Vorurteile

13.1.2006 | Von:

"Fremde" in den Medien

Gewalt und Medienverantwortung

Im Zusammenhang mit der Asylrechtsdebatte und der Abschaffung des Grundrechts auf Asyl (Änderung des Artikels 16 GG) in den 1990er Jahren sind die Medien erstmals massiv kritisiert und für die Eskalation der Gewalt mitverantwortlich gemacht worden. Das Fernsehen zeigte die immer gleichen Bilder: Schlangen von Asylbewerbern vor überfüllten Ämtern, denen Bilder marschierender und randalierender Neonazis gegenüberstanden. Konkurrenzkampf um die dramatischsten Bilder und provokantesten Äußerungen aus der rechtsextremen Szene machten die gewaltbereiten Jugendlichen zu Negativhelden in der Medienberichterstattung über die Angriffe auf Asylbewerberheime und Ausländer. Inzwischen ist die auf solche Effekte ausgerichtete Berichterstattung zurückgegangen, und man versucht, ein differenzierteres Bild zu zeichnen. Allerdings hat auch das Interesse an der Gewalt von Neonazis nachgelassen. Dies wiederum lässt den Eindruck entstehen, rechtsextremistische Übergriffe auf "Fremde" seien seltener geworden. Die Zahlen des Verfassungsschutzes über rechtsextremistische Gewalttaten belegen für die Jahre 2001 bis 2004 zwar einen Rückgang fremdenfeindlicher Übergriffe, das Niveau der Straftaten mit Körperverletzung liegt aber immer noch hoch. Im ersten Halbjahr 2005 stieg die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten sogar stark an, ohne dass die Medien dies angemessen berücksichtigt hätten. Medienaufmerksamkeit und das tatsächliche Ausmaß der Probleme stehen also nicht immer im Zusammenhang.

Die Thematisierung der Migration ließ oft auch den sorgsamen Umgang mit Begrifflichkeiten vermissen. So wurde der mit negativen Assoziationen behaftete Terminus "Asylant" in den 1980er Jahren in diffamierender Absicht von den Gegnern der deutschen Asylrechtspraxis systematisch verbreitet. Einen Beitrag zur Differenzierung leisten dagegen Formulierungen wie Asylbewerber, Bürgerkriegsflüchtling, Arbeitsmigrant. Es sind nicht die einzelnen Artikel oder Fernsehberichte, die die Konsumenten im Gedächtnis behalten, sondern die immer wiederkehrenden Bilder, die sich wiederholenden Klischees und Wortspiele, die sich festsetzen und das Bewusstsein prägen. Die eigene Gesellschaft erscheint als geordnetes Lebensgefüge, jene der Migranten wird unter Verwendung alter Stereotype als chaotisch beschrieben.

Deutsche Jugendliche glauben laut der Shell-Studie von 2002, in Deutschland lebten zu viele Ausländer. Prägend für solche Einstellungen dürften in hohem Maße die Medien und vor allem das Fernsehen sein. Eine Studie, die von der "Unabhängigen Landesanstalt für Rundfunk und neue Medien" in Auftrag gegeben wurde, sollte den Einfluss des Fernsehens auf das Ausländerbild von Kindern und Jugendlichen ermitteln. Die Daten wurden im Frühjahr 2002 erhoben. Ausländer - häufiger Männer als Frauen - sind in daily talks, in Gerichtsshows, in daily soaps und in Magazinen, die die Sehgewohnheiten der Jugendlichen prägen, überall vertreten. Sie spiegeln aber nicht die Lebensumstände der Zuwanderer in Deutschland wider.

In den daily talks überwiegen zumeist türkischstämmige Machos, die beim Publikum negative Gefühle provozieren, in Gerichtsshows sind Ausländer Opfer und Zeugen, aber vor allem Täter. Die Darsteller sind so gewählt, dass sie meist mit Aussehen, Kleidung und dargestelltem Lebensalltag die gängigen Klischees bedienen. In den Beiträgen der Boulevardmagazine (wie "Explosiv", RTL; "Hallo Deutschland", ZDF; "K1 - Das Magazin", Kabel 1) über Kriminalität und Verbrechen (Vergewaltigung, Drogenkriminalität, Raubüberfälle, Kindesentführung) ist jeder dritte Täter ein Ausländer. Türken und Osteuropäer sind am häufigsten vertreten. Dies entspricht keineswegs den Daten der Kriminalstatistik, in der nur jeder fünfte Tatverdächtige ausländischer Herkunft ist. In den Soap-Serien sind Ausländer oder Menschen nichtdeutscher Herkunft durchaus präsent, allerdings überwiegend EU-Ausländer aus "guter Gesellschaft". So wird einem multikulturellen Anspruch zwar entsprochen, aber die Lebenswelten der größten Migrantengruppen bleiben ausgespart.

Quellentext

Gefahren und Chancen im Internet

Wer im Internet surft, findet zum Thema Ausländer eine unüberschaubare Vielfalt von Informationen und Anbietern. Das Internet ist durch seine Offenheit für Datenaustausch und Kommunikation über Ländergrenzen hinweg eigentlich als internationales Medium angelegt und verhindert eine Begrenzung auf nationale Verhältnisse.

