Frankreich

10.3.2005 | Von:
Philippe Estèbe, übersetzt von Holger Fock

Gesellschaft im Wandel

Medienangebot und Medienpolitik

Isabelle Bourgeois

Die französische Rundfunklandschaft hat sich seit ihrer Liberalisierung Mitte der 1980er Jahre zu einem hochkonzentrierten Markt entwickelt, auf dem heute private mit staatlichen Konzernen konkurrieren. Zuvor hatte der Staat, das heißt die Regierung, das Veranstaltungsmonopol, das für Unterhaltung, Kultur und Information gleichermaßen galt. Anders als in Deutschland (Art. 5 GG) garantiert die französische Verfassung nur das Individualrecht der freien Meinungsäußerung, nicht die Pressefreiheit als solche. 1982 wurde das staatliche Rundfunkmonopol aufgehoben und eine Aufsichtsbehörde errichtet, um die Abnabelung des Rundfunks vom Staat zu überwachen. Sie nennt sich heute Conseil Supérieur de l'Audiovisuel (Hoher Rundfunkrat, CSA), erteilt die Lizenzen an die privaten Anbieter und erstellt Programmauflagen zur Gewährleistung eines inhaltlichen Grundstandards. Die Regierung begnügt sich heute mit Wettbewerbskontrolle.

Medienstruktur

Die Top 5 des HörfunksDie Top 5 des Hörfunks
Die Struktur des Medienangebots weicht erheblich von der deutschen ab. Das Hörfunkangebot ist mit über 1800 überwiegend kommerziellen Sendern stark ausdifferenziert. Die "Formatradios" sind auf die Erwartungen bestimmter Zielgruppen zugeschnitten, oder sie bedienen als Spartenprogramm eine bestimmte inhaltliche Nachfrage wie beispielsweise France Info, Radio Classique oder das Wirtschaftsradio BFM. Der Jugendsender NRJ, dessen Kürzel ursprünglich für Nouvelle Radio des Jeunes stand, ist heute wegen des Gleichklangs der französischen Abkürzung mit dem Wort énergie zur Marke geworden. Die "Formatradios" bilden ein Komplementärangebot zu den drei führenden Vollprogrammen, die auch heute noch über Langwelle, also flächendeckend senden, obwohl sie ebenfalls über UKW zu empfangen sind: RTL, Europe 1 (privat) und France Inter (staatlich). Das Radio ist ein nationales Medium. Allein die drei oben genannten Sender vereinen auf sich ein Drittel der Hörerschaft, absoluter Quotenreiter ist - seit Kriegsende - RTL.

Beim Fernsehen müssen sich 70 Prozent der Haushalte mit sechs Programmen begnügen: den vier Vollprogrammen TF1 und M6 (privat), France 2 und France 3 (staatlich) sowie dem staatlichen Bildungsprogramm France 5, das sich einen Kanal mit dem deutsch-französischen Kultursender ARTE teilt. Hinzu kommt das private Pay-TV-Programm Canal+. Absoluter Marktführer mit etwa 32 Prozent Zuschaueranteil und einem Werbemarktanteil von knapp 50 Prozent ist das 1987 privatisierte Erste Programm TF1.

Die TV-Quoten 2003Die TV-Quoten 2003
Kabel und Satellit sorgen zwar für ein reichhaltiges Ergänzungsangebot - besonders die digitalen "Satellitenbouquets" CanalSatellite und TPS -, aber die etwa 130 zusätzlichen Programme erreichen zusammen nur 5,5 Millionen Haushalte, weil sie ausschließlich im Abonnement zu beziehen sind. Das Dutzend Regional- oder Lokalsender fristet ein Schattendasein, die Werbeeinnahmen reichen kaum aus.

