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Rente

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Rente

Marcel Boldorf

/ 4 Minuten zu lesen

Über Rentenreformen wird in sozialpolitischen Debatten häufig heiß diskutiert. Historische Statistiken können Veränderungen im deutschen Rentensysstem nachzeichnen – und Trends und Tendenzen sichtbar machen.

Das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung galt bei seiner Einführung am 22. Juni 1889 für alle Arbeiter ab dem 16. Lebensjahr und Angestellte, deren Jahreseinkommen unter 2 000 Mark lag. Bis zur Jahrhundertwende wurden die Renten allerdings primär im Falle der Arbeitsinvalidität und als "Sicherheitszuschuss zum Lebensunterhalt" erst ab Vollendung des 70. Lebensjahres gewährt. Der Beitragssatz für die Rente lag bei lediglich 1,7 Prozent des Arbeitseinkommens und wurde je zur Hälfte von den Arbeitern und den Arbeitgebern aufgebracht. Entsprechend niedrig lagen die Leistungen, die im Sterbefall die Hinterbliebenen, das heißt Witwen und Waisen, nicht versorgten.

Tabelle 3: Rentenversicherung (1) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Die Invaliditäts- und Altersrente bestand aus zwei Komponenten: zum einen dem einheitlichen Reichszuschuss von 50 Mark im Jahr, der nach Bismarcks Absicht das paternalistische Motiv der Rente deutlich machte; zum anderen der eigentlichen Versicherungsrente, die sich bei Invalidität aus einem einheitlichen Grundbetrag von 60 Mark und einem Steigerungsbetrag zusammensetzte und von Versicherungsdauer und Beitragshöhe abhing. Die Altersrente bestand nur aus dem letzteren, variablen Betrag. Hier schien ein Grundbetrag entbehrlich, weil die Altersrentner aufgrund der längeren Versicherungsdauer eine höhere Rente erwarten konnten. Lange Zeit wurde die Altersrente als Invalidenrente bei nachlassender Arbeitsfähigkeit angesehen. Aus politischen Gründen wurden die Anspruchsvoraussetzungen jedoch erweitert und die Leistungen aus den laufenden Beiträgen finanziert, das heißt, es gab eine Interner Link: Umlagefinanzierung, zu der ein Staatszuschuss kam. Gleichzeitig wurden Mittel angespart, um die Versicherung langfristig auf Kapitaldeckung umzustellen. Angesichts der bescheidenen Leistungen konnte die Rentenversicherung bis 1913 ein beträchtliches Kapital ansammeln, das aber durch die Kriegsinflation vernichtet wurde. (siehe Tab 3, Tab 4)

Erst die Reichsversicherungsordnung vom Juli 1911 führte eine Hinterbliebenenversorgung für Witwen und Waisen ein, die für erstere nur den Fall der Invalidität abdeckte. Die im gleichen Jahr entstandene Angestelltenversicherung kam bis 1945 ohne Reichszuschüsse aus. Für den Rentenbestand war relevant, dass im Ersten Weltkrieg nicht nur die Zahl der Leistungsberechtigten stieg, sondern auch die Leistungsansprüche erweitert wurden. Generell wurde das Renteneintrittsalter auf 65 Jahre gesenkt. Trotz Staatszuschüssen sanken die Renten durch die Inflation des Jahres 1923 zur Bedeutungslosigkeit herab. Der Neubeginn beruhte wieder auf der Umlagefinanzierung. Bis ins Dritte Reich blieb die finanzielle Sanierung prioritär. Erst mit Erreichen der Vollbeschäftigung 1937 erweiterten sich die Spielräume für einen Ausbau, der gemäß den rassistischen Prinzipien des nationalsozialistischen Regimes erfolgte.

Tabelle 4: Rentenversicherung (2) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Nach 1945 blieb die Rentenversicherung der Angestellten organisatorisch von den Landesversicherungsanstalten der Arbeiter getrennt. Mit der Währungsreform von 1948 wurden die Renten im Verhältnis 1:1 von Reichsmark auf D-Mark umgestellt, während die übrige Währungsumstellung im Verhältnis 1:10 erfolgte. Das Sozialversicherungs-Anpassungsgesetz vom 17. Juni 1949 führte eine Mindestrente in der Alters- und Invaliditätsversicherung ein, deren Niveau über den Richtsätzen der Fürsorge lag. Eine partielle Angleichung der Leistungen für Arbeiter und Angestellte brachte die Zuerkennung eines Rentenanspruchs für Witwen in der Arbeiterversicherung und die Senkung des Grades der Minderung der Erwerbsfähigkeit (von zwei Dritteln auf die Hälfte) als Voraussetzung für die Invaliditätsrente. Die Erweiterung des Kreises der Leistungsempfänger konzentrierte sich mit dem Fremdrenten- und Auslandsrentengesetz (1953) auf die Flüchtlinge und Vertriebenen.