Jedoch nutzen auch Rechtsextreme seit Mitte der 1990er Jahre das Internet in zunehmendem Maße. Sie tauschen sich vor allem über die Themen Rassismus und Antisemitismus aus. Auf ihren Webseiten findet sich daher auch die ganze Palette rassistischer und antisemitischer Vorurteile in Form von Texten, Cartoons, verfälschenden Bildern und nicht zuletzt von Musik aller modernen Stilrichtungen mit entsprechend radikalen Texten. Rechtsextreme Gruppierungen und Parteien stellen ansprechende Grafiken sowie Audio- und Videosequenzen ins Netz. Sie nutzen das Internet zur schnellen Verbreitung von Informationen, identitätsstiftender Musik sowie rassistischer und antisemitischer Propaganda - und damit auch zur Eigenwerbung.
Die Anzahl allein der rechtsextremen deutschen Homepages im world wide web ist von 30 (1996) auf cirka 950 (2004) gestiegen. Gefährlich sind vor allem die Chatrooms und Diskussionsforen, in denen sich radikale politische Gruppierungen austauschen, sowie die Angebote von Spielen und Musik mit rechtsradikalen Inhalten. Der Reiz des Verbotenen erhöht die Attraktivität solcher Angebote. Das Internet dient Rechtsextremen und Nationalisten als ein leicht zugängliches, anonymes Agitations- und Propagandafeld, wo sie Hass gegen Ausländer und alle anderen als "fremd" wahrgenommenen Personen schüren. Um Jugendliche und Kinder vor solchem Gedankengut zu schützen, müssen sie den kritischen Umgang mit dem Medium lernen - eine Aufgabe für Schulen und Eltern.
Andererseits bietet das Medium den ethnischen Minderheiten in Deutschland Möglichkeiten des Informationsaustauschs und Diskussionsplattformen. So werden etwa russischen Zuwanderern eigene Internetportale geboten und Nutzern aus der türkischen Community stehen eine ganze Reihe von entsprechenden Seiten zur Verfügung.

Juliane Wetzel

Mediale Beispiele

Die auflagenstärkste Zeitung in Deutschland - "Bild" - gehört zu jenen Printmedien, die nicht selten mit den Ängsten der Bevölkerung spielen und die öffentliche Meinung mit populistischen Mitteln beeinflussen. Im Frühjahr 2004 wurde die "Bild"-Redaktion in Bremen öffentlich vom Deutschen Presserat gerügt, weil sie gegen das Diskriminierungsverbot im Pressekodex verstoßen hatte. Die Zeitung hatte für eine Serie über angeblich kriminelle Libanesen mit Schlagzeilen wie "Hier wohnt Bremens schlimmste Asyl-Familie" und "Die Asylabzocker" gearbeitet.

Nach der Ermordung des Münchner Schickeria-Mitglieds Rudolph Moshammer titelte "Bild" im Januar 2005: "Der perverse Mosi-Mörder: Er ist Asylant - Sie guckten Pornofilme - Er verlangte 2000 Euro für Sex". Die Zeitung stellte damit indirekt die Herkunft des Täters in einen Zusammenhang mit spezifischen Zuschreibungen (Mörder, Callboy, Perverser). Das Auge des Lesers fiel unmittelbar auf das Bild des Mörders, das mit der Bildunterschrift versehen war: "Er ist Asylant aus dem Irak." Einmal mehr wurde der Eindruck erzeugt, die Tat hätte etwas mit der Herkunft des Täters zu tun gehabt.

Am 18. November 2004 hatte "Bild" Bundesminister Trittins Äußerung über die Möglichkeit, Muslimen einen Feiertag zuzugestehen, ohne dass ihnen Benachteiligungen am Arbeitsplatz entstehen, zur Schlagzeile gemacht und mit einer großen Montage versehen, die eine unüberschaubare Menge betender Muslime vor dem Reichstag zeigt. Die Zeitung griff offenbar diffuse Ängste in der Bevölkerung vor einer Islamisierung der Gesellschaft auf und erweckte mit der Montage den Eindruck, als ob die Muslime den öffentlichen Raum durch ihre Religion prägen (Gebet vor dem Nationalsymbol Reichstag) und Deutschland in einen Gottesstaat verwandeln wollten. Wenige Tage später (24. November 2004) kam "Bild" noch einmal auf das Thema zurück. Unter dem Titel "Herr Trittin, wollen Sie etwa Moslem werden?" wurde eine Bildcollage präsentiert, die Trittin mit Turban und mit einer Sprechblase in arabischer Sprache zeigte. Dadurch schürte die Zeitung erneut Ängste vor einer Islamisierung von Politikund Gesellschaft.

Auch der "Spiegel", jenes Nachrichtenmagazin, das für gründliche Recherche bekannt ist und politische Prozesse und Entscheidungen durchsichtiger zu machen sucht, begibt sich bisweilen auf eine populistische Ebene.

Der "Spiegel" polarisiert mit Titelseiten wie dem Bild eines überfüllten Bootes und der Titelzeile "Der Ansturm der Migranten - Europa macht dicht" (25/2002) oder dem Foto einer jungen Frau mit Kopftuch, die die gesamte Titelseite einnimmt und mit der Überschrift "Das Prinzip Kopftuch - Muslime in Deutschland" suggeriert, Muslime in Deutschland seien überwiegend tief religiös und vor allem Frauen seien diesem Kodex unterworfen (30/2003). Die "Frau mit dem Kopftuch" findet sich in den Medien immer wieder als Symbol für Menschen mit migrantischem Hintergrund.