Frankreich

10.3.2005 | Von:
Philippe Estèbe, übersetzt von Holger Fock

Gesellschaft im Wandel

Räumliche Entwicklung

Durch die zunehmende Mobilität der Bevölkerung haben sich Land und Städte in Frankreich beträchtlich gewandelt. Die räumliche Entwicklung ist von vier wesentlichen Veränderungen geprägt worden:
  • Die erste Veränderung ist die Landflucht, die in Frankreich erst in den 1960er Jahren richtig begann. Nachdem 1930 noch 50 Prozent der französischen Bevölkerung als ländlich eingestuft werden konnten, leben heute mehr als 80 Prozent aller Französinnen und Franzosen in Gemeinden, die als städtisch angesehen werden, das heißt mehr als 5000 Einwohner haben. Im Übrigen ist die ländliche Bevölkerung nur noch zu einem sehr kleinen Teil mit der Landwirtschaft verbunden. Ihre Lebensweise und oft auch ihre Arbeit sind zunehmend von urbanem Charakter.
  • Die zweite Veränderung liegt in den ausgewählten Zielen der Binnenmigration. Seit rund 20 Jahren richtet sie sich immer mehr auf die großen Metropolen, die 80 Prozent des gesamten Bevölkerungswachstums der letzten zehn Jahre in Frankreich auf sich vereinten, sowie auf die Regionen im Süden und im Westen (Pays de la Loire, Provence, Languedoc-Roussillon, Midi-Pyrénées, Aquitaine). Die Region Paris - mit zehn Millionen Menschen weiterhin die bevölkerungsreichste - verliert Bewohner an ein riesiges "Umland", das von Rennes über Nantes, Bordeaux, Toulouse und Montpellier bis Nizza reicht.
  • Die dritte Veränderung ist eine Folge des Erwerbs von Wohneigentum und des zunehmenden privaten Verkehrs: Die französischen Städte dehnen sich immer mehr aus, brechen in ländliche Räume ein und spannen ein immer weiter ausgreifendes Netz. Knapp 60 Prozent der französischen Haushalte sind Eigentümer ihrer Wohnung (in Deutschland sind es im Vergleich dazu nur 40, in Italien hingegen 70 Prozent). Diese Entwicklung dürfte um so mehr zunehmen, als die Anzahl der Haushalte in den kommenden Jahren weiter steigen wird, selbst wenn die Bevölkerung künftig stagnieren sollte. Dies hängt zum einen mit den sich weiter verändernden Lebensweisen, zum anderen mit der gestiegenen Lebenserwartung zusammen.
  • Als letztes schließlich haben sich die großen Sozialwohnungsblöcke, die in den 1950er Jahren in den Randzonen der Großstädte zwischen den Vierteln der Innenstadt und den Einfamilienhaus-Vororten erbaut worden waren, um die Wohnungsnot zu bekämpfen und den Arbeitskräftebedarf der Industrie zu decken, allmählich zum Lebensraum für jene Menschen entwickelt, die in schwierigen Lebenslagen stecken oder aus dem Ausland kommen. Diese so genannten Cités sind in einigen Fällen zu regelrechten Sammelbecken der Armut geworden, in denen die Arbeitslosenrate hoch und die Zukunftsaussichten düster sind.

