Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

21.9.2012 | Von:
Wolfgang Sander
Julia Haarmann
Angela Gralla
Sabine Kühmichel

Sachanalyse

Vorbemerkung: die aktive Rolle der lernenden Subjekte

Standard-Lehr-Lernsituationen in der Schule eröffnen letztlich wenig Raum für alle Schülerinnen und Schüler, dort eine aktive Rolle einzunehmen, obwohl dies pädagogisch immer wieder gefordert wird. Schon in den Lehrer-Schüler-Interaktionen zeigen sich selektive Verstärkermechanismen, die einige Jugendliche begünstigen, wie folgende Überlegung deutlich macht: Erfahrene Politik-Lehrerinnen und -Lehrer wissen nach wenigen Stunden Unterricht recht genau, wer die politisch "hellen Köpfe" in der Klasse sind, wer in der Klasse eher durchschnittlich an Politik interessiert ist und wo die politisch Desinteressierten sitzen. Sie hoffen, in ihrem Unterricht die Interessierten zur Mitarbeit zu gewinnen und so eine mitreißende Arbeitsatmosphäre zu schaffen, in der die anderen weniger motivierten Jugendlichen ebenfalls Interesse an der Sache gewinnen und mitmachen. Manchmal gelingt ihnen das, aber leider nicht immer. Über die Gelingensbedingungen, insbesondere über den Zusammenhang von Heterogenität und Lehrerhandeln, ist wenig bekannt (erste wichtige Fallstudien hierzu bietet Óhidy, 2012). Didaktik wird dabei als Kunst verstanden, wichtiges und richtiges Wissen auf geschickten Wegen den Lernenden zu vermitteln. Das Ergebnis dieser Lehr-Lern-Strategie tritt u.a. in der "Normalverteilung" der Noten zu Tage: sehr gute und gute Schülerinnen und Schüler (die Lernexperten, mit viel Spaß an der Schule), durchschnittliche Schülerinnen und Schüler (die die Schule für erträglich halten) und schlechte Schülerinnen und Schüler, die unter der Schule leiden. Es verwundert nicht, dass zwischen den Noten und dem Wohlbefinden an der Schule ein hoher Zusammenhang besteht. Neuere Ansätze der Jugendsoziologie und –psychologie (vgl. Grundmann, 2006 und Scheithauer, 2012) sowie der Neurodidaktik (vgl. Schirp, 2010) betonen die aktive Rolle eines jeden Jugendlichen im schulischen Sozialisations- und Bildungsprozess (nicht nur der Lernexperten), wohlwissend, dass nicht jeder schon zu Beginn der schulischen Karriere bereits in der Lage ist, an der Konstruktion sozialer Wirklichkeit in vollem Umfang aktiv mitzuwirken. Schülerinnen und Schüler sollten als Subjekte ihres Lebens ernst genommen werden und in der Schule vielfältige Möglichkeiten erhalten, das Subjektsein auszuprobieren und so mehr und mehr selbstständig zu lernen. Der Ansatz betont diese verstärkte Hinwendung zur Lebenswelt der Jugendlichen, indem ihre typischen Vorstellungen gezielt zum Ausgangspunkt von Lehren und Lernen gemacht werden. (vgl. Themenheft "Lebenswelten von Jugendlichen" DJI-Impulse 3/2012).

Mit Flexibilität und Orientierungslosigkeit umgehen lernen – Jugendliche in der (politischen) Selbstsozialisation unterstützen

