Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

31.10.2012

MG 02.03 Rollenspiel zur Vorbereitung von Telefoninterviews

Rollenkarte 1: Ungeduldiger Familienvater
Michael Bruscheit, 51 Jahre, wahlberechtigt im heimischen Wahlkreis, hat als Letzter in der Familie Geburtstag, ist städtischer Angestellter, Wechselwähler, Hauptschulabschluss, Konfession: evangelisch. Er wählt diesmal bei der Bundestagswahl B 90/ die Grünen. Früher: Bundestagswahl CDU, Kommunalwahl SPD. Hatte mit einem Anruf seiner Tochter aus England gerechnet. Möchte das Gespräch und damit auch das Telefoninterview möglichst schnell beenden.

Aufgrund der Meldungen in der Zeitung seiner Stadt und im Radio hat er über das Projekt der Schulen gehört; er findet dieses Projekt gut und ist daher grundsätzlich bereit, ein solches Telefoninterview zu geben - allerdings möchte er das Gespräch möglichst schnell beenden, da er ja auf den Anruf seiner Tochter wartet. Mit der Anonymität der Befragung hat er keine großen Schwierigkeiten. Daher fragt er nur ganz kurz nach, an welcher Schule der Interviewer zur Schule geht. Wenn die Antwort zügig und überzeugend ausfällt, gibt er sich damit zufrieden. Wenn der Interviewer ein Langweiler ist und umständlich die Fragen vorliest, ist er ungeduldig geneigt, das Telefoninterview abzubrechen. Er selbst gibt die Antworten spontan. Sein Hauptanliegen ist es, das Interview zügig zu Ende zu führen.

Rollenkarte 2: ältere, alleinstehende Dame, gutwillig, aber misstrauisch
Maria Weizel (71), wahlberechtigt für den Wahlkreis, blind, alleinstehend - sehr misstrauisch gegenüber telefonischen Anrufen. Sie ist über das Projekt nicht informiert. Sie ist Hausfrau, hat Volksschulabschluss und hat in allen Wahlen bisher CDU gewählt. Sie befindet sich in einem inneren Zwiespalt; zunächst ist sie diesem Telefoninterview gegenüber misstrauisch eingestellt; von daher wäre das erste Anzeichen, dass sie hier hinters Licht geführt werden könnte, ein Anlass das Telefoninterview abzubrechen. Auf der anderen Seite freut sie sich aber über jeden Kontakt, den man von außen mit ihr aufnimmt und über den sie etwas über die Vorgänge, die sich in ihrer Stadt zur Zeit ereignen, erfährt.

Wenn es dem Anrufer daher gelingt, über kleinere Hinweise - wie "Ich bin Schülerin am ..., im Politikunterricht von Frau/Herrn ..., die Anonymität ist absolut sichergestellt, sie können auch an unserer Schule unter der Telefonnummer ... anrufen. Meine Lehrerin / mein Lehrer ist informiert ..." - das Misstrauen abzubauen, ist sie bereit, ein solches Interview zu führen. Wenn der Interviewer zu nüchtern, zu sachlich und zu geschäftsmäßig an das Interview herangeht und auch keine Bereitschaft zeigt, auf Bedenken der Frau einzugehen, besteht die Gefahr, dass das Interview abgebrochen wird. Ansonsten beantwortet Frau Weizel die Fragen langsam und sorgfältig und gibt zu erkennen, dass sie bei einzelnen Fragen nicht vorschnell zu unüberlegten Antworten kommen möchte. Wenn der Interviewer daher Ruhe, Geduld und eine gewisse Zuhörbereitschaft aufweist, ihr freundlich zuredet, ist sie bereit, dieses Telefoninterview zu führen. Entscheidend ist, dass man das Vertrauen dieser Frau gewinnt.

