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Körpergrößen

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Körpergrößen

Jörg Baten Herman J. de Jong

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Körpergröße als ökonomisches Maß? In der empirischen Wirtschaftsforschung wird dieser Indikator zur Mesung des Wohlstands von Ländern benutzt.

Bei einem Indikator wie "menschliche Körpergröße" denken – oder dachten bis vor kurzem – die meisten Leser nicht an ein ökonomisch relevantes Maß für menschlichen Wohlstand. Tatsächlich wird dieser Indikator jedoch bereits seit einigen Jahrzehnten in der entwicklungsökonomischen und historischen Forschung eingesetzt. Diese Forschungsrichtung nutzt den biologisch-medizinischen Zusammenhang von Qualität und Zusammensetzung der Ernährung, gesundheitlichem Umfeld und der durchschnittlichen Körpergröße aus. Aussagekräftig sind nicht individuelle Körpergrößeninformationen, für die genetische Komponenten eine besonders große Rolle spielen, sondern die Mittelwerte (Durchschnittswerte) von größeren Stichproben – in der Regel einige hundert oder tausend Individuen. Der wichtigste Nutzen dieses Indikators entsteht dort, wo andere Informationen fehlen oder durch große Messungsprobleme von zweifelhafter Qualität sind. Dies sind zum einen die frühen Entwicklungen in heute wohlhabenden Ländern, für die andere Indikatoren wie zum Beispiel Bruttoinlandsprodukt oder Lebenserwartung nur ungenau geschätzt werden können, da diese Konzepte sehr umfangreiche Datenerhebungen voraussetzen. Zum zweiten ist der Indikator "Körpergröße" besonders nützlich für Episoden, in denen Preisdaten nicht aussagekräftig sind, die man zum Beispiel für Inlandsproduktschätzungen braucht. Dies war unter anderem in den früheren sozialistischen Wirtschaftssystemen der Fall oder auch in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Auch Daten zur Lebenserwartung und anderen Indikatoren wurden von speziellen Regierungsformen, die sich gegenüber dem Ausland in besonderer Weise legitimieren wollten, oft in einem positiveren Licht dargestellt. Daten zu Körpergrößen wurden hingegen nicht als ein solcher "Schaufenster"-Indikator betrachtet. Drittens sind Körpergrößen besonders nützlich für die Untersuchung der Entwicklung in ärmeren Ländern, für die bis vor wenigen Jahren kaum ökonomische und soziale Daten erhoben wurden. (siehe Tab 5, Abb 5)

Tabelle 5: Körpergröße (Männer) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Die wichtigsten Einflüsse auf die Körpergröße von Erwachsenen geschehen im Zeitraum der ersten Jahre nach der Geburt, ein weiterer Zeitraum mit moderatem Einfluss ist die Zeit bis zur Erreichung der endgültigen Körpergröße. Wenn die Nahrung reich an Protein und Kalzium sowie an einer großen Menge von weiteren Nährstoffen ist, erreichen Menschen ihr maximales genetisches Potenzial. Dies ist auch der Fall, wenn wenige Nährstoffe für Krankheiten verbraucht werden. Interessanterweise weist Körpergröße einen recht engen Zusammenhang mit anderen Gesundheitsindikatoren auf.

Insgesamt war in den betrachteten Ländern eine deutliche Aufwärtsbewegung der Körpergröße festzustellen, besonders ab dem Ende des 19. Jahrhunderts. Während des 19. Jahrhunderts stellen die USA hier eine Ausnahme dar: Dort fiel die Körpergröße stark ab. Vor allem zwischen den 1820er und 1840er Jahren sind diese Größentrends gut abgesichert, indem eine große Anzahl verschiedener Datensammlungen vergleichend analysiert wurden. Was kann die Körpergrößenabnahme in den Vereinigten Staaten erklären? Eine ganze Reihe von Faktoren wurde zur Erklärung vorgeschlagen: Zunahme der Ungleichheit, Urbanisierung, Verbreitung von Infektionskrankheiten, Immigration und weitere Faktoren. Immigrationseffekte per se können eher ausgeschlossen werden, weil die Abnahme auch unter ausschließlich gebürtigen Amerikanern stattfand, und die zweite Generation von Immigranten sich kaum von gebürtigen Amerikanern unterschied. Urbanisierung ist hingegen ein besonders wichtiges Argument, weil sie dazu führte, dass frische Lebensmittel nicht mehr vor Ort konsumiert werden konnten. Die Transporteinrichtungen für frische Milch waren im 19. Jahrhundert noch unterentwickelt. Insbesondere in dem Krankheitsumfeld des 19. Jahrhunderts, in dem der menschliche Körper weitaus mehr Proteine zur Bildung von Antikörpern benötigte als heute, scheint dies ein wichtiger Faktor gewesen zu sein. Dies erklärt möglicherweise auch zum Teil, warum die japanische Körpergrößenreihe ganz besonders niedrig lag: In Japan wurden bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum Milchprodukte konsumiert (auch Fisch war knapp). Japan hat allerdings nach einer Ernährungsumstellung die stärkste Zunahme der Körpergröße im 20. Jahrhundert weltweit erreicht.

Abbildung 5: Körpergröße (Männer) (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Spätestens ab dem Ende des 19. Jahrhunderts setzte ein deutlicher Aufwärtstrend der Körpergröße in Europa ein. Hochwertige Lebensmittel waren aufgrund von neuen Düngertechnologien und anderen Innovationen sowie durch zunehmenden Handel zu real abnehmenden Preisen verfügbar. Ab den 1930er und 1940er Jahren erreichte auch die medizinische Forschung ganz erhebliche Fortschritte bei Impfungen und Medikamenten. Die Europäer entschieden sich zunehmend für Sozialstaaten mit relativ hohen Ausgaben für Gesundheit und Bildung.

Prof. Dr., Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Eberhard Karls Universität Tübingen - Internationale Vergleiche

Prof. Dr., Faculty of Economics and Business, University of Groningen - Internationale Vergleiche