Wegweiser zum Wahllokal in Berlin aus dem Jahre 2013

19.7.2017

Exkurs zu 03.06: Schülerinnen und Schüler als Wahlaufrufer

Die Möglichkeit einer Durchführung des Experiments mit den Flyern besteht, wenn es gewünscht oder zeitlich machbar ist. Auf diese Weise können die Schülerinnen und Schüler eigene Erfahrungen machen bezüglich der Mobilisierung von Wahlberechtigten in einem schulnahen Bezirk.

Nach der Bearbeitung von M 03.06 können die Schülerinnen und Schüler die von ihnen erstellten Flyer auch ausprobieren. Dazu bietet sich ein Experiment an, welches bereits an einer Schule im Raum Münster durchgeführt wurde. Das Experiment kann als Exkurs gesehen werden. Es wird zunächst methodisch in den sozialwissenschaftlichen Unterricht eingeordnet und anschließend in groben Zügen zur Durchführung beschrieben, darauf folgt eine Beschreibung des Kompetenzerwerbs bei Durchführung.


„Nach Lange/Heldt ist forschendes Lernen dadurch gekennzeichnet, dass „Lernende auf konkrete Problem- und Fragestellungen aufmerksam werden, diese formulieren und zur Lösung methodisch reflektiert neues Wissen über einen Ausschnitt sozialer Realität einholen“ (Lange/Heldt 2009, 122). Forschendes Lernen ist problemorientiertes Lernen (ebd. 124), das Lernenden ermöglicht, mit Hilfe von empirischen Forschungsmethoden neues Wissen zu erschließen (Detjen 2005, 565). Damit ist das forschende Lernen in den Sekundarstufen eng mit der Wissenschaftspropädeutik verknüpft (ebd.566). Grundsätzlich entscheidend ist der Perspektiv- und Rollenwechsel des Lernenden: In Abgrenzung zum entdeckenden Lernen ist das forschende Lernen theorie- und forschungsfragengesteuert und will eher Erklärungen und Überprüfungen generieren als Beschreibungen (Ziegler/Jung 2010, 74). Der Lerner nimmt bewusst eine neue Haltung zum Wissen ein, nämlich die konstruktiv-forschende Haltung: Mit diesem Perspektivwechsel sollen Theorien, Fachwissen, Fertigkeiten und metakognitives Wissen im Prozess wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung verbunden erworben werden. Bevorzugte Forschungsmethoden im Unterricht sind dabei Interviews und Befragungen, Beobachtungen, Erkundungen, Sozialstudien oder die Quellenanalyse (Moegling 2007, 100ff.). Das Experiment als Methode forschenden Lernens zum Testen von Theorien bleibt in der politischen Bildung bislang mehr oder weniger außer Acht. […]


Ein für die sozialwissenschaftliche Forschung bedeutsamer Typ des Experiments ist das Feldexperiment. Es unterscheidet sich vom Laborexperiment vor allem darin, dass die treatments in natürlichen Umgebungen eingesetzt werden, was neben den Problemen, Versuchsbedingungen vollständig zu kontrollieren, auch größere forschungsethische Limitierungen bei Projektdesigns birgt. […]


Experiment Wahlmobilisierung: Schülerinnen und Schüler als Wahlaufrufer

Lässt sich durch Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler die Wahlbeteiligung in einem Stimmbezirk erhöhen? Diese Frage ist der Ausgangspunkt für ein Projekt, das den […] Versuch darstellt, die amerikanischen Experimente in den sozialwissenschaftlichen Schulunterricht zu übertragen und die Wirksamkeit grundsätzlicher Faktoren der Wahlbeteiligung im Rahmen des forschenden Lernens experimentell zu überprüfen.

