Frankreich

10.3.2005 | Von:
Philippe Estèbe, übersetzt von Holger Fock

Gesellschaft im Wandel

Einkommensverteilung und Wohlstandsentwicklung

Zwischen 1944 und 2004 ist Frankreich zu beträchtlichem Wohlstand gekommen. Nach den internationalen Statistiken handelt es sich um die viert- bis fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Erde nach den Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland und etwa gleichauf mit Großbritannien. Diese Stellung ist das Ergebnis des Wirtschaftswachstums, das Frankreich wie alle Industrieländer seit den 1950er Jahren erlebt hat.

Verteilung des individuellen EinkommensVerteilung des individuellen Einkommens
Drei Jahrzehnte lang lagen die Wachstumsraten der französischen Wirtschaft beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) über fünf Prozent; dieses Wachstum hat sich im selben Maße verlangsamt wie in den anderen Industrieländern und seit den 1980er Jahren bei jährlichen Wachstumsraten zwischen zwei und drei Prozent eingependelt - mit Spitzen in den Jahren von 1987 bis 1990 und 1999 bis 2002, in denen das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes vier Prozent erreichte oder überstieg. Insgesamt hat sich das BIP in 60 Jahren versieben- bis verachtfacht. Diese Zunahme an Wohlstand und Reichtum ist einhergegangen mit Veränderungen bei der Verteilung und den Bedingungen für die Umverteilung. Generell ist der Zuwachs an Wohlstand von 1944 bis 1983 mehr der arbeitenden Bevölkerung als den Kapitaleignern zugute gekommen. Der Einkommenszuwachs bei Löhnen und Gehältern war größer als das Wachstum der Kapitalrenditen, was zu einer beträchtlichen Anhebung des durchschnittlichen Lebensstandards insbesondere bei Haushalten Lohnabhängiger geführt hat. Von 1983 an, als die Regierung die Erhöhung der Löhne vom Preisanstieg loskoppelte, kam es bis 1995 allerdings zu einer für Löhne und Gehälter ungünstigen Verteilung des geschaffenen Wohlstandes, und die Lohnquote sank von fast 73 Prozent im Jahr 1983 auf 64 Prozent 1990. Über den gesamten Zeitraum hinweg lässt sich jedoch eine Tendenz zur Verringerung sozialer Ungleichheiten bei den Einkommen feststellen.

1956 verfügten die zehn Prozent der Haushalte mit den geringsten Einkommen (das erste Einkommenszehntel) über den Gegenwert von 27 Prozent des mittleren Einkommens, 1999 hingegen über den Gegenwert von 55 Prozent des mittleren Einkommens. Am anderen Ende der sozialen Leiter verfügten die zehn Prozent der Haushalte mit den höchs-ten Einkommen (das neunte Einkommenszehntel) über den Gegenwert von fast 230 Prozent des mittleren Einkommens, während ihre Einkommen 1999 nur noch den Gegenwert von 183 Prozent des mittleren Einkommens darstellten. In vierzig Jahren hat sich das Gefälle zwischen dem durchschnittlichen Einkommen des untersten und dem des höchsten Einkommenszehntels vom achtfachen auf das dreifache verringert Die Einkommen sind also beträchtlich zusammengerückt, auch wenn sich ein erneutes Auseinanderlaufen der Einkommen gegen Ende der neunziger Jahre andeutet (Das Einkommen des neunten Zehntels betrug 1990 181 Prozent des Durchschnittseinkommens, 1999 wieder 183 Prozent). Diese Verringerung der Einkommens-ungleichheiten beruht vor allem auf einer gerechteren Steuerpolitik und einer zunehmenden Umverteilung durch den Sozialstaat. Der französische Sozialstaat ist einer der am weitesten entwickelten weltweit, vergleichbar mit dem Deutschlands; nach Schätzungen verhindert die Umverteilung durch die Sozialsysteme drei Viertel der Armut, die aus der ursprünglichen Verteilung des Einkommens resultieren würde.