Die strukturellen Änderungen in der Jugendphase lassen sich vor allem als Individualisierungsprozess begreifen. Die Herausforderungen in der Berufswelt erfordern eine hoch flexible Lebensführung; der Einzelne wird zum "Planungsbüro" seiner eigenen Biografie. Entwicklung heißt für Jugendliche heute nicht mehr "reaktive Anpassung an überkommene Gewohnheiten", sondern aktive Auswahl und Gestaltung der Möglichkeiten. Jugendliche übernehmen immer früher die eigenständige Gestaltung von Partnerschaften, Freizeit, Mediennutzung, Konsum und sozial-politischem Engagement. Das Risiko des Scheiterns ist groß, da die Vielfalt der Möglichkeiten zunimmt und die Jugendphase immer mehr den Einflüssen von Märkten und Wettbewerb ausgesetzt wird. Grundlegende Kompetenzen für eine gelungene Lebensführung sind Konzepte der Selbstwirksamkeit und der Lebenskohärenz. Generell gilt: "Voraussetzung für eine positive Entwicklung im Jugendalter ist vor allem die Gelegenheit, an den Lebenswelten der Gesellschaft und der anderen Jugendlichen teilzuhaben." (Gille, 2012, S. 6). Der Orientierungsbedarf der Jugendlichen ist enorm, aber sie wollen sich nicht (von Erwachsenen) belehren lassen. Daher ist selbstständige politisch-moralische Urteilsbildung ein wichtiger Prozess, für den jeder selbst zuständig ist, der nach Regeln gestaltet werden kann (Sander /Igelbrink, 2010) und für den Öffentlichkeit notwendig ist (Gerhardt, 2012). Die Schule ist zudem der Ort in der Gesellschaft, an dem relativ unabhängig von der sozio-ökonomischen Lage des Elternhauses alle Jugendlichen unter Anleitung der Lehrerinnen und Lehrer diesen Prozess der Selbstsozialisation bewusst und kontrolliert gestalten können. Die politische Bildung spielt dabei eine besondere Rolle, da u.a. Methoden der empirischen Sozialforschung vermittelt werden, die zur Selbstbeobachtung systematisch eingesetzt werden können. So kann z.B. das Klassenklima besonders beobachtet werden, um die Gelingensbedingungen für soziales und kooperatives Lernen kontinuierlich zu verbessern (vgl. GrafStat-Projekt KlassenCheckup). In ähnlicher Weise kann die Lerngruppe im sozialwissenschaftlichen Unterricht die Einstellungen und Vorstellungen der Jugendlichen zur Politik (in der Lerngruppe, in der Jahrgangsstufe und in der Schule) untersuchen, um so einen lebensweltorientierten Einstieg in die Unterrichtsreihe zum Thema "Politisches System in Deutschland" und "Wahlen" zu ermöglichen (vgl. Kapitel 4 "GrafStat – Befragungen im Unterricht"). Ein großer Vorteil dieser Projektorientierung besteht darin, dass systematisch an die Lebenswelten und Vorstellungen der Jugendlichen zu diesem Thema angeknüpft wird. Diese auch methodisch komplexe Vorgehensweise schafft zudem viel Platz, so dass viele lernende Subjekte eine aktive Rolle im Unterrichtsgeschehen einnehmen und bei der gesellschaftlichen Produktion von Wissen beteiligt sind – nicht nur einige wenige Lernexperten.

Vergleich eigener Untersuchungen mit anderen Erhebungen

Statistische Durchschnittswerte aus empirischen Jugendstudien zu Interesse an Politik, zu Vertrauen in die traditionelle Politik, zur Distanz zur Parteienpolitik, zum politischen Engagement und zur Wahlbeteiligung dürften für jede Lehrperson sowie die Schülerinnen und Schüler hilfreich sein, um die eigenen Erhebungen über das Verhalten der Jugendlichen einordnen und besser interpretieren zu können. Im hier verfolgten handlungsorientierten Unterricht werden die Einstellungen der Jugendlichen zur Politik selbst zum Gegenstand des Unterrichts gemacht (vgl. Kapitel 4 "GrafStat – Befragungen im Unterricht"). Daher können die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen auch als wichtige Vergleichswerte zu der eigenen Jugendbefragung in den Unterricht mit einbezogen werden. Hilfreich dürfte es daher sein, sich einige zentrale empirische Ergebnisse zum Thema "Jugend und Politik" vor Augen zu führen. Bedeutsam für die politische Bildungsarbeit und ihre Didaktik dürfte die SINUS-Studie "Wie ticken Jugendliche? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland" (Calmbach et al., 2012) sein, die mittels qualitativer Methoden sieben Lebenswelt-Typen der Jugendlichen näher beschrieben hat. Mit diesen lässt sich genauer bestimmen, in welchen Lebenswelten z.B. Skeptiker gegenüber den Parteien und die Nichtwähler verstärkt zu verorten sind. Auf diese Art und Weise wird nicht nur festgestellt, dass es eine gewisse Anzahl von Nichtwählern unter den Jugendlichen gibt, sondern ebenfalls, welche Jugendliche es sind, die kein Interesse an Politik haben, Parteipolitik ablehnen und sich der Wahl enthalten. Zunächst seien nun einige quantitative Ergebnisse aus den traditionellen Befragungsstudien dargestellt. Die seit vielen Jahren durchgeführten Shell-Jugendstudien liefern u.a. gut brauchbare Daten zu Einstellungen und Interessen der Jugendlichen im Hinblick auf Politik. Meist sind es Durchschnittswerte und Prozentzahlen (neuerdings auch qualitative Interviews), die eine erste Orientierung ermöglichen. Die letzten Studien (vgl. Shell Jugendstudie 2002 bis 2010) belegen die These, dass Jugendliche die Demokratie befürworten, aber ihr Verhältnis zur "großen" Politik (und besonders zu den Parteien) kritisch ist. Zu den einzelnen Bereichen wie Politikinteresse, Vertrauen in die Politik, Wahlbereitschaft und politisches Engagement seien die aktuellen Ergebnisse kurz vorgestellt.

