Vorurteile

13.1.2006 | Von:

"Fremde" in den Medien

Fernsehen

Das Fernsehen prägt gerade bei der jüngeren Generation mehr noch als die Printmedien Meinungen, (Vor-)Urteile und Klischees. Deshalb gehört es zu den wichtigsten Instrumenten, um interkulturelle Phänomene zu vermitteln. Filme über andere Kulturen können den Blickwinkel und das Wissen erweitern. Fernsehserien wie "Tatort" und "Lindenstraße" versuchen, die Themen "Ausländer in Deutschland" und "Rechtsextremismus" in Form von Milieustudien zu präsentieren, auch Talkshows behandeln immer wieder entsprechende Fragestellungen.

Es gibt durchaus Sympathieträger, deren Rollen nicht auf ihren migrantischen Hintergrund reduziert werden, sondern "Normalität" spiegeln: Dies ist zum Beispiel der Fall bei Miroslav Nemec (kroatischer Abstammung) als Tatortkommissar Ivo Batic (ARD) oder bei Erdogan Atalay (türkischer Herkunft) als Autobahnpolizist Semir Gerkhan in "Alarm für Cobra 11" (RTL). Als Nemec 1991 zum Tatortkommissar avancierte, war dies ein Rollenwechsel, denn in seinen vorherigen Rollen in den Krimreihen "Derrick" und "Der Fahnder" hatte er häufig den Bösen zu verkörpern. Kriminalserien haben in den letzten Jahren auch dazu beigetragen, das Rollenbild der Frauen ausländischer Herkunft auf dem Bildschirm zu verändern. Als Kommissarinnen, Schutzpolizistinnen und Fahnderinnen vertreten sie deutsche Ordnungsprinzipien.

Michael Bommes vom Rat für Migration hält es für wichtig, dass Migrantinnen und Migranten als "Durchschnittsbestandteile" des Fernsehens - vom Schauspieler bis zum Nachrichtensprecher - präsent sind. Der Medienpädagoge Bernd Schorb fordert mehr "fremde" Gesichter im deutschen Fernsehen, und zwar nicht nur "als plakative Ausländer, sondern als normale Mitbürger". In dieser Hinsicht sind die Privatsender bereits einen Schritt weiter als ARD und ZDF. Ausländer sind als Moderatoren, Autoren oder Reporter stärker integriert. Die Türkin Gülcan Karahanei moderiert beim Musiksender Viva. Die Sendungen "Was guckst du?!" auf SAT 1 mit Kaja Yanar und Erkan (PRO 7 "headnut.tv") mit deutsch-türkischem Hintergrund kommen bei Jugendlichen gut an. Allerdings bleibt es fraglich, inwiefern sie das Ausländerbild tatsächlich beeinflussen, weil sie in erster Linie als Stars wahrgenommen werden.

Medieninitiativen

Die Ereignisse zu Beginn der 1990er Jahre und die massive Kritik an der medialen Vermarktung führten zu einem Umdenken in den TV- und Zeitungsredaktionen. Im August 2000 entstand auf Initiative der Zeitung "Die Woche" das Internetportal "Netz gegen Rechts". 21 namhafte deutschsprachige Print- und Bildmedien hatten sich zusammengeschlossen, um Beiträge zum Thema Rechtsextremismus zu bündeln. Nachdem die "Woche" ihr Erscheinen im März 2002 eingestellt hatte, fand sich jedoch kein Nachfolger, um das Projekt weiter zu betreiben. Die seit März 2003 wieder online verfügbare Seite www.NetzGegenRechtsextremismus.de präsentiert sich jetzt als Informationsplattform, bietet allerdings keine interaktiven Möglichkeiten mehr.

Die Illustrierte "Stern" engagiert sich weiterhin im Internet mit der Seite "Mut gegen rechte Gewalt", an der sich auch eine ganze Reihe von Prominenten beteiligen. Mitglieder der nordrhein-westfälischen Sektion des Deutschen Journalistenverbandes riefen 2005 die Aktion "Journalisten gegen Rassismus" ins Leben, die auf Bundesebene ausgedehnt werden soll. "Wir wollen den Journalisten ins Gedächtnis rufen, wie schnell man durch leichtfertiges Nutzen von diffamierenden Begriffen, durch unbegründete Distanziertheit und Misstrauen gegenüber fremden Kulturen ein falsches Bild vermitteln kann. Journalisten haben eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Lesern, Hörern und Zuschauern, die gerade bei solch sensiblen Themen nicht unter Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit leiden darf", so der Bundesvorsitzende des Journalistenverbandes, Michael Konken.

