Abbildung 3: Bevölkerungspyramiden Deutsches Reich 1880 - Deutschland 2010 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
- Als PDF herunterladen (54.8kB)
Abbildung 3: Bevölkerungspyramiden Deutsches Reich 1880 - Deutschland 2010 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
- Als PDF herunterladen (54.8kB)
Die Ehe blieb bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein die Basis von Familie und Fortpflanzung, obwohl es während der gesamten Periode einen gewissen Anteil an nichtehelichen Lebensgemeinschaften und nichtehelichen Kindern gab. Zugleich wandelten sich ihre Funktionen aber fundamental.
Abbildung 4: Jugend-, Alters- und Gesamtlastquotienten (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
- Als PDF herunterladen (78.3kB)
Abbildung 4: Jugend-, Alters- und Gesamtlastquotienten (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
- Als PDF herunterladen (78.3kB)
Das Alter bei der ersten Eheschließung kann indirekt durch die altersspezifische Verheiratetenquote gemessen werden. Der Anteil der 20- bis 24-jährigen Frauen, welche in diesem Alter bereits verheiratet waren, war 1871 besonders hoch, was dem kurzzeitigen Höhepunkt der Heiratsrate 1872/73 während des "Gründerbooms" entspricht. Diese Zeit war auch durch die Aufhebung von Eheverboten gekennzeichnet, die in Teilen Süddeutschlands während des frühen 19. Jahrhunderts eingeführt worden waren, um die wahrgenommenen Gefahren von "Pauperismus", "Proletarisierung" und "Übervölkerung" einzudämmen.
Tabelle 3: Heiraten (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
- Als PDF herunterladen (86.2kB)
Tabelle 3: Heiraten (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
- Als PDF herunterladen (86.2kB)
Die Ledigenquote bezieht ledige Frauen oder Männer im Alter von 45 bis 54 Jahren auf die gesamte weibliche oder männliche Bevölkerung dieses Alters. Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, dass diese Personen nicht mehr heiraten werden. Für Frauen zeigt sich seit 1871 (13 Prozent) ein Rückgang dieser Quote bis 1900 und ein leichter Wiederanstieg bis 1910. Von 1925 bis 1939 setzte sich dieser Wiederanstieg fort und erreichte 1939 wieder 13 Prozent. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine sehr hohe Ledigenquote, welche aber stark und kontinuierlich bis 1987 (6 Prozent) sank; seither steigt sie wieder stark an. Langfristig betrachtet lassen sich also zwei Vorgänge feststellen, die beide auf ein Verschwinden des Europäischen Heiratsmusters hindeuten: Einerseits ging die für das Hajnal-Muster typische hohe, mit den wirtschaftlichen Kosten der Haushaltsgründung und zum Teil auch Heiratsverboten zusammenhängende dauerhafte Ehelosigkeit zurück, andererseits löste sich nach 1987 die Monopolstellung der Ehe als einziger gesellschaftlicher Basis von Familien auf. Bei Männern findet man seit 1871 einen beinahe kontinuierlichen Rückgang der Ledigenquote, welcher 1970 mit 4 Prozent in der Bundesrepublik den niedrigsten Wert erreichte. Seither stieg die Ledigenquote stark an und erreichte 2010 21 Prozent. (siehe Tab 3)
Zum Verständnis dieser Entwicklungen muss man die Geburtskohorten betrachten. Personen, welche 2010 45 bis 54 Jahre alt waren, wurden zwischen 1956 und 1965 geboren. Demnach ist also der Trend weg von der staatlich sanktionierten Ehe bei den Kindern des vorangegangenen Heiratsbooms zu lokalisieren. Dagegen ist der Heiratsboom bzw. der Tiefststand der Ledigenquote bei den in den Jahren von 1910 bis 1920 Geborenen zu verankern. Die erste Phase eines Rückgangs der Ehelosigkeit trug zum Rückgang der unehelichen Geburten bei, da die bislang in Teilen Süddeutschlands zwangsweise ehelosen Partner nun heiraten konnten. Dies kann auch als Indiz für die relativ große Häufigkeit von nichtehelichen Lebensgemeinschaften im 19. Jahrhundert gewertet werden.
Ehen wurden im 19. Jahrhundert in der Regel durch den Tod gelöst. Ehescheidungen waren im 19. Jahrhundert noch relativ selten. Die Scheidungsrate lag bis zum Ersten Weltkrieg unter 20 sich scheiden lassende pro 10 000 verheiratete Personen (im Alter von 15 und mehr Jahren), wenngleich ein leichter Anstieg bemerkbar war. Nach dem Ersten Weltkrieg und in der Zwischenkriegszeit setzte sich dieser Anstieg fort und ebenfalls in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Mittlerweile scheint der Anstieg der Ehescheidungen ein erstes Plateau erreicht zu haben, von dem aus es nicht sicher ist, ob ein weiterer Anstieg erfolgt. Die Scheidungsrate von 2010 ist mit 107 sich scheiden lassende auf 10 000 verheiratete Personen (im Alter von 15 und mehr Jahren) niedriger als 2004 mit einem Wert von 116. Die Scheidungshäufigkeit wird durch Kriege, Konjunkturen und Gesetzesänderungen beeinflusst. So ereigneten sich nach Ende beider Weltkriege viele Ehescheidungen, und in Westdeutschland brach die Scheidungsrate durch die Scheidungsreform von 1978 mit Einführung des Zerrüttungsprinzips zeitweilig ein. Außerdem wird der langfristige Anstieg der Scheidungshäufigkeit stark durch die Ausweitung der legalen Scheidungsgründe beeinflusst.
Bei Wiederverheiratungen muss zwischen Eheschließungen Geschiedener und Verwitweter unterschieden werden, welche sehr unterschiedliche Muster aufweisen. Im 19. und bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Ehen häufig in Hinblick auf einen neuen Heiratspartner geschieden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich dieses Verhaltensmuster grundlegend. Geschiedene gingen immer seltener eine neue Ehe ein, sondern lebten zunehmend allein oder in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft. Die Entwicklungen sind für beide Geschlechter ganz ähnlich, aber der Niveauunterschied ist schlagend: Geschiedene Männer verheirateten und verheiraten sich um ein mehrfaches häufiger als geschiedene Frauen. Die Wiederverheiratung verwitweter Männer und Frauen zeigt ein sehr anderes Verlaufsmuster. Einen mehr oder weniger stetigen Rückgang von hohen Wiederverheiratungsraten bis zu verschwindend geringen. Im 19. Jahrhundert war die erneute Eheschließung von Verwitweten die Regel, da im Haus nicht nur (zum Teil viele) Kinder aufzuziehen waren, sondern oft auch gewerblich oder landwirtschaftlich produziert wurde und die entsprechenden Arbeitsrollen wiederbesetzt werden mussten. Dies änderte sich im 20. Jahrhundert zunehmend: Zum einen sank im Lauf der demografischen Transition die zu versorgende Zahl der Kinder, außerdem übernahm der Staat teilweise durch familienpolitische Leistungen die Versorgerrolle, bäuerliche und gewerbliche Familienbetriebe nahmen an Zahl ab, und schließlich schob die steigende Lebenserwartung das Verwitwungsalter im Lebenszyklus in ein höheres Alter. (siehe Abb 5a, Abb 5b)