Sinkendes Politikinteresse?

Stimmten in der Shell Jugendstudie 1991 noch 57 % der befragten 15- bis 24-Jährigen der Frage, ob sie sich für Politik interessieren, zu, waren es im Jahr 2002 gerade ein Drittel der Befragten (vgl. Shell Jugendstudie, 2002, S. 92) und im Jahr 2010 mit leichtem Anstieg 40 % der befragten jungen Menschen (vgl. Albert /Hurrelmann et al., 2010, S. 131). Insgesamt betrachtet interessieren sich Jugendliche und junge Menschen zu wesentlich geringeren Teilen für Politik als die älteren Bevölkerungsgruppen. Dies scheint zunächst darauf hinzuweisen, Jugendliche interessierten sich grundsätzlich weniger für Politik. Für die Klärung dieser Frage lohnt es sich jedoch genauer hinzuschauen. Grundsätzlich kann man hierbei feststellen: Das Politikinteresse ist vom Bildungsabschluss und von der Thematisierung von politischen Themen im Elternhaus abhängig. Jugendliche mit einem höheren Bildungsgrad und/oder politikinteressierten Eltern sind in der Regel stärker an Politik interessiert als andere Jugendliche. Dieses Bild findet sich auch in der Bereitschaft wieder, sich über Politik zu informieren.

Zufrieden mit der Demokratie, aber geringes Vertrauen gegenüber der etablierten Politik

Jugendliche und junge Menschen sind der Demokratie gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt. 67 % (West) bzw. 45 % (Ost) der Befragten sind zufrieden mit der praktizierten Demokratie und sehen sie zu 86 % (West) bzw. 70 % (Ost) als gute Staatsform an (vgl. Shell-Jugendstudie, 2010, S. 137ff.). In einer parlamentarischen, repräsentativen Demokratie ist die zentrale Rolle der Parteien unbestritten. Die vorliegenden Daten deuten jedoch darauf hin, dass das Misstrauen der Jugend gegenüber den Parteien und Politikern, zumindest ihre Distanz zu ihnen, größer ist als im Bevölkerungsdurchschnitt. Fragt man nach dem Vertrauen Jugendlicher in politische Institutionen, so schneiden die Vertreter der "etablierten Politik", die Bundesregierung und die politischen Parteien, schlecht ab. Die Spitzenwerte in puncto Vertrauen genießen hingegen Gerichte und die Polizei. Auch außerparlamentarische Akteure wie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen schneiden bei der "Vertrauensfrage" zumindest besser ab als die Parteien (vgl. Albert /Hurrelmann et al., 2010, S. 140). Im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Institutionen genießen die Parteien bei den Jugendlichen auch im Jahr 2010 das geringste Vertrauen: Sie teilen sich den letzten Platz mit den Banken.