Rollenkarte 3: gutmütiger Familienvater, 40 Jahre, Bankangestellter
Am Telefon meldet sich zunächst Jutta Schreiber (im März ist sie 18 Jahre alt geworden), sie ist nicht die Letzte, die in der Familie bzw. in dem Haushalt Geburtstag hat. Ihr Vater, Karl Schreiber, ist im August 40 Jahre geworden, daher ist er derjenige, der interviewt werden muss (Zufallsprinzip). Er hat Realschulabschluss, ist Bankkaufmann bei der Stadtsparkasse, ist katholisch und wahlberechtigt im heimatlichen Wahlkreis. Früher hat er CDU gewählt, regelmäßig bei Kommunal- und bei Bundestagswahl, jetzt ist er sich unsicher. Er ist geneigt, bei der Bundestagswahl FDP zu wählen ("Stärkung der dritten Kraft"). Sein Hauptproblem bei diesem Telefoninterview ist die Wahrung der Anonymität der Befragung. Er stellt sich die Frage, woher er wissen kann, dass die Anonymität auch gewahrt bleibt.

Wenn es dem Interviewer gelingt, seine Bedenken auszuräumen, ist er auch grundsätzlich bereit, das Interview zu geben. Ansonsten hält er es für vertane Zeit, weiterhin am Telefon Fragen zu beantworten, die nicht immer klar zu beantworten sind. Wenn es dem Interviewer also gelingt, die Glaubwürdigkeit seines Anliegens vorzutragen und die Seriosität des Vorhabens unter Beweis zu stellen, wenn außerdem das Interview nüchtern, sachlich und geschäftsmäßig abgewickelt wird, ist er bereit, die Fragen zu beantworten. Nur zum Ende hin weigert er sich strikt zu sagen, wie stark seine religiöse Bindung ist. Denn hier kommen wieder seine Bedenken auf, die Anonymität könnte dann doch irgendwie aufgeschlossen werden.

Rollenkarte 4: unpolitische Studentin
Erster Anruf: Zuerst wird bei diesem Anruf ein Student namens Karl Wegemann erreicht, 25 Jahre alt. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft, allerdings nur mit zweitem Wohnsitz. Auf Nachfragen hin gibt er zur Antwort, dass er hier nicht wahlberechtigt ist. Bei weiterem Nachfragen des Interviewers ist zu erfahren, dass in der Wohngemeinschaft eine Studentin wohnt, die mit erstem Wohnsitz im hiesigen Wahlkreis gemeldet und wahlberechtigt ist. Aber sie ist zur Zeit nicht erreichbar. Man müsste also einen Termin vereinbaren, wann sie mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erreichen ist. Mit dieser Antwort müsste sich der Anrufer zunächst einmal begnügen und es zum angegebenen Zeitpunkt ein zweites Mal versuchen.

Zweiter Anruf: Es meldet sich nun die gesuchte Studentin, Ute Nahm, 20 Jahre alt, 3. Semester (Lehramtsstudentin), katholisch, Abitur. Ist ökologischen Fragen gegenüber etwas aufgeschlossen. Ansonsten ist sie politisch nicht festgelegt. Sie hat bisher noch nicht gewählt. Sie weiß nicht, ob sie bei Kommunal- und Bundestagswahl überhaupt wählen soll. Sie kennt sich auch in der politischen Landschaft so gut wie gar nicht aus. Gegenüber den Absichten des Interviewers ist sie sehr aufgeschlossen, findet das Wahlprojekt sehr toll, hätte sich aber gewünscht, dass während ihrer Schulzeit so etwas einmal durchgeführt worden wäre.

Bei allen Fragen aber, die ihr gestellt werden, kann sie sich grundsätzlich nicht (sofort) entscheiden, welche der vorgegebenen Antwortkategorien für sie zutrifft. Sie druckst also lange herum und ist geneigt, vieles unentschieden zu lassen. Daher besteht in diesem Falle die Gefahr, dass ein ungeduldiger Anrufer ihr die Antworten mehr oder weniger aufzwingt oder suggeriert. Nur mit Feingefühl und Geduld lässt sich ausmachen, welche der Antworten des Fragebogens für sie zutreffen.