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Kulturgeschichte im Zeitraffer 

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Kulturgeschichte im Zeitraffer 

Heike Wolter Bernd Wedemeyer-Kolwe

/ 3 Minuten zu lesen

Kultur geschieht nie im luftleeren Raum. Sie ist immer auch Spiegel ihrer historischen Kontexte. Dieses Kapitel erzählt im Zeitraffer von den Wechselwirkungen zwischen Kultur und Politik seit dem 19. Jahrhundert.

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit starker gesellschaftlicher Umbruchserwartungen. So erlebte die adelige Kultur, die auch jene der bisherigen politischen Elite war, einen Niedergang. Das aufstrebende Bürgertum galt als kulturell interessiert, doch nach der Reichsgründung als gänzlich unpolitisch. Dies war durch die verfehlten Erwartungen der Revolution 1848 und die Manifestation eines Obrigkeitsstaates 1871 bedingt. Der Rückzug in die Innerlichkeit führte zu bürgerlichen Geselligkeitsformen, die sich eher dem Kleinen zuwandten. Vor dem Hintergrund eines scheinbar breiten Arrangements mit dem Gegebenen entstanden aber auch verschiedene Reformbewegungen, die Missstände aufgriffen und – auch kulturell – zur Diskussion stellten. Die Jahre 1918 bis 1933 bedeuteten anschließend eine kulturelle Differenzierung und Sichtbarwerdung, die auch als Weimarer Kultur bezeichnet wird. Neben der Tatsache, dass diese Jahre kulturell teilweise hoch produktiv waren, verbanden und rieben sich hier traditionelle und moderne Vorstellungen von Kultur(würdigkeit). Es entstand erstmals eine wirkliche Massenkultur. Diese war einerseits stark auf Unterhaltung ausgerichtet, es existierte jedoch auch jener Bereich, in dem erbittert um kulturelle Ausdeutungen von Geschichte und Gegenwart gerungen wurde.

Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 gewannen zunächst konservative Kräfte die Deutungshoheit. Bedeutsam für die nun folgenden Jahre waren zwei Entwicklungen: zum einen der Gegensatz zwischen der staatlich verordneten Kulturpolitik und dem autonomen Wesen des Begriffes Kultur, zum anderen die Existenzbedingungen eines Kulturbetriebs in einer Diktatur und einer Kriegsgesellschaft. Statistisch nicht sichtbar wurden die diffizilen Aushandlungsstrategien Einzelner im Umgang mit der Diktatur. Die Umsetzung der "Volksgemeinschaft" bedeutete eine kulturelle Öffnung hin zur und eine Ausrichtung an der Masse. Darunter wurde allerdings nur jener Teil der Gesellschaft verstanden, der der Ideologie des Nationalsozialismus entsprach. Die Exklusion ganzer Bevölkerungsgruppen führte zu einer unvollständigen Kulturgeschichte. Auch der massive kulturelle Exodus war kulturgeschichtlich höchst bedeutsam.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer doppelten, aber doch auch verzahnten deutschen Kulturgeschichte. In der 1949 gegründeten DDR war der Kulturbetrieb stark reglementiert, ideologisch geprägt und wurde als politisches Legitimationsfeld angesehen. Trotzdem wurde mit beachtlichen Parallelen zur Geschichte der Bundesrepublik Kultur als Mittel zur Umerziehung der Menschen nach den Verwerfungen des Nationalsozialismus gesehen. Auf der anderen Seite bestand eine klare Abgrenzung: Die DDR sah sich als das bessere Deutschland, ihre Kultur sollte diesen Standpunkt belegen. Erwünscht war das Hinarbeiten auf eine sozialistische Breitenkultur. Die Überzeugung, dass Kultur wesentlich unterhaltenden Charakter habe, setzte sich erst ab den 1970er Jahren durch. In den 1980er Jahren entstand mit dem Erstarken alternativer Kräfte in Ansätzen eine nonkonforme Kultur, die mit der Revolution 1989 politische Schlagkraft gewann.

In der Kulturgeschichte der Bundesrepublik zeigen sich wesentliche Entwicklungslinien der Kultur des "Westens". Nur kurz vermochte nach 1945 die schiere materielle Not das kulturelle Leben weitgehend zum Erliegen bringen, schon bald wurde Kultur als "unverzichtbares moralisches Lebens- und Überlebensmittel" gesehen. Der rasch einsetzende wirtschaftliche Aufschwung war auch von einem kulturellen Wiederaufbau begleitet, der zwischen der Sehnsucht nach heiler Welt und der Aufarbeitung der Vergangenheit changierte. In den 1960er Jahren setzte mit dem Ende der Ära Adenauer eine Politisierung größerer Teile der Gesellschaft ein, die auch kulturell spürbar wurde. Ab den 1970er Jahren wurde die kulturelle Vielfalt durch die zunehmende Integration von Menschen aus anderen Kulturen und durch das weit verbreitete bürgerschaftliche Engagement bereichert. Hinzu kam die bis heute anhaltende Medialisierung. Durch die Enträumlichung, Entzeitlichung und Vervielfältigung von Kommunikation entstanden neue kulturelle Formen.

Mit der Wiedervereinigung sah sich die Kultur der Bundesrepublik einer komplizierten Situation ausgesetzt. Anfänglicher Euphorie folgte rasche Ernüchterung und die Frage nach der möglichen Inkorporation der DDR-Kultur. Es ergaben sich neue kulturelle Horizonte, in denen trotz aller Globalisierungstendenzen das Nationale – zuvor lange kaum betont – wieder eine größere Rolle spielte. Gleichwohl stellt(e) sich, bedingt durch die Multikulturalität Deutschlands, am Beginn des 21. Jahrhundert vor allem die Frage nach dem Sinn einer Leitkultur, die seitdem gesellschaftlich unter der Fragestellung eines auch kulturell "bunten" Deutschlands immer wieder verhandelt wird.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Soweit nicht anders belegt wurde in der Recherche die "Zum Weiterlesen" angegebene Literatur als Grundlage verwendet.

  2. Axel Schildt/Detlef Siegfried: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik – 1945 bis zur Gegenwart, München 2009, S. 29.

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Dr., Abteilung für Didaktik der Geschichte, Universität ­Regensburg - Kultur und Tourismus

Dr. Dr., Wissenschaftlicher Leiter und ­Geschäftsführer des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte (NISH) in Hannover, apl. Prof. an der Georg-August-Universität Göttingen - Sport