Reichstag, Sitz des Deutschen Bundestages

14.11.2012

Experten befragen

Didaktische Hinweise
Die Expertenbefragung ist eine Unterrichtsmethode, bei der sich die Schülerinnen und Schüler nicht aus Medien, sondern direkt bei Fachleuten authentisch informieren. Diese Methode bietet sich insbesondere dann an, wenn über die Experten Informationen erschlossen werden können, die über rein traditionelle Medien nur sehr schwer oder überhaupt nicht zugänglich sind.

Sofern die Expertenbefragung sorgfältig vorbereitet, durchgeführt und nachbereitet wird, können drei didaktische Funktionen erfüllt werden:
  1. Motivation: Die Befragung von Fachleuten kann das Interesse der Schülerinnen und Schüler an dem Unterrichtsstoff verstärken.
  2. Wissensvermittlung: Durch die Experten erhalten die Schülerinnen und Schüler besonders sachkundige Informationen.
  3. Übung praktischer Fähigkeiten: Da die Schülerinnen und Schüler während des Gespräches Rückfragen stellen und um Erklärungen bitten können, wird zugleich ein sachgerechtes Informationsverhalten geübt.
Die Expertenbefragung als Unterrichtsmethode unterteilt sich in die Phasen Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung.

Der Politiker als Experte: Konfrontation mit Ergebnissen der GrafStat-Studie In der politikdidaktischen Literatur dominiert als primärer Zweck der Expertenbefragung die Wissensvermittlung. Abgesehen von den oben genannten didaktischen Funktionen bietet sich im Anschluss an die Befragung eine weitere Option an: Die Konfrontation eines Politikers mit den Ergebnissen der Studie. Es ist bekannt, dass Politiker, etwa als Funktionsträger ihrer Parteien, weniger Distanz zu ihrer eigenen Tätigkeit haben, insofern ist der Politiker als Experte für Wissens- und Informationsvermittlung nicht immer die beste Wahl.

Gleichwohl können aber auch alle Personen, die von den Befunden der Erhebung direkt betroffen sind, als Experten gelten. Insofern ergibt sich der Expertenstatus des Politikers dadurch, dass er sich in seinem Beruf mit Grundproblemen demokratischer Meinungsfindung und -äußerung (wie z.B. der Bundestags- oder Europawahl) auseinandersetzen muss. Es bietet sich daher an, den Politiker als Experten im Anschluss an die Befragung zu interviewen, um mit ihm die Befunde und Ergebnisse zu besprechen. Didaktisch ist dieses Vorgehen insofern sinnvoll, als dass sich so die Möglichkeit bietet, von den Ergebnissen des Arbeitsprozesses praktisch zu profitieren, indem die Ergebnisse nicht nur schul- oder klassenintern diskutiert werden.

Vorbereitung
Die Methode wird auf drei Ebenen vorbereitet. Eine rechtzeitige Terminplanung stellt die erste Ebene dar. Gerade dann, wenn es sich um einen jugendlichen und somit noch schulpflichtigen Experten handelt, ist es notwendig, den Besuch rechtzeitig zu planen. Ergeben sich aufgrund des Besuches Änderungen im Raumbelegungsplan oder Stundenplanänderungen, sollte die Schulleitung davon in Kenntnis gesetzt werden. Die zweite Ebene der Vorbereitung dient dazu, den Experten über den Unterricht und die Klasse zu informieren. Der Experte sollte den Unterrichtszusammenhang kennen, damit er beurteilen kann, welche Sachverhalte er ansprechen kann oder welche er ausführlicher erklären kann.

Für den Erfolg der Befragung ist es nicht unerheblich, den Experten auf das Verständnisniveau der Schülerinnen und Schüler einzustellen und um eine möglichst schülergemäße Sprache zu bitten. Des Weiteren sollte er darauf vorbereitet werden, Fachausdrücke erklären zu müssen. Ferner ist mit dem Experten abzusprechen, welche Medien, Arbeitsblätter und Informationsbroschüren eingesetzt werden können. Hierbei sollte auf das Verbot von Werbung im Unterricht hingewiesen werden.

