Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Vorurteile gegen sozial Schwache und Behinderte

Vorurteile gegen Behinderte

Während gegenüber sozial Benachteiligten ein vorwurfsvoller und lauter Ton herrscht, vollzieht sich die Ausgrenzung Behinderter leiser. Viele Behinderte sehen sich isoliert, weil Nichtbehinderte sie aus Angst, falsch zu reagieren, zu übersehen versuchen. Wo Kontakte zustande kommen, bleiben sie oft befangen, etwa weil Nichtbehinderte in ihrer Unsicherheit die Behinderung ihres Gegenübers krampfhaft überspielen, um der Situation den Anschein der Normalität zu geben. Als "Irrelevanzregel" bezeichneten sozialwissenschaftliche Untersuchungen diese Strategie. Dabei leiden Behinderte oft weniger darunter, dass Nichtbehinderte etwas Falsches sagen, als darunter, dass sie das Gespräch von vornherein vermeiden.

Die Trennung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten im Alltag ist ein Grund für die Hilflosigkeit. Würde man sich öfter begegnen, könnte sich das Verhältnis entspannen. Mitunter stoßen aber Versuche auf Widerstand, die Trennung zu überwinden. Behinderte berichten, dass man ihnen den Zutritt zu Lokalen verwehrt oder dass Fluggesellschaften es ablehnen, sie mitzunehmen. Der Zugang zum Arbeitsmarkt erweist sich als schwierig. So berichtete der Berliner Landesbeauftragte für Behinderte, Martin Marquard, im Jahr 2003, viele Arbeitgeber der freien Wirtschaft hätten Behinderte auch dann nicht oder nur zögerlich eingestellt, wenn die Bewerber gut qualifiziert waren: "Behinderte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - so denken viele Arbeitgeber - passten nun einmal nicht in das Bild eines modernen dynamischen Unternehmens. Behinderte Menschen könnten vielleicht imageschädigend sein."

Normalität und Abweichung

Vorurteile gegen Behinderte gehören zum gesellschaftlichen Vorrat an stereotypen Wahrnehmungsmustern, die schon Kinder im Laufe ihres Hineinwachsens in die Gesellschaft, ihrer Sozialisation, erlernen. Das entsprechende Repertoire der Vorstellungen spiegeln Kinofilme und Märchen wider, in denen körperliche Abweichungen oft das Böse kennzeichnen. Die Hexe in "Hänsel und Gretel" etwa ist bucklig und hässlich. Andere körperliche Entstellungen sind Strafen: Weil Konrad, der Daumenlutscher aus Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter", das Lutschen nicht lässt, schneidet ihm der Schneider mit einer großen Schere beide Daumen ab. Die Guten dagegen sind oft Ausprägungen des herrschenden Schönheitsideals, ob es im Märchen die schöne Prinzessin ist oder im Hollywoodfilm die gefeierte Diva. Populäre Kultur, Werbung und die für den beruflichen Erfolg vorausgesetzten Anforderungsprofile folgen dem Ideal des Gesunden, Schönen und Leistungsfähigen.

Die Normalität, der Behinderte widersprechen, ist eine gesellschaftliche Übereinkunft und nicht naturgegeben. So unterscheidet sich das Selbstverständnis vieler Behinderter von der Perspektive der Bevölkerungsmehrheit. Der spastisch gelähmte Autor Ferdi Saal fordert: "Die Behinderung ist als persönlicher Eigenwert anzuerkennen, das heißt, in einem Menschen nicht das reparaturbedürftige Wesen als eine Panne der Natur oder gar des Schöpfers zu sehen, sondern eine Individualität, die es nicht gäbe, wenn ihr Träger nicht behindert wäre."

Behinderte stoßen auf viele Barrieren von eher sozialer als medizinischer Natur. Rollstuhlfahrer bekommen das täglich zu spüren. Die Architektur der Städte orientiert sich an Nichtbehinderten, trotz vieler Verbesserungen der vergangenen Jahre. Bauliche Hindernisse schließen Behinderte von Veranstaltungen aus und damit von Chancen auf sozialen Kontakt. Erst die an Nichtbehinderten orientierte Norm sorgt dabei für die Behinderung.

Seit 1994 verbietet das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ausdrücklich die Diskriminierung von Behinderten. Den Artikel 3, der die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz verbrieft, ergänzt seither der Satz: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Das Verbot verhindert zwar Ausgrenzung und Vorurteile nicht. Immerhin können sich diejenigen auf den Grundsatz berufen, die Diskriminierung bekämpfen.

