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Wahlbeteiligung

Marc Debus

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Ist eine hohe Wahlbeteiligung ein guter Indikator für die Zufriedenheit der Wählerschaft mit dem politischen System? Die deutsche Geschichte liefert Gründe, die dafür, aber auch dagegen sprechen.

Tabelle 1: Teilnahme an Wahlen (© bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Neben dem Anteil der vom Wahlrecht berücksichtigten Teile einer Gesellschaft ist ein zweites Maß für politische Partizipation der Anteil der Wahlberechtigten, die von ihrer Möglichkeit der Teilnahme am politischen Prozess Gebrauch machen. Daher werden der Anteil der an Wahlen partizipierenden Wahlberechtigten und seine Entwicklung im Zeitverlauf im Folgenden etwas genauer betrachtet. Zu beachten ist hierbei, dass auf diesen Wert nicht nur die Ausgestaltung des Wahlrechts einwirkt, sondern vielmehr auch die Werte und Einstellungen der Individuen, welche – je nach persönlichem Kontext – eine höhere oder niedrigere Bereitschaft zur Teilnahme an Wahlen zum Reichstag oder Bundestag aufweisen können.

Tabelle 1 und Abbildung 2 geben die Anzahl der Wählenden sowie deren Anteil an allen Wahlberechtigen wieder, die an den Wahlen im Beobachtungszeitraum teilgenommen haben. Die Beteiligung an den Wahlen zum deutschen Parlament stieg im Laufe des Kaiserreichs von 1871 bis 1912 von 51 Prozent auf 84,9 Prozent aller Wahlberechtigten deutlich an. In der Weimarer Republik ist zunächst ein Absinken der Wahlbeteiligung von 83 Prozent bei der Wahl zur Nationalversammlung 1919 auf 75,6 Prozent zur Reichstagswahl 1928 zu beobachten. In den Krisenjahren der ersten deutschen Demokratie ab 1929 stieg die Teilnahme an den Reichstagswahlen wieder deutlich an und erreichte bei der letzten, noch halbwegs freien Reichstagswahl im März 1933 ein "Allzeithoch" von 88,8 Prozent. Angesichts der Stärke der die parlamentarische Demokratie ablehnenden Parteien KPD, DNVP und NSDAP bei den Reichstagswahlen in diesem Zeitraum ist eine hohe Wahlbeteiligung offenbar nicht automatisch ein Indikator für die Zufriedenheit der Wählerschaft mit dem politischen System und seinen Grundprinzipien, wie dies vielfach in den Medien nach Wahlen, die durch eine geringe Wahlbeteiligung gekennzeichnet sind, behauptet wird. (siehe Tab 1, Abb 2)

Abbildung 2: Entwicklung der Wahlbeteiligung an Reichstags- und Bundestagswahlen von 1871 bis 2013 — in Prozent (© bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Bei den ersten Wahlen zum Deutschen Bundestag nach der nationalsozialistischen Diktatur im September 1949 lag die Wahlbeteiligung bei 78,5 Prozent und damit deutlich unter den Werten aus den frühen 1930er Jahren. Im Laufe der 1950er, 1960er und insbesondere der 1970er Jahre stieg der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die von ihrem Wahlrecht bei Bundestagswahlen Gebrauch machten, deutlich an und erreichte 1972 und 1976 Höchstwerte von 91,1 Prozent bzw. 90,6 Prozent. Auch 1980 und 1983 blieb der Anteil der abgegebenen Stimmen an der Zahl der Wahlberechtigten mit 88,6 Prozent bzw. 89,1 Prozent sehr hoch. Seit der Bundestagswahl 1987 geht die Wahlbeteiligung nahezu kontinuierlich zurück – eine Ausnahme bilden die Wahlen 1994, 1998 und 2013 – und erreichte mit einem Wert von 70,8 Prozent im Jahr 2009 einen Tiefpunkt, der – wenn man die Zeitreihe in Tabelle 1 heranzieht – zuletzt bei der Reichstagswahl 1884 niedriger war. Auch wenn – wie das Beispiel der Reichstagswahlen aus den Jahren 1930, 1932 und 1933 gezeigt hat – von hohen Wahlbeteiligungswerten nicht automatisch auf eine hohe Zufriedenheit sowie ein hohes Vertrauen in das bestehende politische System und seine Institutionenstruktur geschlossen werden kann, so lässt doch der – historisch-vergleichend betrachtet – sehr niedrige Wert von 2009 aufhorchen, der sich auch bei der Bundestagswahl 2013, an der sich 71,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler beteiligten, nicht wesentlich erhöht hat. (siehe Tab 1, Abb 2)

Prof. Dr., Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität Mannheim - Politische Partizipation