Wahlbeteiligung junger Menschen

Die Zurückhaltung gegenüber den Parteien spiegelt sich auch in der vergleichsweise geringen Wahlbeteiligung der jungen Wählergruppen wider. Die Wahlbeteiligung berechnet sich aus der Anzahl der bei einer Wahl abgegebenen Stimmen im Verhältnis zur Gesamtheit der Wahlberechtigten. Die Motivation, zur Wahl zu gehen, ist gesamtgesellschaftlich betrachtet rückläufig und war im Jahre 2009 so niedrig wie nie zuvor (1972: 91,1 %, 2009: 70,8 %). Laut repräsentativer Wahlstatistik (vgl. Wahlbeteiligung nach Altersgruppen in Prozent) zeigte die Altersgruppe der 21- bis 24-Jährigen bei der Bundestagswahl 2009 mit 59,1 % die niedrigste Wahlbeteiligung (mehr als 10 % unter dem Durchschnitt von 70,8 %). Auch bei den unter 21-Jährigen (63 %) und den 25- bis unter 30-Jährigen (61,2 %) sind die Beteiligungswerte geringer als die der durchschnittlichen Wahlbeteiligung aller Wähler und Wählerinnen. Die Wahlbeteiligung nimmt mit steigendem Alter zu, wobei die Altersgruppe der 60- bis 70-Jährigen mit 80 % die höchste Wahlbeteiligung verzeichnet (vgl. Wählerschaft der Parteien nach Alter und Geschlecht). Die Gruppe der Jung- und Erstwähler ist innerhalb der Gesamtwählerschaft relativ klein. So machen die über 60-jährigen Wählerinnen und Wähler über 30 % der Wählerschaft aus und sind damit eine Gruppe, die für Wahlkampfstrategen besonders interessant sein dürfte. Die Gruppe der 18- bis 32-Jährigen ist mit einem Anteil von 19,7 % der Wählerschaft im Gegensatz dazu weniger bedeutsam (MJ 01.11). Mit diesen Statistiken als Hintergrundwissen kann man den Eindruck gewinnen, dass junge Wählergruppen ihre anteilsmäßig ohnehin geringe Relevanz durch die geringe Wahlmotivation noch verstärken. Dieser Eindruck ist nicht neu; er stellt auch keine alarmierende Entwicklung dar. Vielmehr ist die Zurückhaltung der Jugend gegenüber der offiziellen und etablierten Politik schon seit Jahren gegeben. Ein Zeitreihenvergleich der Daten macht diesen Befund deutlich. In einer detaillierten Analyse des Wählerverhaltens von Jungwählern weisen die Autorinnen Abendschön und Roßteuscher die in den Medien verbreiteten Auffassungen, Jugendliche seien heute wahlmüder und politisch desinteressierter als früher, sehr eindeutig zurück: "Ja, junge Menschen gehen seltener zur Wahl als ältere Menschen. Aber das war 1980 kaum anders als 2009. Eine Tendenz oder ein eindeutiger Trend hin zu einer abnehmenden politischen Integration ist nicht zu beobachten. Im Gegenteil: Die detaillierte Analyse, die den gleichzeitigen Einfluss verschiedener wahlrelevanter Faktoren betrachtet, zeigt eindeutig nicht, dass Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren überproportional seltener zu den Wählern gehören als Menschen im Alter von über 41 Jahren. Die scheinbare Wahlmüdigkeit der Jugend ergibt sich auch nicht aus Kohorteneffekten. Ältere Jahrgänge, also Menschen, die zwischen 1900 und 1950 geboren wurden und die für diese Zeiten typische Sozialisation erfahren haben, sind zwar bis heute konstant treuere Wähler als später geborene Jahrgänge. Aber: Auch hier zeigt sich kein statistisch signifikanter Abwärtstrend, der ein irgendwie geartetes Niedergangs-Szenario rechtfertigen würde." (Abendschön /Roßteuscher, 2011, S. 79f.)

