dreimal, 1986 bis 1988, 1993 bis 1995 und 1997 bis 2002, eine solche cohabitation, ohne dass, wie vielfach im Vorfeld befürchtet, eine Verfassungskrise eingetreten wäre. Auch wenn in den Medien immer wieder einmal der Ruf nach einer "VI. Republik" laut wird: Frankreichs Institutionensystem hat sich weitgehend bewährt. Wie viele ihrer Nachbarn sieht sich die französische Demokratie vor zahlreiche Probleme gestellt, die zum Beispiel aus der Entfremdung zwischen Bürgerschaft und politisch Verantwortlichen, aus dem Aufstieg von Protest- und extremistischen Parteien, aus schwierigen sozialen Problemlagen und Reformblockaden resultieren. Diese müssen aber politisch gelöst werden und erfordern keine neuen Institutionen.

Weltweite Präsenz

Ausgangs des Zweiten Weltkrieges verfügte Frankreich nach Großbritannien noch über das zweitgrößte Kolonialreich, das einschließlich des Mutterlandes 111 Millionen Menschen in allen Erdteilen umfasste: überwiegend im nördlichen Afrika, aber auch in Asien (Laos, Kambodscha, Vietnam), vor den Küsten Amerikas (zum Beispiel Guadeloupe, Martinique) oder Australiens (etwa Neukaledonien). Nach 1945 gewannen die zahlreichen Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien rasch an Bedeutung; Versuche der französischen Republik, durch halbherzige Reformen und Verfassungskonstruktionen wie die Union française (1946-1958) oder die Communauté française (1958-60) die Kolonien im eigenen Einflussbereich zu halten, scheiterten. Frankreich wurde in langjährige, blutige Kolonialkriege verwickelt, etwa in Indochina (1946-54) oder Algerien (1954-62). Diese jahrelangen Auseinandersetzungen banden hunderttausende französischer Soldaten in letztlich aussichtslose Kriege, verursachten horrende Kosten und lösten - vor allem infolge zahlreicher Skandale und der Anwendung der Folter in Algerien - auch eine moralische Belastungsprobe aus. Nur das außergewöhnliche Prestige de Gaulles, der 1958 an die Macht zurückkehrte, vermochte diese schwere politische, finanzielle und moralische Zerreißprobe zu beenden. Mit der Entlassung Algeriens in die Unabhängigkeit 1962 war das Kolonialreich endgültig aufgelöst.

Sein Erbe ist aber weiterhin prägend für Frankreichs Rolle und Selbstverständnis in der Welt. Eine Reihe überseeischer Territorien ist freiwillig bei Frankreich verblieben. Zehn Überseegebiete, in denen insgesamt 2,4 Millionen Menschen leben, sind heute Teil der französischen Republik: Vier Überseedepartements (Guadeloupe, Guyane, Martinique, Réunion), vier Überseeterritorien (Nouvelle-Calédonie, Polynésie française, Wallis-et-Futuna, Terres australes et antarctiques françaises) sowie zwei Gebietskörperschaften (Mayotte, Saint-Pierre-et-Miquelon). Abgesehen von der europäischen Raumfahrtstation in Kourou (Französisch Guayana) oder den bis 1995 im Mururoa-Atoll praktizierten Atomtests ist ihre wirtschaftliche oder strategische Bedeutung heute eher gering. Wichtiger ist ihre kulturelle und insofern auch politische Signalwirkung: Sie unterstreichen das französische Selbstverständnis als Mittelmacht mit weltweiten Interessen.

In diesem Zusammenhang steht, dass viele ehemalige Kolonien weiterhin durch französische Einflüsse geprägt sind. Frankreich pflegt mit den Staaten des Maghreb (Nordafrika) und im Afrika südlich der Sahara ein enges Netz politischer, wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen. Seine weltweite kulturelle Präsenz drückt sich auch in der Tatsache aus, dass die französische Sprache heute in zahlreichen Staaten rund um den Erdball Mutter- oder Amtssprache ist (siehe Karte IV "Frankreich in der Welt - gestern und heute"); sie wird von 169 Millionen Menschen gesprochen und nimmt damit den neunten Rang der am meisten gesprochenen Sprachen der Welt ein. Frankreich unterhält mit mehr als 50 Staaten ein Netzwerk der Frankophonie mit entsprechenden Institutionen sowie regelmäßigen Treffen der Regierungschefs und versucht damit, den Einfluss seiner Sprache, Kultur und Wissenschaft in der Welt zu sichern.

Quellentext

Frankophonie

Die Frankophonie ist eine Gemeinschaft von 52 Staaten und Regierungen, die den französischen Sprachraum bilden. In dieser Vereinigung leben circa 200 Millionen Menschen, die Französisch als Muttersprache oder zweite Sprache sprechen oder als internationales Kommunikationsmittel benutzen. [...] Die Institutionen sind um eine Konferenz der Staats- und Regierungschefs strukturiert, die ebenfalls Gipfeltreffen der Frankophonie genannt wird. Sie verfügt über zwei Entscheidungsinstanzen: die Ministerkonferenz der Frankophonie und der Ständige Rat der Frankophonie.

