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Deutschland in den 70er/80er Jahren

4.4.2002 | Von:

Gesellschaft, Alltag und Kultur in der Bundesrepublik

Neue Haushaltsformen und Geschlechterverhältnisse

Bei einer insgesamt stagnierenden Bevölkerungszahl stieg die Zahl der privaten Haushalte beträchtlich, von 22 (1970) auf 28,2 Millionen (1990) – und im gleichen Zeitraum der Anteil der Ein-Personen-Haushalte von einem Viertel auf mehr als ein Drittel. In München betrug der Anteil der Single-Haushalte 1988 40 Prozent.

Solche Kennziffern deuten den statistischen Hintergrund für einen starken Schub zur Individualisierung und Pluralisierung von Lebensstilen an, wie er sich besonders im sozialen Geltungsverlust des traditionellen Ehemodells ausdrückte.

Das Nichtheiraten wurde zunehmend zu einer selbstverständlichen Alternative. Zugleich stiegen Heiratsalter und Scheidungshäufigkeit an. Demgegenüber erhöhte sich die Zahl so genannter nicht ehelicher Lebensgemeinschaften in der Bundesrepublik bzw. den alten Bundesländern besonders in der Gruppe der 18- bis 35-jährigen Männer und Frauen von circa 82000 (1972) auf 1376000 (1993), aber im gleichen Zeitraum auch bei den 35- bis 55-Jährigen von 72000 auf 634000. Das nicht eheliche Zusammenleben wurde innerhalb von nur zwei Jahrzehnten vor allem zur mehrheitlich gewählten biographischen Erprobungsphase für eine spätere Ehe.

Frauenbewegung

Mit dieser Entwicklung ging ein steigendes Selbstbewusstsein von Frauen einher. Die siebziger Jahre waren die wohl entscheidende Dekade weiblicher Emanzipation in der Geschichte der Bundesrepublik, deren Avantgarde eine "neue Frauenbewegung" bildete. Mit großer Heftigkeit wurde in den Medien die traditionelle geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die Verfügung über den weiblichen Körper (§ 218 StGB) kritisiert. Zuvor private Themen wurden in das Zentrum der politischen Frauenbewegung gerückt.

Die in der Ehe und anderen Beziehungen von Männern ausgeübte Gewalt führte zur Gründung von "Frauenhäusern" (das erste wurde im November 1976 in West-Berlin eingerichtet, 120 waren es in der Bundesrepublik 1982). Notrufe und Selbsthilfegruppen waren weitere Zufluchtsmöglichkeiten. Seit dem letzten Drittel der siebziger Jahre festigte sich dann eine feministische Gegenkultur mit eigenen Presseorganen ("Courage" seit 1976, "Emma" seit 1977), Treffpunkten und Diskussionsthemen. In Hamburg wurde 1979 die erste staatliche Gleichstellungsstelle auf Länderebene in der Bundesrepublik eingerichtet, der bald zahlreiche weitere in anderen Bundesländern, in Kommunen und schließlich auf Bundesebene folgten; 1988 beschloss die SPD auf ihrem Parteitag in Münster, nachdem dies bei den Grünen schon länger praktiziert wurde, eine "Frauenquote".

Als ein Erfolg der Frauenbewegung konnten wichtige Gesetzesveränderungen angesehen werden. 1976 wurde das Scheidungsrecht grundlegend reformiert. Seither gilt nicht mehr das Schuld-, sondern das Zerrüttungsprinzip, mit dem die Ehe auch gegen den Widerstand einer Seite nach einer Frist geschieden werden kann. Außerdem wurden nun Frauen, die Kinder betreuten, wirtschaftlich erheblich besser gestellt. 1977 folgten Verbesserungen für Frauen im Familienrecht, indem die Verpflichtung der Ehefrau zur Hausarbeit als Norm abgeschafft wurde. Auch im Namensrecht wurde die Gleichberechtigung eingeführt; erst Anfang der neunziger Jahre wurde allerdings auch der Zwang zu einem gemeinsamen Familiennamen aufgehoben.

Während die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter seit den siebziger Jahren erhebliche Fortschritte machte, verringerten sich die ökonomischen Unterschiede nur langsam. 1970 betrug der Durchschnittslohn von weiblichen Angestellten und Arbeiterinnen in der Industrie 60 Prozent des Durchschnittslohns ihrer dort beschäftigten männlichen Kollegen, 1990 lag dieser Wert bei 65 Prozent. Diese Diskrepanz spiegelte auch in anderen Berufsfeldern wider, dass Frauen nur langsam in höhere Positionen aufrückten.

Die skizzierten neuen Tendenzen in den Geschlechterverhältnissen und die zunehmende Zahl von Alleinlebenden sollten im Übrigen nicht die fortbestehenden sozialen Kontinuitäten überdecken. Die familiären Verbindungen sind nicht verschwunden, sondern haben sich verändert. Soziale Netzwerke werden nach wie vor in starkem Maße vom Verwandtschaftssystem bestimmt. So hatten zwei Drittel aller Bundesbürger Mitte der achtziger Jahre tägliche oder mindestens wöchentliche gegenseitige Besuchskontakte zu nahen Verwandten.