Wenig jugendaffine Parteien sind Teil des Distanzierungsphänomens

Kritische Stimmen meinen in der inhaltlichen Ausrichtung der Politik der im Parlament vertretenen Parteien eine gewisse "Jugendverdrossenheit" zu erkennen (MJ 01.10). Eine Dominanz von älteren Bevölkerungsgruppen weisen die meisten Parteien auch in ihrer Innenstruktur auf. So sind die Partei-Mitglieder bei CDU, CSU und SPD durchschnittlich 58 Jahre alt, bei der LINKEN sogar 60 Jahre, bei der FDP 51 Jahre und bei den Grünen 46 Jahre alt (vgl. Niedermayer, 2011). Bei innerparteilichen Entscheidungsprozessen sind somit die Interessen von jungen Menschen in vielen Parteien ebenfalls in der Regel unterrepräsentiert. Als problematisch wird hierbei auch die wenig jugendaffine Ansprache und Ausrichtung der Parteien gerade im Wahlkampf angesehen (MJ 01.11). Gewisse Hoffnungen in Hinblick auf eine Verjüngung der Parteipolitik werden der Piratenpartei entgegengebracht, wie dies früher auch bei den Grünen der Fall war. So beträgt das Durchschnittsalter der Mitglieder der Piratenpartei nach eigenen Angaben 37,1 Jahre (vgl. Mitgliedsdatenbank der Piratenpartei). Als bedeutsam werden in diesem Zusammenhang häufig auch die unkonventionellen und moderneren Verfahrensformen innerhalb der Piratenpartei angesehen, die oftmals mit Hilfe der technischen Möglichkeiten des Internets realisiert werden. Die persönlichen Rivalitäten zwischen den führenden Politikern innerhalb der Partei und die weiterhin große Unklarheit in der politischen Programmatik führen jedoch bereits zu einem deutlichen Verblassen der Attraktivität, so dass die einst so vielversprechenden Umfrageergebnisse erheblich gesunken sind. Fraglich erscheint, ob die Partei die Fünf-Prozent-Hürde bei der Bundestagswahl nehmen wird (vgl. ARD-Deutschlandtrend, 2012, S. 15f.).

Was bedeutet "politisch sein"? - Enger versus weiter Politikbegriff

Fokussiert man zur Beantwortung der Frage nach dem Politikinteresse von Jugendlichen vornehmlich einen engen Politikbegriff, der Politik auf die gouvernementalen Politikbereiche begrenzt, belegen die Daten der Wählerstatistik und die Umfrageergebnisse eine deutliche Distanz der Jugend zu politischen Parteien und zur "etablierten Politik". Die Definition eines solchen engen Politikbegriffs lautet: "Versteht man unter 'politisch sein', politische Themenfelder und Politiker/-innen benennen können, systematische Verfolgung der politischen Berichterstattung, dem Diskurs politischer Kreise zu folgen, Festigung und Begründung einer bestimmten Parteipräferenz, so können die wenigsten Jugendlichen als politisch im engeren Sinn verstanden werden." (Calmbach et al., 2012, S. 73f.) Bemüht man jedoch einen weiter gefassten Politikbegriff, kann man zu einer etwas zuversichtlicher stimmenden Einschätzung des Politikinteresses von Jugendlichen gelangen. Ein weiter Politikbegriff begrenzt sich nicht auf die staatsbezogenen Politikprozesse im engeren Sinne, sondern bezieht Politik auch auf private Lebensbereiche, soziale Bewegungen und gesellschaftliche Fragen (vgl. Pelinka, 2004, S.21f.). Es ist zudem davon auszugehen, dass Jugendliche in der Regel bei der Beantwortung einer Frage nach dem Politikinteresse einen engen und auf die traditionellen politischen Institutionen bezogenen Politikbegriff zu Grunde legen. "Das Bewusstsein von Politik im Sinne der 'Demokratie als Lebensform' (John Dewey) und der Gestaltung kommunaler Lebens- und Kommunikationsräume ist nicht stark ausgeprägt. Gerade diesen Räumen stellen sich jedoch die für die Jugendlichen wichtigen Fragen." (Roth, 2009)