Über die Einkommensverbesserungen hinaus waren die letzten 60 Jahre von bedeutenden Fortschritten beim allgemeinen Wohlstand gekennzeichnet. Diese Fortschritte haben die sozialen Ungleichheiten zwar nicht beseitigen können, aber dazu beigetragen, sie zu verlagern und auf anderen Gebieten neu hervorzubringen.

Im Bildungsbereich ist festzustellen, dass bei allen Wunschbildern von einer "laizistischen, republikanischen Schule mit Schulpflicht und ohne Schulgeld" die Demokratisierung des Bildungszuganges nur langsam fortgeschritten ist. Erst seit Mitte der 1970er Jahre ist das collège (die Schule für Kinder von elf bis 14 Jahren) zu einer "Gesamtschule" (eingliedriger Schultyp) geworden, wurde auf eine frühzeitige Ausrichtung der Kinder auf eine "höhere" oder eine berufliche Ausbildung verzichtet: Auf der Stufe des lycée (Gymnasium für Kinder von 15 bis 18 Jahren) sind die sozialen Unterschiede oder sogar Ungleichheiten hingegen stark geblieben, und sie zeigen sich sehr deutlich zwischen den klassischen (mathematisch-naturwissenschaftlichen und alt- oder neusprachlichen), den technischen und den berufspraktischen Ausbildungswegen, in denen sich die unterschiedliche Zukunft für Führungskräfte, Ingenieure oder Angestellter und Arbeiter jeweils deutlich abzeichnet.

Insgesamt bleiben die sozialen Ungleichheiten im Bildungsbereich bestehen: 80 Prozent der Kinder von Führungs- und Lehrkräften, aber nur 53 Prozent der Arbeiterkinder, die 1989 in die Sexta (die erste Gymnasialklasse in Frankreich) kamen, erreichten das Ende der 10. Klasse, ohne eine Klasse zu wiederholen. Und während 90 Prozent der Kinder von Führungskräften die gesamte Schulzeit bis zum Abitur durchlaufen, sind es nur 42 Prozent der Arbeiterkinder. Mit Beginn der 1980er Jahre ist mehr Kindern eine höhere Schulbildung ermöglicht worden, was sich an der Zahl der Abiturientinnen und Abiturienten zeigt. Dieser Fortschritt wurde allerdings von einer stärkeren Abkapselung der Grandes écoles (Elitehochschulen) gegenüber den gewöhnlichen Universitäten begleitet. Je mehr Studierende von den Universitäten aufgenommen wurden, um so strenger wurde die Auswahl der Grandes Ecoles. Die soziale Basis für den Eintritt in die Ecole Polytechnique, in die Ecole Nationale d'Administration (ENA) oder die Ecole Normale Supérieure (ENS) ist seit 1980 so schmal geworden, dass neuerdings das Institut d'études politiques de Paris (das französische Pendant zur London School of Economics) ein besonderes Aufnahmeverfahren für Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Schichten eingeführt hat.

Obwohl Frankreich zu den Industrieländern gehört, die einen hohen Anteil ihres Bruttoinlandsproduktes für Bildung ausgeben, bleiben die Leistungen der französischen Schülerinnen und Schüler (ausgenommen in Mathematik) mittelmäßig. 2001 waren neun Prozent der 25- bis 29-Jährigen ohne Schulabschluss arbeitslos (in Deutschland hingegen nur 5,7 Prozent). Das französische Schulsystem hat also Mühe, die Kinder, insbesondere die Arbeiterkinder, erfolgreich in das Berufsleben zu integrieren, was sich in einer hohen Jugendarbeitslosigkeit niederschlägt.

Im Gesundheitswesen steht Frankreich nach 60 Jahren laut einer Feststellung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahre 2000 an der Spitze bei der Behandlung von Krankheiten. Dieser Fortschritt beruht auf der 1946 gegründeten Sozialversicherung, die sich an das Bismarcksche Modell in Deutschland anlehnte. Die Ausgaben für die Gesundheit sind fast genauso hoch wie in Deutschland (insgesamt 9,7 Prozent, in Deutschland 10,3 Prozent des BIP), und sie steigen weiterhin kontinuierlich an, ungeachtet der verschiedenen Maßnahmen zu ihrer Begrenzung, die alljährlich im Parlament verabschiedet werden. Das System scheint sich nicht bändigen zu lassen, und das Defizit der Krankenversicherung hat allein 2004 über 14 Milliarden Euro erreicht.

