Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

19.10.2012

MB 03.24 Instrumente der Wählerstatistik

Repräsentative Wählerstatistik
Die Wahlforschung arbeitet mit Daten von unterschiedlicher Zuverlässigkeit und Aussagekraft. Eine sehr zuverlässige Informationsquelle sind die seit 1953 vom Statistischen Bundesamt bei Bundestagswahlen durchgeführten Repräsentativerhebungen, die vor allem eine Aufschlüsselung der abgegebenen Stimmen und der Wahlbeteiligung nach Altersgruppe und Geschlecht erlauben. Dabei werden in ausgewählten Wahlbezirken besondere Wahlzettel ausgegeben, auf denen die Unterscheidungsmerkmale „Alter“ und „Geschlecht“ vermerkt sind. Aus Datenschutzüberlegungen (insbesondere Sicherung des Wahlgeheimnisses) unterscheidet die repräsentative Wählerstatistik aber nach so wenig Merkmalen, dass die Aussagekraft eng begrenzt bleibt. Darüber hinaus sind Geschlecht und Alter auch keine ähnlich aussagekräftigen Indikatoren wie soziales Milieu. […]

Meinungs- und Umfrageforschung
Die Meinungs- und Umfrageforschung hat den großen Vorteil, dass sie den Zugang zu einer Vielzahl von individuellen Daten im Zusammenhang mit Wählerverhalten ermöglicht, die auf anderem Wege nicht zu erhalten sind. Sie ist aber auch mit bestimmten Fehlerquellen verbunden.

Einer nach statistischen Kriterien repräsentativ ausgewählten Gruppe von Bürgern wird in gewissen Zeitabständen die Frage gestellt: „Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären, welcher Partei würden Sie Ihre Stimme geben?“ Es folgt meist eine ganze Anzahl von Fragen, die sich u.a. auf demographische Daten, Organisationszugehörigkeit, Parteiidentifikation, Sympathie- und Kompetenzeinstufungen von Parteien und Spitzenpolitikern sowie die Einschätzung der Bedeutung politischer Sachprobleme beziehen. Als Beispiel für die Art der dabei anfallenden Ergebnisse kann das regelmäßig ausgestrahlte ZDF „Politbarometer“ dienen. Während der Wahlkampfzeit wird u.a. die Panel-Methode angewandt, bei der ein „geschlossener Kreis“ (panel) repräsentativ ausgewählter Bürger in bestimmten Abständen befragt wird, um Veränderungen zu erfassen. [Es wird also immer derselbe Personenkreis befragt.]

Die Meinungsforschung ist in der Öffentlichkeit besonders bekannt geworden durch ihre Wahlprognosen. Dabei haben sich die Vorhersagen der großen Institute in der Tendenz als ziemlich zuverlässig erwiesen, wenn auch nicht unerhebliche Differenzen zwischen den Prognosen der verschiedenen Institute aufgetreten und auch Fehlprognosen nicht ausgeblieben sind.

Fehlerquellen
sind u.a.:
  • bei der Auswahl der Befragten und bei der Formulierung der Fragen (unterschiedliches Verständnis von Fragen, Fehler der Interviewer) können bereits Verzerrungen auftreten;
  • die Antworten der Befragten müssen nicht immer ihre tatsächliche Meinung wiedergeben. Z.B. ist bekannt, dass Anhänger kleiner Parteien oder als extremistisch eingestufter politischer Gruppierungen ihre politischen Ansichten häufig nicht offen zum Ausdruck bringen. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse von Rückerinnerungsfragen (früheres Wahlverhalten), dass das Erinnerungsvermögen offenbar vom vorherrschenden Meinungsklima beeinflusst wird;
  • die Zahl derjenigen, die sich als noch unentschlossen einstufen, ist vor Wahlen nicht unbeträchtlich, und ihre wahrscheinliche Entscheidung muss anhand problematischer Erfahrungswerte prognostiziert werden;
  • der Zeitfaktor zwischen Befragung und Wahltermin ist zu berücksichtigen, insbesondere, wenn noch wichtige, den Wähler beeinflussende politische Ereignisse auftreten;
  • jeder Schluss von kleinen Stichproben auf die Gesamtheit enthält eine statistisch genau zu berechnende Fehlerwahrscheinlichkeit, die eine Prognose bei sehr knappen Ergebnissen zum Lotteriespiel macht.
Kritiker der Meinungsforschung argumentieren, dass die ständige Veröffentlichung von Umfrageergebnissen die repräsentative Struktur unseres politischen Systems zu untergraben drohe, dass sich Politiker zu stark an den Ergebnissen von Meinungsumfragen orientieren könnten. Auch der Wähler könne durch Umfrageergebnisse in seinem Wahlverhalten beeinflusst werden. Da die Auftraggeber von wahlbezogenen Meinungsumfragen häufig Parteien sind, ist auch kaum zu vermeiden, dass versucht wird, die Ergebnisse als taktisches Instrument zu nutzen.

Wählerwanderungsbilanz
Die Wählerwanderungsbilanz ist ein Beispiel für die Verknüpfung von amtlichen Wahldaten und Daten der Umfrageforschung. [...] Die Wählerwanderungsbilanz soll - wie schon der Name sagt - Auskunft geben über die Wählerbewegungen zwischen zwei Wahlterminen. „Zunächst werden die amtlichen Endergebnisse zweier Wahlen miteinander verglichen, dann ermittelt man die Größe der Gruppen, die zur Wählerschaft hinzugekommen sind (Erstwähler), sowie der durch Tod oder Umzug herausgefallenen Wählergruppen, multipliziert diese Zahlen mit den gruppenspezifisch geschätzten Wahrscheinlichkeiten der Stimmabgabe für die einzelnen Parteien und bereinigt die amtlichen Endergebnisse um diese Werte. Die verbleibenden Differenzen können dann auf die Wählerwanderungen zwischen den Parteien zurückgeführt werden.“ (Aus: W. Bürklin: Wählerverhalten und Wertewandel. Opladen: Leske und Buderich 1998, S. 99.) Weitere Ausgleichsrechnungen führen schließlich zu der so überzeugenden Computer-Grafik des Wahlabends, die von den Unsicherheiten ihres Zustandeskommens nichts mehr verrät.

Aus: Wichard Woyke: Stichwort: Wahlen. Wähler, Parteien, Wahlverfahren, 8., völlig neu überarbeitete Auflage, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1994, S. 207f.


Arbeitsaufträge:
  1. Einzelarbeit: Unterstreiche diejenigen Textpassagen und Begriffe, die Aufschluss über die Methoden der Wahlforschung geben, in Gelb und diejenigen, die Fehlerquellen aufzeigen, in Blau.
  2. Einzelarbeit: Notiere, welche Fragen zu den Verfahren und Problemen von Wahlprognosen der Text beantwortet.
  3. Partnerarbeit: Entwickelt aus dem Text und den in der Einzelarbeit formulierten Fragen gemeinsam ein Interview, in dem ein Experte erklärt, welche Methoden bei der Wahlforschung unterschieden werden und welche Probleme dabei auftreten. Der Text enthält das Wissen des Experten. Eure Aufgabe ist es, ein Interview zu schreiben, indem ihr Fragen des Interviewers und passende Antworten des Experten auf diese Fragen formuliert.


Bundestagswahl 2013

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