Quellentext

Für sozialen Zusammenhalt

Wer hier wohnt, ist ganz unten. Nur wer nirgendwo sonst unterkommt, zieht in die grauen, bis zu 20 Etagen hohen Betonblöcke, an deren Fenstern Wäsche trocknet. Hier, in der Trabantenstadt La Duchère, lungern in den Hauseingängen Jugendliche zumeist arabischer Herkunft herum. Der Großteil von ihnen hat keinen Job -
so wie 36 Prozent der 12400 Einwohner der Siedlung. La Duchère war in den 50er Jahren als "harmonisches Ensemble von 5500 Wohnungen" konzipiert worden. Jetzt ballen sich in den lang gestreckten, tristen Bauten die sozialen Probleme der französischen Millionenstadt Lyon: Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Drogenhandel, Vandalismus, Verwahrlosung.
Doch bald soll alles besser werden. Die meisten der Riesen-Blöcke um den "tour Chicago" werden abgerissen, Einkaufszentrum und soziale Einrichtungen erneuert. Hübsche drei- bis vierstöckige Häuser mit schönen Balkonen und Terrassen, die einen herrlichen Blick auf das nahe gelegene Lyon bieten, sollen das Viertel auch für Besserverdienende interessant machen. [...]
Das wäre ganz im Sinne der Stadt Lyon, der Region Rhône-Alpes und des französischen Staates, die einen Großteil der finanziellen Kosten tragen. Das Ziel: Ein Viertel schaffen, in dem sich Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten wohlfühlen können. Der Anteil der Sozialwohnungen in La Duchère soll von heute 80 auf 60 Prozent sinken. Die Erneuerung der "sensiblen Viertel" des Landes und der Bau von insgesamt 500000 Sozialwohnungen sind Bestandteil des "Plans für den sozialen Zusammenhalt", den der "Minister für Beschäftigung und sozialen Zusammenhalt", Jean-Louis Borloo, Ende Juni 2004 vorgestellt hat und der am 15. September im Kabinett präsentiert wird. 12,8 Milliarden Euro will Paris in den nächsten fünf Jahren ausgeben, um mehr Chancengleichheit und Arbeitsplätze für die sozial Deklassierten zu schaffen sowie ihre Wohnbedingungen zu verbessern.
"Vier Millionen Haushalte leben am Rand der Gesellschaft, an ihnen geht der Aufschwung vorbei", weiß Borloo. Das trifft selbst auf so dynamisch wachsende Regionen wie Rhône-Alpes zu, wo 400000 Menschen keine Chance haben, einen Job oder auf dem engen freien Wohnungsmarkt eine bezahlbare Unterkunft zu finden. [...]
Ob Borloos Rechnung aufgehen wird, ist fraglich. Das Land hat in den letzten Jahren zu viele Sozialpläne gesehen, deren Wirkung verpuffte. Mit mehr als 450 Milliarden Euro gibt das Land weltweit mit am meisten für soziale Zwecke aus.

Gerhard Bläske, "Monsieur Borloo räumt auf", in: Süddeutsche Zeitung vom 11./12. September 2004.

So zeichnen sich auf der Landkarte der französischen Gesellschaft zugleich die Fortschritte wie die Probleme ab: Der ländliche Raum eröffnet für einen bedeutenden Teil der Bevölkerung zusätzliche Möglichkeiten der Auswahl des Wohnortes (dies mehr in den südlichen Regionen als in den nördlichen, mehr an den Stadträndern mit Einfamilienhäusern als in den großen Wohnhäusern der Innenstädte); zugleich wird der vorhandene Platz für einige enger und bleibt auf einen engen Horizont beschränkt, dem des Lebens in den Cités, wo der Alltag schwierig zu bewältigen ist und sich kaum Chancen zum Wegzug eröffnen.

Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern, vielleicht mit Ausnahme von Spanien, ist Frankreich ein "leeres" Land mit einer geringen Bevölkerungsdichte von 110 Menschen pro Quadratkilometer; es bildet daher ein bevorzugtes Ziel für die Zuzügler aus Nachbarländern, denen es in ihrer Heimat zu eng wird. Das von den Bauern aufgegebene Land wird in vielen Gegenden von Ausländern besiedelt, in der Bretagne und im Périgord von Engländern, in der Gascogne von Niederländern, im Zentralmassiv und im Rhône-Tal von Deutschen. Vielleicht mehr noch als durch den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch wird Frankreich auf dem Umweg über seine ländlichen Räume wahrhaft europäisch. Und das ist sicher das beste Schicksal, das man einem Land wünschen kann, das seit 40 Jahren ohne Unterlass seine starke Neigung zur europäischen Integration verkündet.

