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Die demografische Transition

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Die demografische Transition

Franz Rothenbacher Georg Fertig

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Die demografische Transition, vielfach auch Übergang genannt, beschreibt ein Modell aus vier Phasen. In diesen soll sich das Verhältnis von Geburts- und Sterberaten neu ordnen. Diese Analyse wirft einen kritischen Blick auf das verbreitete Schema.

Tabelle 2: Geburten und Todesfälle (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

In vielen Darstellungen wird unter dem "demografischen Übergang" eine bestimmte regelmäßige Abfolge von Phasen verstanden. Sie führt – weltweit – von einem Zustand hoher Sterbe- und Geburtenraten mit stabiler Bevölkerung über einen zunächst aufgrund des medizinischen Fortschritts einsetzenden Rückgang der Sterblichkeit und deshalb beginnendes Bevölkerungswachstum in eine dritte Phase, in der – weil die Sterberate zuvor gesunken ist und die Eltern nun weniger Geburten brauchen, um überlebende Kinder zu haben – auch die Geburten zurückgehen, bis als vierte Phase ein neues Gleichgewicht erreicht ist. Dieses Vier-Phasen-Modell, das in vielen Schulbüchern steht, ist ein Versuch, einen realen, wichtigen und vor allem unumkehrbaren Wandlungsprozess zu beschreiben. Es bedarf aber in allen vier Bereichen der kritischen Überprüfung.(siehe Tab 2)

Erstens gab es vor dem Übergang keinen stabilen Gleichgewichtszustand, sondern es wechselten sich oft längere Phasen von Bevölkerungswachstum (und fallenden Einkommen) mit solchen eines manchmal recht katastrophalen Rückgangs der Bevölkerung ab. Schon im mittleren 19. Jahrhundert lagen die Geburten deutlich über der Sterblichkeit, die Bevölkerung befand sich also – wie schon im 16. oder im 18. Jahrhundert – wieder einmal in einer Wachstumsphase. (siehe Abb 2)

Abbildung 2: Demografischer Übergang (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Zweitens kam der Sterblichkeitsrückgang nicht überall zuerst, zum Beispiel nicht in Frankreich und den USA. In den USA setzte der Rückgang der Geburten lange vor, in Frankreich gleichzeitig mit dem Rückgang der Sterblichkeit ein. In Deutschland spricht einiges dafür, den Sterblichkeitsrückgang im frühen 19. Jahrhundert zu datieren; welche Rolle der medizinische Fortschritt dabei spielte, wird im Beitrag von Reinhard Spree erörtert. Drittens war der Rückgang der Fruchtbarkeit – in Deutschland in der zweiten Hälfte des Kaiserreichs von etwa fünf auf etwa zwei Geburten pro Frau – durchaus nicht nur eine Reaktion auf den Rückgang der (Kinder-)Sterblichkeit, sondern Teil eines ökonomischen Modernisierungsprozesses, zu dem unter anderem die zunehmende Frauenerwerbstätigkeit, bessere Finanzinstitutionen, Schulen, Post, Telegraf, Stimmenanteile progressiver Parteien usw. beitrugen.

Viertens wurde aber auch nach dem großen Fruchtbarkeitsrückgang des Kaiserreichs kein neues Gleichgewicht erreicht. Ab 1970 fiel die Kinderzahl in der Bundesrepublik unter das Niveau, das zur Erhaltung nötig wäre, während es in der DDR aufgrund von Honeckers auch bevölkerungspolitisch motivierter "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ noch einige Jahre gelang, ein Fertilitätsniveau von fast zwei Kindern pro Frau zu halten. Die ostdeutschen Kinderzahlen sind nach einem Einbruch in den 1990er Jahren wieder auf ein etwa gleich hohes Niveau wie im Westen gestiegen.

Eine wichtige Folge des Sterblichkeits- und Fruchtbarkeitsrückgangs war der Wandel der Altersstruktur, wie er in Bevölkerungspyramiden sichtbar ist. Für die Belastung der erwerbstätigen Generationen (etwa der 15- bis 65-Jährigen) hatten der Sterblichkeits- und der Fruchtbarkeitsrückgang einander entgegengesetzte und deshalb in der Summe sich tendenziell ausgleichende Folgen. Einerseits stieg der Anteil der älteren Menschen in der Bevölkerung von etwa 10 Prozent auf fast 30 Prozent an, gegenläufig fiel aber auch der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit ihren Ansprüchen an Konsum, Schulwesen und elterliche Zeit von etwa 60 Prozent auf etwa 25 Prozent. (siehe Abb 3)

Der gesamte Interner Link: Lastquotient lag im ökonomisch massiv wachsenden Kaiserreich mit fast 70 Prozent deutlich höher als heute oder auch zur Zeit des Wirtschaftswunders (beide etwa 50 Prozent). Man kann also nicht sagen, dass unsere heutige Altersstruktur im historischen Vergleich erhöhte und ökonomisch untragbare demografische Lasten produziert. (siehe Abb 4)

Fussnoten

Fußnoten

  1. Siehe das Themenheft "Bevölkerung und Industrialisierung: Zur Frage des demographischen Übergangs" der Beiträge zur Historischen Sozialkunde, 30 (2000), 3, hrgg. von Thomas Sokoll. Simon Szreter: The Idea of Demographic Transition and the Study of Fertility: A Critical Intellectual History, in: Population and Development Review, 19 (1993), 4, S. 659 – 701.

  2. Von fundamentaler Bedeutung für die deutsche Bevölkerungsgeschichte sind die Ergebnisse des Prussia Project der University of California at Berkeley. Siehe u.a. Patrick R. Galloway/Eugene A. Hammel/Ronald D. Lee: Fertility Decline in Prussia 1875 to 1910: A Pooled Cross-Section Time Series Analysis, in: Population Studies, 48 (1994), 1, S. 135 – 158.

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Dr., Mannheimer Zentrum für Europäische Sozial­forschung (MZES), Universität Mannheim - Bevölkerung, Haushalte und Familien

Prof. Dr., Institut für Geschichte, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg - Bevölkerung, Haushalte und Familien