Distanz zur Parteipolitik, aber trotzdem Bereitschaft zum Engagement

Interpretiert man die empirischen Untersuchungen der Shell Jugendstudie mit einem erweiterten Politikbegriff, ist hier durchaus jugendliches Potential zum politischen Denken und Handeln zu entdecken. So lassen sich die hohen Vertrauenswerte, die den so genannten Nichtregierungsorganisationen vergeben werden, mittelbar auch in anderen Bereichen wiederfinden (Menschenrechtsgruppen: 3,4; Umweltschutzgruppen: 3,3; 1= sehr wenig Vertrauen, 5 = sehr viel Vertrauen; vgl. Albert /Hurrelmann et al., 2010, S. 140). Eine Tendenz zu einem eher außerparlamentarischen politischen Interesse jenseits der traditionellen Politikinstrumente wie Wahlbeteiligung oder Parteieintritt spiegelt sich auch in der durchaus vorhandenen Bereitschaft wider, an verschiedenen politischen Aktionen teilzunehmen. So kommt es für 77 % der 12- bis 25-Jährigen auf jeden Fall oder wahrscheinlich in Frage, auf einer Unterschriftenliste zu unterschreiben. Auch aus politischen Gründen bestimmte Waren zu boykottieren (54 %) oder sich an einer Protestversammlung zu beteiligen (44 %), findet bei den Jugendlichen Zustimmung (vgl. Albert /Hurrelmann et al., 2010, S. 147). Deutlich wird hierbei, dass ein kurzfristiges und zeitlich überschaubares Engagement für Jugendliche eher in Frage kommt als eine kontinuierliche oder dauerhafte Mitarbeit in einer Organisation (vgl. MJ 01.05 und MJ 01.07). Jugendliche "bevorzugen zeitbegrenzte, projektbezogene, wenig durch kontinuierliche Arbeit in hierarchischen Zusammenhängen festgelegte Aktionen. Ihr Engagement hat einen dynamischen Charakter. Es begleitet die Jugendbiographie nicht beständig, sondern diskontinuierlich, weil anderes im Verlauf des Heranwachsens mit seinen hohen Anforderungen an Ausbildung sowie soziale und ökonomische Verortung auch gar nicht möglich wäre." (Gaiser et al., 2011, S.13) Erfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass die Bereitschaft zu sozial-gesellschaftlichem Engagement offenbar zunimmt. So gaben in der aktuellen Shell Jugendstudie auf die Frage "Bist du in deiner Freizeit für soziale und gesellschaftliche Zwecke oder ganz einfach für andere Menschen aktiv?" mehr Befragte als in den Jahren 2002 und 2006 an, oft (39 %) oder gelegentlich (41 %) sozial aktiv zu sein. In der Summe ist der Anteil der Jugendlichen, die sich für andere einsetzen, angestiegen. Die größten Zuwächse im Zeitverlauf finden sich hier bei den jüngeren Befragten (12-14 Jahre: 41 %; 15-17 Jahre: 47 %). Dennoch muss die beobachtbare Distanzierung gegenüber der Politik im engeren Sinne und dem Parlamentarismus mit Sorge betrachtet werden. Eine künftige Generation der Nichtwähler und Nichtwählerinnen führt womöglich zu einer ausgehöhlten Repräsentativität und Legitimierung des Volkswillens. Eine Konsequenz dieser Erkenntnisse könnte sein, den Jugendlichen die Bedeutung und Relevanz der politischen Entscheidungen für ihr Alltagsleben stärker zu verdeutlichen und ihnen Partizipations- und Informationsangebote zu machen, die eher niedrigschwellig anzusetzen sind und die spezifischen Präferenzen der Jugendlichen berücksichtigen. In der Erhebung "Sprichst du Politik?" machen Jugendliche auch selbst Vorschläge, die helfen können, junge Menschen für politische Fragen zu motivieren: Politikunterricht bereits in der Grundschule, aktuelle politische Fragen als Gegenstand des Politikunterrichts sowie Politiker, die ihre Sprache adressatengerecht verwenden und verständlich erklären können (vgl. Fackelmann, 2011, S.1f.).

Ein differenzierter Blick: Sieben Lebenswelten als Orientierungshilfe für Lehrende in der politischen Bildung