Reformen und Defizite des Bildungssystems

Werner Zettelmeier

Ähnlich wie die (alte) Bundesrepublik hat auch Frankreich in den letzten 40 Jahren eine starke Expansion seines Bildungssystems erlebt. Hierzu haben nicht nur steigende Geburtenzahlen, sondern auch ein durchgehend dezidierter politischer Wille zur Öffnung der Sekundar- und Hochschulen bzw. zur Umstrukturierung des Bildungssystems beigetragen. In mancher Hinsicht ist diese Expansion wesentlich schneller bzw. weiter vorangeschritten, als dies in der alten Bundesrepublik Deutschland der Fall ist. So waren im französischen Hochschulwesen schon zu Beginn der 1990er Jahre mehr als zwei Millionen Studierende eingeschrieben, während diese Schwelle für das vereinte Deutschland erst zum Wintersemester 2003/04 überschritten wurde. Von den 627 520 Teilnehmenden des Abiturjahrganges 2003 haben 80,1 Prozent ihre Prüfung erfolgreich bestanden, womit 62,9 Prozent dieses Altersjahrganges Abiturienten sind. Das sind wesentlich mehr als in Deutschland, wo die Bildungspolitik einen Abiturientenanteil von 40 Prozent erst noch anstrebt. Schon seit Mitte der 1980er Jahre ist ein explizites Ziel der französischen Bildungspolitik, 80 Prozent eines Altersjahrganges zum Abitur zu führen. Zweifellos muss dabei immer wieder beachtet werden, dass sich hinter der gleichen bzw. ähnlich klingenden Begrifflichkeit immer noch sehr verschiedene soziale Wirklichkeiten verbergen. So kann das deutsche Abitur nicht mit dem französischen baccalauréat gleichgesetzt werden, und auch der französische Hochschulsektor ist wesentlich umfassender und institutionell differenzierter, als dies das deutsche Verständnis von Universität erahnen lässt.

Die Tragweite der französischen Entwicklung wird allerdings aus dem Vergleich aktueller Strukturdaten mit denen der 1950er Jahre deutlich. So betrug der Abiturientenanteil zu Beginn der 1950er Jahre lediglich sechs Prozent, die Zahl der Studierenden belief sich auf knapp 200000, und der Haushalt des Erziehungsministeriums betrug 1952 lediglich 7,5 Prozent des Staatshaushaltes, während er 2003 mit einem Anteil von 23 Prozent den größten Einzelhaushalt darstellt, aus dem insgesamt circa 1,3 Millionen Beschäftigte in Lehre und Verwaltung bezahlt werden. Das französische Erziehungsministerium ist damit die größte Behörde Frankreichs, ja sogar aller EU-Staaten.

Strukturreformen

Die heutige Organisation des Bildungswesens ist als Folge mehrerer umfassender Strukturreformen entstanden. 1959 wurde die allgemeine Schulpflicht um zwei Jahre verlängert, sie gilt nunmehr für alle Schülerinnen und Schüler im Alter von sechs bis 16 Jahren. Bemerkenswert ist allerdings, dass praktisch schon alle Kinder ab dem dritten Lebensjahr einen Platz in einer ganztägigen, in der Regel öffentlichen und damit kostenlosen Vorschule (école maternelle) finden.

Diese wird stärker als in (West)Deutschland von allen beteiligten Akteuren als eine normale Etappe in der Schulbiographie angesehen und lässt sich deshalb schon von der Begrifflichkeit her nur bedingt mit dem deutschen Kindergartensystem vergleichen. Sogar über ein Drittel der zweijährigen Kinder nehmen am Vorschulunterricht teil. Wird noch das flächendeckende Angebot an Krippenplätzen für circa 20 Prozent aller Kleinkinder hinzugezählt, auch wenn diese nicht zum Bildungssystem im engeren Sinne gehören, so gilt Frankreich im internationalen Maßstab zu Recht als Vorbild im Bereich der vorschulischen Erziehung.

Nach einer fünfjährigen Grundschule (école élémentaire) besuchen alle Schülerinnen und Schüler das 1975 als einheitliche Gesamtschule geschaffene collège, das vier Jahrgänge umfasst. Mit dieser Reform war in den 1970er und 1980er Jahren die Hoffnung auf Verwirklichung von mehr Chancengleichheit für breite Bevölkerungsschichten verbunden, die im zuvor bestehenden differenzierten Schulsystem aufgrund der Segregationsmechanismen nur bedingt möglich war. Insbesondere der Zugang zum lycée (Gymnasium) war de facto einer Elite von Schülern aus sozial begünstigten Schichten vorbehalten.

