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Grenzüberschreitende Abwanderung und Auswanderung

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Grenzüberschreitende Abwanderung und Auswanderung

Jochen Oltmer

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Deutschland das "Einwanderungsland" - Deutschland das "Auswanderungsland". In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert meist eines der beiden Etiketten, wenn es um Deutschlands Migrationsgeschichte geht. Doch zu jeder Zeit hat es Wanderungsbewegungen in beide Richtungen gegeben.

Tabelle 1a: Abwanderungen (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Deutschland war und ist, wie alle Staaten, eine migratorische Drehscheibe, die permanent von den verschiedensten Bewegungen durchzogen wird und zeitgleich sowohl einen Ausgangs- als auch einen Zielraum von Wanderungsbewegungen bildet. Die Rede vom "Auswanderungsland" oder vom "Einwanderungsland" verweist mithin nur auf eine Hauptrichtung in der Entwicklung des Wanderungsgeschehens, nie aber darauf, es habe ausschließlich eine Richtung gegeben. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts markierte die Abwanderung die Hauptrichtung. (siehe Tab1, Abb 1)

Tabelle 1b: Abwanderungen (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Wahrscheinlich wanderten zwischen 1841 und 1928 fast 6 Millionen Deutsche nach Übersee ab, weit überwiegend mit dem Ziel USA. Als nächstwichtige Auswanderungsziele folgten mit erheblichem Abstand Kanada, Brasilien, Argentinien und Australien. Hintergrund der starken Auswanderungsbewegung war ein Missverhältnis zwischen einem Wachstum der deutschen Bevölkerung auf der einen und einem weit weniger dynamisch ansteigenden Erwerbsangebot in Deutschland auf der anderer Seite sowie einem attraktiv erscheinenden Chancenangebot überseeischer (insbesondere nordamerikanischer) Ziele. Seit den 1830er Jahren stieg die deutsche transatlantische Migration rasch zur Massenbewegung auf. Hochphasen mit jeweils mehr als einer Million Auswanderern bildeten die Jahre von 1846 bis 1857 und 1864 bis 1873. In der letzten großen Auswanderungsphase zwischen 1880 und 1893 folgten dann noch einmal 1,8 Millionen. Die in Deutschland geborene Bevölkerung der USA stellte zwischen 1820 und 1860 mit rund 30 Prozent nach den Iren die zweitstärkste, von 1861 bis 1890 sogar die stärkste Zuwanderergruppe.

Abbildung 1: Abwanderungen (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Im ausgehenden 19. Jahrhundert bildete die erhebliche Ausweitung wirtschaftlicher Chancen, die Hochindustrialisierung und Agrarmodernisierung in Deutschland boten, wesentliche Faktoren für den Rückgang der überseeischen Auswanderung. Er wurde beschleunigt durch die harte wirtschaftliche Krise in den USA von 1890 bis 1896 mit ihrem Höhepunkt in der panic of 1893. 1893 war das letzte Jahr starker transatlantischer Auswanderung aus Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Nach dem Ende des Krieges kam es zu einem weiteren Höhepunkt der transatlantischen Migration: Zwischen 1919 und 1932 wanderten insgesamt rund 600 000 Deutsche in überseeische Länder aus, mit rund 71 Prozent blieben die Vereinigten Staaten von Amerika das Hauptziel, Argentinien, Australien, Brasilien und Kanada folgten mit erheblichem Abstand. Den Höhepunkt der Auswanderung aus der Weimarer Republik bildeten die Jahre 1920 bis 1923 mit dem Spitzenwert im Krisenjahr 1923: 115 000 Auswanderer bedeuteten einen Jahreswert, wie er seit der letzten großen Auswanderungswelle des 19. Jahrhunderts 1880 bis 1893 nicht mehr erreicht worden war. In den anderthalb Jahrzehnten zwischen 1946 und 1961 schließlich gingen insgesamt knapp 780 000 Deutsche auf Dauer oder für begrenzte Zeit nach Übersee. 384 700 hatten die Vereinigten Staaten als Ziel, 234 300 Menschen Kanada und 80 500 Australien. Das war die stärkste Auswanderungsbewegung aus Deutschland im 20. Jahrhundert.

Wegen der gänzlich anderen Datengrundlage für die Entwicklung des Abwanderungsgeschehens in Westdeutschland bzw. in der Bundesrepublik nach 1945 ist eine unmittelbare Bezugnahme auf die Zahlen zur überseeischen Auswanderung bis 1939 nicht möglich. Die Daten zur deutschen Auswanderung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erwecken den Eindruck, als habe es eine stetige und lineare Bewegung von Deutschland nach Übersee gegeben. Unsichtbar bleibt dabei die wahrscheinlich mit rund 20 Prozent der Auswanderer keineswegs geringe transatlantische Rückwanderung nach Deutschland sowie die seit dem späten 19. Jahrhundert an Bedeutung gewinnenden zirkulären Bewegungen mehrfacher Ab- und Rückwanderung. Die Angaben über die Fortzüge für die Zeit ab 1945 ermöglichen demgegenüber viel eher ein Erfassen der Dynamik von Migrationsbewegungen mit ihrer stets hohen Fluktuation. Während die Daten für die 1950er Jahre ganz wesentlich noch auf die Abwanderung von Deutschen verweisen, sind die wesentlich höheren Ziffern ab den 1960er Jahren zu einem guten Teil der Abwanderung von ausländischen Staatsangehörigen geschuldet, die im Kontext der vermehrten Ausländerbeschäftigung in die Bundesrepublik zugewandert waren. Starke Zuwanderungen ausländischer Arbeitskräfte wie in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren bedingten starke Abwanderungen, auch die rasche Zunahme der Zuwanderung nach der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" 1989/90 führte zugleich zu einem starken Anstieg der Abwanderungen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Friedrich Burgdörfer: Die Wanderungen über die deutschen Reichsgrenzen im letzten Jahrhundert, in: Allgemeines Statistisches Archiv, 20 (1930), S. 161–196, 383 – 419, 537 – 551.

  2. Überblick: Klaus J. Bade: Die deutsche überseeische Massenauswanderung im 19. und frühen 20. Jahrhundert: Bestimmungsfaktoren und Entwicklungsbedingungen, in: ders. (Hrsg.): Auswanderer – Wanderarbeiter – Gastarbeiter. Bevölkerung, Arbeitsmarkt und Wanderung in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhundert, 2. Aufl., Ostfildern 1985, S. 259 – 299; Walter D. Kamphoefner: Westfalen in der Neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert, Göttingen 2006.

  3. Hartmut Bickelmann: Deutsche Überseeauswanderung in der Weimarer Zeit, Wiesbaden 1980.

  4. Alexander Freund: Aufbrüche nach dem Zusammenbruch. Die deutsche Nordamerika-Auswanderung nach dem Zweiten Weltkrieg, Göttingen 2004; Jan Philipp Sternberg: Auswanderungsland Bundesrepublik. Politische und mediale Wahrnehmung in Deutschland 1945 – 2010, Paderborn 2012.

  5. Karen Schniedewind: Begrenzter Aufenthalt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Bremer Rückwanderer aus Amerika 1850 – 1914, Bremen 1991.

  6. Hierzu siehe die Beiträge in: Jochen Oltmer/Axel Kreienbrink /Carlos Sanz Díaz (Hrsg.): Das "Gastarbeiter"-System. Arbeitsmigration und ihre Folgen in der Bundesrepublik Deutschland und Westeuropa, München 2012.

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Dr. phil. habil., geb. 1965, ist Apl. Professor für Neueste Geschichte und Mitglied des Vorstands des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.