Dieses sehr leistungsfähige und sehr teure Gesundheitswesen hat allerdings nicht alle Ungleichheiten bei der Versorgung beseitigen können. Da wären zuerst die geographischen Ungleichheiten: In der Region Poitou-Charente kommen 3,5 Krankenhausbetten auf 1 000 Personen, nebenan im Limousin sind es fünf; in der Picardie kommen 2,4 Ärzte auf 1000 Personen, in der Provence sind es 4,1. Es gibt aber auch soziale Ungleichheiten: Sie liegen weniger beim Zugang zur Behandlung als in der Vorsorge. Aufgrund der Schwächen in der Gesundheitspolitik sind die Risiken zwischen den sozialen Gruppen ungleich verteilt. So sterben beispielsweise zehnmal mehr Arbeiter an den Folgen des Alkoholismus als Führungskräfte und noch drei- bis viermal mehr nach Krebserkrankungen oder Schlaganfällen. Diese Risikofaktoren bleiben so hartnäckig bestehen, weil die Leute aufgrund mangelhafter Information und Aufklärung häufig zu spät zum Arzt gehen. Die Gesundheitspolitik nimmt diese Unzulänglichkeiten immer mehr wahr und entwickelt in großem Umfang Maßnahmen zur Vorbeugung, die die Ungleichheiten im Gesundheitswesen verringern sollen; aber auf diesem Gebiet bleibt noch viel zu tun.

Geschlechterverhältnis und soziale Schichtung

Die letzten sechzig Jahre sind von zwei grundlegenden Umwälzungen bestimmt, die hier nacheinander behandelt werden, obwohl sie sich überlagern. Die erste Umwälzung zeigt sich im Verhältnis der Geschlechter, die zweite in Veränderungen der sozialen Schichtung. Die erste bedeutet einen beispiellosen Wandel, die zweite ist hingegen weniger offensichtlich festzustellen. Im Rückblick zeigt sich heute, dass die Stellung der Frauen in der französischen Gesellschaft den tiefgreifendsten, dauerhaftesten und sichtbarsten Wandel erfahren hat. Und hier hatte Frankreich viel aufzuholen: Erst 1944 erhielten die Französinnen das allgemeine Wahlrecht, erst 1965 wurde die gesetzliche Gleichstellung von Frauen und Männern in Angriff genommen. So wurde die gesetzliche Vormundschaft des Ehemannes über die Ehefrau abgeschafft, eine gleichmäßige Verteilung der elterlichen Autorität verfügt, und es wurden gemischte Schulklassen eingeführt. Verschiedene Gesetze schufen die Grundlage zur Anerkennung des Rechtes der Frau auf sexuelle Selbstbestimmung, die Empfängnisverhütung wurde liberalisiert, die Abtreibung legalisiert, Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe sowie sexuelle Belästigung wurden unter Strafe gestellt.

Seit den 1990er Jahren beschäftigte sich die Gesetzgebung auch mit dem Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz und in der Politik. 1999 wurde ein Gesetz verabschiedet, mit dem das Prinzip der Quotengleichheit (ein Mann, eine Frau) auf den Wahllisten der politischen Parteien verwirklicht werden sollte - wobei sich die Praxis der Kandidatenaufstellung allerdings nur langsam ändert. Die augenblickliche Herausforderung liegt stärker in der Durchsetzung dieser Gesetze als in ihrer Erweiterung. Denn die Stellung der Frauen steht immer noch im starken Kontrast zu der der Männer.