Als Markstein der sozialpolitischen Entwicklung schloss die Rentenreform die zweite Legislaturperiode Konrad Adenauers ab. Im Januar 1957 nahm eine Bundestagsmehrheit unter Einschluss der Stimmen der Sozialdemokraten, aber gegen diejenigen der FDP, das Neuregelungsgesetz an. Die Renten sollten nicht mehr als Zuschuss für ältere Bürger gewährt werden, sondern eine Lohnersatzfunktion übernehmen, damit die Rentner an den Produktivitätsfortschritten der Wirtschaft partizipierten. Das durchschnittliche Rentenniveau erhöhte sich um 60 Prozent, und seit 1959 passte die Dynamisierung die Renten jährlich an die Reallohnentwicklung an. Dem neuen System lag die Vorstellung eines Generationsvertrages zugrunde, das heißt, die arbeitende Bevölkerung kam für die Renten der aus dem Erwerbsleben ausgeschiedenen Generation auf. Im Umlageverfahren wurden die eingenommenen Beiträge direkt für die Finanzierung der Renten ausgegeben und durch steigende Bundeszuschüsse ergänzt.

Das Leistungsspektrum der gesetzlichen Rentenversicherung wurde in der Bundesrepublik 1957 auf die Landwirte und 1960 auf die selbstständigen Handwerker ausgedehnt. Das Rentenreformgesetz von 1972 führte erstmalig flexible Altersgrenzen in der Rentenversicherung ein, sodass eine frühere Verrentung möglich war. Unter Bundeskanzler Willy Brandt öffnete sich die Pflichtversicherung für Selbstständige und Hausfrauen, die die Möglichkeit erhielten, durch freiwillige Beiträge Rentenansprüche zu erwerben.

Abbildung 2: Rentenversicherung - Rentenbestand und Ausgaben (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Während der 1980er Jahre sank das tatsächliche Renteneintrittsalter infolge betrieblicher Regelungen und tariflicher Vereinbarungen. 1989 ging fast jeder zweite männliche Rentner vorzeitig in Ruhestand. Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wurden rund 4 Millionen bisherige DDR-Rentnerinnen und Rentner in das bundesdeutsche System integriert. Das Rentenüberleitungsgesetz übertrug zum 1. Januar 1992 die lohnbezogene dynamisierte Rente auf das Beitrittsgebiet. Ab 2001 wurden die Altersgrenzen wieder schrittweise angehoben und damit der Rückgang der Frühverrentung eingeleitet. Im November 2002 eröffnete die "Kommission für die Nachhaltigkeit der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme", später als "Rürup-Kommission" bekannt geworden, die Diskussion um die Erhöhung der Rentenaltersgrenze auf 67 Jahre. Der sukzessive Abbau der Anreize für Frühverrentung führte 2013 dazu, dass in der Gruppe der 60- bis 65-Jährigen erstmals wieder mehr Menschen erwerbstätig als im Ruhestand waren. (siehe Abb 2)

Fussnoten

Fußnoten

  1. Gerd Hardach: Der Generationenvertrag. Lebenslauf und Lebenseinkommen in Deutschland in zwei Jahrhunderten, Berlin 2006, S. 167–173.

  2. Hardach (Anm. 11), S. 230 – 233; Frerich/Frey, Bd. 1 (Anm. 3), S. 213, 300 – 303.

  3. Frerich/Frey, Bd. 3 (Anm. 10), S. 6f.

  4. Frerich/Frey, Bd. 3 (Anm. 10), S. 49 – 57. Zöllner (Anm. 6), S. 376f.

  5. Boris Krause: Demografischer Wandel und verbandliche Interessenvermittlung. "Rente mit 67" und "Wet VLP" im Vergleich, Münster 2012, S. 175 –178; Mehr Ü – 60-Erwerbstätige als Ruheständler, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. August 2013.

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Prof. Dr., LCE (Langues et cultures européennes), Universität Lyon 2 Lumière - Sozialpolitik