Die wichtigsten französischen PrintmedienDie wichtigsten französischen Printmedien
Frankreich ist kein Zeitungsleserland: Die Zeitungsdichte liegt bei 150 Exemplaren je 1000 Einwohnerinnen und Einwohner, das ist nur halb so viel wie in Deutschland. Entsprechend der zentralen politischen Struktur wird das halbe Dutzend führender Zeitungen wie Le Monde und Le Figaro national genannt, weil sie aus Paris über das nationale und internationale Geschehen berichten und im ganzen Land verbreitet werden. Die Regionalpresse wie Ouest-France, Le Progrès bedient ausschließlich die Leserschaft außerhalb der französischen Hauptstadt und konzentriert sich auf Lokal- und Regionalnachrichten. Beide Kategorien haben 2002 Konkurrenz erhalten - der Markt für Gratiszeitungen wie beispielsweise Metro, 20 Minutes boomt. Diese Produkte, die sich nur über Werbung finanzieren, bieten den Leserinnen und Lesern das, was sie in den klassischen Zeitungen vermissen: knappe Nachrichtenmeldungen. Es sind seriöse Informationsblätter, keine Boulevardzeitungen - die in Frankreich keine Rolle spielen. News und Buntes bieten stattdessen die Nachrichtenmagazine, darunter das den Vorbildern Times und Spiegel nachempfundene L'Express.

Die Presseverlage sind nicht sehr finanzstark. Die Regionalzeitungen befinden sich zumeist noch in Familienbesitz. Die nationalen Zeitungen haben im Lauf der Zeit ihr Kapital geöffnet bzw. planen den Börsengang, um ihre Entwicklung zu Verlagsgruppen zu finanzieren. An Rundfunkmedien ist die Presse nur marginal beteiligt. Und die Nummer zwei auf dem Zeitschriftenmarkt, Prisma Presse, die französische Filiale von Gruner + Jahr (Bertelsmann) beschränkt sich auf das Segment der Publikumszeitschriften: Programmis, Produkte wie "Geo" oder "Capital" sind auch in Frankreich ein boomendes Geschäft.

Medienkonzentration

Der französische Medienmarkt ist hoch konzentriert - eine Entwicklung, die vom Staat gefördert wird: Medienpolitik ist auch Industriepolitik. Sechs Konzerne teilen sich den Markt mit den staatlichen Anstalten France Télévisions (nur Fernsehen) und Radio France (Hörfunk).

Die Grenzen dieser Politik veranschaulicht das Beispiel des Mischkonzerns Vivendi Universal (VU). Ursprünglich war er allein in den Branchen Versorgung und Transport tätig. Ab Mitte der 1990er Jahre fuhr der neue Vorsitzende, Jean-Marie Messier, einen dezidierten Diversifizierungs-Kurs. Er stieg in neue Sparten ein (Telekommunikation zusammen mit Vodafone) und kaufte Unternehmen auf, darunter das Herzstück seiner Medienbeteiligungen: die Canal-Plus-Gruppe mit Canal+ und der Satellitenplattform CanalSatellite. Die Gruppe ist ebenfalls Frankreichs führender Filmproduzent. Aber mit dem forcierten Wachstum im In- und Ausland übernahm sich der Konzern und musste 2002 Insolvenz anmelden. Vom kurzzeitigen "Global Player" bleiben heute allein die TV- und Filmbeteiligungen übrig.

Die anderen Konzerne folgen einer solideren Strategie, aber auch sie docken die jungen Medienbeteiligungen an ihr industrielles Kerngeschäft an. Die Banken sind nur geringfügig an Unternehmen beteiligt, die Presseverlage sind zu schwach, und eine allzu breite Kapitalstreuung auf den Börsenmärkten würde die Transparenz der Besitzverhältnisse verringern. Da bleibt für die Medien allein Industriekapital.

Die Bouygues SA, einer der weltweit führenden Baukonzerne, der außerdem eins der drei französischen Mobilfunknetze betreibt, ist federführender Gesellschafter der TF1-Gruppe mit TF1 sowie diversen Kabelprogrammen wie dem News-Kanal LCI. Hinzu kommen eine Beteiligung an der Satellitenplattform TPS sowie die Film- und AV-Produktion (Krimiserie Navarro).

