Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Fremde, Fremdsein - von der Normalität eines scheinbaren Problemzustandes

Kontinuierliche Veränderungen

Mobilität und Fremdheitserfahrungen sind in historischer Perspektive ein Charakteristikum der deutschen Geschichte. Insofern gehen Vorstellungen von einer kulturell-ethnisch homogenen Gesellschaft historisch wie gegenwärtig schlichtweg an den Fakten vorbei.

Der Blick zurück zeigt auch, dass sich Begegnungen mit dem Fremden kaum planen oder regulieren lassen. Es hat immer die Bestrebung zu planmäßigem Vorgehen gegeben, und immer wurde über Fremde nach Bedarf und Nützlichkeit geurteilt. Es hat aber ebenso immer auch die unerwarteten, unbequemen Fremden gegeben: Glaubens-, Hunger- und Kriegsflüchtlinge, Heimatvertriebene und Asylsuchende. Sie sind keineswegs erst ein Merkmal der vergangenen Jahrzehnte. Der historische Blick bietet gewiss keine Patentrezepte zum Umgang mit Migrationsbewegungen in der Gegenwart, aber er erleichtert es, sie mit ihren Problemen und Chancen als Momente von Normalität wahrzunehmen. Der Blick zurück zeigt auch, dass die nötigen Integrationsprozesse nicht immer spannungsfrei verliefen. Er zeigt aber auch, dass sie erfolgreich verlaufen können. Denn jene Gruppen, die in einer historischen Studie zu Migration und Umgang mit Fremden an erster Stelle zu nennen sind, spielen in einer gegenwartsbezogenen Studie zumselben Thema keine Rolle mehr: Immigrantenfamilien der 1960er Jahre oder "Ruhrpolen" oder gar Hugenotten und Flamen in rheinischen Städten zählen nicht mehr zu den "Fremden".

Wer heute das Bestehende einfach bewahren zu können glaubt, indem er sich gegen "Fremdes" wendet, übersieht, dass gerade jenes zu Bewahrende selbst das Produkt ständiger Begegnung und Veränderung ist und auch künftig nicht ohne entsprechende Impulse auskommen wird. Die vermeintlich homogene Nation erweist sich bei nüchterner Betrachtung als ein bemerkenswert vielfältiges ethnisch-kulturelles Mosaik - kaum eine Familiengeschichte verbleibt hier ohne entsprechende Beispiele.

Denn auch (oder vielleicht besonders) die deutsche Geschichte an den Schnittstellen der europä-ischen Kommunikationswege ist letztlich nichts anderes als ein Prozess kontinuierlicher Veränderung und eben auch der Akkulturation mit Fremdem. Diese war nie nur von einer Minderheit oder "fremden" Gruppe, sondern auch von der ansässigen Bevölkerung zu leisten.

Quellentext

Parteien nutzen Angst vor Überfremdung

Bis weit in das Spektrum der demokratischen Parteien, die in den Parlamenten der 46 Mitgliedstaaten des Europarates vertreten sind, reichen fremdenfeindliche, rassistische und antisemitische Argumentationen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Politologen Jean-Yves Camus im Auftrag der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (Ecri), die er [...]in Paris präsentierte. Die Ecri untersucht in Ländervergleichen und Einzelstudien, inwieweit derartige Argumentationen in den politischen Auseinandersetzungen der jeweiligen Gesellschaften eine Rolle spielen. Camus' Studie betrachtete die Kampagnen der Parteien vor den Wahlen zum Europaparlament im Sommer 2004, aber auch nationale Wahlen und Volksabstimmungen. Sie stellt zum einen fest, dass bis auf die Ausnahmen Belgien, Polen, Griechenland, Dänemark und Schweden "klassisch" rechtsextremistische Parteien mit fremdenfeindlichem und rassistischem Gedankengut "eher weniger Zulauf" bei Wahlen haben.

Zum anderen macht sie deutlich, dass die Parteien der "parlamentarischen Rechten" die Debatte über die Aufnahme der Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei zum Anlass nahmen, die Angst vor Überfremdung zu instrumentalisieren. Insgesamt habe sich, so Camus, "seit dem 11. September 2001 der Ton verhärtet". Fremdenangst und Rassismus, Antisemitismus und Islamophobie (die Gleichsetzung des Islam mit terroristischen Aktionen fundamentalistischer Gruppierungen) hätten deutlich zugenommen.

Hans-Helmut Kohl, "Parteien nutzen die Angst vor Überfremdung", in: Frankfurter Rundschau vom 24. März 2005.