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Eigentumskriminalität

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Eigentumskriminalität

Dietrich Oberwittler

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Von allen registrierten Delikten taucht Diebstahl mit Abstand am häufigsten auf. So diente im 19. Jahrhundert Holzdiebstahl Karl Marx als Beispiel für seine Kritik an der kapitalistischen Besitzordnung und der Kriminalisierung der Unterschicht.

Tabelle 2: Delikte – Gesamt- und Eigentumsdelikte (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Das Massendelikt schlechthin war über die gesamte betrachtete Zeit bis heute der Diebstahl, dessen Zeitreihe hier mit Unterschlagung zusammen dargestellt wird. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten Verurteilungen wegen Diebstahls und Unterschlagung etwa zwei Drittel aller Strafurteile aus, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert nahm ihr Anteil an den gerichtlichen Fällen immer weiter ab, und zwar nicht nur, weil andere Delikte an Bedeutung zunahmen, sondern auch, weil die Verurteiltenrate bei Diebstahl selbst – wieder mit Ausnahme der Krisenjahre nach dem Ersten Weltkrieg – langfristig rückläufig war. (siehe Tab 2)

Um ein vielfaches häufiger war im 19. Jahrhundert der Holzdiebstahl, der Karl Marx als Beispiel für seine Kritik an der bürgerlich-kapitalistischen Besitzordnung und der Kriminalisierung der Unterschichten diente. Holzdiebstahl wurde nicht zu den Vergehen und Verbrechen gezählt, sondern lediglich als Übertretung mit Geldstrafen geahndet. Im Vormärz und in den Krisenjahren der 1840er bis 1860er Jahre stieg die Rate der registrierten Holzdiebstähle stark an.

Abbildung 3: Jährliche Veränderung der Preise und Diebstahlsraten in Preußen (1849 –1878) und in der Bundesrepublik (1956 –1990) — in Prozent (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Bereits die Kriminalstatistiker des 19. Jahrhunderts wie Georg von Mayr vermuteten einen engen und armutsbedingten Zusammenhang zwischen den kurzfristigen Schwankungen der Diebstahlsrate und der Preisentwicklung bei Grundnahrungsmitteln. Mit modernen statistischen Methoden wurde der kausale Effekt der Schwankungen der Getreidepreise auf die Diebstahlsrate sowohl für die Mitte als auch für das Ende des 19. Jahrhunderts bestätigt. Die übereinandergelegten Kurven der jährlichen prozentualen Veränderungen der Getreidepreise und Diebstahlsraten in Abbildung 3 lassen bereits erahnen, dass dieser Zusammenhang im 19. Jahrhundert recht eng war. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestand der Zusammenhang nicht mehr, Preise und Diebstahlsraten fluktuieren unabhängig voneinander. Eindrucksvoll ist der Vergleich auch in Hinblick auf die Stärke der jährlichen Schwankungen, die während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts häufig 20 bis 30 Prozent oder sogar mehr betrugen, während sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nie 10 Prozent überschritten. Die wirtschaftliche Entwicklung hat also nicht nur zu einer enormen Anhebung des Wohlstandsniveaus geführt, sondern sie hat auch kurzfristige Unsicherheiten beseitigt, die im 19. Jahrhundert in Verbindung mit Armut eine wichtige Ursache für Eigentumskriminalität waren. (siehe Abb 3)

Dass die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands im 20. Jahrhundert die absolute Armut (mit Ausnahme von Kriegs- und Nachkriegsphasen) vollständig beseitigte, führte jedoch keineswegs zu einem Rückgang der Eigentumskriminalität, sondern feuerte sie im Gegenteil sogar noch an. Denn erst nach dem Zweiten Weltkrieg, beginnend mit dem deutschen Wirtschaftswunder, stieg die Verurteiltenrate ebenso wie die polizeiliche Häufigkeitsziffer für Diebstahl und Unterschlagung deutlich an; letztere vervierfachte sich zwischen 1953 und 1993. Kriminologen erklären diese überraschende Entwicklung damit, dass materieller Überfluss mit der wachsenden Zahl leicht zu stehlender Wertgegenstände in Geschäften und Haushalten zu mehr Tatgelegenheiten führt, die dann auch genutzt werden. Allerdings sind Diebstahlsdelikte einschließlich Wohnungseinbrüchen (ebenso wie Autodiebstähle und Banküberfälle) seit 1993 rückläufig. In den letzten zwei Jahrzehnten zeichnet sich bei der Eigentumskriminalität ein Trend der Verlagerung von Diebstahls- zu Betrugsdelikten ab. Im Jahr 2005 überstieg die Verurteiltenrate für Betrug erstmals die Verurteiltenrate für Diebstahl. Diese Verschiebungen von traditionellen Formen der Bereicherungskriminalität, die quasi noch Handarbeit erforderten, zu eher an moderne Formen des Geschäftslebens angepasster Betrugskriminalität reflektiert den sozialen Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft mit veränderten Gelegenheitsstrukturen einschließlich des Internets. Die Cyberkriminalität zählt heute zu den großen Herausforderungen der Strafverfolgung.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Josef Mooser: "Furcht bewahrt das Holz". Holzdiebstahl und sozialer Konflikt 1800 –1850 an westfälischen Beispielen, in: Heinz Reif (Hrsg.): Räuber, Volk und Obrigkeit. Studien zur Geschichte der Kriminalität in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1984.

  2. Georg von Mayr: Statistik der gerichtlichen Polizei im Königreiche Bayern, München 1867.

  3. Christian Traxler/Carsten Burhop: Poverty and Crime in 19th Century Germany: A Reassessment (Preprints of the Max Planck Institute for Research on Collective Goods, No. 2010, 35), Bonn 2010.

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Priv.-Doz. Dr., Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht – Abteilung Kriminologie, Freiburg i. Br. - Kriminalität