Weitere Gesetze sollen die Ausgrenzung von Behinderten abbauen, etwa das "Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen" aus dem Jahr 2002. Unterschiedliche Antworten fand im Jahr 2005 die Frage, ob die Bundesrepublik ein besonderes Antidiskriminierungsgesetz braucht, das auch die Diskriminierung Behinderter rechtlich sanktioniert. Während die Bundestagsfraktionen der SPD und der Grünen für das Gesetz stimmten, sprachen sich CDU, CSU, FDP und Wirtschaftsverbände dagegen aus. Sie befürchteten, der damit verbundene bürokratische Aufwand schrecke Unternehmer von Neueinstellungen ab.

Selbsthilfe-Organisationen, Behinderten- und Wohlfahrtsverbände versuchen in Zeitschriften, Ausstellungen oder im Internet den Informationsstand der Bevölkerung über die Lage Behinderter zu erhöhen. Noch wirkungsvoller dürfte es sein, den Alltagskontakt zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zur Normalität werden zu lassen.

Man könnte die Ausgrenzung aufweichen und die soziale Kompetenz Nichtbehinderter stärken, wenn man Behinderte in Regelschulen integrierte, statt sie in Sonderschulen auf Abstand zu halten. Schulen in verschiedenen Bundesländern haben durch Formen integrierenden Unterrichts damit begonnen, Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Eltern behinderter Kinder empfinden den Prozess zu mehr Integration im Schulwesen indes als zäh. Auch der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karl Hermann Haack, nannte im Jahr 2004 die bis dahin erreiche Quote von 13 Prozent behinderter Kinder in integrativen Schulformen "ernüchternd".

Quellentext

Plädoyer für Integration

Michael Mehnert, 40 Jahre alt, seit Geburt körperbehindert, äußert sich zur Situation Behinderter:

[...] Das Ziel einer intensiven Behindertenförderung muss Integration der verschiedenen Behinderungsarten in die Gesellschaft sein. Erst dann hätten behinderte Menschen überhaupt die Möglichkeit, selbstbewusst in der Öffentlichkeit aufzutreten. Schließlich sind wir, die "Behinderten", nicht Menschen zweiter Klasse. Wir leben auf dieser Welt nur mit einem anderen Ausgangspunkt. Muss das in einer "freien Gesellschaft" ewig ein Defizit bleiben?
Auch die derzeitige Ausgrenzung aus Kindergärten und Schulen behindert ein Kind, das zunächst einmal wegen einer Körperbehinderung leiden muss, sich dem realistischen Leben ohne Selbstmitleid zu stellen. Auch für den Nichtbehinderten wäre die tagtägliche Begegnung mit Behinderten in Kindergärten und Schulen enorm wichtig, weil sich so ganz selbstverständliche Verhaltensweisen untereinander entwickeln könnten. [...]
Auch in anderen Lebensbereichen wird behinderten Menschen das Recht auf Autonomie und Akzeptanz bisher verwehrt. Die vorhandenen Freizeitangebote für Behinderte sollen zwar die Angehörigen entlasten, aber das behinderte "ewige Kind" hat auch da kaum Chancen, selbstständig und erwachsen zu werden. [...] Folglich versperrt man ihm, dem "Musterkrüppelchen", den Weg, seine Selbstständigkeit auszubauen bzw. die eigenen Grenzen selbst zu erkennen und dadurch seine Rechte zu begreifen und wahrzunehmen. [...]
Alles in allem würde ich es begrüßen, wenn auch einmal zur Kenntnis genommen würde, kritisch, aber endlich einmal wenigstens ehrlich und aufrichtig, dass aus einer konsequenten Integration der Behinderten und Nichtbehinderten schon von Kindergarten und Schule an eine völlig andere, eine soziale Gesellschaft entstehen würde, welche in ganz anderen Kategorien denkt, fühlt und lebt. [...]
Ich möchte gewissen Zweifel daran nicht verheimlichen, ob eine vollständige, selbstverständliche Integration überhaupt in dieses Gesellschaftssystem hineinpasst und somit geduldet wird. Wir könnten ja als "Bremser der Nation" dem Wachstumsrausch im Wege stehen, da wir eine andere Lebensperspektive aufzeigen. [...]
Darum kann ich Probleme von Behinderten und Nichtbehinderten nie getrennt betrachten, wenn ich darüber nachdenke, wie diese Gesellschaft ein menschlicheres Gesicht bekommen kann.

Michael Mehnert, "Behindert sein - behindert werden", in: Nein zur Gewalt. Multiplikatorenpaket, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Mainz 2001, Kapitel 5.6., S. 7ff.

Vorurteile im Kontext

Sozialwissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Vorurteile gegen Behinderte im Zusammenhang mit feindlichen Einstellungen gegen andere Gruppen stehen. Wer Fremde ablehnt und auf Autoritäten fixiert ist, geht mit höherer Wahrscheinlichkeit auch zu Behinderten auf Distanz. Wie Vorurteile gegen andere Gruppen sind auch die gegenüber Behinderten starr und schwer zu beeinflussen.