Im Bildungsbereich erzielen die Mädchen bessere Noten und lernen schneller als die Jungen, ganz gleich auf welcher Bildungsstufe und in welcher Schule. Trotzdem finden diese schulischen Erfolge keinen durchgängigen Widerhall in der Arbeitswelt. Innerhalb von dreißig Jahren sind Frauen sehr stark auf den Arbeitsmarkt geströmt, die Beschäftigungsquote der Frauen (das heißt der Anteil der Frauen zwischen 25 und 49 Jahren, die einen Beruf ausüben) ist von weniger als 60 auf über 80 Prozent gestiegen.

Dieser weibliche Zustrom wurde jedoch von einem Wandel in der Art und in den Inhalten der Beschäftigung begleitet: Stark gewachsen ist vor allem der Dienstleistungsbereich, in dem mehrheitlich Frauen arbeiten, und es haben sich verschiedene Formen atypischer, ungesicherter Beschäftigungsverhältnisse entwickelt wie Teilzeitarbeit, Zeitarbeit und zeitlich begrenzte Arbeitsverträge, in denen viel mehr Frauen als Männer tätig sind. Die Gehälter von Frauen liegen im übrigen bei derselben Art von Beschäftigung durchschnittlich zwölf Prozent unter denen der Männer. Obwohl es heute in den Berufsgruppen der Ärzte-, der Richter- und Anwaltschaft sowie im Journalismus unter den jüngeren Beschäftigten mehr Frauen als Männer gibt, stoßen sie in mancherlei Berufen und vor allem bei lukrativen Führungspositionen nach wie vor auf unsichtbare Barrieren: Männer kommen in ihrer Karriere, was die Gehälter und ihre Verantwortungsbereiche betrifft, noch immer schneller voran.

Aber der Prozess, dass immer mehr Frauen Zugang zum Arbeitsmarkt bekommen, ist mittlerweile unumkehrbar: Eine der markantesten Eigenschaften der Französinnen besteht heute darin, dass sie die Verbindung zwischen Familien- und Berufsleben nicht mehr in einem Nacheinander (Unterbrechung des Arbeitslebens mit der Geburt des ersten Kindes) sehen, sondern in einem Nebeneinander. Trotzdem hat sich bei der Aufteilung der Arbeit im Haushalt kaum etwas geändert, insbesondere wird die Zeit für die Kindererziehung und für die Hausaufgabenbetreuung trotz des schönen Bildes von den "neuen Vätern" größtenteils von den Müttern aufgebracht. In den ehelichen Beziehungen bleiben Frauen weiterhin vielfach Opfer männlicher Gewalt.

Parallel zum Wandel im Geschlechterverhältnis hat die französische Gesellschaft dieselbe Entwicklung genommen wie die europäischen Nachbarländer. Für gewöhnlich werden diese Entwicklungen in vier Grundtendenzen zusammengefasst:
  • Anstieg der Arbeitnehmerschaft, der sich vor allem durch den Rückgang der Selbstständigen in Landwirtschaft, Handwerk und Einzelhandel bemerkbar macht, deren Anteil an der arbeitenden Bevölkerung von 1962 bis 2000 von 27 auf acht Prozent gesunken ist. Innerhalb von 40 Jahren ist die Anzahl der Landwirte von drei Millionen auf 600000 geschrumpft; die abhängigen Beschäftigungsverhältnisse hingegen sind exponentiell gewachsen.
  • Ausweitung des Dienstleistungssektors mit qualifizierter und unqualifizierter Beschäftigung sowie Rückgang des Handwerks.
  • Anwachsen des Mittelstandes, das heißt Herausbildung von "Mittelschichten" entsprechend den "mittleren" Berufen: Lehrkräfte, Sozialpädagogen, Heil- und Pflegeberufe, mittleres Management in Verwaltung und Industrie, Techniker, Werkmeister, die in 40 Jahren von zwei auf fünf Millionen Berufstätige angewachsen sind und fast 20 Prozent der berufstätigen Bevölkerung in Frankreich ausmachen.
  • Zunahme der Spitzenverdiener, also der Führungskräfte und der Angehörigen höherer akademischer Berufe, die in 40 Jahren von 900000 auf 3,3 Millionen angewachsen sind und 13 Prozent aller Berufstätigen in Frankreich ausmachen.
Diese Entwicklung des sozialen Aufstiegs in der französischen Gesellschaft erfährt derzeit eine Verlangsamung: Die Ausweitung der "mittleren" Berufe hängt vom Ausbau des Staates und besonders des Sozialstaates ab, der in der augenblicklichen Phase eher auf dem Rückzug ist und weniger Karrierechancen bietet. Bei den Führungskräften scheint es ebenfalls zu einer Verlangsamung der Entwicklung gekommen zu sein. Daher wird der soziale Aufstieg von Kindern aus den unteren Schichten wahrscheinlich auf neue Hindernisse stoßen, was etliche Beobachter zur der Aussage führt, "der soziale Fahrstuhl nach oben" sei defekt.

