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Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Polenbilder in Deutschland seit 1945

Ängste nach der Wende

Karikatur: Aus der RegionKarikatur: Aus der Region
Vor der Einführung der Visafreiheit für die Polen 1991 befürchtete ein Teil der ostdeutschen und Berliner Presse einen "Ansturm der Barbaren" und sah mit dem Polenmarkt in Berlin voller Entsetzen östliches Chaos einziehen. So entstand das Bild einer Grenze, die von Mitgliedern der Automafia, Zigarettenschmugglern oder Schwarzarbeitern überschwemmt wird. "Kaum gestohlen, schon in Polen", reimte damals die Bild-Zeitung im Zusammenhang mit einem Autodiebstahl. Fernsehfilme mit den obligaten polnischen Autodieben und Prostituierten waren zu sehen; die Polenwitze des Talkmasters Harald Schmidt griffen diese Klischees auf. Die Schwierigkeiten mit einer kleinen Gruppe von Kriminellen, nicht zuletzt Produkt des Wirtschaftsgefälles und der Wohlstandsgrenze, beeinflussten oft unzulässig die Vorstellung von der Bevölkerung des Nachbarlandes. In den deutschen Grenzgebieten überwiegen vor allem in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit nach wie vor Ängste und Vorurteile.

Um das beiderseitige Verhältnis nachhaltig zu verbessern, kommt der gemeinsamen Verbrechensbekämpfung, die einen Problemschwerpunkt in den deutsch-polnischen Re---gierungskontakten bildet, eine wichtige Rolle zu. Stereotype und Vorurteile können nur durch Kooperation unter gleichberechtigten Bedingungen ausgeräumt werden.


Neben den legalen Möglichkeiten für polnische Staatsangehörige, in der Bundesrepublik als Werksvertrags-, Saison- und Gastarbeiter sowie als Grenzgänger - oft unter miserablen Bedingungen - Geld zu verdienen, entstand in den 1990er Jahren durch die Möglichkeit der visafreien Einreise ein Markt für die illegale Vermittlung polnischer Arbeitskräfte, die selbst bei niedrigster Bezahlung umgerechnet wesentlich mehr als in Polen verdienen konnten. Diese informellen Arbeitsmärkte für "Schwarzarbeit", vor allem auf dem Bau und in der Landwirtschaft, führten schnell zur verzerrten Darstellung des Nachbarlandes als unerschöpfliches Reservoir gefährlicher Jobdiebe.

Konflikte und Bilder nach 2000

Die polnische Entscheidung für eine militärische Beteiligung am Irakkrieg traf in Deutschland weitgehend auf Unverständnis. Sie wird hier zu Lande oft einseitig als Ausdruck übermäßiger Bündnisloyalität bzw. einer zu starken Bindung an die USA kommentiert. Dabei wird übersehen, dass die Verankerung im Westen und die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten in Polen als Garant für seine Sicherheit gesehen werden. Wegen seiner traumatischen historischen Erfahrung von Überfällen sowohl durch den westlichen als auch östlichen Nachbarn ist Polen bereit, gegen potenzielle antiwestliche Aggressoren und Diktatoren auch präventiv vorzugehen. Zudem werden Polens antirussische Gefühle und Ängste - aus Moskau sind bis heute keine Gesten der Wiedergutmachung gekommen - in Deutschland wenig verstanden.

Neben dem Irak-Krieg belasteten unterschiedliche Interessen in der Endphase der EU-Erweiterung vom Mai 2004 die deutsch-polnischen Beziehungen. Die deutsche Politik hatte Polen den Weg in die EU geebnet. Als aber Polen in der Diskussion um die EU-Verfassung auf einer überproportionalen Stimmengewichtung im Rat der Europäischen Union bestand, war die deutsche Seite in ihrer schroffen Ablehnung nicht frei von Überlegenheitsgefühlen. In diesem Streit spielten historische Wunden eine Rolle: Polen, das lange als zweitrangig behandelt worden war, wollte gegenüber Deutschland und Frankreich nicht ein Land zweiter Klasse sein. Der schließlich allseits akzeptierte Kompromiss berücksichtigte Polens Vorbehalte.

