Tschechien

6.11.2002 | Von:

Gesellschaft im Umbruch

Charakteristika des Bildungswesens

Im Unterschied zur Zeit vor 1989 lohnt sich Bildung heute für den einzelnen auch individuell. 1988 verdiente ein Facharbeiter im Durchschnitt 95 Prozent des gesellschaftlichen Durchschnittslohnes, ein Hochschulabsolvent 134 Prozent. 1996 war der Unterschied ausgeprägter: Nunmehr bekam ein ausgelernter Arbeiter 88 Prozent des Durchschnittseinkommens, ein Hochschulabsolvent mit 165 Prozent fast das Doppelte.

Seit 1989 wurden auf politischer und institutioneller Ebene Reformen des Bildungssystems durchgeführt. Auf politischer Ebene lockerte sich die Kontrolle über die Lehrplangestaltung. Inhaltliche Veränderungen betrafen die gesellschafts- und geisteswissenschaftlichen Fächer, aber auch den Sprachunterricht. Die alleinige Orientierung auf Russisch als Fremdsprache wurde aufgegeben. Englisch, Französisch und Deutsch rückten in den Mittelpunkt.

Mitte der neunziger Jahre wurde die Grundschulzeit auf neun Jahre verlängert. Nach 1989 wurden einige neue Schultypen eingeführt und deren Übergänge zueinander verändert. Auf den Abschluss der Grundschule folgt entweder der Besuch von handwerklich ausgerichteten Berufsfachschulen (Strední odborná uciliste/ SOU), die in der Regel nach drei Jahren mit einer Gesellenprüfung abschließen, oder aber der Besuch einer Fachoberschule (Strední odborná skola/SOS) bzw. eines vierjährigen Gymnasiums. Auf der Mittleren Fachschule erwerben die Schülerinnen und Schüler nach vier Jahren das Fachabitur. Eine Alternative zum vierjährigen Gymnasium stellen die mehrjährigen Gymnasien dar, auf die die Kinder nach der vierten Klasse der Grundschule wechseln können, wenn sie eine entsprechende Aufnahmeprüfung bestehen.

Vor 1989 hatten 60 Prozent der betreffenden Altersjahrgänge eine SOU besucht. Ihre Zahl fiel danach auf etwa 45 Prozent, von denen ein Teil nach zusätzlichen Schuljahren das Abitur ablegte. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler an den SOS stieg dagegen um ein Drittel und erreichte knapp 40 Prozent. An Gymnasien lernten circa 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs. Die Belegzahl der Gymnasien hat sich seit 1989 stark erhöht, bis 1997/98 um 28 Prozent.

Tschechisches SchulsystemTschechisches Schulsystem
Zu den institutionellen Neuerungen gehören die privaten, darunter kirchlichen Schulen. Die Kirche hat sich in Tschechien bisher auf die Einrichtung von Gymnasien konzentriert, während andere private Schulen vor allem im Bereich der Fachoberschulen entstanden sind. 1996/97 waren 40 Prozent aller SOS Privatschulen.

Das Bildungssystem wandelte sich jedoch nicht gänzlich. Geblieben ist die geringe Bezahlung der Lehrkräfte. Sie verzeichneten gegenüber 1989 sogar eine weitere Verminderung ihres Einkommens: Während der Lohn für eine Beschäftigung an der Mittelschule 1988 116 Prozent des damaligen Durchschnittslohns ausmachte, betrug er 1996 nur noch 109 Prozent des aktuellen Durchschnitts. Bei Grundschullehrern fiel der Lohn von 108 Prozent (1988) sieben Jahre später auf 94 Prozent und damit unter den Durchschnittslohn.