Initiativen wie "Mehr Farbe in den Medien" wollen die Präsenz von Personen mit migrantischem Hintergrund in der Medienproduktion stärken. Der WDR hat im Mai 2003 den Italiener Gualtiero Zambonini und Leiter des multikulturellen Radioprogramms "Funkhaus Europa" zum "Beauftragten für Integration und kulturelle Vielfalt" ernannt. Zambonini hat in den letzten Jahren intensiv für die journalistische Ausbildung junger Leute mit Migrationshintergrund geworben.

Vor allem Jugendliche mit migrantischem Hintergrund können sich weder mit Sendungen aus dem Heimatland ihrer Eltern und Großeltern noch mit den deutschen Programmen identifizieren. Daher wird es künftig darauf ankommen, dieser Klientel gerecht zu werden und sie als wachsende Zielgruppe in den Medien ernst zu nehmen. Sender und Produktionsfirmen müssen den Anteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit migrantischem Hintergrund erhöhen - und zwar nicht nur hinter den Kulissen, sondern vor allem bei den Moderatoren, Nachrichtensprechern und Journalisten. Das wird zu einer "Normalisierung" im Verhältnis von Mehrheitsbevölkerung und Menschen ausländischer Herkunft und damit zum Abbau von Vorurteilen beitragen.

Quellentext

Interkulturelle Programme

Seit September 2003 sendet der Westdeutsche Rundfunk samstags das interkulturelle Fernsehmagazin "Cosmo TV" (als Nachfolger von "Babylon" und "Vetro"), das junge Leute mit migrantischem Hintergrund der zweiten und dritten Generation ebenso ansprechen soll wie deutsche Jugendliche. Beiträge und Talkrunden werden von jungen Journalisten mit unterschiedlichem migrantischen Hintergrund redaktionell betreut und moderiert. Die Sendung beschäftigt sich mit aktuellen Themen wie Kopftuchstreit, Irakkrieg, Antidiskriminierungsgesetz, "Gefahr Islam" und Wahlen zum Integrationsbeirat. Die Sendung "Radiomultikulti" des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) versteht sich ebenso als Bindeglied zwischen deutschen Hörerinnen und Hörern und jenen migrantischer Herkunft.

Trotz dieser positiven Entwicklung muss man davon ausgehen, dass der Großteil der in Deutschland lebenden Menschen ausländischer Herkunft diese Sendungen nicht wahrnimmt. Das jahrzehntelange mangelnde Angebot hat dazu beigetragen, dass sie verstärkt auf eigene Medienangebote zurückgreifen. Vor allem die Möglichkeiten, die heute das Satellitenfernsehen bietet, werden gerne wahrgenommen. Sie bergen aber die Gefahr, dass die Zuschauer propagandistisch etwa von arabischen Sendern beeinflusst werden. Frankreich hat im Dezember 2004 mit einem Ausstrahlungsverbot gegen den Hizbollah-eigenen Sender "Al-Manar" auf solche Indoktrinationsmöglichkeiten reagiert. Aber auch der Konsum von muttersprachlichen Medien, die frei von solchen Inhalten sind, führt weg vom interkulturellen Dialog und von der angestrebten Integration hin zu einer Selbstisolierung.
Einer solchen Tendenz entgegenwirken will etwa der deutsch-türkische Sender AYPA-TV - "der kleinste Fernsehsender der Welt". Überwiegend in deutscher Sprache werden Themen wie Integration, kulturelles Zusammenleben und der Alltag in Berlin behandelt. Auch die deutsch-türkische linksliberale Beilage "Persembe" der "taz" hat versucht, dieses Vakuum zu füllen, sie musste aber wegen niedriger Abonnentenzahlen 2001 wieder eingestellt werden. Inzwischen haben konservative türkische Tageszeitungen wie "Hürriyet" deutschsprachige Seiten in ihre Deutschlandausgaben integriert. Auch deutschsprachige Lifestyle-Journale für Deutsch-Türken sind entstanden, mussten aber wegen schlechter Verkaufszahlen wieder aufgegeben werden.

Juliane Wetzel