Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Antisemitismus

Antisemitismus heute

Vorurteile gegenüber JudenVorurteile gegenüber Juden
Wieso werden einige antijüdische Vorurteile noch von vielen Deutschen geteilt und andere nicht mehr, obwohl nichtjüdische Deutsche mit Juden im Alltagsleben kaum zusammentreffen? Gehalten haben sich vor allem die Vorurteile, die mit neuen Inhalten gefüllt werden können - die also die alten Vorurteile scheinbar bestätigen. Diese Inhalte ergeben sich aus den Problemen, die viele Deutsche mit der NS-Vergangenheit haben. Neuerdings liefern auch die mit der Globalisierung zusammenhängenden Krisen neuen Stoff, die auf der radikalen Rechten und Linken mit einem Rückgriff auf verschwörungstheoretische Vorstellungen von der Herrschaft des amerikanisch-jüdischen Finanzkapitals erklärt werden.

Anders als bei den Vorbehalten gegenüber Ausländern gibt es gegenüber den Juden in Deutschland kaum Gefühle einer ökonomischen Konkurrenz oder einer kulturellen Bedrohung. Auch Rassismus ist hier ohne Bedeutung. Umfragen zeigen, dass die soziale Distanz zu Juden heute sehr gering ist. Der religiöse Gegensatz zwischen Judentum und Christentum spielt weder in den Kirchen noch in der Bevölkerung eine wesentliche Rolle. Der Antisemitismus speist sich wesentlich aus der Abwehr von Schuldgefühlen gegenüber Juden:
  • Man schreibt den Juden eine Mitschuld an ihrer Verfolgung zu. Seit fünf Jahrzehnten glauben dies etwa 20 Prozent der deutschen Bevölkerung. Weil Juden in der europäischen Geschichte häufig verfolgt wurden, meinen sie, es müsse dafür Gründe im Verhalten der Juden gegeben haben. Es ist deshalb für die Entkräftung von Vorurteilen wichtig, sich historisch die gesamte Breite der christlich-jüdischen Beziehungen zu vergegenwärtigen und diese nicht auf eine reine Konflikt- und Verfolgungsgeschichte zu reduzieren.
  • Man unterstellt den Juden, dass sie ihre Leiden unter der NS-Verfolgung ausnutzen, um möglichst hohe Summen an "Wiedergutmachungs"-Geldern zu kassieren. Dieses Vorurteil verbindet sich mit dem traditionellen Bild des "geldgierigen, betrügerischen und ausbeuterischen Juden". Eng verbunden damit ist die Vorstellung vom großen Einfluss, den Juden ausüben, um die Deutschen zu weiteren Zahlungen zu zwingen. Auch hier kann sich das neue Motiv mit dem alten Vorurteil von der "jüdischen Weltmacht" verbinden, das heute ebenfalls noch von vielen Deutschen vertreten wird. Hier haben wir es mit einem klassischen Beispiel für die im Antisemitismus generell zu beobachtende Täter-Opfer-Umkehr zu tun: Antisemiten sehen sich als "Opfer der Juden" und stellen ihre Judenfeindschaft als eine Abwehrreaktion hin.
  • Die Juden werden als "Störenfriede" gesehen, weil sie angeblich permanent auf der Erinnerung an den Holocaust beharrten und damit an eine Periode deutscher Geschichte gemahnen, die viele gern vergessen würden: 61 Prozent der Deutschen ärgerten sich 2004 darüber, "dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden". Auch hier verbindet sich ein aktuelles Unbehagen mit alten, aus dem Antijudaismus stammenden Negativurteilen über die "alttestamentarische Vergeltungssucht" der Juden.
Mit der Gründung eines jüdischen Staates ist eine neue Vorurteilsdimension hinzugekommen. Die einheimischen Juden, die deutsche Staatsbürger sind, werden für Israels Politik mitverantwortlich gemacht. 32 Prozent der Deutschen gaben 2004 an, dass ihnen "durch die israelische Politik die Juden immer unsympathischer würden". Hier treffen wir auf ein weiteres wichtiges Motiv des heutigen Antisemitismus: Die historische Schuld an der Verfolgung der Juden soll verringert werden, indem man sie gegen Menschenrechtsverletzungen der Israelis im Nahostkonflikt aufrechnet. 51 Prozent waren 2004 der Meinung: "Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben." (27 Prozent stimmten voll, 24 eher zu; 1987 waren es nur 17 Prozent).

Seit Beginn der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten im Jahr 2000 ist auch in Europa der Antisemitismus wieder stärker hervorgetreten. Manche Beobachter sprechen von einem "neuen Antisemitismus", der nun sein primäres Feindbild im Staat Israel und in der "jüdischen Lobby" in den USA findet. Der Nahostkonflikt bietet zusammen mit sozialen Problemen den Nährboden für antijüdische Orientierungen und Übergriffe von arabisch-muslimischen Einwanderern in Europa. Insbesondere in radikal-islamistischen Organisationen, aber auch auf der extremen antimperialistischen Linken sowie auf der Rechten, wo mit Israel zugleich die kapitalistische westliche Kultur vor allem der USA das Feindbild abgeben, nimmt der radikale Antizionismus bisweilen antisemitische Züge an.

