Wegweiser zum Wahllokal in Berlin aus dem Jahre 2013

12.7.2017

M 03.03.02 Sozial eingebettetes Wahlverhalten

In der Erarbeitungsphase sollen die Schülerinnen und Schüler gruppenweise die Wahlverhaltenstheorien bearbeiten und im Anschluss präsentieren. Somit werden die zwei sozialwissenschaftlichen Theorien des homo oeconomicus und homo sociologicus gegenüber gestellt.

In den Sozialwissenschaften ist immer wieder die Rede von zwei Theorien: der Theorie des homo oeconomicus und des homo sociologicus. Verstanden werden müssen diese Theorien als Modellvorstellungen. Das heißt, dass kein Mensch ausschließlich einem der beiden zuzuordnen ist, sondern sich eher tendenziell an einem der beiden Typen orientiert. Der homo oeconomicus handelt immer so, dass er den größten Nutzen daraus zieht. Der homo sociologicus hingegen ist ein Mensch, der durch die Gesellschaft, in der bestimmte Regeln, Normen und Werte gelten, fremdbestimmt wird. Diese beiden Theorien und Menschentypen können auf das Wahlverhalten übertragen werden: Es gibt Wählerinnen und Wähler, die eher vernünftig, also rational (homo oeconomicus) wählen, und Wählerinnen und Wähler, die ihre Wahlentscheidung in Abhängigkeit von sozialen Faktoren treffen, ihr Wahlverhalten ist also sozial eingebettet (homo sociologicus).

Die Theorie des sozial eingebetteten Wahlverhaltens geht davon aus, dass der Mensch sich an der Wahl beteiligt, weil dies eine internalisierte, also eine verinnerlichte, Norm des Menschen ist. „Normen sind gesellschaftliche Verhaltensregeln, die einer […] Gruppe […] eine bestimmte Handlung vorgeben“[1]. Eine solche Norm ist auch die Wahlnorm mit der vorgeschriebenen Handlung: Du sollst wählen. Wählerinnen und Wähler, die sich an dieser Norm orientieren, treffen ihre Wahlentscheidung also eher emotional als rational. Steht eine Person vor einer Wahlentscheidung, bedenkt diese, dass ein Nicht-Wählen in einer Demokratie falsch ist. Denn in einer Demokratie dürfen die Bürgerinnen und Bürger die Parteien direkt wählen, weswegen solche Wählerinnen und Wähler sich persönlich verpflichtet fühlen, dieses Recht wahrzunehmen. Wird das Wahlrecht nicht wahrgenommen, rechnen die Wählerinnen und Wähler mit dem sozial eingebetteten Wahlverhalten mit Sanktionen, also Bestrafungen. Damit sind keine Bestrafungen wie beispielsweise die Geldstrafe gemeint, sondern individuelle Bestrafungen wie zum Beispiel Scham und Schuld im eigenen Umfeld. Dieses Verhalten ist immer in Abhängigkeit von der Eingebundenheit in die Gesellschaft, dem Vertrauen in die Politik und dem nahen Umfeld abhängig. Je stärker die Integration in ein gesellschaftliches Umfeld ist, in der Wählen gehen normal ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, sich selber an der Wahl zu beteiligen.[2]


Eigener Text nach:

André Blais: To vote or not to vote. The merits and limits of rational choice theory, Pittsburgh: University of Pittburgh Press, S. 200.

Achim Goerres: Die soziale Norm der Wahlbeteiligung, in: Politische Vierteljahresschrift 2010/51, S. 275-296.

Oliver Krebs und Andrea Szukala: Schüler als Wahlaufrufer – forschendes Lernen mit Experimenten zum Verhalten von Wählern, in: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik (GWP) 2013 (2), S. 285-297.

Arbeitsaufträge:
  1. Stelle die Theorie des sozial eingebetteten Wahlverhaltens tabellarisch dar, um sie anschließend der anderen Gruppe vorzustellen.
  2. Schau dir noch einmal M 03.02 an und ordne die Aussagen der Jugendlichen dem homo oeconomicus/rational choice und dem homo sociologicus/sozial eingebettetes Wahlverhalten zu.
  3. Tragt die Theorien in der Tabelle zusammen, diskutiert und bewertet sie in der Klasse.
Das Arbeitsmaterial ist hier als PDF-Icon PDF-Datei abrufbar.

Fußnoten

1.
Aus: Achim Goerres: Die soziale Norm der Wahlbeteiligung. Eine international vergleichende Analyse für Europa, in: Politische Vierteljahresschrift 51/2010, http://www.achimgoerres.de/work/Goerres_2010_PVS.
2.
Siehe auch: Das junge Politiklexikon, Demokratie, http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-junge-politik-lexikon/160964/demokratie. Siehe auch: Lexikon der Wirtschaft, homo oeconomicus, http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19635/homo-oeconomicus.

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