Neben diesen Entscheidungsorganen gibt es Beratungsinstanzen, das heißt spezifische Ministerkonferenzen: die CONFEMEN (Konferenz der Erziehungsminister) und die CONFEJES (Konferenz der Minister für Jugend und Sport).
Diesen Entscheidungs- und Beratungsinstanzen stehen ausführende Stellen zur Seite:
Die Agentur der Frankophonie ist eine zwischenstaatliche Organisation [...]. Ihr Sitz befindet sich in Paris mit Regionalbüros in Lomé, Libreville und Hanoi sowie Verbindungsbüros in Genf, Brüssel und New York. Die nationalen Frankophonie-Kommissionen und das Netz nationaler Korrespondenten sind die Verbindungsstellen in den Mitgliedsstaaten.
Die Agentur hat ein dreifaches Ziel:
  • Sie ist das Sekretariat aller Frankophonie-Instanzen,
  • sie bemüht sich um konzertierte Aktionen der Mitgliedsstaaten,
  • sie strukturiert die multilaterale Zusammenarbeit in den Bereichen, die die Staats- und Regierungschefs für vorrangig erklärt haben. [...]
Die AUPELF-UREF (Verband der teilweise oder vollständig französischsprachigen Universitäten - Universität der französischsprachigen Vereinigungen) ist eine internationale Instanz im Dienste der französischsprachigen Wissenschaft. Ihre Aufgabe ist die Ausarbeitung von Programmen zur Schaffung eines wissenschaftlichen, französischsprachigen Forschungsraums [...]. Als Beteiligte der Gipfeltreffen vereint die AUPELF-UREF fast 400 Hochschuleinrichtungen und Grandes Ecoles sowie mehr als 300 französische Forschungsabteilungen.
TV5, das internationale Fernsehprogramm in französischer Sprache, verbreitet die Frankophonie in der ganzen Welt.
Die Universität Senghor in Alexandria (Ägypten - Anm. d. Red.) ist ein Hochschulinstitut, das leitende Mitarbeiter und Lehrer in den zur Entwicklung des französischsprachigen Afrikas erforderlichen Bereichen ausbildet.
Die AIMF (internationaler Verband der französischsprechenden Bürgermeister) dient zur Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen von Großstädten in französischsprechenden Ländern. Die Internationale Versammlung französischsprachiger Abgeordneter (AIPLF) hat beratende Funktion.
Neben den internationalen Institutionen der Frankophonie gibt es ebenfalls spezifische Institutionen in Frankreich[...]:
Der Hohe Rat der Frankophonie soll "die Rolle der Frankophonie und der französischen Sprache in der modernen Welt bestimmen". [...] Er steht unter direkter Verantwortung des Präsidenten der Republik und vereint 30 französische und ausländische Persönlichkeiten. Er veröffentlicht jedes Jahr einen Bericht zum Stand der Frankophonie in der Welt. [...]
Der Hohe Rat der französischen Sprache wurde zur Überlegung, Beratung, und Bewertung geschaffen und untersteht dem Premierminister. In seinen Bereich fallen Fragen zur Benutzung, Änderung, Bereicherung, Förderung und Verbreitung der französischen Sprache in Frankreich und außerhalb Frankreichs sowie die Haltung gegenüber Fremdsprachen. Er macht Vorschläge und erstellt Gutachten zu Fragen, die ihm vom Premierminister und dem Bildungs- oder Kultusminister unterbreitet werden.
Zu den Aufgaben der Generaldelegation der französischen Sprache gehört die Förderung und Koordinierung der öffentlichen Verwaltung und Instanzen, die zur Verbreitung und zum richtigen Gebrauch der französischen Sprache im Bildungswesen, in der Kommunikation sowie im Wissenschafts- und Technikbereich beitragen.
www.diplomatie.gouv.fr/culture/france/ - Website des französischen Außenministeriums.

Anders als Deutschland hat Frankreich den etwa 1,4 Millionen im Ausland lebenden Landsleuten einen besonderen Status zuerkannt: Sie besitzen eine eigene Repräsentation, den Hohen Rat der Auslandsfranzosen, und sind im Senat, der zweiten Kammer des Parlamentes, vertreten. Auch die Gesellschaft im Mutterland ist heutzutage stark multi-ethnisch geprägt - Ergebnis einer hohen Zahl von Eingewanderten vor allem aus ehemaligen Kolonialgebieten und einer traditionell großzügigen Einbürgerungspraxis. Dies verweist auf die hohe Leistung des französischen Integrationsmodells, auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten die Probleme und Konflikte stark zugenommen haben.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Alle diese und viele andere Erfahrungen haben das Verständnis der Französinnen und Franzosen von Demokratie, Staat und Wirtschaft sowie ihre Sichtweise der Welt geprägt. Dieses Heft will helfen, unser Nachbarland besser zu verstehen. Das bedeutet zum einen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und die Ursachen für unterschiedliche Strukturen und Verhaltensweisen zu erhellen. Das bedeutet aber auch, diese Unterschiede als normal zu begreifen, weil es eben nicht immer nur einen Weg gibt, das politische, wirtschaftliche oder soziale Zusammenleben zu gestalten. Das heißt ferner, am Beispiel Frankreichs auch die europäische Vielfalt zu verstehen - eine Vielfalt, die oftmals Entscheidungen in Europa erschweren mag, im Grunde aber den Reichtum der Europäischen Union ausmacht. Schließlich ist der Blick auf den Nachbarn, seine Leistungen und seine Probleme zugleich immer auch ein Blick auf unser eigenes Land. Er kann Einsichten vermitteln, die auch für Deutschland hilfreich sein können; aufgrund unserer engen Verflechtung in Europa sind wir voneinander abhängig und sitzen schon seit langem buchstäblich in einem Boot.


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