Beim Nachdenken über die Frage, wie politische Bildung Jugendliche und junge Menschen besser erreichen kann, hilft ein Blick in die Ergebnisse qualitativer Studien. Die Grundidee ist hierbei: Für Politik-Lehrerinnen und Lehrer ist es immer vorteilhaft, ergänzend zu ihren Primärerfahrungen die unterschiedlichen Lebenswelten der Jugendlichen näher kennenzulernen und ernst zu nehmen. Mit Hilfe des in der SINUS-Studie entwickelten "Lebenswelt-Modells u18" lässt sich etwas besser verorten, in welchen Lebens- und Vorstellungswelten von Jugendlichen Politikerinnen und Politiker sowie Parteien und Wahlen einen Platz haben und in welchen diese nicht in dieser Weise vorkommen. Diese Betrachtungsweise geht nicht von der "großen Politik" aus und fragt nach ihrer Akzeptanz bei den Jugendlichen, sondern wechselt die Perspektive und wendet sich den unterschiedlichen Lebens- und Vorstellungswelten der Jugendlichen zu. Es wird dabei davon angenommen, dass jeder Jugendliche "gute Gründe hat", sich (auch im Politischen) auf bestimmte Weise zu orientieren und zu verhalten. Das "SINUS-Lebensweltmodell u18" ersetzt nicht die persönliche Zuwendung der Lehrerin und des Lehrers zu den Schülerinnen und Schüler und ihren Besonderheiten, aber es liefert in seiner typisierenden Vorgehensweise sieben Vorstellungswelten der 14- bis unter 17-Jährigen in Deutschland. Diese typischen Lebenswelten sensibilisieren für die unterschiedlichen Sichtweisen von Jugendlichen. Außerdem lassen sie erkennen, ob Parteien und Wahlen in diesen Lebenswelten einen Platz einnehmen. Die sieben Sichtweisen werden in einem Koordinatensystem mit der Y-Achse "Bildung" (niedrig – mittel - hoch) und der X-Achse "normative Orientierung" (traditionell – modern – postmodern) eingeordnet. Drei Lebenswelten mit hoher Bildung, aber Unterschieden in der normativen Orientierung lassen sich differenzieren: Die konservativ-bürgerliche Lebenswelt (13 %) ist durch eine konservative Grundorientierung gekennzeichnet; die sozial-ökologische Lebenswelt (10%) durch eine moderne Grundorientierung; die expeditive (20 %) durch eine postmoderne Grundorientierung. Diese drei Gruppen von Jugendlichen umfassen einen Anteil von 43%. Das Erstaunliche ist: In allen drei Gruppen spielen laut Analysen des SINUS-Forscherteams Parteien, Wahlen und zum Teil Politiker/-innen neben einer Fülle von anderen durchaus politischen und unpolitischen Themen eine erkennbare Rolle (vgl. Calmbach et al., 2012, S. 75). Bei den vier anderen Gruppen (insgesamt 47 %) ist diese Orientierung an politischen Parteien, Wahlen sowie Politikerinnen und Politikern eindeutig nicht gegeben, möglicherweise eine Folge der deutlich geringeren Bildungsorientierung in diesen Gruppen. Die "Materialistischen Hedonisten" (12 %) – überwiegend mit mittlerem Bildungsniveau und moderner normativer Orientierung – interessieren sich für Themen wie Ausbildungsplatzsuche, Einkommen, Integration, Einbürgerung, Kriminalität. Die Adaptiv-Pragmatischen (19 %) mit mittlerem Bildungsniveau und moderner Grundorientierung nennen Themen wie Ausbildungsplatzsuche, Generationengerechtigkeit, Sozialstaat – durchaus politische Themen, aber sie orientieren sich nicht an Parteien. Die "Experimentellen Hedonisten" (niedriges Bildungsniveau, postmoderne Grundorientierung) nennen im Bereich "gesellschaftliches und politisches Interesse" die Themen Strafzumessung, Reichtumsverteilung, Armutsschere. Aber auch hier findet sich keine Orientierung an politischen Parteien oder politischen Institutionen. In der Gruppe der Prekären (7 %) mit geringem Bildungsniveau und traditioneller normativer Grundorientierung stehen Themen wie Diskriminierung, Gewalt in der Schule, häusliche Gewalt, Kriminalität und Einbürgerung im Vordergrund. Die sieben Lebenswelten der SINUS-Jugendstudie, die hier nur skizziert werden konnten, machen vom Forschungsansatz her deutlich, dass die Bandbreite der politischen Orientierung bei Jugendlichen sehr groß ist. Für die politische Bildungsarbeit im Unterricht dürfte die Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer deutlich geworden sein, die darin besteht, diese Vielfalt der jugendlichen Lebenswelten und politischen Orientierung bei der Planung und Durchführung von Unterricht angemessen zu berücksichtigen und so tendenziell jedem Jugendlichen (mit seiner Lebenswelt) einen Platz für eine aktive Rolle einzuräumen – und nicht nur den willigen Lernexperten mit Bildungshintergrund.

Literatur

Abendschön, Simone /Roßteuscher, Sigrid: Jugend und Politik: Verliert die Demokratie ihren Nachwuchs?, in: Evelyn Bytzek/Sigrid Roßteuscher (Hrsg.): Der unbekannte Wähler. Mythen und Fakten über das Wahlverhalten der Deutschen, Frankfurt a.M.: Campus 2011, S. 59 -80.

