Dossierbild: Planspiele

1.4.2010 | Von:
Dr. Stefan Rappenglück

Auswertung

Nachbereitung

Eine ausführliche abschließende Reflexion ist zentraler Bestandteil der Planspielmethodik und wird in ihrer Bedeutung für den Lernprozess oftmals unterschätzt. Sie darf keineswegs aufgrund von Zeitproblemen während der Simulation verkürzt oder gar vergessen werden. In der Regel sollten für die Nachbereitung mindestens 45 bis 60 Minuten eingeplant werden.

In der Auswertung wird der Spielverlauf beleuchtet, die gemachten Spielerfahrungen und Ergebnisse werden mit der realen Situation verglichen bzw. interpretiert und die Lernziele analysiert.

Bevor die mündliche und schriftliche Auswertung des Planspiels beginnt, müssen die Teilnehmenden erst einmal ihre bisherigen Rollen "ablegen". Dies kommt symbolisch dadurch zum Ausdruck, dass die Spielleitung die Teilnehmenden bittet, ihre Rollenschilder abzunehmen oder auf einen Tisch zu legen, ebenfalls legen sie ihren Spielnamen ab und können sich ab sofort wieder mit ihren eigentlichen Namen anreden und verlassen die "Sie-Rolle". Auch können die Teilnehmenden beispielsweise ihre Rolle "abschütteln".

Danach wird ein Auswertungsbogen an die Teilnehmenden ausgeteilt, die diesen ausfüllen. Nach dieser ersten schriftlichen Runde erfolgt die mündliche Auswertung. Die Teilnehmenden sollen sich als erstes spontan zum Spielverlauf und zu den persönlichen Erfahrungen der Simulation äußern. Je nach Voraussetzungen der Gruppen kann/soll der Spielleiter diesen Prozess mit möglichen Einfühlungsfragen fördern. Anschließend lesen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre spezifischen Rollenanweisungen dem Plenum vor. Dadurch wird allen Beteiligten das Verhalten ihrer "Mitkonkurrenten" einsichtiger und zugleich werden die oftmals widersprüchlichen Interessen der Spieler offenkundig. Mögliche Rollenkonflikte, Probleme, Stereotypen und die Selbst- bzw. Fremdeinschätzung oder Fragen die während des Spieles auftraten, sollten jetzt aufgegriffen werden.

Mögliche Leitfragen für die mündliche Auswertung sind u. a.:
  • Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden? Wenn ja, warum? Wenn nicht, warum nicht?
  • Wie empfanden Sie den Spielverlauf?
  • Konnten Sie die Interessen Ihrer Rollen vertreten?
  • Konnten Sie Ihre Argumente in der Diskussion einbringen?
  • Wie fiktiv haben Sie das Szenario empfunden?
  • Wie haben Sie die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen europäischen Institutionen wahrgenommen?
Mit diesen Leitfragen werden u. a. Akteure und Institutionen, Handlungsziele und Handlungsergebnisse, Kommunikationsabläufe, diplomatische Mittel und "Ablenkungsmanöver, Konflikt- und Kooperationsverhalten sowie Interessens- und Verhaltenszwänge" thematisiert[1].

Im zweiten Teil der Auswertung wird ein Bezug vom gespielten Politikfeld zur politischen Realität hergestellt. Denn durch die Simulation lernen die Teilnehmenden die Bedeutung, Stellung und Funktion von Institutionen und Verfahrensabläufen kennen. So erleben sie persönlich die Funktion und Wirkung von Verfahrensregeln und die schwierige Suche nach Kompromissen. Sie haben selbst Macht im Planspiel ausgeübt und erlebt, wie und warum manche Interessen sich durchsetzen konnten und manche nicht[2].

Bei der Auswertung ist die didaktische Rückbindung des Spielgeschehens an konkrete Lebenssituationen unabdingbar. Geschieht diese nicht, "besteht die Gefahr, dass sich die teilnehmenden Spieler illusionäre Scheinwelten schaffen, die von ihnen als gesellschaftspolitische Realität ausgelegt werden."[3]

Angewandt beispielsweise auf europabezogene Planspiele wird diskutiert in wieweit die simulierte europäische Politik der tatsächlichen europäischen Realität widerspiegelt oder inwieweit dadurch das Entstehen falscher Vorstellungen unterstützt wird. In einem weiteren Schritt werden mögliche Vereinfachungen und Verzerrungen aufgegriffen und mit der Realität verglichen. Bezogen auf das eigentliche Politikfeld – wie beispielweise die europäische Klimapolitik oder die Frage der zukünftigen Einbindung des Balkans in die EU – werden die damit verbundenen Chancen und Risiken als auch der Spannungsbogen zwischen nationalstaatlichem Interesse und europäischer Verantwortung kritisch reflektiert.

Fußnoten

1.
Vgl. Geuting, Manfred: Soziale Simulation und Planspiel in pädagogischer Perspektive, in: Blätte, Andreas/Herz, Dietmar: Simulation und Planspiel in den Sozialwissenschaften: Eine Bestandsaufnahme der internationalen Diskussion, Münster 2000, S. 41.
2.
Vgl. Deichmann, Carl: Mehrdimensionale Institutionenkunde. Schwalbach, 1996,S. 40-44.
3.
Buddensiek, Wilfried: Rollen- und Simulationsspiele, in: Mickel, Wolfgang W. (Hrsg.): Handbuch zur politischen Bildung, Bonn 1999, S. 370. (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Band 358).
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