Das lycée im heutigen Verständnis schließt sich als eine auf die Sekundarstufe II beschränkte Schulform an. Hier findet nun eine institutionelle Differenzierung statt, die in der heute existierenden Form 1992 geschaffen wurde. Demnach führt ein Weg in drei Jahren zum allgemeinbildenden Abitur (baccalauréat général), ein weiterer Weg in ebenfalls drei Jahren zum Techniker-Abitur (baccalauréat technologique), und als dritter Weg ist seit 1987 an einem berufsbildenden Gymnasium (lycée professionnel) die Vorbereitung eines berufsbildenden Abiturs (baccalauréat professionnel) in vier Jahren möglich.

Das französische SchulsystemDas französische Schulsystem
Jede dieser Abiturformen teilt sich wiederum in mehrere Untergruppen auf, die sich nach der disziplinspezifischen Schwerpunktsetzung unterscheiden. So lassen sich beim allgemeinbildenden Abitur, das 2003 mit circa 268000 Absolventen die größte Gruppe darstellte, drei Typen unterscheiden, nämlich ein mathematisch-naturwissenschaftlich, ein literarisch-neusprachlich und ein sozialwissenschaftlich ausgerichtetes Abitur. Eine noch stärkere Auffächerung ist beim Techniker-Abitur, das 2003 von 142000 Schülerinnen und Schülern erfolgreich absolviert wurde, und beim Berufsabitur (91000 Abiturienten im Jahre 2003) festzustellen.

Bemühungen um Chancengleichheit

Die Wahl des Bildungsweges nach Abschluss der Pflichtschulzeit ist nur bedingt frei, denn die Leistungen im collège, und damit wiederum die sozialen und kulturellen Bedingungen, die den Schulerfolg ermöglichen, sind entscheidend für das Ausmaß an Wahlfreiheit, über das die Schüler verfügen. In der Tat stehen nicht nur die drei Grundtypen des Abiturs in einer ausgeprägten hierarchischen Beziehung zueinander und konkurrieren um die aus dem collège abgehenden Jahrgangsbesten, sondern auch innerhalb jeder Untergruppe gibt es, insbesondere beim allgemeinbildenden Abitur, Rangunterschiede, die gesellschaftliche Wertvorstellungen, soziale Ungleichheiten und kulturelle Traditionen, wie sie sich in der französischen Gesellschaft vorfinden lassen, auf subtile Art widerspiegeln. Die Wahl des Abiturs, das aufgrund seiner Scharnierstellung im Bildungssystem zu einer Sozialisationsinstanz für die Mehrheit der französischen Jugendlichen geworden ist, entscheidet in viel stärkerem Maße als in Deutschland über den weiteren Bildungsverlauf bzw. die berufliche und soziale Position der künftigen Erwerbstätigen.

Alle Abiturtypen eröffnen grundsätzlich den Weg zum Hochschulstudium, die tatsächliche Wahlfreiheit, der Studienerfolg und die berufliche Eingliederung hängen jedoch sehr stark von dem bereits in der Sekundarschule eingeschlagenen Weg ab. Charakteristisch für das französische Hochschulwesen ist seine duale Struktur, nach der sich ein kleiner Sektor mit Eingangsselektion und ein großer zulassungsfreier Sektor unterscheiden lassen. Beide Sektoren konkurrieren unter sehr unterschiedlichen materiellen Bedingungen um die Abiturienten. Zum selektiven Sektor gehören als französische Besonderheit die Grandes Ecoles, für deren Zulassung sich eine kleine Gruppe von leistungsstarken Abiturienten in zweijährigen, äußerst arbeitsintensiven und ein breites Fächerspektrum abdeckenden Vorbereitungsklassen (classes préparatoires) qualifizieren kann. Im Jahre 2003 befanden sich 72000 Schülerinnen und Schüler in diesen Klassen, die an einige besonders angesehene Gymnasien angegliedert sind. 8,9 Prozent der Absolventen eines allgemeinbildenden bzw. technischen Abiturs wurden 2003 in eine Vorbereitungsklasse aufgenommen.