Jugend

Die siebziger Jahre waren von einer weiteren Ausdifferenzierung jugendkultureller Szenen bestimmt. Je nach öffentlicher Konjunktur standen dabei unterschiedliche Aspekte im Vordergrund des Interesses. Breite Diskussionen gab es in jenem Jahrzehnt über die Herausbildung eines "Neuen Sozialisationstypus", der als narzisstisch, hedonistisch und politisch desinteressiert gezeichnet wurde. In den achtziger Jahren wurden in den Medien sehr verschiedene Ansichten über "die" Jugend kolportiert und jeweils mit Meinungsumfragen belegt. Das Spektrum reichte von der "Null-Bock-Generation", die sich nichts von der Zukunft erwartete und allein die Gegenwart genießen wollte, bis zu einer optimistisch das Leben meisternden Jugend, die vor allem an beruflichem Fortkommen und familiärem Glück interessiert sei. Solche divergenten Bilder zeigen nur, dass es immer weniger gelingt, die zunehmend fragmentierte und pluralisierte Jugendszene – etwa von aktiven Sportlern über naturwissenschaftlich Interessierte bis zu Dauermedienkonsumenten und "Punks" oder "Skins" – auf griffige Formeln zu bringen.

Hinsichtlich der politischen Jugendbewegung stand am Ende der siebziger Jahre die Rebellion im Blickpunkt. Sie drückte sich im so genannten Häuserkampf, der Besetzung von leer stehenden Häusern und anschließenden Auseinandersetzungen mit der Polizei, und in der Forderung nach selbstverwalteten Jugendzentren aus, die in etlichen Großstädten zu großen Demonstrationen und sogar Straßenkämpfen Anlass gab.

In den achtziger Jahren zeigten sich politisch engagierte Jugendliche vor allem im Umfeld der "Bürgerinitiativen" für Belange des Umweltschutzes und bei den großen Friedensdemonstrationen. Rechtsextreme Strömungen spielten hingegen eine marginale Rolle.

Globale Charakterisierungen und Hervorhebungen von Minderheitsphänomenen sind allerdings vor dem Hintergrund der sozialen Situation breiter Schichten der Jugend zu sehen, für die in den siebziger und achtziger Jahren zwei gegenläufige Tendenzen kennzeichnend waren. Auf der einen Seite wuchs der durchschnittliche Bildungsgrad der Jugendlichen, auf der anderen wurde die bald überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit seit der Mitte der siebziger Jahre (1975: 116000; Winter 1982/83: circa 200000; Winter 1987/88: circa 480000) trotz staatlicher Sonderprogramme zur Beschäftigung Jugendlicher zum strukturellen Dauerproblem.

Bildungsexpansion

Die siebziger Jahre waren das entscheidende Jahrzehnt der Bildungsexpansion in der Bundesrepublik, die zuvor und danach langsamer verlief. Dies zeigt als wichtige Kennziffer die Verteilung der Schülerinnen und Schüler im dreigliedrigen System. Während 1970 noch mehr als die Hälfte (53 Prozent) derjenigen, die die 7. Klasse besuchten, sich auf der Hauptschule befanden, waren es 1980 noch 38 und 1989 mit 32 Prozent weniger als ein Drittel. Gleichzeitig war der Anteil an Gymnasiastinnen und Gymnasiasten von 22 auf 31 Prozent gestiegen, derjenigen auf der Realschule von 20 auf 27 und derjenigen auf den erst Anfang der siebziger Jahre in einigen Bundesländern eingerichteten und anfänglich heftig umstrittenen Gesamtschulen auf sechs Prozent. Die Zahl der Studierenden an den Hochschulen der Bundesrepublik hatte 1980/81 erstmals die Millionengrenze überschritten, und entgegen anders lautender Prognosen der Bildungsexperten stieg sie bis 1988/89 weiter auf über 1,5 Millionen.

Die Chancengleichheit hinsichtlich der sozialen Erreichbarkeit von Bildung, eine in den sechziger Jahren vehement erhobene Forderung, konnte nach anfänglichen Erfolgen nur in geringem Maße weiter verbessert werden. Von den Studierenden an Wissenschaftlichen Hochschulen stammten 1966/67 sieben Prozent aus Arbeiterhaushalten, 1979 wie auch 1988 waren es jeweils 15 Prozent.

Deutlicher veränderten sich im Verlauf der Bildungsexpansion der siebziger und achtziger Jahre die Voraussetzungen für die Lebensplanung weiblicher Jugendlicher. Der Anteil der Abiturientinnen, der Ende der sechziger Jahre noch bei circa 40 Prozent gelegen hatte, stieg bis Mitte der achtziger Jahre auf über 50 Prozent, ebenso der Anteil weiblicher Studierender an Universitäten von 35 Prozent (1970) auf 49 Prozent (1989).

Aufgrund der Prioritätensetzungen öffentlicher Haushalte blieb die materielle und personelle Ausstattung der Bildungseinrichtungen hinter den Erfordernissen durch die Bildungsexpansion seit der Mitte der siebziger Jahre zurück – ein Anlass für periodisch wiederkehrende Proteste an Schulen und Hochschulen, die sich in den achtziger Jahren steigerten und im bisher größten Streik der Studierenden im Wintersemester 1988/89 ihren vorläufigen Höhepunkt fanden. Zugleich dämpfte die Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen die Bildungseuphorie. 1975 gab es 2,8 Prozent arbeitslose Akademiker (bei einer allgemeinen Arbeitslosenquote von 4,7 Prozent), 1986 waren es 5,1 Prozent (gegenüber neun Prozent).