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Bibliotheken: Von der Volksbücherei zum multimedialen Informationsdienst

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Bibliotheken: Von der Volksbücherei zum multimedialen Informationsdienst

Heike Wolter Bernd Wedemeyer-Kolwe

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Öffentliche Büchereien sahen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einem Richtungsstreit konfroniert: Sind sie Dienstleister oder Erzieher? Seitdem hat sich die deutsche Bibliothekslandschaft stark ausdifferenziert.

Wie auch in anderen Kulturbereichen setzte auch hier ab dem 19. Jahrhundert eine Popularisierung, aber auch Ausdifferenzierung (etwa in der Lese- oder Bücherhallenbewegung) ein. Dieses sogenannte Volksbüchereiwesen erlebte nämlich zur Jahrhundertwende einen inhaltlich scharfen Richtungsstreit, in dem es um das vorrangige Verständnis der Bibliothek als Dienstleister oder Erzieher ging. Nichtsdestoweniger nutzten insgesamt immer mehr Menschen Bibliotheken als Informationsgeber, zwischen 1901 und 1911 beispielsweise verdoppelte sich die Zahl der Einrichtungen in deutschen Städten – auf noch immer insgesamt niedrigem Versorgungsniveau. Um das gesamte Schrifttum zu sammeln, entstand in Deutschland – allerdings erst 1912 – die Deutsche Bücherei in Leipzig als Nationalbibliothek. Neben dieser gab es immer mehr Bibliotheken in kommunaler und kirchlicher Trägerschaft. (siehe Abb 3) In der Weimarer Republik prägte zunächst der Blick der Öffentlichkeit auf das als vorbildhaft empfundene englische und amerikanische Public-Library-System die Wahrnehmung. Dort waren mediale und personelle Ausstattung, Öffnungszeiten sowie gesellschaftliche Relevanz der Bibliotheken deutlich besser als in Deutschland. Indes wichen Wunsch und Realität stark voneinander ab. Mit der Inflationskrise 1923 sowie der Wirtschaftskrise ab 1929 gerieten Bibliotheken zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Zwar stieg die Nachfrage enorm, doch die Zahl der Neuanschaffungen sank. (siehe Tab 3)

Abbildung 3: Bibliotheken: Leser und Entleihungen (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Die Nationalsozialisten griffen 1933 umgehend auf das öffentliche Bibliothekswesen zu, auch von den rassistisch oder politisch motivierten personellen Säuberungen blieben Bibliotheken nicht verschont. Dass Büchern ein wesentliches Gewicht in der Erziehung des Volkes zugedacht wurde, zeigte sich bedrückend am 10. Mai 1933, dem Tag der Bücherverbrennung. Im gleichgeschalteten Bibliothekswesen wurde nur systemkonforme Literatur akzeptiert. Der Zweite Weltkrieg führte zu einer Zerstörung zahlreicher öffentlicher Bibliotheken und zum Verlust ganzer Bestände.

Die DDR pflegte bereits seit ihrer Gründung offensiv ihr selbstgewähltes Image als "Leseland". Neu- und Wiederaufbau von Bibliotheken prägten die Entwicklung, manche Bibliotheken wurden durch die staatliche Teilung 1949 an mehreren Standorten wieder eröffnet. In der DDR fand eine neue Ideologisierung statt, gefördert wurde besonders der Ausbau jener Bestände, deren Autoren sich klar zum Sozialismus bekannten. 1950 gründete sich ein Zentralinstitut für Bibliothekswesen, das eine Kooperation der Einrichtungen befördern sollte. Die DDR blieb bis zu ihrem Ende jenes "Leseland", sicher auch aus Mangel an anderen Freizeitaktivitäten und im Versuch, sich die Welt ins Haus zu holen. (siehe Abb 3)

Tabelle 3: Kinos, Theater und Bibliotheken (bpb) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

In der Bundesrepublik begann man nach dem Krieg mit dem Neu- und Wiederaufbau von Bibliotheken sowie der Entnazifizierung und Internationalisierung der Buchbestände. In der stark föderal geprägten Bibliothekslandschaft achteten die Betreiber trotzdem auf Kooperationen, zu diesem Zweck gründete sich 1978 das Deutsche Bibliotheksinstitut. Es setzte zudem eine fortschreitende Spezialisierung ein, entweder innerhalb der Bestände oder aber durch die Errichtung von Spezialbibliotheken für unterschiedliche Nutzergruppen und -interessen. Gegenwärtig ist das Bibliothekswesen durch starke Veränderungen geprägt. Die mit dem Buch konkurrierenden Mediensysteme machen eine Öffnung der Bibliotheken nötig. Von 1990 bis 2010 ging der Medienbestand um 20 Prozent zurück. Es sind neue Nutzungszugänge entstanden, die durch einen bibliotheksübergreifenden, oft digitalen Ansatz (Zugriff auf Datenbanken u.ä.) entstehen und nicht mehr zwangsweise die physische Anschaffung bestimmter Medien durch Bibliotheken erfordern. Zudem setzen immer mehr Bibliotheken darauf, sich zu kulturellen Zentren weiterzuentwickeln, die auch nichtbibliothekarische Veranstaltungsangebote offerieren.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Zur Illustration lt. eigenen Berechnungen aus Entleihungen/Bevölkerungszahl gemäß Deutscher Bibliotheksstatistik (Bundesrepublik) und Statistischen Jahrbüchern der DDR und BRD für 1988: 5,7 Entleihungen /Bürger in der DDR vs. 2,8 Entleihungen/Bürger in der Bundesrepublik.

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Dr., Abteilung für Didaktik der Geschichte, Universität ­Regensburg - Kultur und Tourismus

Dr. Dr., Wissenschaftlicher Leiter und ­Geschäftsführer des Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte (NISH) in Hannover, apl. Prof. an der Georg-August-Universität Göttingen - Sport