Die besten Chancen haben hierbei die Absolventen des Abiturs mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Schwerpunktsetzung, Absolventen eines Berufsabiturs haben kaum Aussichten auf Zulassung. Die derzeit etwa 230000 Studierenden der Grandes Ecoles werden in einem in der Regel dreijährigen Studium zu Ingenieuren, Spitzenmanagern der Wirtschaft und hohen Verwaltungsbeamten ausgebildet. Bei diesen Elitehochschulen lassen sich private und öffentliche Einrichtungen unterscheiden, eine Reihe der angesehensten öffentlichen Institutionen, wie zum Beispiel die Ecole Polytechnique oder die Ecole Nationale d'Administration (ENA) unterstehen nicht dem Erziehungsministerium und verfügen im Vergleich zu den öffentlichen Universitäten über erhebliche Budgetmittel. Zum selektiven Sektor gehören ebenfalls die berufsqualifizierenden zweijährigen Kurzstudiengänge an den Instituts universitaires de technologie (IUT) mit circa 115000 Studierenden im Studienjahr 2002/03 sowie die an einige ausgewählte Gymnasien angegliederten STS-Klassen (Sections de techniciens supérieurs), die von 245000 Studierenden im gleichen Studienjahr belegt wurden.

Quellentext

Schule der Elite

Sie sind die Kaste, die den Staat beherrscht. Würde man, nur so als Denkmodell, die Absolventen der französischen Ecole Nationale d'Administration (ENA) dem Staatsdienst vorenthalten, wäre die Republik führungslos. Die Enarquen, wie sie halb bewundernd genannt werden, sitzen da, wo die Macht ist. Jacques Chirac, der Präsident, lässt sich von Enarquen beraten und ist selber einer. Sein Vorgänger, Valéry Giscard d'Estaing, hat seine Karriere mit einem ENA-Abschluss begonnen, die Mehrzahl der Premierminister der Fünften Republik, egal von welcher Partei, zählten dazu. Der Nicht-Enarque Jean-Pierre Raffarin, fast ein Autodidakt, wurde von Chirac berufen, weil der Präsident ausnahmsweise einen volksnahen Regierungschef haben wollte. Staatskarrieren beginnen für gewöhnlich an der ENA in Paris.

Von Januar an wird die Kaderschmiede, allen Protesten zum Trotz, nach Straßburg umsiedeln, wohin schon ein Teil des Studienbetriebs ausgelagert ist. Man residiert nicht länger in dem Stadtpalais an der Pariser Rue de l'Université. Vor fast 60 Jahren hatte Charles de Gaulle das Dekret zur ENA-Gründung unterzeichnet. Sie sollte den Staat mit loyalen Spitzenbeamten versorgen. So sind denn auch von den bisher 5334 Absolventen zwei Drittel zunächst in die Verwaltung gegangen. [...] Doch auch die Hälfte aller Wirtschaftsführer war auf der ENA.
Trotz unterschiedlicher politischer Vorstellungen hat sich unter den Enarquen ein Korpsgeist herausgebildet, der sich in der Diktion und einer bestimmten Art zu denken niederschlägt. Sozialisten wie François Hollande oder Laurent Fabius mit ihrem gutbürgerlichen Hintergrund hätten in einer konservativen Partei gleichermaßen Karriere gemacht. So wie Alain Juppé, der aus eher bescheidenen Verhältnissen stammt. [...] Die Kaste bleibt unter sich; weit mehr als die Hälfte der Absolventen stammen aus Akademiker-Familien, nur ein Bruchteil aus unteren sozialen Schichten. Reformversuche gingen ins Leere. Ein Pariser Philosophie-Professor hat eine "Organisation gegen das System ENA" gegründet, ohne nennenswerte Folgen.
Mit dem Umzug ins Elsass will die Regierung Impulse aus der EU zulassen. Enarque Renaud Dutreil, Minister für den Öffentlichen Dienst, hat einen deutsch-französischen Business-Master-Studiengang angekündigt. Einstweilen aber gilt, was ENA-Absolvent Alain Peyrefitte schon in den siebziger Jahren postulierte: "Die meisten Schüler der Grandes Ecoles lernen vor allem, dass sie dazu ausersehen sind, ihren Platz an der Spitze der sozialen Pyramide einzunehmen."
Gerd Kröncke, "Gallische Galionsfiguren", in: Süddeutsche Zeitung vom 29. Dezember 2004.

