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Zuwanderung nach Deutschland und Ausländer nach Staatsangehörigkeit

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Zuwanderung nach Deutschland und Ausländer nach Staatsangehörigkeit

Jochen Oltmer

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Seit dem späten 19. Jahrhundert wanderten mehr Menschen nach Deutschland ein als Deutsche aus dem Land aus. Dieses Kapitel zeichnet die historischen Migrationsbewegungen nach.

Tabelle 2a: Ausländer in Deutschland nach ihrer Staatsgehörigkeit (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Seit dem späten 19. Jahrhundert dominierte in der deutschen Migrationsgeschichte die Zuwanderung über die Abwanderung. Das zeigen für das Kaiserreich und die Weimarer Republik die Angaben nach den Volkszählungen. Die Volkszählungen zwischen 1871 und 1910 bieten den Vorteil, für ein einheitliches Gebiet nach einheitlichen Kriterien in regelmäßigen Abständen von fünf Jahren zu einem einheitlichen Zählzeitpunkt (1. Dezember) die Zahl der Ausländer nach ihrer Staatsangehörigkeit mitzuteilen. Der gewählte Zählzeitpunkt brachte allerdings zugleich einen wesentlichen Nachteil mit sich: Er lag außerhalb der Arbeitssaison für witterungsabhängige Tätigkeiten, in denen die hunderttausenden ausländischen Arbeitswanderer im Kaiserreich weit überwiegend beschäftigt waren (vor allem in der Landwirtschaft, im Tief-, Hochbau und im Baunebengewerbe), sodass sie folglich in der Statistik nicht erscheinen konnten. Die Angaben zur Zwischenkriegszeit beschränken sich auf die beiden Volkszählungen von 1925 und 1933, die zudem unterschiedliche Zählzeitpunkte umfassten (1925: Juni, 1933: Dezember). (siehe Tab 2)

Tabelle 2b: Ausländer in Deutschland nach ihrer Staatsgehörigkeit (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Zwischen 1871 und 1910 lassen sich grundlegende Veränderungen in der Präsenz von ausländischen Staatsangehörigen in Deutschland erkennen. Im ersten Jahrzehnt des Kaiserreichs blieb sie mit 200 000 bis 300 000 gering, stieg aber seit den 1890er Jahren erheblich an: Hintergrund war die Hochkonjunktur der drei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg, die nicht nur, wie erwähnt, die überseeische Auswanderung von Deutschen weitgehend zum Erliegen brachte, sondern wegen des wachsenden Umfangs der Erwerbsmöglichkeiten auch Arbeitskräfte aus dem Ausland anzog. Nach dem Ersten Weltkrieg sank die Zahl der Ausländer im Reich ab, nicht zuletzt wegen der weitaus weniger günstigen wirtschaftlichen Entwicklung. (siehe Abb 2)

Abbildung 2: Ausländer in Deutschland 1871-1925 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Die Bevölkerung auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland umfasste in den 1950er Jahren mit 400 000 bis 500 000 nur relativ wenige ausländische Staatsangehörige, zu einem guten Teil handelte es sich um Menschen, die im Umfeld des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeitskräfte, Kriegsgefangene oder Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren und als "Displaced Persons" bzw. "Heimatlose Ausländer" zumindest zeitweilig blieben. Erst mit der Vollbeschäftigung der späten 1950er Jahre im Kontext des "Wirtschaftswunders" mit seinen sehr hohen wirtschaftlichen Wachstumsraten sowie dem rapiden Rückgang der Zuwanderung aus der DDR durch den Bau der Berliner Mauer 1961 wuchs die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte ("Gastarbeiter") in den 1960er und frühen 1970er Jahren stark an. Vor diesem Hintergrund erreichte die Zahl der ausländischen Staatsangehörigen 1974 mit 4,1 Millionen einen vorläufigen Höhepunkt. Das Ende der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte durch den "Anwerbestopp" von 1973 führte nicht zu einem nennenswerten Rückgang der Zahl der ausländischen Staatsangehörigen. Sie stieg vielmehr seit den 1980er Jahren wieder moderat an, insbesondere aufgrund der weiterhin bestehenden Möglichkeit des Familiennachzugs von in Deutschland lebenden ausländischen Staatsangehörigen sowie aufgrund des Bedeutungsgewinns der Asylzuwanderung. Ein erneuter starker Anstieg setzte mit dem Zusammenbruch der politischen Systeme in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa sowie der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" 1989/90 ein. Seit den späten 1990er Jahren bewegt sich die Zahl der ausländischen Staatsangehörigen auf einem stabilen Niveau mit einer Tendenz zum Rückgang, der auch durch die deutlich erleichterten Möglichkeiten des Zugangs zur deutschen Staatsangehörigkeit aufgrund der Reform des Staatsangehörigkeitsrechts von 2000 erklärt werden kann.  (siehe Abb 3)

Abbildung 3: Ausländer in Deutschland nach Staatsangehörigkeit 1951-2011 (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Im Blick auf die Zusammensetzung der Ausländerbevölkerung lassen sich grundlegende Veränderungen ausmachen: Während im Deutschen Kaiserreich unter den Herkunftsländern Österreich-Ungarn, Russland, die Niederlande und Italien dominierten, stammte ein überwiegender Teil der ausländischen Staatsangehörigen in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren aus jenen Ländern, die mit Westdeutschland Anwerbeabkommen geschlossen hatten, also vor allem aus der Türkei, Italien, Spanien und Griechenland. Vor allem seit den späten 1980er Jahren kam es zu einer zunehmenden Diversifizierung der Herkunftsländer ausländischer Staatsangehöriger. Sie resultierte nicht nur aus der bereits erwähnten Öffnung des "Eisernen Vorhangs", sondern auch aus einer anwachsenden (Asyl-)Zuwanderung aus allen Teilen der Welt, die die allerdings weiterhin dominierende europäische Zuwanderung ergänzte.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Klaus J. Bade: "Preußengänger" und "Abwehrpolitik": Ausländerbeschäftigung, Ausländerpolitik und Ausländerkontrolle auf dem Arbeitsmarkt in Preußen vor dem Ersten Weltkrieg, in: Archiv für Sozialgeschichte, 24 (1984), S. 91–162.

  2. Jochen Oltmer: Migration und Politik in der Weimarer Republik, Göttingen 2005, S. 398–419.

  3. Überblick: Klaus J. Bade/Jochen Oltmer: Normalfall Migration, Bonn 2003, S. 98–105.

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Dr. phil. habil., geb. 1965, ist Apl. Professor für Neueste Geschichte und Mitglied des Vorstands des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.