Die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler bildet die dritte Ebene. Im Allgemeinen reagieren die Schülerinnen und Schüler verhalten, wenn ein Fremder in den Unterricht kommt. Um eine mögliche "Sprachlosigkeit" der Schülerinnen und Schüler zu vermeiden, ist es ratsam, die Fragen an den Experten im Unterricht zu erarbeiten. Die Erarbeitung der Fragen kann auf unterschiedliche Weise erfolgen: - Sammeln der Fragen im Klassengespräch - Erarbeitung in Gruppenarbeit - Entwicklung der Fragen als vorbereitende Hausaufgabe etc.

Aber nicht nur die Fragen sollten vor dem Besuch feststehen, sondern auch die sogenannte äußere Form der Befragung. Das heißt, es sollte vorab geklärt sein, wie die Fragen gestellt werden. Sollen beispielsweise alle Schülerinnen und Schüler fragen oder wird eine Interviewgruppe mit der Befragung beauftragt. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, alle Fragen innerhalb der Klasse aufzuteilen, sodass z.B. jede Tischgruppe für einen bestimmten Themenbereich zuständig ist.

In der Vorbereitungsphase ist ferner festzulegen, wie die Ergebnisse der Befragung festgehalten werden. Auch diesbezüglich stehen mehrere Möglichkeiten zur Auswahl. So können einzelne Schülerinnen und Schüler mit der Protokollierung beauftragt werden oder sämtliche Schülerinnen und Schüler machen sich Notizen. Sofern sich jemand bereit erklärt, sich um die Aufzeichnung zu kümmern, kann die Befragung aufgezeichnet werden. Zum Abschluss der Vorbereitungsphase sind noch Absprachen über die benötigten Arbeitsmaterialien, die Sitzordnung und die Anfertigung von Namenskärtchen zu treffen.

Hinweise zur Durchführung
Mit der Absprache mit dem Experten und der entsprechenden Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler hat die Lehrkraft die entscheidenden Voraussetzungen für die Durchführung der Befragung gestellt. Während des Besuches tritt sie nach einer kurzen Einführung in den Hintergrund. Das Eingreifen ist nur dann geboten, wenn der Gesamtablauf der Befragung gefährdet erscheint, beispielsweise aufgrund der Disziplinlosigkeit einiger Schülerinnen und Schüler oder einer Überforderung der Klasse durch den Experten.

Nachbereitung
Weder das Ausräumen von Missverständnissen noch das Geben von Zusatzinformationen war der Lehrerin/dem Lehrer während der Befragung möglich. Zudem konnte er/sie sich nicht mit Rückfragen vergewissern, ob die Schülerinnen und Schüler alles verstanden haben. All dies kann in der Nachbereitung geschehen. In dieser Phase können die Befragungsergebnisse in die gesamte Unterrichtseinheit eingliedert werden, der Lernerfolg überprüft und gegebenenfalls Korrekturen vorgenommen werden.

Einsatzmöglichkeiten
Die Unterrichtsreihe "Wahlen" bietet vielfältige Möglichkeiten zum Einsatz der Expertenbefragung. Doch dürfte es gerade zum Thema: "Jugend und Politik" gelingen, die Vorzüge der Methode zu betonen und die möglichen Schwächen zu mildern. Dies insofern als gerade ein jugendlicher Experte für die Schüler/innen interessant erscheinen dürfte und es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass sie allein vom Sprachstil her überfordert werden. Der Einsatz dieser Methode empfiehlt sich für die 10. Jahrgangsstufe und ist für drei Stunden einzuplanen.

Literatur
Heinz-Ulrich Wolf: Aktives Lernen. Handlungsorientierung im gesellschaftlichen Lernbereich der Sekundarstufe I. Donauwörth: Auer Verlag 1994, S. 45-59.

Die Schülermethode steht als PDF-Icon PDF-Dokument zum Download bereit.