Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

4 Gründe, warum man Unterricht einmal umdrehen sollte

Konzepte wie Flipped Classrooms drehen mithilfe digitaler Bildungsmaterialien das traditionelle Prinzip des Frontalunterrichts um.Konzepte wie Flipped Classrooms drehen mithilfe digitaler Bildungsmaterialien das traditionelle Prinzip des Frontalunterrichts um. ( Radek Lát / bearbeitet / flickr / CC BY 2.0 )

Was ist Flipped Classroom?





Noch immer verläuft eine traditionelle Unterrichtsstunde frontal: Der oder die Lehrende steht vor einer Klasse, vermittelt die Inhalte und steuert den Unterrichtsverlauf. Das ermöglicht den Lehrenden zwar, ihren Input zu gestalten und anzupassen, erlaubt jedoch wenig Interaktion innerhalb der Lerngruppe und beschränkt den Austausch mit der Lehrperson auf spontane Verständnisfragen. In der Konsequenz müssen die Schülerinnen und Schüler das Gehörte selbstständig zu Hause umsetzen – in Form von Hausaufgaben.


Das Prinzip Flipped Classroom (engl. "umgedrehter Unterricht") versucht die Vorteile des frontalen Unterrichts mit einem dynamischen Unterrichtsverlauf zu kombinieren: Der Input wird digital – hauptsächlich durch Videos – zu Hause vermittelt, während der Unterricht selbst für die Beantwortung von Fragen, Übungen und Diskussionen genutzt wird.


werkstatt.bpb.de hat auf der Flipped Classroom Convention 2017 vier Gründe dafür gesammelt, warum man das Prinzip einmal ausprobieren sollte:

1. Videoproduktion muss nicht aufwendig sein.



Eine häufige Beschwerde von Lehrenden, die Lernvideos im Unterricht anwenden (möchten), ist die unzureichende Qualität vieler YouTube-Videos. Dieser Umstand spricht für die selbständige Produktion von Lernvideos, was häufig wiederum als zu aufwendig empfunden wird. Dabei ermöglicht das den Lehrenden auch die Kontrolle über das Material – genau wie beim Frontalunterricht. Der Konsens auf der Flipped Classroom Convention 2017 lautete: Die Erstellung eigener Lernvideos lohnt sich.


Denn wie auch bei herkömmlichen Materialien entwickeln Lehrende mit der Zeit eigene Vorlagen, die die Vorbereitung effizienter machen. Einige Teilnehmende der Convention empfanden die den Aufwand für die Erstellung von Videos vergleichbar zur normalen Unterrichtsvorbereitung. Die Vielzahl an verfügbaren Tools erleichtert außerdem die Aufgabe. So können Anwendungen wie etwa Screencast Lehrenden helfen, einfache animierte Videos zu erstellen und dadurch komplexe Themen erklären.

2. Soziale Interaktion ist wertvoller, wenn alle vorbereitet sind.



Gute Vorbereitung, gutes Unterrichtsgespräch: Das liegt auf der Hand. Aber keine Panik, wenn die Schülerinnen und Schüler einmal unvorbereitet kommen. Die Lösung ist einfach: Die Schülerinnen und Schüler müssen ihre eigene Vorbereitung wertschätzen.


Der Geschichtslehrer Josef Buchner empfiehlt, erst gar nicht nach der Vorbereitung zu fragen, denn: "Im Frontalunterricht machen auch nicht alle mit." Stattdessen einfach weitermachen und vertrauen, dass sie mit der Zeit selbst merken, dass die Vorbereitung für sie wichtig ist.

Der Realschullehrer Sebastian Stoll empfiehlt dagegen eine Phase der "Flip-Gewöhnung". Der Unterricht wird also nicht von heute auf morgen umgestellt. In diesem Übergang betont er die Bedeutung der Vorbereitung, erlaubt es aber den Schülerinnen und Schülern langsam in der Methode anzukommen. Stoll betont zudem die Wichtigkeit, alle Beteiligten ins Boot zu holen. Es gehe nicht nur darum, die Schüler und Schülerinnen an die Methode zu gewöhnen, sondern auch darum, die Schulleitung, andere Lehrer und Lehrerinnen und Eltern mit dem Prinzip vertraut zu machen. Bei kontinuierlich unvorbereiteten Schülerinnen und Schüler kann – wie auch in anderen Fällen – ein Gespräch mit den Eltern helfen.

3. Schülerinnen und Schüler können mitmachen.



Anstatt von Referaten oder Aufsätzen können Schülerinnen und Schüler selbst Videos produzieren. Die dafür nötige längere Unterrichtszeit wird durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema ausgeglichen. Dafür müssen die technischen Voraussetzungen nicht besonders hoch sein: Die eigenen Handys der Schüler und Schülerinnen, Stifte und Papier reichen schon aus.

Hinzu kommt: Schülerinnen und Schüler haben Spaß und Interesse an der eigenen Videoproduktion. Häufig überlegen sie sich selbst, wie sie ihre eigenen Videos verbessern können und bringen sich selbständig die Nutzung weitere Tools zur Videoproduktion bei. Der Grundschullehrer Thomas Seidel hat das selbst erfahren: Eine Schülerin war mit dem im Unterricht erstellten Video nicht ganz zufrieden. Zu Hause entwickelte sie ein neues Video und lernte auf Eigeninitiative hin sogar Videoschnitt.
Weitere Möglichkeiten, Schülerinnen und Schüler miteinzubeziehen, ist die selbständige Erstellung von Übungen mithilfe digitaler Tools. Josef Buchner motiviert seine Schülerinnen und Schüler, selbst digitale Lernspiele zu produzieren und sich gegenseitig zu prüfen. Dafür benutzt er unter anderem die Webseite LearningApps.org.

4. Digitale müssen analoge Materialien nicht komplett ersetzen, sondern einen Mehrwert bieten



Digitale Bildungsmedien bieten vielen Möglichkeiten, können aber nicht alles. Es geht nicht darum, analoge durch digitale Bildungsmaterialien zu ersetzen, sondern darum, beides gezielt und einander sinnvoll ergänzend anzuwenden.
 So belässt es der Lehrer Josef Buchner nicht bei der Produktion von Videos. Zum Üben erstellt er etwa Online-Quizze mithilfe der Plattform Kahoot!. Trotzdem bleibt das Lehrbuch zentraler Bestandteil seines Unterrichts.

Für und Wider: Lesetipps zum Thema "Flipped Classroom"


Über die Veranstaltung

Am 30. Juni 2017 fand die Flipped Classroom Convention statt, organisiert von Prof. Dr. Christian Spannagel von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, der Bertelsmann Stiftung und von Sofatutor. Lehrende und Lehrinteressierte aus Deutschland und Österreich trafen sich im Berliner Umweltforum, um Ideen, Methode und Erfahrungen aus der Arbeit mit Flipped Classroom in den eigenen Schulen auszutauschen.




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