Quellentext

"Juden-Laden"

Im Mai 2002 beschloss der Berliner Jude Dieter T., seinen gut gehenden Tante-Emma-Laden in ein koscheres Lebensmittelgeschäft mit dem Namen "Israel-Deli" umzurüsten:

[...] "Ich dachte", sagt T., "dass es eine Bereicherung wäre, ein Stück Kultur." Vor dem Laden hängt fortan die Flagge Israels, an den Wänden hängen Ausdrucke aus dem Internet, in denen die Bedeutung des Wortes "koscher" erklärt wird. Die Geschäfte laufen - normal.
Knapp vier Wochen lang. Dann tauchen eines morgens zum ersten Mal zwei Autos vor seinem Laden auf. Junge Leute, Neonazis. Sie kommen nicht regelmäßig, aber sie kommen oft. Und sie pöbeln, mal halblaut, mal laut. "Juden-Laden". "Judensau". Es sind die Anfänge - und Dieter T. kann sich nicht wehren. Nicht direkt. Er fühlt sich nicht bedroht, eher belästigt. "Sie haben diese Sprüche losgelassen, bei offenem Fenster. Als ob sie sich mit sich selbst unterhalten würden. Ich konnte nichts gegen sie tun."
Einen Monat geht das so, anderthalb. Nicht regelmäßig, aber oft. Es geht an die Nerven. Dieter T. öffnet seinen Laden für gewöhnlich um 6 Uhr, doch bereits ab 5 Uhr steht die Ladentür offen. T. ist im hinteren Teil des Geschäfts, bereitet Kaffee vor, schmiert Schrippen. Jahrelang hat er das so gemacht. Die Stammkunden wissen das. Sie stehen vor verschlossener Tür, weil T. aus Sicherheitsgründen den vorderen Teil des Ladens nicht unbeaufsichtigt lassen will. Die ersten Kunden bleiben weg, gehen eine Ecke weiter. Das Frühstücksgeschäft bricht ein. Dieter T. entschließt sich, seinen Laden erst später aufzumachen - um 9 Uhr, da ist es hell.
Doch der Niedergang des Geschäfts geht unaufhaltsam weiter. Wenn T. morgens zu seinem Laden kommt, ist die Scheibe bespuckt, besonders das Wort "kosher", das er in englischer Schreibweise angeklebt hatte - "das musste offenkundig immer doppelt bespuckt werden". Dieter T. putzt seine Scheibe, putzt auch den Urin weg, mit dem sein Laden regelmäßig besudelt wird. Der Kampf um seine Existenz hat begonnen, der eklige Kampf. T. kämpft ihn tapfer, verbissen.
Er ist plötzlich auf verlorenem Posten. T.s "Israel-Deli" wird plötzlich zum bevorzugten Ziel für Pöbeleien arabischer Jugendlicher. Sie spucken bei hellichtem Tag an die Schaufensterscheibe, schmeißen mit Sand auf die vor dem Laden aufgestellten Stehtische, reißen die Fahne herunter. Die Kunden fühlen sich belästigt, vor allem: Sie fühlen sich bedroht. In der Brunowstraße kippt die Stimmung. "Wie schnell das geht", sagt Dieter T., und: "Ich kann das ja verstehen." Im Mietshaus, in dem er sein Geschäft hat, haben sie Angst vor Anschlägen, Angst, dass mal ein Molotow-Cocktail in den Laden fliegt. Eines Tages steht ein Karton vor seiner Tür. T. öffnet ihn vorsichtig, mit einem an einem langen Stock befestigten Messer. Es ist nur Sand drin. Nur Sand.
T. macht weiter. Macht weiter, obwohl die Umsätze sinken. Macht weiter, obwohl er registriert hat, dass ein Teil seiner Stammkunden begonnen hat, die Straßenseite zu wechseln. Er macht weiter, obwohl ihm im Dezember die Scheibe eingeworfen wird. Er macht weiter, obwohl die Stimmung sich gegen ihn gewandt hat, gegen ihn, den Juden. Im Laden wird der Hitlergruß gezeigt, knallen Hacken zusammen. Die Kneipe in der Nachbarschaft, die T. gelegentlich beliefert, stört sich plötzlich am Belag der Schrippen - dabei, sagt T., "waren es immer zwei Scheiben auf jeder Hälfte". Dieter T. wird angezeigt. Mehrfach kommt die Lebensmittelaufsichtsbehörde in seinen Laden, weil seine Waren angeblich nicht ordnungsgemäß ausgezeichnet seien.
Dieter T. ist dort angelangt, wo er sich nicht hätte vorstellen können, jemals zu sein: In der Brunowstraße in Berlin-Reinickendorf ist er nun der Jude, bei dem man nicht mehr kauft. Es ist Frühsommer in Berlin, 2003. Das "Israel-Deli" wird ein Zuschussgeschäft. Es gibt Tage, an denen der Laden, der früher bis zu 400 Euro Umsatz verzeichnete, keine zehn Euro mehr abwirft. Es ist eine ökonomische Entscheidung. Dieter T. kann die Miete nicht mehr bezahlen, nicht mehr die Schulden. Er steigt aus, bevor er sich völlig ruiniert. Gerade noch rechtzeitig. Er sagt: "Ick bin kaputt jespielt worden." [...]

Axel Vornbäumen, "Kaputt gespielt", in: Frankfurter Rundschau vom 21. August 2003.