Die circa 90 französischen Universitäten bilden den zulassungsfreien Sektor mit etwa 1,5 Millionen eingeschriebenen Studierenden. Sie sind zuständig für die Massenbildung, denn sie haben in den 1980er und in der ersten Hälfte der 1990er Jahre eine starke Erhöhung der Einschreibzahlen erlebt. Der Staat, aber im Zuge der Dezentralisierungsbestrebungen seit Beginn der 1980er Jahre zunehmend auch die Gebietskörperschaften wie Regionen, Départements und Kommunen, die traditionell keine Kompetenzen im Bildungsbereich hatten, haben seinerzeit erhebliche zusätzliche Mittel für ein umfangreiches Neu- und Ausbauprogramm bereitgestellt.

Dennoch ist die finanzielle Ausstattung der Universitäten im Vergleich zu den Institutionen des selektiven Sektors wesentlich ungünstiger. Die durchschnittlichen Aufwendungen der öffentlichen Hand im Jahre 2002 pro Universitätsstudenten lagen bei 6800 Euro, für einen Schüler einer Vorbereitungsklasse dagegen bei 13200 Euro, für den Ingenieurstudenten einer Grande Ecole bei 11910 Euro und für einen Studenten eines IUT bei immerhin noch 9100 Euro.

Auch im internationalen Vergleich liegen die französischen Universitäten unterhalb des für die OECD-Länder ermittelten Durchschnittswertes, der bei circa 9210 US-Dollar liegt. Diese Ungleichbehandlung führt zu sehr unterschiedlichen Studienbedingungen, Studienerfolgsaussichten und damit auch Perspektiven für die berufliche Eingliederung, bei denen die Institutionen des selektiven Sektors durchweg besser abschneiden. Dies hat Auswirkungen auf die unterschiedliche soziale Wertschätzung, die den einzelnen Institutionen entgegengebracht wird, und schreibt allen Bemühungen um mehr Chancengleichheit zum Trotz soziale Ungleichheiten beim Zugang zu den Angeboten des Hochschulsektors fort.

Stiefkind" Berufsbildung

Die Verwirklichung von Chancengleichheit ist eine Herausforderung, der sich das französische Bildungssystem auf allen Stufen stellen muss. Dies gilt zum Beispiel für die nach wie vor feststellbare Ungleichbehandlung von Allgemeinbildung und beruflicher Bildung.

Kennzeichnend für das französische Bildungssystem ist die weitgehende Integration der beruflichen Bildung in das Schulsystem. Etwa 40 Prozent der aus dem collège abgehenden Schülerinnen und Schüler - das heißt jährlich circa 350000 - beginnen eine Berufsausbildung, die große Mehrheit davon - circa 250000 - in vollschulischer Form in einem beruflichen Gymnasium, ein kleinerer Teil in Form einer Lehre, die in etwa dem deutschen dualen System vergleichbar ist.

In immer noch (zu) vielen Fällen beruht dies jedoch nicht auf freier Entscheidung der Jugendlichen, sondern sie werden aufgrund unzureichender schulischer Leistungen im collège in den berufsbildenen Zweig "orientiert". Für die Betroffenen und in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit hat sich somit der Eindruck verfestigt, dass die berufsbildenden Zweige den Schulversagern vorbehalten sind. In der Tat kommt ein Großteil der circa 90000 Jugendlichen, die pro Jahr das Schulsystem ohne jeglichen Abschluss verlassen, aus den beruflichen Gymnasien. So genießen nur die allgemeinbildenden weiterführenden Bildungswege breite gesellschaftliche Anerkennung. Wegen der rein schulischen Ausbildung wurden zudem lange Zeit die vom berufsbildenden Gymnasium verliehenen klassischen Abschlüsse - Certificat d'aptitude professionnelle/CAP oder Brevet d'études professionnelles/BEP (dem deutschen Facharbeiterbrief in etwa vergleichbar) - , die auf der französischen Qualifikationsstufenskala unterhalb des Abiturs angesiedelt sind, auch von der Wirtschaft wenig geschätzt. So erklärt sich der Versuch, mit der Schaffung eines berufsbildenden Abschlusses auf Abiturniveau mit allgemeiner Hochschulzugangsberechtigung diesen Zweig aufzuwerten und ihn dem allgemeinbildenden gleichzustellen.

