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Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Polenbilder in Deutschland seit 1945

Sicht der DDR

Zwischen den beiden "Bruderstaaten", der DDR und der Volksrepublik Polen, bildeten sich auf der Basis der verordneten Völkerfreundschaft spezifische Beziehungen heraus, die vom Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit geprägt waren. Bereits am 6. Juli 1950 wurde die Grenzfrage zwischen den beiden Staaten im Görlitzer Abkommen geregelt, was sich auf die Entwicklung der politischen Beziehungen positiv auswirkte. Landsmannschaften der Vertriebenen waren in der DDR verboten, und der Komplex der Flucht und Vertreibung von Millionen Deutschen blieb ein Tabu. Schon vor dem Grenzabkommen hatte die DDR-Führung Schritte eingeleitet, die Bevölkerung im Geiste freundschaftlicher Beziehungen zu Polen zu erziehen. Seit dem "polnischen Oktober" 1956 und der folgenden Liberalisierung in Polen entwickelten sich die beiden Staaten jedoch auseinander. Die DDR wurde unter Walter Ulbricht noch weiter abgeschottet.

Die verordnete "Freundschaft der sozialistischen Brüdervölker" diente auch der machtpolitischen Stabilisierung des eigenen Systems. Auf der einen Seite stand das Prinzip der internationalen Solidarität, auf der anderen entwickelte sich durch die Reglementierung der Kontakte eine Abwehrhaltung gegen "Fremde". Die "Oder-Neiße-Friedensgrenze" blieb lange geschlossen, die "Freundschaftsbrücken" in Görlitz und Frankfurt/Oder waren unpassierbar. Erst als unter dem Ersten ZK-Sekretär und Gomulka-Nachfolger Edward Gierek und seinem Amtskollegen Erich Honecker 1972 der Passzwang aufgehoben wurde, reisten tausende Deutsche aus der DDR nach Masuren, in die Hohe Tatra und an die polnischen Ostseestrände in den Urlaub. Die Intellektuellen der DDR entdeckten Polen für sich, wo sie Jazz hören, amerikanische Filme sehen und Westpresse lesen konnten. Polen wurde in der DDR zum Synonym für ein "mögliches Anderssein" (Hermann Kant), und die in der DDR-Literatur einsetzende "Polenwelle" zeigtedas Nachbarland als ein farbigeres, lebendigeres und freieres Land als die DDR.

Stärker noch als im Westen diente in der DDR der geringschätzige Blick auf die "polnische Wirtschaft" zur Stabilisierung des eigenen Selbstbewusstseins und wurde je nach politischer Lage instrumentalisiert. Dies war in den 1950er Jahren noch anders gewesen. Damals galt der rasche Wiederaufbau Warschaus als vorbildhafte Leistung, das "Warschauer Tempo" wurde zum geflügelten Wort. Als aber nach der Aufhebung des Passzwanges tausende Polen in den "Konsum"-Häusern der gesamten DDR einkauften und sich die sozialistische Wirtschaft dem Kaufbedarf der Polen nicht gewachsen zeigte, kam es aus der Bevölkerung zu Forderungen, die Regierung möge die Hamsterkäufe der Polen verbieten. Die DDR-Regierung kam diesen Beschwerden gern nach, konnte doch der eigenen Bevölkerung damit gezeigt werden, dass sie etwas Besseres sei als ihr östlicher Nachbar. Polen galt im Verhältnis zur DDR als arm. Vor allem mit der Herausbildung der Solidarno?? griff die DDR-Propaganda gezielt auf antipolnische Vorurteile zurück: Die Polen streikten, anstatt zu arbeiten, seien daher faul und anarchistisch, sie bräuchten eine starke Hand.

Langlebige Stereotype

In beiden deutschen Staaten existierte ein Gestus der Überlegenheit, gestützt auf das Bewusstsein von der eigenen ökonomischen Effizienz. Als Erklärungsmuster für die wirtschaftliche und angeblich auch zivilisatorische Rückständigkeit Polens dienten häufig das Stereotyp von der "polnischen Wirtschaft" und die mit ihm verbundenen negativen Klischeevorstellungen.