Durchführung
Die Wahlberechtigten eines schulnahen Stimmbezirks werden als Experimentalgruppe untersucht und durch eine Mobilisierungskampagne[1] zur Wahl aufgefordert. Umliegende vergleichbare Stimmbezirke dienen als Kontrollgruppe, dort entfällt die Wählermobilisierung. Die basale Hypothese lautet: Menschen lassen sich durch eine Wahlaufforderung in ihrem partizipativen Handeln beeinflussen. Diese Hypothese ist zunächst unspezifisch hinsichtlich der handlungstheoretischen Annahmen zur Wahlbeteiligung. Erst in der Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Handlungstheorien werden die Lernenden die unterschiedlichen theoretischen Perspektiven bei der Konzeption eines Wahlaufrufes nutzen. Da im Gegensatz zum amerikanischen Wahlsystem die Personalisierung registrierter Wählerinnen und Wähler in Deutschland nicht möglich ist, stößt das Experimentaldesign an seine praktischen Grenzen: Die Wahlbeteiligung in einem Stimmbezirk lässt sich nur über die Wahlstatistik messen. Um die Hypothese mit Hilfe statistischer Daten zu überprüfen, muss die Veränderung der Wahlbeteiligung zur Vorwahl verglichen werden. Eine Zu- oder Abnahme kann erste Auskünfte über einen beeinflussenden Effekt geben (Briefwähler lassen sich indes nicht den Stimmbezirken zurechnen). Allerdings beeinflussen neben dem Wahlaufruf übergreifende Faktoren die Wahlbeteiligung: Politische Faktoren wie z.B. Themen im Wahlkampf, Kampagnen der Parteien, politische Stimmung in der Bevölkerung, aber auch Faktoren wie Wetter, Festtage, Feiern. Für diese Faktoren wird angenommen, dass sie einen vergleichbaren Einfluss auf die Wahlbeteiligung in den Experimental- und Kontrollgruppen haben. Der Vergleich beider Gruppen ermöglicht die Überprüfung, ob die Wählermobilisierung erfolgreich war oder nicht.

Bei der Planung des Wahlaufrufs setzen sich die Schüler mit drei Fragen auseinander.
  1. Welche Aufrufe sind darin erfolgreich, die Bevölkerung zur Wahlteilnahme zu motivieren? 

  2. Welche Mittel bin ich als Schülerin oder Schüler, als Kurs und Schule bereit einzusetzen? 

  3. Inwieweit sind die Mittel ethisch bedenklich? 

Um die erste Frage zu klären, können zwei Blickrichtungen hilfreich sein:

A: Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit (sozialwissenschaftlichen) Handlungstheorien. Hier können Handlungstheorien in Bezug auf das Wahlverhalten exemplarisch gegenübergestellt werden (internalisiertes normgeleitetes und rationalistisch-nutzenmaximierendes Verhalten)[2]. Es werden die Modellannahmen des rationalen Handelns und des normengesteuerten Handelns des homo sociologicus auf einen Gegenstand angewendet und die aus den Modellannahmen resultierenden unterschiedlichen Erklärungsansätze vergleichend gegenüber gestellt.

B: Mit der Bearbeitung der amerikanischen Erfahrung zu Feldexperimenten […] ergeben sich für die Schülerinnen und Schüler Hinweise, wie ein Wahlaufruf gestaltet sein kann, und welche differenzierten Fragestellungen experimentell überprüft werden könnten: Haben zum Beispiel unterschiedliche Ansprechformen Einfluss auf das Ergebnis des Wahlaufrufes?[3]

Die zweite Frage setzt sich mit einer Hemmung auseinander: Jede Kontaktaufnahme mit unbekannten Menschen bedarf einer Überwindung. Die Gratwanderung bei realen Handlungen im (Politik-)Unterricht besteht darin, die Schüler nicht zu Handlungen gegen ihren Willen zu zwingen, sie aber zu ermutigen, etwas Unbekanntes auszuprobieren. Eine Lösung kann darin bestehen, dass die Lerner die Handlungsformen auswählen, in der Gruppe diskutieren und durch Probehandeln testen: Handlungssimulationen im Klassenraum können auf die reale Situation vorbereiten. Die dritte Frage, inwieweit eine Beeinflussung der Bevölkerung hinsichtlich ihrer politischen Handlungen ethisch tragbar ist, muss ebenfalls im Kurs bzw. mit der Schule geklärt werden. Zusammenfassend kann man sagen, dass das Vorhaben sich aus dem Verstehen, Planen und Durchführen eines Wahlaufrufs und der Überprüfung seiner Wirksamkeit zusammensetzt. Während die Auswahl der Experimentalgruppe und die Auswertung der Wahlbeteiligung eindeutig dem forschenden Lernen zugeordnet werden können, zielt das Experiment mit dem Aufruf zur Erhöhung der Wahlbeteiligung zusätzlich darauf ab, das soziale Umfeld zu verändern, und ist damit didaktisch auch dem Projektlernen zuzuordnen.