Albert, Mathias/Klaus Hurrelmann et al.: 16. Shell Jugendstudie. Jugend 2010. Frankfurt am Main: S. Fischer 2010.

ARD-Deutschlandtrend. Oktober 2012. Eine Umfrage zur politischen Stimmung im Auftrag der ARD-Tagesthemen und zwei Tageszeitungen, www.infratest-dimap.de/uploads/media/dt1210_bericht.pdf (23.10.2012).

Befragungsprojekt "KlassenCheckup", www.bpb.de/lernen/unterrichten/grafstat/46267/projekt-klassencheckup (23.10.2012).

Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland. Entwicklungsstand und Handlungsansätze, Gütersloh: Bertelsmann 2007.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wahlbeteiligung nach Altersgruppen in Prozent, 01.09.2009, www.bpb.de/wissen/C11SZM,,0,Wahlbeteiligung_nach_Altersgruppen_ (23.10.2012).

Calmbach, Marc et al.: Wie ticken Jugendliche? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, 2. SINUS-Studie, Düsseldorf: Verlag Haus Altenberg 2012.

Der Bundeswahlleiter: Wählerschaft der Parteien nach Alter und Geschlecht, www.bundeswahlleiter.de/de/bundestagswahlen/BTW_BUND_09/veroeffentlichungen/repraesentative/index.html (03.08.2012).

Fackelmann, Bettina: Zusammenfassung "Sprichst du Politik?", Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft (Hrsg.). Berlin 29.07.2011, www.sprichst-du-politik.de/downloads/sprichst-du-politik_Zusammenfassung.pdf (14.10.2012).

Gaiser, Wolfgang et al.: Jugend und Demokratie, in: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Demokratie in Deutschland 2011, Berlin 2001, www.demokratie-deutschland-2011.de/common/pdf/Demokratie%20in%20Deutschland_2011.pdf (30.08.2012).

Gerhardt, Volker: Öffentlichkeit. Die politische Form des Bewusstseins, München: Beck 2012.

Gille, Martina: Vom Wandel der Jugend, in: DJI-Impulse 3/2012, S. 4 – 8. Mitgliedsdatenbank der Piratenpartei, bereinigte Ausgabe http://wiki.piratenpartei.de/Datei:Altersstruktur.jpg Stand: 30.5.12. (23.10.2012).

Grundmann, Matthias: Sozialisation. Skizze einer allgemeinen Theorie, Stuttgart: UTB 2006.

Mitgliedsdatenbank der Piratenpartei, bereinigte Ausgabehttp://wiki.piratenpartei.de/Datei:Altersstruktur.jpg, Stand: 30.05.2012 (23.10.2012).

Niedermayer, Oskar: Parteimitglieder in Deutschland, Version 2011. Arbeitshefte aus dem OSZ, Nr. 18. FU-Berlin 2011.

Óhidy, Andrea (Hrsg.): Heterogenität und Leherhandeln im Spiegel erziehungswissenchaftlicher Fallstudien, Hohengehren: Schneider Verlag 2012.

Pelinka, Anton: Grundzüge der Politikwissenschaft. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2004.

Roth, Hans-Joachim: Lebenssituation und politische Positionierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund - einige Thesen, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten. Aus Politik und Zeitgeschichte 5/2009, www.bpb.de/apuz/32232/lebenssituation-und-politische-positionierung-von-jugendlichen-mit-migrationshintergrund-einige-thesen (22.10.2012).

Sander, Wolfgang /Igelbrink, Christian: Selbstbestimmt urteilen lernen. Schüler emotional stärken durch Metakognition und Urteilsbildung. Das Modellprojekt "Das ist gut für mich!", Münster: LIT-Verlag 2010.

Schirp, Heinz: Welche Erkenntnisse der Neurodidaktik sind für die Gestaltung von Lehr-Lernprozesse hilfreich?, Gastbeitrag in: Sander, Wolfgang/Igelbrink, Christian: Selbstbestimmt urteilen lernen, Münster 2010, S. 125 – 147.

Scheithauer, Herbert: Die meisten Jugendlichen sind toll, in: DJI-Impulse 3/2012, S. 9 – 11.

Statistisches Bundesamt (Hrsg.): www.destatis.de (10.10.2012). Datenquelle:
Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Repräsentative Wahlstatistik.