Die soziale Mobilität von einer Generation zur nächsten hat sich verlangsamt. Dazu kommt in jüngerer Zeit das Bewusstsein, dass es erhebliche Diskriminierungen bei der Vergabe von Arbeitsplätzen gibt. So leiden Jugendliche arabischer Herkunft unter einer überdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeit, teils wegen ihrer geringen Qualifikationen, aber auch wegen der Einstellungspraxis mancher Arbeitgeber, die "echte Franzosen" bevorzugen.

Entwicklung der sozialen SchichtenEntwicklung der sozialen Schichten
Diese Hindernisse bei der sozialen Eingliederung nähren Frustrationen bei einem Teil der Jugendlichen aus einfachen Schichten, die sich diskriminiert fühlen, vor allem wenn sie arabischer oder afrikanischer Herkunft sind. Die Frustrationen verweisen auch auf die Konzentration sozialer Problemlagen in den Vorstadtsiedlungen, in denen überwiegend Immigranten wohnen, und die wiederholten Gewaltausbrüche in diesen Vierteln. Sie können schließlich auch die Hinwendung zahlreicher Menschen ausländischer Herkunft oder Abstammung zur Religion des Islam erklären, die darin eine Möglichkeit sehen, ihre Identität gegenüber einer Gesellschaft zu behaupten, als deren Opfer sie sich fühlen.

Die Kategorie des "einfachen Volkes" ist noch lange nicht verschwunden. Auch wenn einige Autoren seit dreißig Jahren "das Ende der Arbeiterschaft" diagnostizieren, ist sie mit ungefähr 7,4 Millionen Menschen immer noch sehr zahlreich vorhanden. Fast 30 Prozent aller Berufstätigen zählen nach wie vor zu ihr. Insgesamt bildeten Arbeiter und einfache Angestellte, trotz Zunahme der neuen Mittelschicht und dem Bestreben, in die höheren Schichten aufzusteigen, während des gesamten Betrachtungszeitraumes unverändert 60 Prozent aller Berufstätigen. In den vierzig Jahren, in denen die neuen sozialen Mittel- und Oberschichten hervorgetreten sind, blieben die unteren Schichten erhalten. Durch die Ausweitung des Dienstleistungssektors setzen sich letztere heute anders zusammen (die Zahl der einfachen Angestellten hat zugenommen), insgesamt aber sind sie gleich groß geblieben.