Die deutschen Medien zeichneten in der Berichterstattung über die EU-Osterweiterung ein zu negatives Bild. Kommentatoren stellten die Schwierigkeiten der Integrationsfinanzierung und die Probleme durch den Zufluss billiger Arbeitskräfte in den Vordergrund. 72 Prozent der im Eurobarometer vom September 2004 befragten Deutschen erwarteten eine höhere Arbeitslosigkeit, 64 Prozent befürchteten einen Ansturm von Arbeitssuchenden aus den neuen EU-Mitgliedstaaten.

PolenPolen
Zwar hatte Deutschland durchgesetzt, dass Arbeitnehmer aus Beitrittsländern wie Polen und Tschechien für maximal sieben Jahre innerhalb der EU nicht frei ihren Arbeitsplatz wählen dürfen. Durch die innerhalb der EU garantierte Dienstleistungsfreiheit kommen trotzdem zahlreiche Polen auf den deutschen Arbeitsmarkt, die die Chance der Öffnung des Arbeitsmarktes für selbstständige Unternehmer nutzen. Seit hierzulande Debatten über Billigarbeiter in Schlachthöfen und über Mindestlöhne geführt werden, sei die Stimmung gegen die Polen schlecht, sagen in Deutschland tätige polnische Handwerker. Sie sehen sich unter Generalverdacht gestellt, den Deutschen mit Dumpinglöhnen Arbeit wegzunehmen.

Einen Rückfall in Denkmuster, die als überwunden galten, brachte in den vergangenen Jahren der deutsch-polnische Streit um die Errichtung eines von der Stiftung der Vertriebenen geforderten "Zentrums gegen Vertreibungen" in der deutschen Hauptstadt. Die Erfahrungen der Annäherungen im deutsch-polnischen Dialog wurden in dieser Auseinandersetzung nicht genutzt. In Polen kamen Befürchtungen auf, in Deutschland solle ein neues Geschichtsbild entwickelt werden, das vor allem die Deutschen als Opfer darstelle. Demgegenüber entstand in Deutschland das Bild, Polen wolle sich nicht mit dem schmerzlichen Komplex der Vertreibungen der Deutschen beschäftigen und diesen gar verbieten, ihrer Opfer zu gedenken.

In Deutschland sind sich manche Menschen zu wenig bewusst, wie groß die Sorge polnischer Intellektueller ist, dass das Leiden der polnischen Bevölkerung unter dem deutschen Besatzungsterror des Zweiten Weltkriegs immer weniger wahrgenommen werde. Dass auch die überarbeitete deutsche "Wehrmachtsausstellung" von 2002 die Verbrechen der Wehrmacht in Polen gegen polnische und jüdische Zivilisten sowie Kriegsgefangene aussparte, die schon in den ersten Kriegswochen im Herbst 1939 begangen wurden, nahmen viele Polen mit Verwunderung und Unverständnis auf. Als besonders kränkend wird es empfunden, dass die breite Bevölkerung in Deutschland nach wie vor nur wenig über die Ermordung der polnischen Intelligenz unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg weiß, etwa von der Erschießung mehrerer Tausend Professoren und auch Priester.

Die Vergangenheit bleibt präsent: Deutsche Vertriebene und Spätaussiedler kündigten Klagen auf Rückübertragung von Eigentum an. Als Antwort darauf verabschiedete das polnische Parlament am 10. September 2004 eine Resolution, in der es die Regierung in Warschau zu Gesprächen mit der Bundesrepublik über Reparationszahlungen aufforderte. Die im östlichen Nachbarland geweckten Ängste und Ressentiments bringen an den Tag, dass sich Polen seines neuen Partners Deutschland noch immer nicht sicher ist. Doch gibt es deutliche Anzeichen, dass die Akteure zweier Zivilgesellschaften von ihren politischen Führungen erwarten, dass der Weg der Verständigung weitergegangen wird.