Auch im Hochschulwesen gab es neue Ansätze. Insgesamt 23 Universitäten wurden außerhalb der traditionellen Standorte Prag, Brno und Olomouc gegründet, so etwa in Cheb, Opava und Pardubice. Die Zahl der tschechischen Studierenden stieg von 96000 1990/91 auf 157000 1999/2000. Verglichen mit anderen OECD-Ländern ist das nicht sehr viel. Der Hochschulzugang wird in Tschechien über Aufnahmeprüfungen reguliert.

Neben den Universitäten gibt es eine neue Hochschulausbildung, das Studium an den Höheren Fachschulen (Vyssí odborné skoly). Diese VOS kann man mit deutschen Fachhochschulen vergleichen. Hier studierten 1999/2000 über 30000 junge Leute, die für ihr Studium Gebühren entrichten müssen, während das Universitätsstudium bisher kostenlos ist.

Die Ausgaben der Tschechischen Republik für Bildung betragen zwischen vier und sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Tschechische Experten halten diese Ausgaben für zu niedrig. Der Mittelwert aller OECD-Länder liegt bei knapp zehn Prozent des BIP. Im Bereich der SOS wurde in den letzten Jahren mehr ausgegeben, die Ausgaben für Universitäten stagnieren. Zwar betrug der nominelle Anstieg der Bildungsausgaben zwischen 1989 und 1997 über 300 Prozent, aber das war gemessen an der wachsenden Zahl von Studierenden und bereinigt um die Inflationsrate in diesen Jahren eher Stillstand.

Merkmale des Gesundheitswesens

Neben dem Bildungswesen kommt in modernen Gesellschaften der Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems entscheidende Bedeutung zu. Auch hier veränderte sich seit 1989 einiges: 1993 wurde ein neues System zur Finanzierung der Gesundheitsausgaben eingeführt. Der Staat übergab diese Aufgaben an öffentliche und private Krankenkassen. Ein anderes Beitragssystem entstand, nach dem die Beiträge für die Kassen zu einem Drittel durch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und zu zwei Dritteln durch die Arbeitgeberseite finanziert werden. Trotzdem werden heute immer noch Beiträge für über 50 Prozent der Berechtigten (für Kinder, Auszubildende, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger) aus dem Staatshaushalt beglichen. Neben einer Allgemeinen Krankenkasse, die Mitte 2001 für circa zwei Drittel aller Bürgerinnen und Bürger zuständig war, existieren acht spezialisierte Branchenkrankenkassen.

Auch bei den Trägern der Leistungen hat sich eine Unterteilung in einen öffentlichen und einen privaten Bereich ergeben. Knapp 40 Prozent der Ärzteschaft sind gegenwärtig noch in der öffentlichen Gesundheitspflege (bei leicht abnehmender Tendenz), die restlichen im privaten Gesundheitswesen tätig. Die Bürger und Bürgerinnen können ihren behandelnden Arzt frei wählen, sofern dieser einen Vertrag mit ihrer Krankenkasse hat.

Einige weitere statistische Daten, die für einen internationalen Vergleich geeignet sind: Pro 100000 Einwohnern gab es 1999 in Tschechien 298 Ärzte und 61 Zahnärzte. Das sind etwas weniger als in Deutschland, aber erheblich mehr als in Großbritannien. Nach einer Rangfolge, die im World Health Report 2000 der Weltgesundheitsbehörde (WHO) veröffentlicht wurde, befindet sich Tschechien bei den Gesundheitsausgaben pro Kopf auf dem 40. Platz, nach der Leistungsfähigkeit seines Gesundheitswesens auf dem 48. Platz. Damit nimmt es in der Gruppe der Transformationsländer eine gute Position ein. Die Gesundheitsausgaben machen neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Deutschland verwendet gegenwärtig etwa 10,5 Prozent seines BIP für das Gesundheitswesen.

Über die Landesgrenzen hinaus beliebt sind die Kuren in den Heilbädern West- und Südböhmens. Von den 240000 Patientinnen und Patienten, die diese Bäder 1999 besuchten, kamen über 70000 aus dem Ausland.