Quellentext

SMIC - Arbeiten mit Billiglohn

Eine vornehmere Geschäftslage ist in Paris kaum zu finden. Wenn kurz vor Mitternacht die Schickeria anrückt, um in der Lebensmittelabteilung des Monoprix an den Champs Elysées für das Sektfrühstück einzukaufen, hat Michel Blamchard, 33, alle Hände voll zu tun. Seit zehn Jahren füllt er die Regale des Supermarktes, der wegen seines späten Ladenschlusses in ganz Paris beliebt ist.
Blamchard ist einer von knapp drei Millionen Franzosen, die den gesetzlichen Mindestlohn Smic (Salaire minimum interprofessionnel de croissance) beziehen. Er lebt in einer neun Quadratmeter großen Dachwohnung mit Waschbecken und Außentoilette an der Avenue Montaigne und zahlt dafür 300 Euro Miete: "Mehr ist für 1100 Euro brutto im Monat nicht drin." Nach Abzug von Miete, Sozialbeiträgen und dem Unterhalt für seine Kinder bleiben ihm gerade mal 600 Euro. Deshalb arbeitet er zuweilen noch für ein Taschengeld im Zeitungskiosk nebenan.
Bereits 1950 führte die französische Regierung die Mindestlöhne ein. Mittlerweile erhalten 13 Prozent aller abhängig Beschäftigten den Smic, zu Beginn der neunziger Jahre waren es noch acht Prozent. Der minimale Stundenlohn beträgt derzeit 7,14 Euro, davon ausgenommen sind Jugendliche, Auszubildende und Behinderte. Anfangs arbeiteten die meisten Smic-Bezieher in Landwirtschaft und Industrie, heute sind sie mehrheitlich als Hilfskräfte in Gastronomie und Haushalt (35 Prozent), im Handel (20 Prozent) sowie in Erziehung und Gesundheit (15 Prozent) tätig. Vor allem Frauen und jüngere Kräfte erhalten den Mindestlohn, und sie arbeiten meist in Kleinstbetrieben. Bei Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten beträgt der Smic-Anteil hingegen nur knapp fünf Prozent. [...]
Michael Mönninger, "Arme Franzosen", in: Die Zeit Nr. 11 vom 4. März 2004.

Schließlich muss auf eine Entwicklung hingewiesen werden, die im Laufe des Betrachtungszeitraumes immer bedeutender geworden ist: Die Arbeitslosigkeit nimmt anscheinend unaufhaltsam zu. Das Institut national de la statistique et des études économiques, INSEE, bezifferte 2000 die Arbeitslosigkeit auf etwa 13 Prozent der berufstätigen oder arbeitswilligen Bevölkerung, wenngleich die offizielle Arbeitslosenzahl mit ungefähr neun Prozent etwas niedriger ist. Letztere zählt nur die offiziell registrierten Arbeitslosen, die Arbeitslosengeld oder -hilfe beziehen, während sich die INSEE auf die Bekundungen aller nicht Arbeitenden stützt.

Auch wenn die Arbeitslosen keine stabile soziale Kategorie bilden, so sind bestimmte soziale Gruppen doch mehr als andere von Arbeitslosigkeit betroffen: Während 15 Prozent der Arbeiter und einfachen Angestellten arbeitslos sind, haben bei den mittleren Angestellten nur sechs Prozent, bei den Führungskräften lediglich fünf Prozent keine Beschäftigung. Und obwohl die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit bei fünf bis sechs Monaten liegt, gibt es eine große Gruppe von Langzeit-Arbeitslosen, die auf über eine Million geschätzt wird; sie befinden sich quasi dauerhaft in einer Situation der Beschäftigungslosigkeit, was von einigen Soziologen rundheraus als Ausschluss aus der Gesellschaft (soziale Exklusion) gewertet wird.

Wie es momentan aussieht, gehören die großen klassischen sozialen Konflikte der 1960er und 1970er Jahre der Vergangenheit an; der letzte Generalstreik fand 1995 als Protest gegen die Reform der Sozialversicherung statt. Statt dessen haben wir in den letzten Jahren eine Vielzahl von themenbezogenen Protestbewegungen erlebt, die sich nicht am klassischen Sozialkonflikt orientieren, sondern an geschlechterspezifischen Fragen (feministische Bewegungen), an der sexuellen Einstellung (Behauptung der homosexuellen/lesbischen Bewegungen als politische Akteure) oder an der Religion (wachsende Präsenz des Islam im öffentlichen Leben). Aber trotz dieser Vielfalt, die die sozialen Lagen und die politischen Einstellungen heute kennzeichnet, bleiben die tradierten Unterscheidungen zwischen sozialen Gruppen doch weiterhin prägend für die Verhaltensweisen, für die Lebenssituation und für die politischen Meinungen der Menschen.


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