Der Rüstungskonzern Lagardère Group ist Frankreichs führender Verlags- und Radiokonzern. Unter dem Dach der Filiale Hachette sind Druckereien, Buchverlage (Wörterbuch Larousse) und Zeitschriften (Paris Match, Elle) sowie das Pressevertriebsmonopol Nouvelles Messageries de la Presse Parisienne (NMPP) vereint. Seit der Privatisierung der Radiogruppe Europe 1 im Jahr 1986 gehört dem Rüstungskonzern ein Drittel des Radiomarktes. Die noch geringen Fernsehbeteiligungen sollen im Rahmen der Einführung von digitalem terrestrischem Fernsehen ab 2005 ausgebaut werden. Dafür ist der Rückzug aus dem Rüstungsgeschäft geplant.

Suez, in der Energie- und Wasserversorgung tätig, zieht sich seinerseits aus den Medien zurück, um sich aufs Kerngeschäft zu konzentrieren. Seine Beteiligung an M6 galt als strategisch, denn M6 gehört heute zu 48,39 Prozent dem europäischen Medienkonzern RTL Group, der ebenfalls Hauptaktionär der Radiogruppe RTL ist. Nun war RTL Group Ende des Jahrhunderts aus der Fusion CLT/Bertelsmann entstanden, und Suez kam die Rolle zu, ein Gegengewicht zu den Deutsch-Luxemburgern zubilden. Der politisch diffizile Verkauf seiner M6-Beteiligung Anfang 2004 (RTL Group durfte einen Teil davon übernehmen, musste im Gegenzug aber seinen Stimmrechtsanteil auf 34 Prozent beschränken) hat gezeigt, dass die Konzentrationsregelung dringend gelockert werden muss. Bisher darf ein Gesellschafter höchstens 49 Prozent des Kapitals an einem Rundfunkanbieter halten, was das Wachstum der Branche behindert.

Untypisch ist die NRJ Group. Sie entstand 1981 als kleiner Jugendsender und gehört mittlerweile zu den Großen auf dem Radiomarkt mit einer Reihe von Musik- und Jugendsendern sowie Beteiligungen in Deutschland (Energy). Ihr Gründer Jean-Paul Baudecroux ist bis heute federführender Gesellschafter geblieben und plant den Einstieg ins digitale terrestrische Fernsehgeschäft.

Die Rechtsform einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt ist in Frankreich unbekannt: France Télévision und Radio France gehören dem Staat - genauer: der Regierung -, die sie über eine Steuer (Fernsehgebühr) auch finanziert. Über die Verteilung der Gelder entscheidet jährlich das Parlament. Als das staatliche Rundfunkmonopol 1982 aufgehoben wurde, bestand nur die Möglichkeit, Privatunternehmen als Konkurrenz zuzulassen, denn eine gesamtgesellschaftliche Kontrolle, wie sie in Deutschland existiert, war und ist in Frankreich nicht vorstellbar. Liberalisierung bedeutet daher zwangsläufig Entlassen aus dem Staatsmonopol und Privatisieren. Dass Qualität der Berichterstattung sehr wohl mit reiner Werbefinanzierung vereinbar ist - das verdeutlicht Radio RTL seit 70 Jahren.

Insgesamt ist der Werbemarkt in Frankreich nur halb so groß wie in Deutschland. 2003 betrugen die Werbeeinnahmen der Medien circa neun Milliarden Euro. Davon gingen etwa 36 Prozent an Tageszeitungen und Zeitschriften, 33 Prozent ans Fernsehen und sieben Prozent an den Hörfunk - doppelt so viel wie in Deutschland.

Als dringend reformbedürftig erweist sich die Konzentrationsregelung. Weil sie pro Rundfunkanbieter mindestens drei Anteilseigner verlangt (Konsortialmodell) und somit den Markteintritt neuer Akteure behindert, kann der Medienmarkt nicht mehr wachsen. Doch mit der Einführung von digitalem terrestrischem Rundfunk und dem Ausbau der Telefon- und Kabelnetze zu "Medienautobahnen" mit Internet- und Rundfunkdiensten dürfte auch die Begründung für die Zulassungsbegrenzung entfallen: die Frequenzknappheit. Diese Entwicklung betrifft alle europäischen Medienmärkte.


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