In der ersten Jahren nach dem Umbruch von 1989 wurden in einem Teil der deutschen Medien Bilder von Chaos und Rückständigkeit in Polen präsentiert, die deutlich auf das Stereotyp von der "polnischen Wirtschaft" (Desorganisation, Chaos und allgemeine Unfähigkeit zu effektivem ökonomischem Handeln) verwiesen. Der Ursprung dieser Redewendung geht auf Reiseberichte aus Polen zur Zeit des Untergangs der polnischen Adelsrepublik um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zurück. In Gustav Freytags Roman "Soll und Haben" (1855) wird die "polnische genial-liederliche Wirtschaft" mit der "siegreich hervorbrechende[n] Tüchtigkeit" der Deutschen konfrontiert; letztere wird zur Gegendefinition der "polnischen Wirtschaft". Das überwiegend verächtliche und oft giftige Polenbild des Kaiserreichs und der Weimarer Republik spiegelt sich auch in der populären satirischen Zeitung "Kladderadatsch" wider, deren Publizisten und Zeichner das als bekannt vorausgesetzte Stereotyp "polnische Wirtschaft" inden unterschiedlichsten Zusammenhängen aufgriffen. Bissige Karikaturen dieser Art sind von 1863 bis zum Ende der Weimarer Republik nachgewiesen.

Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 konnte die NS-Propaganda die überlieferten antipolnischen Bilder und Begriffe abrufen. Der bekannte Propagandafilm "Heimkehr" (1941) zeigt die Polen als mordlustigen, unberechenbaren und perfiden Feind, der kein Mitleid verdient. Den Deutschen wurde eingebleut, dass es eine "rassische" und zivilisatorische Kluft zwischen Polen und Deutschen gebe.

Im Westen Deutschlands, dem damaligen "Wirtschaftswunderland", wurde das zählebige Stereotyp von der "polnischen Wirtschaft" mit der Ablehnung der sozialistischen Plan- und Zwangswirtschaft verbrämt, der die ehemals deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie anheim gefallen waren. Während der Zeit der Solidarno??-Bewegung in Polen 1980 tauchte in einer den real existierenden Sozialismus kritisierenden Karikatur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das Stereotyp der "polnischen Wirtschaft" mit seiner ethnischen Stigmatisierung und Schuldzuweisung erneut auf, gefolgt von ähnlichen Karikaturen in der Neuen Rhein-Zeitung.

Wachstumstempo 2005Wachstumstempo 2005
Solche Bilder können nur korrigiert werden, wenn die bisherigen Leistungen dieses Landes gewürdigt werden, das als erster ehemaliger Ostblockstaat in die freie Marktwirtschaft gestartet ist und eine relative ökonomische Stabilität mit einem steten Wirtschaftswachstum erreicht hat (siehe Grafik). Es muss außerdem in das Bewusstsein gerückt werden, weshalb sich der Unterschied im Lebensstandard zwischen Polen und Ostdeutschland nicht etwa schrittweise verringert, sondern rapide vergrößert hat: Die neuen Bundesländer hatten mit 17 Millionen Einwohnern ein Investitionsvolumen von 800 Milliarden DM zur Verfügung, während Polen mit 38 Millionen Einwohnern lediglich über umgerechnet zehn Milliarden DM verfügte - das bedeutet eine 200fach höhere pro Kopf-Investition in Ostdeutschland. Der drastisch angewachsene Unterschied des Lebensstandards wirkte sich unvermeidlich negativ auf das Zusammenleben im grenznahen Raum aus. Der polnische Publizist und Historiker Adam Krzeminskiformulierte im März 2000: "Erst wenn der in Deutschland übliche Begriff der 'polnischen Wirtschaft' nicht mehr für Unordnung und Indolenz [Gleichgültigkeit], sondern für Flexibilität und Dynamik stehen wird, kann es wirklich zu einem Ausgleich zwischen diesen beiden schwierigen Nachbarn kommen."