Auch die betriebliche Lehre genoss lange Zeit kaum gesellschaftliche Wertschätzung, da sie bis in die 1980er Jahre den wirtschaftlich wenig prosperierenden Sektoren wie Handwerk und Kleinhandel vorbehalten war und zudem nur die untersten berufsbildenden Diplome in diesem Rahmen erworben werden konnten. Erst die Ausdehnung der Lehre auf alle Qualifikationsstufen, einschließlich der Hochschuldiplome, ab Mitte der 1980er Jahre und eine großzügige finanzielle Förderung der Ausbildungsbetriebe haben die Attraktivität der betrieblichen Lehre steigern können, so dass sie sich mittlerweile auch in Universitäten und sogar Grandes Ecoles mit der Einführung von dualen Studiengängen großer Beliebtheit erfreut. 80 Prozent der 2001 insgesamt circa 350000 Auszubildenden streben aber nach wie vor einen Abschluss der untersten Qualifikationsstufe (CAP, BEP) an.

Identitätskrise

Im Grunde genommen verweisen die aktuellen Prob-leme des französischen Bildungssystems auf eine tiefe Identitätskrise. Ob es sich um Schulversagen, die Gewalt an Schulen oder die fortbestehende Chancenungleichheit handelt, ob der Wandel der Lehrerrolle von Wissen Vermittlenden hin zu zunehmend auch erzieherisch Tätigen Thema ist oder ob es um die nach wie vor sensible Frage des Verhältnisses von privaten und öffentlichen Schulen und mehr noch die aktuelle Infragestellung des strikten Laizismus durch Kopftuch tragende muslimische Schülerinnen geht: Die frühere, quasi-sakrale Verklärung der republikanischen Schule auch als Schule für die Republik greift nicht mehr.

Ursachen hierfür sind nicht nur Individualisierungstendenzen in der französischen Gesellschaft sowie eine sozial und kulturell heterogener werdende Schüler- und Studentenschaft. Die Entwicklung wurde auch befördert durch die Stärkung der administrativen und pädagogischen Autonomie der Verantwortlichen in Schulen und Hochschulen vor Ort auf Kosten der früheren, zentralstaatlich verfügten Einheitlichkeit, die ehedem als vermeintlich alleinige Garantin für soziale Gleichheit und inhaltliche Qualität galt. Veränderungen resultierten weiterhin aus der notwendig gewordenen Einbindung neuer außerschulischer bzw. außeruniversitärer Partner wie Unternehmen, Medien, Justiz, Polizei, zivilgesellschaftliche Gruppierungen und Gebietskörperschaften in den Bildungsprozess. Nicht zuletzt ist auch wegen der mächtiger gewordenen Konkurrenz außerschulischer Sozialisationsinstanzen, zum Beispiel durch die neuen Informations- und Kommunikations-Technologien, der Glaube an das Bildungssystem als ein allen Kindern und Jugendlichen einheitlich vorzugebendes Modell für Integration und Sozialisation verloren gegangen.

Der Wandel der französischen Bildungsinstitutionen hin zu lokal bzw. regional profilierten und verwurzelten, horizontal vernetzten, nach außen, auch international offenen und in ihren internen Ordnungsprinzipien sich an demokratischen Wertvorstellungen orientierenden Einrichtungen ist eine Aufgabe, die nicht mit einer noch so groß angelegten Reform auf einen Schlag und für alle Zeit zu bewältigen ist. In dem Maße, wie alle Akteure bereit sind, diese als eine ständige Herausforderung zu begreifen und anzunehmen, wird das Bildungssystem wieder als eine Institution empfunden werden, die einen realen Beitrag zur Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit leisten kann.


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