Der Kompetenzerwerb

Welche Fertigkeiten werden mit dem Experiment erlernt, gefestigt bzw. wiederholt? Im Rahmen des Experimentes werden vier Elemente des wissenschaftspropädeutischen Lernens eingeübt, die Bestandteil eines experimentellen Unterrichts bzw. des forschenden Lernens sind.
  • Die Lerner übernehmen die forschende Haltung, indem sie in der theoretischen Auseinandersetzung mit der Wahlbeteiligung Hypothesen hinsichtlich der Handlungsbereitschaft der Wahlberechtigten formulieren. 

  • Darauf aufbauend entwickeln die Lerner theorie- und hypothesengeleitet eine eigene Kampagne. Hier besteht auch die Möglichkeit, gestalterische Kompetenzen von Lernern zu fördern und einzuüben, so dass nach dem Experiment auch die Möglichkeit besteht, eine Gestaltungsaufgabe in der Leistungsüberprüfung vorzusehen. 

  • Nach dem Experiment sind die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, die empirisch gewonnen Daten zu überprüfen, indem sie die Wählerstatistiken analysieren. 

  • Abschließend werden die Ergebnisse von den Schülern interpretiert, Hypothesen und Durchführung des Experiments vor dem Hintergrund der Ergebnisse evaluiert sowie die Ergebnisse mit amerikanischen Studien verglichen und reflektiert.
  • Neben diesen wissenschaftspropädeutischen Zielen besteht mit dem Experiment die Chance, dass die Schülerinnen und Schüler mit ihrem Aufruf zur Partizipation das soziale Umfeld ihrer Umgebung zu beeinflussen suchen, indem sie Wahlen als kollektives Ereignis im schulischen Nahraum thematisieren und versuchen, lokal die Wahlbeteiligung zu erhöhen.“[4]


Literatur

Joachim Detjen: Forschend lernen, in: Wolfgang Sander (Hrsg.). Handbuch politische Bidlung, Bonn: Wochenschau Verlag, 2005, S. 565-676.

Thorsten Faas und Sascha Huber: Experimente in der Politikwissenschaft, in: Politische Vierteljahreschrift (PVS) 2010/5, S. 721–749.

Oliver Krebs und Andrea Szukala: Schüler als Wahlaufrufer – forschendes Lernen mit Experimenten zum Verhalten von Wählern, in: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik (GWP) 2013 (2), S. 285-297.

Dirk Lange und Inken Heldt, Das Politik Labor – Forschendes Lernen in der Politischen Bildung, in: Rudolf Messner (Hrsg.). Schule forscht – Ansätze und Methoden zum forschenden Lernen, Hamburg: 2009, edition Körber-Stiftung, S. 122-130.

Klaus Moegling, Forschendes Lehren und Lernen, in: Sybille Reinhardt und Dagmar Richter (Hrsg.). Politik Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin: Cornelsen, 2007, S. 98-102.

Beatrice Ziegler und Michael Jung, Politik erforschen, in: Dirk Lange (Hrsg.). Basiswissen Politische Bildung, Bd. 2 Strategien der Politischen Bildung, Baltmannsweiler: Schneider Hohengeren, 2010, S. 72-84.

Das Infomaterial ist hier als PDF-Icon PDF-Datei abrufbar.

Fußnoten

1.
Hier bieten sich die erstellten Flyer an.
2.
Siehe M 03.03.01 und M 03.03.02.
3.
Siehe M 03.06.
4.
Oliver Krebs und Andrea Szukala: Schüler als Wahlaufrufer – forschendes Lernen mit Experimenten zum Verhalten von Wählern, in: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik (GWP) 2013 (2), S. 287ff.

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