Auch die Ablehnung sozial Schwacher steht offensichtlich im Zusammenhang mit anderen Vorurteilen. Das zeigen seit Beginn der 1990er Jahre rechtsextreme Gewalttaten. Die Angriffe gegen sozial Schwache kamen aus dem selben ideologischen Milieu wie die gegen Zuwanderer. Unter den 99 Todesopfern rechtsextremer Gewalttaten seit der deutschen Vereinigung, die im März des Jahres 2003 Journalisten des Berliner "Tagesspiegels" und der "Frankfurter Rundschau" zählten, war etwa jeder fünfte ein Obdach- oder Arbeitsloser. "Asis klatschen" ist in der rechtsextremen Jugendszene ein fester Begriff. Viele der Täter bezeichneten ihre Opfer in polizeilichen Vernehmungen als "Penner", "Asoziale" und "Abschaum".

Auch historisch lässt sich der Zusammenhang zwischen Rassismus, der Ablehnung sozial Schwacher und Behindertenfeindlichkeit nachweisen. Die in der Zeit des deutschen Kaiserreichs aufgekommene "Rassenhygiene" orientierte sich an der Utopie einer Gesellschaft ohne körperliche oder soziale Abweichungen. Die Vertreter der Ideologie wollten angeblich schlechtes Blut aus dem "Erbstrom" aussondern, um einen gesunden "Volkskörper" zu schaffen. Im NS-Staat fand das seine radikalste Umsetzung. Der Ermordung von Behinderten, schönfärberisch als "Euthanasie" (Sterbehilfe) bezeichnet, fielen schätzungsweise 140.000 bis 180.000 Menschen zum Opfer, unter ihnen tausende von Kindern. Rund ein Drittel von ihnen starb in fahrbaren Gaswagen und in den Gaskammern, die das Regime in sechs ehemaligen Heil- und Pflegeanstalten einrichten ließ. Die anderen ermordeten die Euthanasie-Ärzte durch Gift, Medikamente und Nahrungsentzug.

Auch die Feindschaft gegen sozial Schwache steht historisch in einem engen Verhältnis zur Rassentheorie. Die Ansicht etwa, das so genannte Lumpenproletariat sei ein Ausfluss "minderwertiger Erbströme", war in der Weimarer Republik weit über das rechtsextreme Spektrum hinaus verbreitet. "Arbeitsscheue" waren Gegenstand straf- und fürsorgerechtlicher Bestimmungen. Mit dem Zusammenbruch der Weimarer Demokratie fielen auch die rechtsstaatlichen Hindernisse für die Verfolgung von "Asozialen". 1933 initiierte das NS-Propagandaministerium eine Verhaftungswelle gegen Bettler.

In den folgenden Jahren ließen die Behörden "Asoziale" in Arbeitslagern, Arbeitshäusern und geschlossenen Anstalten internieren. Ein Teil der Verfolgten fiel Zwangssterilisationen zum Opfer. Im Frühjahr und Sommer 1938 verschleppte die Kriminalpolizei über 10.000 Menschen als "Asoziale" in Konzentrationslager. Durch einen schwarzen Winkel gekennzeichnet bildeten sie eine eigene Häftlingskategorie, die auch von den anderen Häftlingen verachtet und diskriminiert wurde. Die als "asozial" Verfolgten sahen sich auch nach 1945 ausgegrenzt. Weder erhielten sie Entschädigung, noch erkannte sie die Öffentlichkeit als Verfolgte des Nationalsozialismus an.

Der Begriff des "Asozialen" blieb nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden Teilen Deutschlands in Verwendung. In der DDR war "asoziales Verhalten" seit 1968 eine strafrechtliche Kategorie. Dabei blieb die Definition des "Asozialen" vage. Das erlaubte den Behörden, ihn gegen Menschen anzuwenden, die dem realsozialistischen Menschenbild nicht entsprachen, zum Beispiel gegen Kleinkünstler, Musiker ohne Auftrittslizenz, Kleinhändler ohne Gewerbeschein, Langhaarige oder Punks.

Der historische Rückblick zeigt zum einen die lange Tradition der Ausgrenzung jener, die dem Leitbild des Gesunden und Leistungsfähigen nicht entsprechen. Die zugrunde liegenden Vorurteile dürften auf fest verankerten gesellschaftlichen Wahrnehmungsgewohnheiten beruhen. Zum anderen legt der Rückblick nahe, die Diskussion über genetische Forschung in einem politischen Rahmen zu beurteilen: Der Traum von der Formbarkeit der Gesellschaft und des Einzelnen war ein Grundelement totalitärer Ideologien. Er lebte von einem engen Begriff "lebenswerten" Lebens, der im Widerspruch steht zur pluralistischen Gesellschaft und ihrer Offenheit für vielfältige Lebensentwürfe.