Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

31.10.2012

MG 01.06 Hypothesen für die eigene Befragung

Schon bei der Erstellung des Fragebogens für eine Befragung sollte man an die spätere Auswertung denken und sich Gedanken über mögliche Ergebnisse machen. Solche Annahmen, die einem plausibel erscheinen und die man nach Durchführung der Befragung mit den Daten untersuchen möchte, werden Hypothesen genannt.

Unter Hypothesen versteht man insbesondere Vermutungen
  • über den Ausfall eines Ergebnisses zu einer bestimmten Frage – für alle Befragten oder aber auch nur eine bestimmte Teilgruppe
  • oder aber über Zusammenhänge zwischen zwei Merkmalen.
Hypothesen werden durch die Ergebnisse einer Befragung entweder bestätigt (-> verifiziert) oder widerlegt (-> falsifiziert).

Definition
"Unter einer Hypothese versteht man in der empirischen Sozialforschung eine anhand empirischer Daten zu prüfende Annahme. Im Rahmen der "quantitativen" (standardisierten) Sozialforschung meint man vor allem eine Annahme, die einem statistischen Test unterworfen werden kann. Diese Annahme richtet sich meistens darauf, dass zwischen zwei Merkmalen ein Zusammenhang, oder dass zwischen Gruppen ein Unterschied besteht."[1]

Die Funktion von Hypothesen bei empirischen Untersuchungen
In der empirischen Sozialforschung spielen Hypothesen insbesondere schon bei der Planung der Befragung eine wichtige Rolle. Zu Beginn jedes Befragungsprojektes – meist schon vor der Fragebogenerstellung – hat man Vermutungen und Erwartungen, welche Resultate und Zusammenhänge es bei den Befragungsergebnissen geben könnte. Auf Grundlage dieser Vermutungen werden schon im Vorfeld geeignete Hypothesen formuliert, die man später dann mithilfe der erhobenen Daten untersuchen möchte.

Wenn man ein Befragungsprojekt durchführt, helfen Hypothesen folglich,
  • die Befragung zu fokussieren,
  • die Befragung zu strukturieren,
  • die "richtigen" Fragen für den Fragebogen zu finden,
  • zu verhindern, dass man bei der Auswertung der erhobenen Daten die Übersicht verliert.
  • Fragen, die für das Thema wichtig sind, nicht zu vergessen.
Hypothesen sorgen für eine gute Struktur der Befragung, ermöglichen, in überschaubarer Zeit zu Ergebnissen zu gelangen und dabei stets einen "roten Faden" (Zielorientierung) während des Auswertens zu behalten.

Beispiel für eine Hypothese und ihre Überprüfung:

„Ältere Jugendliche interessieren sich stärker für Politik als jüngere.“

Um diese Annahme später überprüfen zu können, muss man bei der Erstellung des Fragebogens darauf achten, dass die Merkmale (= Fragen inkl. Antwortmöglichkeiten), die man für die Auswertung braucht, auch im Fragebogen abgefragt werden. In diesem Fall heißt das:
  1. Das Alter der Befragten muss erfragt werden, um später zwischen den Älteren und den Jüngeren unterscheiden zu können.
  2. Es muss nach dem Interesse für Politik gefragt werden.
  3. Aus diesen beiden Merkmalen wird dann später in der Auswertung eine Kreuztabelle erstellt, d. h., die Daten werden miteinander in Beziehung gesetzt (s. MG 03.06).
Hinweis
Konkrete Aufgaben zur Erstellung und Überprüfung von Hypothesen und eine Reihe von Beispielhypothesen findet ihr in MG 01.07 bzw. MG 01.08.

Arbeitsaufträge:

  • Erkläre in eigenen Worten, was man unter einer Hypothese versteht.

  • Welche Funktionen haben Hypothesen in der empirischen Sozialforschung?

  • Entwickle eigene Hypothesen zu unserem Befragungsprojekt. Benutze dazu den Fragebogen (MG 01.04 bzw. MG 01.05) und das Arbeitsblatt zur Hypothesenbildung (MG 01.07 bzw. MG 01.08).


    Beachte dabei:
    • Gibt es Hypothesen, die dich interessieren, die du aber mit dem vorliegenden Fragebogen nicht überprüfen könntest, weil die entsprechenden Fragen dazu fehlen? Welche Fragen müsstest du im Fragebogen ergänzen, um deine Hypothese überprüfen zu können?
    • Wird eine Hypothese nicht bestätigt, so ergeben sich häufig weiterführende Fragen bzw. neue Hypothesen. Versuche eine deiner Hypothesen weiter zu verfeinern, indem du eine weiterführende Fragestellung entwickelst

  • Fußnoten

    1.
    Aus: Helmut Kromrey: Empirische Sozialforschung. Modelle und Methoden der standardisierten Datenerhebung und Datenauswertung, 11. überarb. Aufl. Stuttgart: Lucius & Lucius Verlag 2006, S. 347.